Wenige Tage darauf überreichte ein uniformirter Diener des nächsten

Gerichtsamtes dem schnöden Beschimpfer eines achtbaren Mannes vor dem

eisernen Thore seines geräumigen Gehöftes eine versiegelte Vorladung

zum baldigen Erscheinen vor Gericht.

Der beleidigte Forstmann hatte nämlich drei Tage nach jener

Verunglimpfung geeigneten Ortes den ernannten Wächtern des schützenden

Gesetzes die entehrende Auslassung des hitzköpfigen Müllers angezeigt.

Drei ehrsame Gäste jenes bekannten Gasthauses versicherten zur

betreffenden Stunde im öffentlichen Gerichtslokale die anwesenden

Richter der reinen Wahrheit der schriftlichen Aussage des beleidigten

Jägers.

Eine Stunde später verkündete der beleibte Vorsitzende des Gerichts

dem ergrimmten Angeklagten in einem besonderen Zimmer des kolossalen

Gerichtshauses die gesetzliche Verurtheilung zur mündlichen Abbitte der

ausgesprochenen Beleidigung.

Von dieser Zeit an erklärte sich der bestrafte Müller allerorts als

einen unversöhnlichen Feind des Jägers.

Dieser indeß ließ jenem niemals irgendwo etwas von Erbitterung merken.

Der Umstand der Weise.

126. Mißgeschick.

(Umstandswörter, Hauptwörter mit und ohne Verhältnißwörter.)

Konrad war +unter vielen Entbehrungen+ herangewachsen. Er hatte

sein Brod +mit Thränen+ essen müssen. Trotzdem sah man ihn immer

+zufriedenen Sinnes+.

Seine Eltern waren +höchst+ brave Leute. Im Schweiße ihres Angesichts

aßen sie ihr Brod. Sie arbeiteten fleißig. Sie sparten auch nach

Kräften. Vergeblich doch strebten sie nach Verbesserung ihrer

bedrängten Lage. Sie vermochten bei allem Entsagen keinen Vorsprung

zu gewinnen. Und warum das? Weil die Lebensmittel unerhört im Preise

stiegen. Ebenso gingen die Preise aller anderen Lebensbedürfnisse

in die Höhe. Fast kein Quartal ging ohne Steigerung des Miethzinses

vorüber.

Konrad stand seinem Vater in der Arbeit treulich zur Seite. Er wollte

sein täglich Brod nicht umsonst essen. Und so war es auch recht. Gerade

so sollten alle ärmeren Kinder thun.

Konrad’s Vater war ein außerordentlich kräftiger Mann. Noch nie hatte

er sich krank gefühlt. Er lebte deshalb in Hoffnung auf ein hohes

Alter. Der liebe Gott indeß wollte es anders.

Mit neugestärkten Kräften ging der rüstige Mann eines Morgens in den

Wald. Wie ein Riese schritt er unter den Tannen dahin. Frohen Muthes

setzte er bald darauf einem mächtigen Baume die Axt an die Wurzel.

Lustig hallten die kräftigen Axtschläge den Wald entlang.

Mehrere Stunden mochte der Brave bereits angestrengt gearbeitet

haben. Da überkam ihn urplötzlich ein eigenthümlicher Schwindel. Er

legte schleunigst die Axt aus der Hand. Einige Minuten suchte er sich

nach Kräften noch zu halten. Darauf aber schwand ihm allmälig die

Besinnung. Er stürzte unter einem tiefen Seufzer zu Boden. Nach einer

Viertelstunde lag er als Leiche da.

Aufs tiefste erschüttert trugen ihn die andern Waldarbeiter heim.

Konrad vermochte das Unglück augenblicklich kaum zu fassen. Stieren

Blickes blieb er eine geraume Zeit vor der Leiche stehen. Dann aber

warf er sich mit einem Aufschrei der Verzweiflung über sie hin. Unter

heißen Thränen küßte er die kalten Lippen. Nur mit Mühe vermochte man

ihn von dem geliebten Todten zu entfernen.

Verhältnißmäßig gefaßter zeigte sich Konrad am Begräbnißtage. Ohne

lautes Wehklagen folgte er dem Sarge. In stiller Ergebung blickte er

in das offene Grab hinab. Festen Glaubens schaute er dann zum Himmel

empor. Nach frommer Weise betete er schließlich für den Geschiedenen

ein stilles Vaterunser.

