Als sie später nebeneinander standen und Moselwein in eine Punschbowle
füllten, sagte Klamm:
„Ich stehe unter dem Eindruck, daß Sie auch sonst noch über mich zu
befehlen wünschen. Darf ich fragen, womit Ihnen Ihr gehorsamer Diener zu
willen sein kann?“
„Ja, Herr von Klamm! Ich muß endlich einmal eine Frage an Sie richten.
Es muß um Ihretwillen geschehen, da ich auch heute wiederholt in einer
mich ärgernden Weise angesprochen bin:
„Wie heißt Ihr Fräulein Braut? Woher stammt sie? Weshalb führen Sie sie
nicht uns und der Gesellschaft zu? Ist sie wirklich krank? Und wollen
Sie sich, wie man sagt, wieder entloben?
„Nicht Neugierde treibt mich, ich betone dies. Die angeführten Gründe
und das warme Interesse, das ich für Sie empfinde, lassen mich
sprechen.“ —
Schon wollte Klamm antworten, er wollte ihr bekennen, wie es stand und
wodurch die Unwahrheit hervorgerufen worden war. Aber dann wählte er
doch einen anderen Weg, den, zu dem ihn bei Fräulein von Wiedenfuhrt die
Umstände getrieben, den er auch Ileisa vorgeschlagen hatte.
„Zuerst meinen aufrichtig empfundenen Dank, gnädiges Fräulein,“
entgegnete er. „Und um alles nach Ihren Wünschen zu erledigen, bitte ich
Sie, in eine zeugenlose Unterredung zwischen uns zu willigen. Hier —
heute — ist nicht der Ort, Ihnen alles zu erklären. Ich muß weit
ausholen.
„Also, ich bitte. — Wann wollen Sie mir diese Vergünstigung gewähren?“
„Sonnabend mittag bin ich allein in unserer Wohnung. Meine Mutter will
dann Besuche machen!
„Wohlan! Abgemacht!“ Sie reichten sich die Hand.
„Aber bitte, gehen Sie jetzt, ich sehe verschiedene unserer Gäste
kommen,“ betonte sie, und Klamm verneigte und entfernte sich. —
* * * * *
Gegen Mitternacht, während sich die Gäste bei Knoops im vollen Genießen
befanden, wurde draußen an der Hausthürklingel der Villa gezogen. Als
Adolf öffnete, trat ihm ein hochaufgeschossener, hagerer Mann mit wüsten
Augen, krankhaft geröteten, scharf hervortretenden Backenknochen und
einem unangenehm wirkenden rotbraunen Halbbackenbart entgegen. Er
fragte, im übrigen wie ein Gentleman gekleidet, mit hohem Zylinder und
Pelz versehen, in einem kurzen Tone, nach Herrn Knoop. Als Adolf
entgegnete, es sei Gesellschaft im Hause — es werde sich Herr Knoop
jetzt unter keinen Umständen sprechen lassen, — erwiderte er:
„Sagen Sie nur, daß es sich um höchstens fünf Minuten, daß es sich aber
um eine sehr wichtige und eilige Geschäftsangelegenheit handle. Sie
können hinzufügen, daß ich noch diese Nacht Berlin verlassen müsse, daß
ich deshalb jetzt komme.
„Wo kann ich mich solange aufhalten, bis Herr Knoop kommt?“ schloß er,
indem er durch solche Frage ohne Weiteres seinen Willen zur Geltung zu
bringen suchte.
„Ist hier nicht ein Gemach, wo ich warten kann?“ Adolf zeigte, durch die
Sicherheit, mit der jener austrat, nachgiebig gemacht, auf ein kleines,
einfenstriges Kabinett zur Rechten.
In dieses trat dann auch der Fremde ein, während sich Adolf rasch in den
Tanzsaal begab.
Knoop unterhielt sich eben mit Klamm, sie beredeten noch eine kleine
Ueberraschung für die Gäste.
„Ein Fremder? Ein Fremder um diese Zeit? Was will er?“
Adolf berichtete, was er wußte.
„Bitte, begleiten Sie mich, Herr von Klamm,“ entschied Knoop rasch
entschlossen. „Da es sich um Geschäftliches handelt, sind Sie ja ebenso
sehr interessiert —“
Unter solchen Worten schritt Knoop voran, und wenige Augenblicke später
traten sie in das erwähnte Kabinett.
