II.

Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis' Brust

Am Abend,

Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.

Ein blaues Wild

Blutet leise im Dornengestrüpp.

Ein brauner Baum steht abgeschieden da;

Seine blauen Früchte fielen von ihm.

Zeichen und Sterne

Versinken leise im Abendweiher.

Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.

Blaue Tauben

Trinken nachts den eisigen Schweiß,

Der von Elis' kristallener Stirne rinnt.

Immer tönt

An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.

Robert Walser.

Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. -- Gedichte 1908.

Morgenstern.

Ich mache das Fenster auf,

Es ist dunkle Morgenhelle.

Das Schneien hörte schon auf,

Ein großer Stern ist an seiner Stelle.

Der Stern, der Stern

Ist wunderbar schön.

Weiß von Schnee ist die Fern',

Weiß von Schnee alle Höhn.

Heilige, frische

Morgenruh' in der Welt.

Jeder Laut deutlich fällt;

Die Dächer glänzen wie Kindertische.

So still und weiß:

Eine große, schöne Einöde,

Deren kalte Stille jede

Äußerung stört; in mir brennt's heiß.

Langezeit.

Ich tu' mir Zwang,

Zu scherzen und lachen,

Was soll ich machen,

Die Zeit ist lang.

Gewohnten Gang

Im müden Herzen

Gehn alte Schmerzen,

Die Zeit ist lang.

Ich muß den Hang

Zu weinen bezwingen,

Nebst andern Dingen,

Die Zeit ist lang.

Warum auch.

Und als ein solcher klarer

Tag hastig nun wiederkam,

Sprach er voll ruhiger, wahrer

Entschlossenheit langsam:

Nun soll es anders sein,

Ich stürze mich in den Kampf hinein;

Ich will gleich so vielen andern

Aus der Welt tragen helfen das Leid,

Will leiden und wandern,

Bis das Volk befreit.

Will nie mehr müde mich niederlegen;

Geschehen soll etwas.

Da überkam ihn ein Erwägen,

Ein Schlummer: ach, laß doch das.

Schnee.

Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde

Mit weißer Beschwerde, so weit, so weit.

Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel,

Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee.

Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite,

Die weißverschneite Welt macht mich schwach.

So daß erst klein, dann groß mein Sehnen

Sich drängt zu Tränen, in mich hinein.

Im Mondschein.

Ich dachte gestern nacht,

Die Sterne müssen singen,

Als ich aufgewacht

Und es leise hörte klingen.

Es war aber eine Handharfe,

Die durch die Räume drang,

Und durch die kalte, scharfe

Nacht klang es so bang.

Dachte so verlornem Ringen,

Gebeten und Flüchen nach,

Und noch lange hört' ich es singen,

Lag lang' noch wach.

Müdigkeit.

Entführ' mich, wie ich bin;

Sieh, mein verirrter Sinn

Weist von sich diese Welt,

Die ihn nicht mehr erhellt.

Komm, o ich werde brav

Und selig stille sein

In deinem dichten Schein,

Heiliger, süßer Schlaf.

Zu philosophisch.

Wie geisterhaft im Sinken

Und Steigen ist mein Leben.

Stets seh' ich mich mir winken,

Dem Winkenden entschweben.

Ich seh' mich als Gelächter,

Als tiefe Trauer wieder,

Als wüsten Redeflechter;

Doch alles dies sinkt nieder.

Und ist zu allen Zeiten

Wohl niemals recht gewesen.

Ich bin vergeßne Weiten

Zu wandern auserlesen.

Brausen.

Es braust noch immer in der Welt,

Das Brausen hört doch niemals auf;

Ich liebe -- es hört niemals auf,

Es braust ein Lieben durch die Welt.

Und ob ich auch ein Feigling bin,

Und ob du auch ein Kranker bist:

Du liebst, wenn du es auch nicht bist,

Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin.

Es braust, und ich steh' horchend still,

Ich weiß, ich hasse den und den,

Es nützt mir nichts; wie ich auch will:

Ich liebe alles, so auch den.

Dann gibt es Stunden, wo ich weiß,

Daß wir vor Liebe alle heiß.

Und ging.

Er schwenkte leise seinen Hut

Und ging, heißt es vom Wandersmann.