So war jetzt Konrad unerwartet vaterlos geworden. Wie ein Blitz aus

heiterem Himmel hatte ihn das Geschick ereilt. Aber er verlor nicht

kleinmüthig die Hoffnung. Mit Gott auf eigenen Füßen! Also lautete von

jetzt an sein Wahlspruch. Und Gott der Herr führte ihn wohl.

127. Ein Stier.

(Desgleichen.)

Ein unlängst gefangener Stier tobte gewaltig innerhalb seiner vier

Pfähle. Funkelnden Auges maß er den engen Raum seines Gefängnisses.

Unter wildem Grunzen rannte er darin umher. Plötzlich stand er einige

Minuten still. Gleich darauf stürzte er mit wüthendem Gebrüll über

seinen Freßtrog her. Derselbe wurde ohne Gnade zertrümmert. Jetzt

wühlte das Unthier mit seinen Hörnern wie verzweifelt den Boden auf.

Dabei warf es die Erde hoch empor. Sogar Steine flogen sausend durch

die Luft. Noch aber war damit seine Wuth nicht im mindesten gekühlt.

Gesenkten Kopfes rannte es hierauf wieder gegen die eiserne Umzäunung.

Unter Gekrach prallte die dicke Stirn an die festen Stäbe. Die Bestie

schien allen Ernstes die Gitter durchbrechen zu wollen. Die Versuche

liefen allerdings nicht ohne einige Verwundungen für dasselbe ab.

Auf das furchtbare Gebrüll hin eilten die Wärter des Thiergartens

schleunigst herbei. Sie wollten anfänglich den Unhold in Güte

besänftigen. Aber sie bemühten sich umsonst. So leichten Spieles

sollten sie nicht zum Ziele gelangen.

Endlich schritten die kräftigen Männer mit Knütteln ein. Ohne Schonung

schlugen sie auf das Thier los. Wie Hagelwetter fielen die Hiebe auf

dasselbe nieder.

Nur auf diese Weise brachte man den Rasenden zur Besinnung. Dumpf

grollend zog er sich schließlich in seinen Stall zurück.

Hauptwiederholung.

128. Schulprüfung.

(Subject, Prädicat, Zeit, Ort, Art und Weise, Ergänzungen.)

Morgens acht Uhr widmete der hochbejahrte Director des städtischen

Waisenhauses von seinem schwarzen Pulte aus mit aller Innigkeit seines

weichen Herzens den anwesenden Geistlichen der protestantischen Kirche

eine ehrfurchtsvolle Begrüßung.

Der älteste unter den anwesenden Seelsorgern erwiderte gleich darauf

von seinem Platze aus in schlichter Rede dem braven Oberhaupte dieser

bewährten Wohlthätigkeitsanstalt einen herzlichen Gegengruß.

Nach der erbaulichen Religionsstunde rechnete der dreizehnjährige

Oberste der munteren Knabenschaar an der großen Wandtafel seinen

aufmerksamen Mitschülern nach den einfachsten Regeln der Rechnenkunst

ein schwieriges Exempel aus der zusammengesetzten Zinsrechnung vor.

Hierauf trug der jüngste Schüler der obersten Klasse den fremden

Anwesenden vom niederen Trittbrete des schmalen Katheders herab in

gelungenster Weise das lange Gedicht vom braven Manne vor.

Während dieses ganz vorzüglichen Vortrags warf der später eingetretene

Bürgermeister der betreffenden Stadt von seinem entfernten Sitze

aus dem wohlgeübten Declamator mit sichtlicher Freude wohlwollende

Beifallsblicke zu.

Später entwickelten mehrere Knaben der ersten Abtheilung unter

der geschickten Leitung eines gewandten Lehrers an der prachtvoll

colorirten Wandkarte des neuen deutschen Reiches der strengen

Prüfungscommission ihre bedeutenden Kenntnisse in der vaterländischen

Geographie.