„Ah! du!“ stieß Knoop ebenso enttäuscht wie zornig heraus. „Nun dringst
du gar nachts unter einer Lüge in mein Haus! Nein, nein — gieb dir keine
Mühe! Ich habe nichts zu hören —“
„Du erregst dich zu deinem eigenen Nachteil, Friedrich,“ fiel Theodor
Knoop mit eiserner Ruhe ein.
„Ich frage, da ich Berlin verlassen muß, da ich eine Antwort auf meine
Zeilen nicht empfing, ob du meiner Bitte entsprechen willst? Ich erkläre
mit meinem Ehrenwort, daß ich dich nie wieder belästigen werde. Ich will
dir einen schriftlichen Verzicht ausstellen.“
„Sehr gnädig! Du thust wirklich, als ob du Ansprüche zu erheben hättest,
während du ganz dasselbe jedesmal beschworen hast. Was nach solchen
Erfahrungen ein Ehrenwort aus deinem Munde bedeutet —“
„Ah,“ preßte Theodor Knoop in ergrimmtem Tone heraus, und seine Augen
funkelten.
„Immer bleibst du doch derselbe eingebildete Hochhinaus, der du schon
als Knabe warst, hältst dich für hundertfach besser, als andere, giebst
schöne Lehren und teilst weise Sprüche aus, während du — —“
„Nun, ja — ja — ja — es mag sein, daß du vieles mit Recht an mir
auszusetzen hast. Wir geben uns eben darin nichts nach; und weil dem so
ist, habe ich ja schon seit langen Jahren vorgeschlagen, daß wir
auseinander bleiben. Du aber kommst immer wieder, und natürlich immer
dann, wenn du Geld von mir erpressen willst —
„Ich aber erkläre dir, daß ich mich auf nichts mehr einlasse! Ein
Vermögen, das ich dir nach und nach hingab, ist zwecklos verschleudert.
Es würden die Tausende auch in den Sand geworfen sein, die du heute
verlangst. —
„So das ist mein letztes Wort; wir haben nichts mehr miteinander zu
sprechen. — Ich muß dich ersuchen, mich nicht ferner mehr zu belästigen.
Es ist höchste Zeit, daß ich zu meinen Gästen zurückkehre.“ —
Theodor Knoop, ein Mann mit einem tückischen Auge und kaltem Ausdruck in
den Zügen, überlegte, was er thun sollte.
Er hatte diesen Weg eingeschlagen, weil er dadurch die ihm einzig noch
bleibende Möglichkeit erkannte, von seinem Bruder etwas zu erreichen.
Nun hatte er aber, statt den Bittenden zu spielen, seinem Bruder
Beleidigungen ins Gesicht geschleudert. Ungeschickter hätte er es nicht
anfangen können, ihn zur Hergabe von Geld zu bewegen.
Und da griff er zu dem letzten Mittel. Indem er rasch seines Bruders
Begleiter musterte und zu diesem, zu Klamm, sich wendete, sagte er:
„Ich bitte Sie, mein Herr, ein gutes Wort für mich einzulegen. Ich
wiederhole, daß ich durch dieses Geld zu einer dauernd soliden Existenz
gelange. Bisher verfolgte mich das Unglück; — mein Bruder rechnet
niemals dieses hinein, er spricht immer nur von meinem Leichtsinn, weil
er nie die Verhältnisse geprüft hat. Soll ich denn wirklich zu einem
Verzweiflungsakt getrieben werden? Ich frage: Ist derjenige, der sich
durch seine Schuld in einer schweren Lebensbedrängnis befindet, weniger
bemitleidenswert, als der unschuldig Leidende? Und wenn, ist nicht ein
Unterschied zwischen Fremden und Brüdern?“
Und wieder zu seinem ungeduldig nach der Thürklinke greifenden Bruder:
„Gewiß! Ich war wiederholt ausfallend gegen dich, Friedrich. Es war aber
Verzweiflung — es war nicht persönlich. Dir ist alles geglückt, du bist
von der Natur anders veranlagt, so wurde es dir leichter, den glatten
Weg zu gehen. Ich bitte, ich flehe dich an: Gieb mir das erbetene Geld!