Er riß die Blätter von dem Baum

Und ging, heißt es vom rauhen Herbst.

Sie teilte lächelnd Gnaden aus

Und ging, heißt's von der Majestät.

Es klopfte nächtlich an die Tür

Und ging, heißt es vom Herzeleid.

Er zeigte weinend auf sein Herz

Und ging, heißt es vom armen Mann.

Frank Wedekind.

Geboren am 24. Juli 1864 in Hannover, gestorben am 9. März 1918 in

München. -- Die vier Jahreszeiten 1905.

Erdgeist.

Greife wacker nach der Sünde;

Aus der Sünde wächst Genuß.

Ach, du gleichest einem Kinde,

Dem man alles zeigen muß.

Meide nicht die ird'schen Schätze:

Wo sie liegen, nimm sie mit.

Hat die Welt doch nur Gesetze,

Daß man sie mit Füßen tritt.

Glücklich, wer geschickt und heiter

Über frische Gräber hopst.

Tanzend auf der Galgenleiter

Hat sich keiner noch gemopst.

Perversität.

Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen,

Mit hohlen Augen und mit dünnen Armen

Huscht scheu hervor, inständig mein Erbarmen

Anflehend, stotternd, schlotternd, furchtbefangen.

Eisig sein Körper, glühend sein Verlangen,

Müht sich's frostbebend, menschlich zu erwarmen.

Vergebne Qual; erschlafft in meinen Armen,

Bewimmert es sein Hoffen und sein Bangen.

Beschämt schleicht sich's von hinnen, ächzend, siechend,

Nachts bettelnd und bei Tage sich verkriechend,

Heut in Verzweiflung, morgen in Verzücktheit;

Verfällt gemach schmerzstillender Verrücktheit,

Stutzt, lacht, jauchzt todesfroh, und, der Gewandung

Vom Gischt beraubt, zerschellt es in der Brandung.

Ilse.

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,

Ein reines unschuldsvolles Kind,

Als ich zum erstenmal erfahren,

Wie süß der Liebe Freuden sind.

Er nahm mich um den Leib und lachte

Und flüsterte: O welch ein Glück!

Und dabei bog er sachte, sachte

Mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb' ich sie alle,

Des Lebens schönster Lenz ist mein;

Und wenn ich keinem mehr gefalle,

Dann will ich gern begraben sein.

Der Anarchist.

Reicht mir in der Todesstunde

Nicht in Gnaden den Pokal!

Von des Weibes heißem Munde

Laßt mich trinken noch einmal!

Mögt ihr sinnlos euch berauschen,

Wenn mein Blut zerrinnt im Sand.

Meinen Kuß mag sie nicht tauschen

Auch für Brot aus Henkershand.

Einen Sohn wird sie gebären,

Dem mein Kreuz im Herzen steht,

Der für seiner Mutter Zähren

Eurer Kinder Häupter mäht.

Waldweben.

Zwischen duftigen Büschen

Stieß ich auf einen Quell;

Meinen Mund zu erfrischen,

Dünkt' er mich rein und hell.

Als ich mich satt getrunken,

Träumend wankt' ich zur Stadt,

Bin aufs Lager gesunken,

Fiebernd und todesmatt.

Hat kein Arzt sich gefunden,

Dessen Kunst mich geheilt;

Werd' auch nimmer gesunden,

Bis mich der Tod ereilt. --

Ei du mein durstiger Knabe,

Streife nicht durchs Gebüsch;

Bleib bei der Mutter und labe

Fromm dich am Kaffeetisch.

Franz Werfel.

Geboren am 10. September 1890 zu Prag. -- Der Weltfreund 1911. Wir sind

1913. Einander 1915. Gesänge aus den drei Reichen 1917. Der Gerichtstag

1920.

Wie nichts erkennend.

Ich reichte einem Kranken meine Hand

Und gab ihm Wunsch und Mitgefühl bekannt.

Doch während treulich meine Worte waren,

Sprach wohl ein Herz, das nur sich selbst empfand.

Mittäglich sah ich einen Droschkenstand,

Wo sich beweglich alte Gäule sonnten.

Da hat ein klarer Kopf sich umgewandt

Und tief durchfühlt traf mich ein schweres Auge.

