Die tönten so sacht und fein. --

Trübes Wetter.

Das Meer! -- Das Meer -- --

Die grauen Wolken hingen so trüb und schwer.

Ich sah nur ein weites Armebreiten,

Und wie ein dunkelsüßer Heimatston kam's her

Aus den nebelverhüllten, schluchzenden Weiten. --

Doppelliebe.

Wie eigen ich dich einst küßte!

Du lagst in deinem Sessel

Und decktest schelmisch

Die Hand vors Gesicht.

Über den Fingern

Waren nur deine Augen zu sehn,

Deine Augen. --

So fern plötzlich

Und eigen. --

Und ich erschrak.

Zwei andre Augen sah ich,

Zwei ferne Augen.

Die Augen der andern ...

Und da bog es mich zu dir,

Und leise

Küßt' ich --

Diese Augen ...

Prinz Emil von Schönaich-Carolath.

Geboren am 8. April 1852 zu Breslau, wurde Dragoneroffizier, nahm den

Abschied, war viel auf Reisen und lebte zuletzt auf Schloß Haseldorf in

Holstein, wo er am 30. April 1908 verstarb. -- Lieder an eine Verlorne

1878. Dichtungen 1883. Gedichte 1903.

Albumblatt.

Hab nicht zu lieb die knospende Rose;

Es flöge gar bald

Ohn' Heimat, ohn' Halt

Ihr Duft dir vorüber ins Uferlose.

Unsterblich ist der Schmerz allein.

Was nie du besessen,

Ersehnt, nie vergessen,

Wird deines Himmels Grundbau sein.

Der betrübte Landsknecht.

Das Land durchströmt der Regen,

Singschwäne südwärts ziehn,

Nun will aufs Herz ich legen

Ein Sträußchen Rosmarin.

Das haben zwei Hände, zwei schmale,

Durchflochten mit schwarzem Band,

Drauf haben zum letzten Male

Zwei Mädchenlippen gebrannt.

Hoch braust ein Krieg durch Flandern,

Dort muß gewürfelt sein,

Die Werbetrommeln wandern

Um Jülich und Bei-Rhein.

Nach Spanien über die Schelde

Zieht gleißender Heerestrab;

Herr Christ, hilf allen zu Gelde,

Uns beiden gib ein Grab.

Drauf sollen zwei Linden wiegen

Die Wipfel glückbesonnt,

Draus sollen zwei Herzen fliegen,

Die nimmer sich trennen gekonnt.

Genrebild.

Herr Holger am Kamine sitzt,

Sein Brackhund bei ihm wacht,

Nacht ist's, die Flamme springt und blitzt

Und der Klotz in der Lohe kracht.

Herr Holger in Sinnen versunken ist,

Er wirrt des Bartes Flaum.

Es streckt die Bracke den Widerrist,

Und beide sinken in Traum.

Es denkt der Hund an einen Tag,

Da die Heide hilfefern,

Da der Keiler über Herrn Holger lag

Und er befreit' den Herrn. --

Herr Holger martert seine Stirn

In Sinnen schwer und stumm:

Wie er zu Willen einer Dirn

Den Blutsfreund brächte um.

Altes Bild.

Der Markusdom, der bunte, klangumtönte,

Hat seine Pforten gähnend aufgeschlagen,

Am Hochaltar, wo Priester Kerzen tragen,

Thront stolz der Doge, der vom Volk gekrönte.

Es lehnt an ihm in mädchenhaftem Zagen

Sein junges Weib, das holde, glückverschönte.

Ein Page, der an Schleppendienst gewöhnte,

Kniet stumm dabei in Puffenwams und Kragen.

Der Weihrauch dampft, zu Ende geht die Messe,

Es blickt verklärt die schöne Dogaresse ...

Doch sehen könnt ihr, wenn ihr näher tretet,

Daß tief im Samt, dem dunkelvioletten,

Des Pagen Hand und ihre sich verketten --

Der alte Doge kniet im Stuhl und betet.

Künstlerroman.

Als tot auf schlechtem Gasthofbette lag

Sein junges Weib bei Unschlittkerzenflammen,

Da schob Papier, verstreutes, er zusammen,

Und schrieb darauf bis an den grauen Tag.

Es ward an Inhalt und an süßem Schalle

Ein also großes, ewiges Gedicht,

Daß die Genossen es verstanden nicht,

Und schweigend wichen, tiefergriffen alle.