Sage, daß ich es mir morgen holen lassen darf. — Helfen Sie, mein Herr,
diese Sache zwischen uns zu einem friedlichen Abschluß zu bringen!“
Herr von Klamm hatte bisher nur den stummen Zuhörer gespielt. Es war um
so mehr geschehen, weil er in dem Manne, der hier nächtlich eingedrungen
war, einen nach der Beschreibung seiner Mutter nicht zu verkennenden
Komplizen derjenigen Geschäftsleute zu erkennen glaubte, durch die seine
Mutter, während seines Aufenthaltes im Ausland um ihr Hab' und Gut
gekommen war. Es war eine ganze Bande gewesen, die es in der
raffinierteren Weise verstanden hatte, sie auszurauben.
So zog er nun die Achseln und sagte:
„Ich wurde von Herrn Knoop ersucht, ihn zu begleiten. Er nahm an, daß es
sich um Geschäfte handle. In Herrn Knoops Privatangelegenheiten habe ich
kein Recht einzugreifen; es würde, wie ich vermute, auch durchaus gegen
seinen Willen sein.“
„Ich gebe aber nochmals zu bedenken, daß ich Ihnen allen für alle Zeiten
entrückt werde. Ich will mich nach Südamerika einschiffen. Ohne Geld
vermag ich es nicht, ich weiß es mir nicht anders zu verschaffen —“
„Wohlan, so will ich das Billet für dich kaufen,“ sprach Herr Knoop
plötzlich entschlossen. „Herr von Klamm wird dich auf das Schiff
begleiten, und dir auch noch etwas Zehrungsgeld einhändigen. Ein
Schriftstück unterzeichnest du vorher, daß du mir so und so viel
schuldig geworden.
„Bist du damit einverstanden, so melde dich morgen vormittag elf Uhr zur
näheren Rücksprache bei mir.“
„Und wie viel würdest du mir bewilligen, Friedrich?“ forschte der Mann
lauernd.
„Ich sagte es ja schon. Den Betrag für die Ueberfahrt und eine Summe in
angemessener Höhe für den Anfang, keinen Pfennig mehr, und auch nur
dann, wenn das Geld dafür verwendet wird. Und nun nochmals. — Adieu! Ich
kann und will hier nicht länger verweilen —“
„Gieb mir 3000 Mark ohne Bedingung, ich wiederhole mit meinem Eidschwur,
daß ich nicht wiederkommen will, Friedrich. Weise es mir zu der
angegebenen Zeit an.“
„Nein, es bleibt, wie ich angab! Ich lasse mich nur nochmals bewegen,
etwas zu thun, wenn du Deutschland verläßt. Es geschieht vorzugsweise
auch um meiner Damen willen, die endlich Ruhe für mich herbeiwünschen.“
Noch einen Augenblick schwankte Theodor Knoop. Dann sprach er einen
rauhen Dank, nickte kurz, griff nach seinem Hut und entfernte sich unter
der nochmaligen Wiederholung der Zeitstunde, die für den folgenden Tag
zwischen ihnen verabredet war.
Mit äußerlich sorglosen Mienen traten dann auch die beiden Herren wieder
unter die Gäste. Niemand sah ihren Gesichtern an, was sich eben hinter
den Thüren vollzogen hatte.
Man hatte sie bisher auch kaum vermißt, nur von Ileisa war bemerkt
worden, daß sie sich mit beschäftigten Mienen beide plötzlich entfernt
hatten.
* * * * *
Als Klamm am nächsten Morgen erwachte, hatte er es schwer, seine
Gedanken zu ordnen, insbesondere das Für und Wider, das sich ihm
nüchtern aufdrängte, vernunftgemäß zu scheiden.
Nun war der Augenblick gekommen, wo er eine bündige Erklärung abgeben
mußte. Sollte er eingestehen, daß er gar nicht verlobt sei? Und wenn,
welche Gründe für seine Behauptung sollte er angeben? Die wirklichen!?
Er sah Herrn Knoops Miene und stand davon ab. Andererseits widerstrebte
es ihm, an einer Lüge festzuhalten und gar noch eine neue auszusprechen.
Fräulein von Wiedenfuhrt konnte er die Wahrheit bekennen, sie, die
Fernerstehende, würde seine Handlungsweise eher begreiflich finden. Gab
er Margarete zu, daß er Falsches berichtet, so konnte er ihr wenigstens
nicht eröffnen, weshalb er so gehandelt hatte. Er mußte ein anderes
Motiv angeben. Und wiederum, wenn er das that, mußte er auch Fräulein
von Wiedenfuhrt ein gleiches sagen. Der Zufall konnte spielen. Wie würde
er dastehen, wenn er der einen diesen, der anderen einen völlig anderen
Grund mitteilte, und sie davon erführen?