Bin aber dumpf des eigenen Wegs gerannt

Und nicht durchfloß mich dieses Bruderleben.

Am Abend hab' ich heißes Wort genannt.

Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht nannt ich mein.

Hah, Mein und Mein! Und immer diese Wand!

Warum bin ich nicht durch die Welt gespannt,

Allfühlend gleicherzeit in Tier und Bäumen,

In Knecht und Ofen, Mensch und Gegenstand?!

So ist's mein Teil, sternhaft dahinzurollen,

Gebunden zwar, doch niemandem verwandt,

Wie nichts erkennend, so auch unerkannt.

Verzweiflung.

Nacht kam herein.

Und morgen, wähnen wir, ist Tag.

Da gehn die Wagen wieder

Und an den Türen läutet es.

Die Mutter mein sitzt da.

Ihr Antlitz ist nicht meins.

Sie redet viel an mich.

Ich denk an fremdes Nichts.

Die Schwester mein lacht auf.

Leicht könnte ich sie hassen.

In meiner Öde brodelt

Schon ein gemeines Wort.

Ich bin so zugebaut!

Und alles rauscht nach Liebe.

Ich auch nach Liebe weine

Und hab doch keinen gern.

Welche Lust auf Erden denn ist süßer.

Taucht nur, senkt nur eure wilden Fratzen

In mein reines fließendes Wesen!

Diese Seele brandzuschatzen,

Seid ihr alle, allesamt erlesen.

Märtyrer, gegrüßt, wollüstige Büßer!

Heil dem Busen durch und durch geschlagen!

Welche Lust auf Erden denn ist süßer,

Als verwundet werden und nichts sagen.

Komm, Verräter, daß ich dich erbose,

Du mit müden Händen, list'ger Späher!

Hier Gesicht und Brust!! Mit jedem Stoße

Bin ich ja dem Tempo Gottes näher!

Ein Lebens-Lied.

Daß einmal mein dies Leben war,

Daß in ihm jene Kiefern standen

Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,

Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.

Daß einmal mein dies Leben war!

Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,

Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon?

Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton

Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,

Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.

Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton

Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,

Kastanien- und Laternensprache waren

Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?

Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?

Kastanien- und Laternensprache waren

Noch da und Atem einer breiten Schar.

Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.

O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,

Daß einmal mein dies Leben war!

Amore.

Wenn noch die Eitelkeit

Das Auge dir entweiht,

Ist kommen nicht die Zeit.

Solang du noch willst stehn

Auf Podien, gesehn,

Kann Glücks dir nicht geschehn.

Wer sich noch nicht zerbrach,

Sich öffnend jeder Schmach,

Ist Gottes noch nicht wach.

Wer noch mit Eifer spitzt,

Daß er ein Weib besitzt,

Ist noch nicht ausgewitzt.

Erst wenn ein Mensch zerging

In jedem Tier und Ding,

Zu lieben er anfing.

Erst wer Erfüllung floh,

Wächst an zum Höchsten so,

Wird letzter Sehnsucht froh.

Erst wer sich jauchzend bot

Der Schande und der Not

Und zehnfach jedem Tod,

Im heiligsten Verzicht,

Vor Liebe ihm zerbricht

Sein irdisch Angesicht!

Wohin schwillt er empor?

Was schwingt er überm Chor

Unendlich sein amor'!!

Alte Dienstboten.

In dem sanften Wallen der alten Frühlinge

Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.

Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,

Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.

Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,

Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.

Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,

Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.

Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.

Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,

Eh' sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.

Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen

Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.

Wohin sie auch ihr Gehen wenden,

Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.

Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.

Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,

Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,

Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.

Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr ...

Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken

Sind die bereit sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.

Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,

Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben

Sich ohne Ende über meins erheben,

Das voll von Hoffart Worte machen mag.

Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,

Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.

O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,

O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,

O Licht am Abend überm Tisch gebückt!

Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,

Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!

Mondlied eines Mädchens.

Ich liege in gläsernem Wachen,

Gelöst mein Haar und Gesicht.

Am Boden in langsamen Lachen

Schwebt Mond, das unselige Licht.

Und wie mir die tödliche Helle

Die Stirn und das Auge befühlt,

Zerrinn ich und bin eine Welle,

Gekräuselt, entführt und gespült.

Die Mutter atmet daneben,

Der Vater schläft auf und ab.