Er aber blieb allein mit einem Sarg,

Darin begrub er seine Jugendliebe --

Und jenes Buch, das ew'gen Ruhm verbarg,

Und das kein Denker leichthin nach ihm schriebe,

Er schob es unters fahle Goldgelock

Als Ruhekissen für die schöne Tote,

Und riß sich aus den Hecken einen Stock

Und schritt hinaus ins Morgenlicht, das rote.

Wilhelm von Scholz.

Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. -- Frühlingsfahrt 1896. Der Spiegel

1902. Neue Gedichte 1913.

In einer Dämmerstunde.

Ich wohne, wo die Wolken gehn,

Stillhoch in einer Dämmerstunde;

Waldtiefer Bäume Wipfel stehn

Um meinen Tisch in naher Runde,

Die gern mein Licht im Abend sehn.

Alt ist der Leuchter, der es trägt,

Alt sind die Bäume, die es schauen,

Die Flamm' ist alt, die sich bewegt

Und flattert durch das ewige Grauen,

Wenn die uralte Luft sich regt.

Flüsternd umkreist die Dämmerung

Mich und mein Licht, das nach ihr greift.

So alt ist alles, ich so jung --

Da ist's, als ob ein Wort mich streift,

Das rings um mich zur Fülle reift.

»Du bist so alt als alle wir --«

Sprach es das Licht, sprach es der Baum,

Sprach's der zersprungne Tisch vor mir,

Sprach's um mich her der Dämmertraum?

Ich fühl' es dunkel jetzt und hier.

Wie lächeln doch die ewigen Dinge,

Wenn solch ein Strudel Erdenzeit,

Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe,

Aufbraust in ihrer Einsamkeit --

Wie lächeln doch die ewigen Dinge!

Sie lächeln mich in ihre Ruh --

Nun rag' auch ich uralt vom Grunde.

Du Flamme, warum zitterst du?

Bist du ein Wort aus meinem Munde,

Rief dich die Dämmerung mir zu? --

Abschied.

Oft, wenn die stille Mitternacht

Einsam im dunkeln Parke wacht,

Wenn meine Fenster offen stehn,

Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet

Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet,

Dann weiß ich, daß mich deine Augen sehn

In dieser stillen Mitternacht.

Doch dieser Erde weit entschwebt

Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt:

Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht,

Der See, der über seine Ufer lauscht.

In ewige Fernen treiben wir dahin:

Du kennst den Ort nicht, wo ich bin

In dieser stillen Mitternacht.

Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist blaß.

Von Schauer wird mein Auge naß,

Und tausend Wünsche werden wach.

Doch schneller treibt der Park und das Gemach

Hin in den fernenklaren Raum --

Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum

In dieser stillen Mitternacht.

Heimat.

Eine Heimat hat der Mensch,

Doch er wird nicht drin geboren --

Muß sie suchen traumverloren,

Wenn das Heimweh ihn ergreift.

Aber geht er nicht in Träumen,

Geht er achtlos ihr vorüber,

Und es wird das Herz ihm plötzlich

Schwer bei ihren letzten Bäumen.

Abendgang.

Das ist unser schweigender Abendgang.

Herbst. Blätter fallen wegentlang.

Nasse Äste tragen den Himmel, der bleich

Und dunstig niederhängt über den Teich.

Die Brücke. Trüber Laternenschein

Fällt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein.

Vorüber. Dunkel wie Menschen stehn

Die Bäume und sehn uns weitergehn.

Der Wandrer.

Schwermütig wächst mein Frieden

In Herbst und Einsamkeit.

Mein Weg zur Dämmerzeit

Vergraut wie abgeschieden.

Ich fühle mich Gestalt

Und Wesen tief vertauschen;

Wildfremde Schritte rauschen

Durchs Blattgewirr im Wald.

Still geh' ich, schattenlos

Im Grau, als wandle sich

Der lange Weg in mich,

Auf dem ich wurde groß.

Daß ich der Wandrer bin,

Der diesen Weg gegangen,

Sind Worte, die verklangen,

Und haben keinen Sinn.

Erde.

Das ist der Erde furchtbares Gewicht:

Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten,

Zu tauchen in das erdenfremde Licht,

Daß sich die Meere unter dir gestalten,

Winzig die Wolken unter dir verwehn,

Und zitterst nicht --

So fliegt die Erde auf in deine Höhn.

Ich weiß es wohl ...

Ich weiß es wohl, wie du zur Ruh dich legst,

Wenn müde dich die Mitternacht umfängt.

Du gehst verträumt im Zimmer auf und ab,

Schaust das unwillige Schweigen an der Wand,

Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht.

Dann sprichst du leise in den Kerzenschein,

Als ob gleichgültig ihn ein andrer spräche,

Meinen Namen, horchst -- hörst ihn und erglühst ...