Gegen zehn Uhr zeigte ein dritter Lehrer des wohlgeleiteten

Waisenhauses in einer kleinen Nebenstube unter einigen erläuternden

Bemerkungen den erwachsenen Zeugen der öffentlichen Prüfung die von den

verschiedenen Zöglingen der Anstalt gefertigten Papparbeiten.

Indessen folgten sämmtliche Zöglinge geräuschlos ihrem geschickten

Turnlehrer als militärisch geordnete Reihen auf den geräumigen

Turnplatz hinter dem wohlgepflegten Blumengarten des verdienstvollen

Directors.

Hier zeigte binnen einer Stunde ein jeder den zahlreichen Zuschauern

nach Kräften seine besondere Geschicklichkeit in der nützlichen Kunst

des Turnens.

Schließlich machte der helle Klang der lieben Mittagsglocke vom nahen

Thurme herab der munteren Arbeit plötzlich ein Ende.

Mit Schluß der gegenwärtigen Turnprüfung sprach der würdige Oberpfarrer

der schöngelegenen Stadt gleich auf dem freien Platze neben den

verschiedenen Turngeräthen ohne allen Rückhalt den fleißigen Schülern

der wackeren Anstalt seine volle Zufriedenheit mit ihren heutigen

Leistungen aus.

Der Umstand des Grundes.

129. Unverstand.

(Ursache oder Sachgrund. Durch Verhältnißwörter.)

Auf dem Tische stand eine brennende Petroleumlampe. Das Oel darin war

+durch die Flamme+ warm geworden. Der Cylinder glühte +vor Hitze+.

Da kam von ungefähr der zehnjährige Karl an den Tisch. Aus purem

Unverstande blies er in die Flamme hinein. Durch den Luftdruck aber

schlug dieselbe in den Ballon. Vermöge der plötzlichen Glut zersprang

dieser.

Karl prallte vor Schreck zurück. Infolge des Knalles sprang sein

Vater herbei. Glücklicherweise löschte er das Feuer sogleich durch

Ueberschütten mit Asche.

Der unvorsichtige Knabe hätte von Rechtswegen tüchtige Strafe verdient.

Auf sein inständiges Bitten aber erließ sie ihm der Vater. Wegen des

gehabten Schreckens wurde Karl indeß noch denselben Tag ernstlich krank.

130. Lohn der Wißbegier.

(Beweggrund.)

Der junge Bauer Ehrenreich kaufte sich +aus Wißbegierde+ ein Buch nach

dem andern. +Um der Bereicherung seiner Kenntnisse willen+ las er oft

bis in die Nacht hinein. Wegen eines neuen Werkes konnte er bei dem

schlechtesten Wetter den Weg in die ferne Stadt unternehmen. Seines

Lerndranges halber legte er sich auch naturhistorische Sammlungen an.

Später unternahm er sogar seiner Ausbildung halber größere Reisen.

Um seiner Kenntnisse willen ehrte man ihn daher auch in seinem Dorfe

allgemein. Man zog aus Achtung die Mütze vor ihm ab. Seiner reichen

Erfahrungen wegen betraute man ihn später mit verschiedenen Aemtern.

Seines klaren Urtheils halber wählte man ihn endlich sogar zum Schulzen

des Ortes. Kraft ihrer inneren Ueberzeugung hielten die Ortsbewohner

ihn allein für geeignet dazu.

Und Ehrenreich füllte um der Wohlfahrt seines Vaterdorfes willen seine

Stellung würdig aus. Nie handelte er aus Eigennutz. Nie stiftete er

Gutes blos der Ehre halber.

131. Der tolle Hund.

(Erkenntnißgrund.)

Ein Jäger sah einen Hund am Raine kauern. In dem +Gebaren des Thieres+

lag etwas Verdächtiges. Dem +Aussehen nach+ mußte er krank sein.

Der Jäger trat ihm näher. An dem geifernden Maule des Thieres erkannte

er jetzt dessen Tollwuth. Besonders deutlich sprach diese schreckliche

Krankheit aus den triefenden Augen. Der Gleichgiltigkeit des Thieres

wegen schloß der Jäger allerdings auf sein baldiges Ende. Aus seinem

jämmerlichen Winseln ließ sich die Größe seiner Schmerzen ermessen. An

seinen kläglichen Blicken hätte man fast das Verlangen nach Erlösung

erkennen mögen.