Ich habe Angst um das Leben

Von allen, die ich liebhab.

Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer

Erzengel mit schrecklichem Schwert.

Ins Ohr weint mir immer, mir immer

Ein Kind, das mir nicht gehört.

Nachtlampe von tausend Betten

Des Leidens, der Mond mir scheint.

Ich möchte viel Schluchzendes retten,

Und bin es doch selbst, die weint.

All Ding im Zimmer verlassen,

Der Schuh, und der Tisch, und die Wand ...

Ich möchte das Ferne anfassen,

Nur sein eine streichelnde Hand!

Ich möchte mit Fröstelnden spielen

Und halten die Kalten im Arm!

Ich fühle, die Reichen und Vielen

Sind Kinder vor mir und so arm!

Für alle muß ich mich sorgen,

Mein Schlaf ist gläsern und schwebt ...

Ich horche, wie in den Morgen

Der Atem von allen sich hebt.

Im Fenster wehn Bäume zerrissen,

Viel Himmel sind windig in Ruh.

Ich decke mit meinen Kissen

Die frierenden Welten zu.

Die Leidenschaftlichen.

Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten

Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten!

Nein alle, die in dreizehn Dezembernächten

Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich rächten

Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten,

Die Eifersüchtigen all, die ihr Blut stauten,

In Droschken weinten, in Sälen sich erfrechten!

Die durchgefallnen tiefen Atmer,

Sänger, die mit bezechten

Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen,

Sie werden sein zu dir emporgerissen,

Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten!

Es werden wandeln in deinen Gärten

Nicht nur die Demütigen und Beschwerten,

Nein alle, die leuchteten und verehrten!

Mädchen, die in Konzerten erkrankten,

Weil ihre Wangen zu bleich sich verklärten,

Blicke aus Augen, die dankten --

Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten

Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben,

Werden sie lodern weiter und loben,

Leichte Feuer wandelnd in deinen Gärten!

Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen

Nicht die allein, die deinen Namen riefen,

Nein alle, die in den Nächten nicht schliefen!

Die am Morgen ihr Herz mit beiden Händen häuften

Wie Flamme, und liefen

Tiefatmend, blind, in unbekannten Läuften.

Ein Küsten-Wind zuckt in Selbstmörderbriefen.

Die Knaben haben Meere nicht verstanden,

So brannten sie sich ab in Hieroglyphen.

Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen

Eisernen Kreuzen der Konfirmanden.

Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden --

Die hier unruheten aus deinen Tiefen,

Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen.

Die Schwestern von Bozen.

Zwei Schwestern sah ich heut auf morgendlicher Au.

Sie schwebten lerchenfrüh und schwärmten in das Blau,

Und waren angetan kühl in Gewande weiß.

Doch auf ihren Schürzen war

Von trockenem Blut ein Rost und dumpfer Kreis.

Sie aber tief umschlungen schritten wunderbar.

Ich trat sie an die Schwebenden, und fragte leis:

Schwestern, von welchem Schein sind eurer Augen Scheine froh?

Kommt ihr nicht aus den Sälen, wo

Die eingetränkte Maske auf das arme Antlitz sinkt,

Und in die weißen Stoffe Blut und Eiter dringt?

Geht ihr nicht durch die Fäulnis schwerer Zimmer ein und aus?

Tragt ihr nicht Schüsseln Unrats mild mit euch hinaus?

Und habt in eurem Opfer keinen Tag und keine Stunde Lust,

Dürft nicht in das Theater gehn und nicht im Grünen sitzen unbewußt!

Die beiden Schwestern aber sahn mich an mit einem Schaun,

Mit einem Blick voll tiefstem Jenseits sahn mich an die beiden Fraun.

Mit einem Blick, den ich, ein niedrer Laie, noch nicht ganz verstand,

Und doch geschah es, daß mich Weinen überwand.

Ich sah ein Licht steigen, das sich dem Wiesen-Kuß entreißt.

Es ahnte eine tiefste Wollust mein entzückter Geist.

Mir war von unbetretner Freude offenbar ein letztes Ziel ...

Von ferne fühlt ich lachen leicht

Das Schwesternpaar, wie's nun entweicht,

Und schwindet tiefumschlungen in ein zärtlich frühes Glockenspiel.