Es gab, sagte sich Klamm, Zeiten, in denen den Himmel für den einzelnen
voll klaffender Spalten war.
So erging es jetzt ihm, und nur einen Ort gab es, wo er vielleicht Rat
und Trost finden konnte, bei ihr, seiner weisen, voll inniger Liebe für
ihn erfüllten Mutter. Ihr beschloß er sich anzuvertrauen. Ihr wollte er
alles mitteilen, wollte hören, wie sie entschied, und danach zu handeln
suchen.
Vorläufig bestand aber die nächste, ernste Tagesaufgabe darin, mit
Theodor Knoop zu konferieren. Da zu diesem Zweck noch eine vorherige
Rücksprache zwischen ihm und dem Chef verabredet worden war, beeilte
sich Klamm, baldmöglichst von seiner in der Kurfürstenstraße belegenen
Wohnung nach den in der Zimmerstraße befindlichen Knoopschen
Geschäftsräumen zu gelangen. —
Klamm fand Herrn Knoop allerdings nicht in der gewohnten, guten Laune,
Feste lassen nur zu häufig einen schlechten Geschmack auf der Zunge
zurück. So erging's dem Chef. Er sollte nun wieder für seinen Bruder
Theodor, den unverbesserlichen Taugenichts, in die Tasche greifen. Auch
beschäftigte seine Gedanken ein Brief, den er von seinem Sohne Arthur
erhalten hatte. Der wollte durchaus jetzt schon nach Berlin zurück. Er
mochte im Auslande nicht mehr bleiben. Und wenn er wiederkehrte, wie
würde sich das Verhältnis zu Klamm stellen? Das ging Herrn Knoop nicht
minder durch den Kopf.
Von all dem gelangte, während der Unterredung mit Klamm, etwas zum
Ausdruck.
Natürlich! Gehandelt mußte deshalb doch werden! Das gegebene Wort mußte
eingelöst werden. Die Reise nach Chile kostete, das hatte Herr Knoop
schon nachgesehen, etwa 1000 Mark. Dieser Summe wollte er noch 1500
hinzufügen.
Am nächsten Tage sollte Klamm mit Theodor nach Hamburg reisen. — Das
Dampfschiff ging von dort abends ab.
„Wenn Sie, verehrter Herr von Klamm, den Eindruck gewinnen, daß mein
Bruder die Reise nur vorgiebt, daß es lediglich darauf abgesehen ist,
mir wieder Geld abzunehmen,“ erörterte Knoop, „so lösen Sie kein Bildet,
sondern händigen ihm die Hälfte, nämlich 1250 Mark unter der Bedingung
aus, daß er vorher das hier von mir schon heute morgen ausgefertigte
Schriftstück unterschreibt.
„Dann bringe ich eben dieses Opfer noch ein- und zum letztenmal.
„Und nun noch zu etwas anderem, bester Herr von Klamm! Es muß das einmal
zwischen uns erörtert werden,“ fuhr Herr Knoop ernst geschäftig fort,
und seine Mienen und seine dann folgenden Worte versetzten Klamm in
eine starke Unruhe:
„Als Sie mir damals näher traten, erklärten Sie, daß Sie — ich habe Sie
nicht danach gefragt, Herr von Klamm — verlobt seien.
„Es wird nun von allen Seiten darüber gesprochen, daß Sie Ihr Fräulein
Braut mit einem sehr auffallenden Geheimnis umgeben, nie von ihr reden,
sie nicht zeigen. Einige behaupten, Sie wollten die Verbindung wieder
lösen, Sie hätten sie sogar schon wieder gelöst.
„Es ist mir sehr peinlich, uns allen, daß wir immer wieder auf diese
Angelegenheit angeredet werden. Ich möchte Sie daher freundschaftlich
bitten, mir Ihr Vertrauen zu schenken, mir offen und ehrlich zu
erklären, wie die Dinge stehen.
„Ich hoffe, Sie erkennen darin keine unbescheidene Zudringlichkeit,
sondern nur den wohl begreiflichen Wunsch, Klarheit zu gewinnen.
„Also ich bitte: Sprechen Sie, und seien Sie versichert, daß ich Ihre
Erklärungen so entgegennehmen werde, wie es unseren Beziehungen
entspricht!“