Zufolge dieser Erscheinung hielt der Jäger das Thier für nicht mehr

gefährlich. Einige Sekunden darauf machte er durch eine Kugel den

Leiden desselben ein Ende. Den jetzt sichtbar werdenden Zähnen nach

mußte das Thier noch jung sein. Laut der Inschrift des Halsbandes

gehörte es dem Arzte des nächsten Dorfes.

132. Jahrmarktsgeschenke.

(Zweck und Stoff.)

Eine Mutter brachte +für ihre Kinder+ allerhand Geschenke vom

Jahrmarkte mit. Paul bekam eine Windmühle zum Spielen. Ewald erhielt

ein Kästchen für seine Schiefer. Leopold schenkte die Mutter ein

Sprungseil zum Turnen. Elise übergab sie ein Körbchen zu ihren

Stickereien.

Mit dem Ankaufe dieser Geschenke hatte die Mutter für die armen

Blinden ein gutes Werk gethan. Alle diese Sächelchen nämlich waren im

Blindeninstitute gefertigt.

Die Windmühle war aus Pappe zusammengeleimt. Das Kästchen hatte einer

jener blinden Knaben aus Draht geflochten. Das Sprungseil war aus Hanf

geflochten. Das Körbchen mußte aus Lindenholz geschnitzt sein.

Die vier Geschwister dankten der guten Mutter aufs herzlichste für die

hübschen Sächelchen.

133. Heuchler.

(Wiederholung. Ursache. Beweggrund. Erkenntnißgrund. Zweck. Stoff.)

Heuchler erkennt man an ihren Mienen. Sie spielen die Frommen aus

schlauem Eigennutze. Sie leben blos für den Schein. Durch dieses Wesen

aber verlieren sie alle Achtung. Man flieht sie um ihrer Falschheit

willen.

Ein Heuchler ist ja nur aus Lug zusammengesetzt. All sein Handeln ist

auf Täuschung berechnet. Er lebt für trügliches Blendwerk.

134. Der Wagehals.

(Desgleichen.)

Richard ging zu seinem Vergnügen an einem mit Eis bedeckten Teiche

hin. Der geringen Kälte halber war das Eis noch nicht stark. Richard

vermochte sich vor dem Verlangen nach einem Wagestückchen nicht zu

halten. Aus reinem Uebermuthe betrat er die schwache Eisdecke. Infolge

der Last des Knaben brach leider diese sofort zusammen.

Auf das Geschrei des Verunglückten eilte ein fremder Mann herbei.

Seiner Kleidung nach schien er ein Fleischer zu sein. Er hatte aus den

verzweifelten Tönen sogleich die lebensgefährliche Lage des Knaben

erkannt. Und er schreckte nicht aus Furcht vor dem Rettungswerke zurück.

Aus Mitleid mit dem Armen springt er ohne Zögern in den Teich. Schon

in der nächsten Minute ist Richard durch den edlen Muth des Fremden

gerettet. Vor Schreck ist der Knabe leichenblaß geworden. Seine Glieder

zittern vor Frost. Dieses bedenklichen Zustandes wegen führt ihn sein

Retter schleunigst nach Hause.

Die Mutter erkennt an den triefenden Kleidern des Knaben sofort den

traurigen Vorfall. Sie läßt aus Vorsicht den Arzt rufen. Dieser aber

schließt aus dem Pulsschlage des Kindes auf keine bedenklichen Folgen.

Nach seinem Urtheile ist das Bette die beste Medicin für den noch

Zitternden. Es soll vor allen Dingen zu dessen Erwärmung dienen.

Richard’s Vater wollte den fremden Mann für seine edle That belohnen.

Dieser aber wünschte um seines Liebesdienstes willen durchaus nicht

belohnt zu sein. Aus reiner Uneigennützigkeit nannte er nicht einmal

seinen Namen. Sein ganzes Wesen bestand aus echtem Christensinn.

Hauptwiederholung.

135. Ein Bombardement.

[Subject. Prädicat. Zeit. Ort. Weise. Grund (Zweck). Ergänzungen.]