Gesang einer Frau.

Warum, warum diese neue Angst?: Die Welt ist schon so oft!

Und Oft ein Wort, das fort und fort ins Ohr tropft unverhofft.

Ein rundes Wort, ein runder Laut, der endet und beschließt.

Mir graut vor meinem Haar,

Es war so oft, meine Hand war oft, mein Mund war oft, war, war!

Meine Zunge war oft, meine Brust und was er genießt.

Mir graut, es graut auch meinem Haar.

Oft -- ist unfaßliche Gefahr.

Ich kann die Blumen nicht sehn auf dem Tisch, sie machen mich krank.

Mein Geliebter hat einen verräterischen Gang.

Oft und Gewohnt sein aufgeknöpftes Freundespaar

Wischt sich die Stiefel nicht ab. Sie spucken gar

Und blasen Zigarrenrauch in mein Haar.

Oft ist mein Feind und schon lang.

O diese schrecklichen Frühen. Sie tragen Altes auf ihren Glocken her.

Wie bin ich von weitem und lang schon her.

Nun kann ich mich gar nicht erinnern mehr.

Wie man sich lachend auf die Fußspitzen stellt,

Das entfiel dem Gedächtnis meiner Füße, dem viel entfällt.

Trübsinn heißt vierfach meine Jahreszeit,

Im Winter fürcht' ich den Frühling, im Frühling die scharfe Zeit,

Und doch möcht' ich alles halten, was mich vermaledeit.

Nein, nein! Ach! Wie ist mir das doch hassenswert!

Wie alles an mir vergeht, möchte auch ich vergehn.

Verzehrt sein, vergehn, eingehn in einen hohen Wert.

Lieben, lieben zum erstenmal,

Wo Liebe nicht verlischt mit dem Wangenmal,

Nicht jeder Kuß, verhauchend, wird Betrug,

Und Ekel durch die Morgenlumpen lugt!

Eingehn in ein reines weißes Weiß!

Weiße Schürzen tragen, weißes Kleid und eine Farbe nur sehr: Weiß!

Mein Gesicht vergessen, keine Zeit haben, immer ein

Werk haben, immer tun,

Nur am Abend ins Gebet hinüberruhn!

O Leidenschaft!

Nun schimpft zum Fenster ein Regen herein.

Auch der Regen ist oft. Ich zähle die Feinde nicht.

Ich fühle nur meine Augen. Wohin ist mein Gesicht?

Früher lebte ich seine Farben und flog unendlich in alles ein,

Von unten, von der Seite, streichelte alles mit meinem Schein.

Jetzt ist in mir solch eine Beschwerlichkeit.

Ich bin leicht, ich bin leicht, aber mein Antlitz neigt,

Neigt sich zu allem nieder, als wär' ich sehr groß und sehr weit,

Und alles ist nur bedacht, daß es sich höflich zeigt.

Wo bin ich denn? O Himmelsrose, die mich in die Mitte klemmt!

Ich sitze auf meinem Bettrand im Hemd,

Und schaue auf meinen edel ermatteten Fuß,

Der mich entzückt, daß ich fast weinen muß.

Und doch ist in meinen süßen Beinen schon etwas, das man verhängt ...

[Illustration: Franz Werfel]

Geheimnis.

So reich bist du, als du tränenreich bist.

So frei bist du, als du dich selbst überspringst,

So wahr bist du, als du dich kannst verwerfen.

So groß bist du, als klein vor dir der Tod ist.

So tief bist du Wunder,

Als du tiefe Wunder siehst!

Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.

Niemals wieder will ich

Eines Menschen Antlitz verlachen.

Niemals wieder will ich

Eines Menschen Wesen richten.

Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen.

Wohl gibt es Kuppler-Augen.

Wohl gibt es Vielfraß-Lippen.

Aber plötzlich

Aus der dumpfen Rede

Des leichthin Gerichteten,

Aus einem hilflosen Schulterzucken

Wehte mir zarter Lindenduft

Unserer fernen seligen Heimat,

Und ich bereute gerissenes Urteil.

Noch im schlammigsten Antlitz

Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.

Die gierigen Herzen greifen nach Kot --

Aber in jedem

Geborenen Menschen

Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen.

Sein und Treiben.