Der tapfere Commandant von zwölf gezogenen Batterien sendete auf

erhaltenen Befehl des berühmten Feldmarschalls M. bereits seit

vierundzwanzig langen Stunden ohne die geringste Unterbrechung von

einer bewaldeten Anhöhe aus der starkbefestigten Stadt R. seine

wohlgezielten Vollgeschosse.

Ebenso lange überschüttete die hartbedrängte Besatzung der belagerten

Feste zum Schutze des gefährdeten Bollwerks mit seltenem Muthe von

ihren wohlgeschützten Wällen herab die eisernen Linien des überlegenen

Feindes mit verheerenden Sprengkugeln.

Viele der in Todesgefahr schwebenden Einwohner entflohen aus Furcht

vor einem blutigen Sturme ängstlich klopfenden Herzens durch einen

verdeckten Gang der hinteren Stadtmauer der weiten Stätte furchtbaren

Grauens.

Die beherzteren Charaktere dagegen boten zur Unterstützung ihrer

kämpfenden Brüder selbst während der heftigsten Kanonade in den am

meisten bedrohten Stadttheilen mit wahrer Todesverachtung allen

Gefahren männlichen Trutz.

Mit aller Inbrunst ihrer zitternden Herzen flehte in einer

unterirdischen Kapelle des bereits stark beschädigten Domes eine große

Anzahl frommer Frauen der inneren Stadt wiederholt den allmächtigen

Herrn des Himmels um seinen gnädigen Beistand zur endlichen

Zurückwerfung des mächtigen Feindes.

Einige Hundert der wackeren Vertheidiger der geängstigten Stadt waren

bereits bis gegen Mittag auf den äußersten Forts für die Rettung

der Stadt in treuer Erfüllung ihrer heiligen Soldatenpflicht den

feindlichen Kugeln zum Opfer gefallen.

Inmitten der schreckenreichen Nacht entzündeten im innern Theile der

Stadt zum Entsetzen der armen Einwohner die sprühenden Brandgeschosse

des ungestümen Belagerungsheeres unbarmherzig den ziemlich erschöpften

Gegnern eins der stärksten Pulvermagazine.

Die furchtbare Explosion richtete infolge des ungeheuren Luftdrucks in

der kurzen Zeit von wenig Minuten an jener Stelle unter entsetzlichem

Gekrache den vielen Umwohnenden sehr bedeutenden Schaden an.

Zur Beendung des mörderischen Kampfes befahl der feindliche General

den nächsten Morgen gegen fünf Uhr von seinem hochgelegenen

Beobachtungspunkte aus mittelst weithin schallender Trompetensignale

seinen wohlgeübten Fußtruppen zu stürmen.

Schon nach einer Viertelstunde verzweifelter Gegenwehr ließ der

bejahrte Festungscommandant tieferschütterten Herzens von dem hohen

Thurme des alten Rathhauses herab dem Feinde zum Zeichen der Ergebung

die weiße Fahne entgegenwehen.

136. Zu Weihnachten.

[Desgleichen. -- Subject, Prädicat, Zeit, Ort, Weise, Grund (Zweck),

Ergänzung, Stoff.]

Die wohlerzogenen Kinder eines reichen Kaufmanns der großen Residenz

schenkten einander zur gegenseitigen Ueberraschung auf wahrhaft

herzliche Weise zum jedesmaligen heiligen Weihnachtsabende im Angesicht

des festlich geschmückten Christbaums allerhand selbstgefertigte

Sächelchen aus verschiedenen Stoffen.

Wieder einmal stieg die heilige Weihnachtszeit im feierlichen Gewande

aus Myriaden Diamanten zur allgemeinen Freude der christlichen

Kinderwelt vom Himmel hernieder.

Auch dieses Jahr wollten jene freundlichen Kinder aus aufrichtiger

Liebe zu einander in ihrem trauten Kreise in aller Stille jener

löblichen Gewohnheit ihr altes Recht werden lassen.

Die zehnjährige Gertrud stickte während der letzten acht Tage vor

dem Feste in der nahen Behausung ihrer getreuen Schulfreundin ihrem

munteren Bruder Günther für seine beliebten Ferienausflüge eine kleine

Reisetasche aus bunter Wolle zum Umhängen.