Erkennen ist noch Hast.

Auch Können ist Unrast.

Wer wirklich ist, der ist!

Der wohlgeborene Hund darf sein.

Der mißgeborene Hund muß springen.

Gebet um Reinheit.

Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die

alte, immergleiche.

Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten

im Wunder.

Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend

des tiefen Zeichens,

Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die

beschmutzten Hände spülen.

O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken

und zu reinigen!

O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!

Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner Kühle Gewähr,

daß du springst und spülst,

Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem

süßen Gefälle?

Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte

des Lampenkreises.

Ich halte dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein

Kind, das am Abend der Waschung wartet.

Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln,

um in dieser Spanne wahr zu sein.

Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis

das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.

Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde

gesungen,

Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm

hier wider meinen Feind!

Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben

einander nicht einmal so sehr, um uns Feinde zu sein.

Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind,

der mich berennt und an alle meine Tore pocht.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem

Tisch sitzt und Völlerei treibt,

Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe,

und sich am Fenster die Hungrigen drängen.

Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit

seine Zigarre raucht und fett wird,

Während ich immer geringer werde und zusehn muß,

wie er das Gut meiner Seele verpraßt.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle

Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.

Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch

macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt.

Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit

verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,

Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.

Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein

Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?

Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit?

Reinige, einige mich, o du Gewässer!

Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit

eh und je über die Zahl Zwei.

Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine

Hände hin zur Waschung.

Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen

Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!

Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig

die einfach Guten, selig die einfach Bösen!

Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen,

die zu- und abnehmenden Gegenspieler.

O heilig Gewässer, um dein und meiner Größe willen,

hilf mir!

Wir nicht.

Ich lauschte in die Krone des Baums; -- da hieß es im Laub:

Noch -- nicht!

Ich legte das Ohr an die Erde; -- da klopft's unter Kraut und Staub:

Noch -- nicht!

Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste:

Du -- nicht!

Das war mein Gericht.

Ich verwarf mein Lied,

Und das lüsterne Herz, das sich nicht beschied.

Ich trat auf die Straße. Sie strömte schon abendlich.

Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht.

Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob,

Und wußte: Auch ich, vom lauen Trug entstellt,

Werde nochmals begonnen, weil neu ein Schoß mich hält

Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod,

Und weinend pries ich allen Samen in der Welt.

Paul Wertheimer.

Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. -- Gedichte 1896. Neue Gedichte

1904. Im Lande der Torheit 1910.

Seelen.

Du weißt, wir bleiben einsam: Du und ich,

Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,

Mit freien Kronen, die der Seewind küßt ...

So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.

Doch zwischen beiden webt ein feines Licht

Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,

Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin ...

Ostsee.

Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande.

Das Meer ... Das Meer! Mein wahrgewordner Traum!

Ich bin vergraben in dem feinen Sande

Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum.

Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten

Hinauf-, hinunterwärts die grüne Bahn.

O meines jungen Traums Unendlichkeiten!

Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn.

Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen

Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut,

Und von des Meeres königlichen Gnaden

Und von der Kraft, die lächelnd in mir ruht!

Tote Stunde.

Menschen sterben von mir ab wie Blüten

Meines lieben Baumes vor dem Fenster.

Gestern war er noch voll rot und weißen

Glanzes, sieh, nun ist er grün und keimend.

Hat ein Wandrer an dem Stamm geschüttelt --

Solch ein aufrecht-großer Lebensschreiter?

Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige?

Murmelte der Wind zur Nacht von neuen,

Ahnungsvollen, ungewissen Dingen --

Und die Blüten stoben hin erschrocken

Und sie fielen weit, weit ab und starben ...

Alfred Wolfenstein.

Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. -- Die gottlosen Jahre 1914. Die

Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher Kämpfer 1919.

Städter.

Nah wie Löcher eines Siebes stehn

Fenster beieinander, drängend fassen

Häuser sich so dicht an, daß die Straßen

Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt

Sitzen in den Trams die zwei Fassaden

Leute, wo die Blicke eng ausladen

Und Begierde ineinanderragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,

Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.

Flüstern dringt hinüber wie Gegröle --

Und wie stumm in abgeschloßner Höhle

Unberührt und ungeschaut

Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

Tanz.

Deutsche Lyrik seit Liliencron · 第 38 / 42 题