Der lebhafte Günther dagegen schnitzte dieser seiner Schwester zur

Aufbewahrung ihrer niedlichen Schmucksächelchen in seinen Freistunden

in der engen Familienwohnung des alten Markthelfers seines Vaters

mit außerordentlicher Sorgfalt ein länglich viereckiges Kästchen aus

bräunlichem Buchenholze.

Die ältere Schwester Martha häkelte nach dem jedesmaligen Abendbrode in

des guten Papas geräumiger Schreibstube unter dem halblauten Gesange

sinniger Lieder dem gutmüthigen Bruder Hans aus kluger Rücksicht

auf seine große Liebe zu der schönen Tugend der Sparsamkeit eine

mittelgroße Geldbörse von glänzenden Perlen.

Der sanfte Hans wieder flocht der geliebten Schwester Martha innerhalb

dreier Tage in dem schmalen Comptoirstübchen des väterlichen Geschäftes

fast ohne jegliches Werkzeug zur Bequemlichkeit bei ihren vielen

Nadelarbeiten einen allerliebsten Wandkober aus feinem Silberdrahte.

Der neckische Julius endlich baute gelegentlich in der etwas düsteren

Garderobenstube seiner geliebten Mutter mit sichtlichem Vergnügen

seinem kleinen Bruder Leo zur zeitweiligen Unterhaltung eine mächtig

große Windmühle aus dauerhafter Pappe.

Auch die brave Mutter der liebenswürdigen Kinder blieb zur Erhöhung

der Festfreude für ihre Lieblinge während dieser letzten Zeit vor

Weihnachten in ihren vier Pfählen bei allen sonstigen häuslichen

Besorgungen nicht unthätig.

Die gute Mutter arbeitete mit geschickten Händen ununterbrochen hinter

verschlossenen Thüren allen ihren Kindern für die kalten Wintertage

warme Anzüge aus gleichfarbigem Tuche.

Auf diese Weise bereitete der heilige Abend alle Jahre in diesem

herzlichen Familienzirkel zu aller Herzerquickung sämmtlichen

Familiengliedern große Freude.

137. Ein trauriges Ende.

(Desgleichen.)

[Sidenote: Subject.]

Der Tod tritt oft schnell heran.

[Sidenote: Beifügung.]

Der kleine Hermann war ein lieber Knabe. Schon der Ausdruck seines

Gesichts zeugte davon.

[Sidenote: Ergänzung.]

Sein Lächeln bekundete Gutmüthigkeit. Sein Wesen war Jedermann

angenehm. -- Eines Tages spielte er mit seiner Schwester Verstecken.

[Sidenote: Zeit.]

Es war um die Dämmerstunde. Sie hatten das Spiel bereits mehrmals

gespielt. Ihr Vater sah ihnen schon seit geraumer Zeit zu.

[Sidenote: Ort.]

Er stand am Fenster. Hermann versteckte sich jetzt hinter eine Mauer.

Hier sollte ihn die Schwester nicht finden.

[Sidenote: Weise.]

Er kauerte in lauschender Stellung. So hoffte er mit Zuversicht

unentdeckt zu bleiben.

[Sidenote: Ort.]

Plötzlich aber rollte ein Ziegel vom Dache herab. Der Ziegel fiel dem

Knaben gerade auf den Kopf.

[Sidenote: Ursache.]

Er war durch einen Windstoß losgelöst worden.

[Sidenote: Erkenntniß.]

Der Vater erkannte an dem jähen Aufschrei seines Kindes etwas

Entsetzliches.

[Sidenote: Beweggrund.]

Von banger Ahnung getrieben eilte er herbei.

[Sidenote: Zweck.]

Er wollte zu Hilfe kommen.

[Sidenote: Zahl.]

Hier aber hätten zehn Aerzte nicht mehr helfen können.

[Sidenote: Stoff.]

Der fallende Ziegel war aus gebranntem Lehm. Er hatte den armen Knaben

erschlagen.

138. Luxus.

[Desgleichen. -- Subject, Prädicat, Zeit, Ort, Weise, Grund (Zweck),

Ergänzungen, Zahl, Stoff.]

Ein steinreicher Graf aus einem alten Geschlechte des östreichischen

Adels ließ vor einigen Jahren aus lauter Eitelkeit seiner stolzen

Gemahlin in der unmittelbaren Nähe einer lebhaften Seestadt der

deutschen Nordküste mit ungeheueren Opfern mehrere prachtvolle

Wohnsitze aus kostbarer Steinmasse errichten.

Der berühmte Baumeister des verschwenderischen Herrn mußte in Zeit

von zehn Monaten auf einer sonnigen Hügelkette unweit des ziemlich

großen Hafens nach dem geschmackvollsten Muster französischer Bauweise

der jungen Gräfin zum zeitweiligen Aufenthalte während der heißen

Sommertage zwei reizende Villen aus weißem Marmor erbauen.

Der gepriesenste Ofenfabrikant der nunmehrigen Kaiserstadt Berlin

fertigte kurz nach Beginn des bewundernswerthen Baues in seinen

eigens dazu eingerichteten Brennöfen mit aller Sorgfalt den schmucken

Wohnzimmern der vorerwähnten Frau sechs wundervolle Kamine aus weißem

Porzellan zur Benutzung für die kühlen Abende.

Der sehr geschickte Hoftischler des französischen Kaisers hatte unter

anderem während der letzten Monate der kurzen Bauzeit in seiner

umfangreichen Werkstatt an einer der volkreichsten Straßen mit allem

Aufgebot seines Geschmacksinnes der hohen Frau zur hinlänglichen

Bequemlichkeit ein Dutzend große Armsessel aus dem feinsten

Mahagoniholze zu verfertigen.

Der erste Tapezier der nahen Seestadt mußte gleich nach Vollendung der

reizenden Sommersitze der den Luxus liebenden Dame zur Bewunderung des

gräflichen Reichthums vor allen Fenstern der zahllosen Zimmer auf die

ausgesuchteste Weise je vier faltenreiche Gardinen von der schwersten

Seide anbringen.

Zudem mußte derselbe gesuchte Verschönerungskünstler der gräflichen

Eigenthümerin dieser seltenen Prachtvillen sofort fünfzig Stück

auserlesene Teppiche aus den besten orientalischen Stoffen aus einer

türkischen Fabrik unter sicherer Begleitung eines zuverlässigen Mannes

zum Belegen der Fußböden kommen lassen.

Die namhafteste Glasfabrik der erfinderischen Stadt London arbeitete

zu gleicher Zeit in ihren vorzüglichen Glasschleifereien ohne

Rücksicht auf den Kostenpunkt der eitlen Herrin zehn überaus

kunstvolle Kronleuchter aus dem reinsten Krystallglase zur Zierde der

hauptsächlichsten Salons.

Ein alter Gärtner des ruhmsüchtigen Grafen versah während des Monates

Mai von seiner großen Zierpflanzenplantage aus die beiden an die Villen

stoßenden Gärten zur Erholung der empfindsamen Frau in den heißen

Sommertagen mit fürsorglicher Umsicht mit vier dichten Lauben aus

saftigem Osterluzzei.

Außerdem schufen eine Menge andere Menschenhände in verhältnißmäßig

kurzer Zeit in den weiten Räumen der prächtigen Lustschlösser unter

steter Vorschrift des eigensinnigen Grafen zur Vervollständigung der

kostbaren Einrichtung der hohen Gebieterin noch eine ganze Menge

Luxusgegenstände aus dem theuersten Material.

Die Aussageweise.

139. Der Mensch.

(Wirklich. Möglich. Nothwendig.)

Der Mensch +ist+ ein Kind Gottes. Er +lebt+ und +stirbt+ nach Gottes

Willen. Er +kann+ König oder Bettler sein, ganz gleich. Das +darf+

Niemand vergessen. Mancher mag freilich nichts davon wissen. Viele

+möchten+ am liebsten nicht daran denken.

Jeder Mensch +will+ gern glücklich sein. Jeder +soll+ es auch werden.

Jeder +darf+ darnach streben. Was aber +kann+ er dazu beitragen?

Er +muß+ beten und arbeiten. Auch die kleinste Sünde +muß+ ihm ein

Abscheu sein. Das +möge+ Jeder bedenken.

Wortfolge.

140. Die Rose.

~A.~ Gerade Wortfolge.

Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule · 第 9 / 18 段