Und deine süßen Hände küssend, schläfst du ein.

Nächtlicher Weg.

Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht.

Mein Mantel flattert durch die Nacht,

Streift welkes Laub am Boden mit;

Und wo die Äste wie Gestalten

Hoch über mir die Hände halten,

Folgt Zittern meinem festen Schritt.

Und leis an mir herniederglitt,

Als woll's im feuchten Gras erkalten,

Was in mir kämpfte, rang und litt;

Was ich in mir für schlecht gehalten,

Das nahm die Nacht im Atem mit.

Und stiller meine Schritte hallten,

Wie eines fremden Freundes Tritt.

Am Söller.

In Wirbeln geht der Strom durchs Tal.

Die Blätter wirbeln auf Söller und Saal.

Tief herbstlich naht die frühe Nacht,

Die unsere einsame Fackel entfacht.

Und wie die Sterne schweigend steigen,

Werden der Erde wir zu eigen.

Nachtdunkel hat so wilde Weisen --

Wir fassen uns, uns zu umkreisen.

Der Sternsaal muß sich rasend drehn

In seiner Ferne.

Im ganzen Raum der Welten stehn

Nur deine Augensterne.

Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub,

Wir sind, was wir werden:

Kreisende Erden,

Wirbelnder Staub.

Rudolf Alexander Schröder.

Geboren am 26. Januar 1878 zu Bremen. -- Unmut 1899. Lieder an eine

Geliebte 1900. Sprüche in Reimen 1900. An Belinde 1902. Sonette an eine

Verstorbene 1905. Elysium 1906.

Aus den »Liedern an eine Geliebte«.

Nun kam der Abend.

Die Sonne geht ins Meer,

Der Wind ruht im Laub,

Den sanften Weg entlang

Ziehen die Herden heimwärts.

Sieh, wie die milden Berge

In Dunkelheit verhüllt sind --

Im Tal

Blinken Lichter auf.

Wanderer, wohin eilst du?

»Nach Hause.«

Wohin eilst du?

* * * * *

»Die Lüge« sagst du

Und »Die Wahrheit«

Und redest wie ein Narr.

Sage »Die Liebe«

Und du redest wie ein Weiser.

* * * * *

Ich habe keine Schmerzen:

Aber die Sehnsucht verzehrt mich.

Ich habe keine Sehnsucht:

Aber mein Verlangen macht mich unruhig.

Ich habe kein Verlangen:

Aber meine Schmerzen quälen mich!

* * * * *

Ach, noch immer glaube ich,

Wenn ein Klang die Luft aufweckt,

Daß deine Stimme

Im Zweiggewirr der Bäume,

In Blumen, Gebüsch und Gräsern

Nachzitternd sich gefangenhält.

Ach, noch immer glaube ich,

Wenn ein Duft

Von ungefähr

Auf Windflügeln

Zu mir kommt,

Daß es dein Atem sei.

Ach, noch immer glaube ich,

Daß ich nicht ganz verlassen sei.

* * * * *

Das Glück ist ein leerer Schall;

Und der Schmerz ist ein Name.

Was uns von allem bleibt,

Ist: allein zu sein.

Und ist uns allen ein Los,

Daß wir viele Güter haben

Und darben müssen.

Sonett an eine Verstorbene.

An jedem Tage gibt's ein Abschiednehmen;

Und irgend etwas, das uns angehört,

Wird jeden Augenblick für uns zerstört

Und wandelt hin zu den vergessenen Schemen.

Wohl, über dieses soll sich keiner grämen,

Weil immer auch ein Neues uns betört;

Und kein Verlassen ist so unerhört,

Dem wir uns nicht zu guter Letzt bequemen.

So gehn auch wir, und lassen alle Welt

Und sind nicht mehr; und jenes Wort: Gewesen

Erklingt von uns, wie wir's von vielem sagen.

Doch daß auch du dich denen zugesellt,

Von denen wir nur noch den Namen lesen,

Mein Herze will das nicht, und will's nicht tragen!

Aus dem Buch »Elysium«.

Sie lassen sich am Ufer nieder,

Sie legen ihre reinen Glieder

Auf leichten Sand.

Entschlummern sie, so ist ihr Träumen

Wie das von Wellen oder Bäumen

Voll Unbestand.

Sie sind so schön, weil sie im Fächeln

Der reinen Lüfte immer lächeln,

Wie ausgesöhnt.

Sie singen auch. -- Wer möchte hören,

Was diesen Nachtigallen-Chören

Ganz klar enttönt?

Sie wandeln über sanfte Matten

Ins grüne Dunkel kühler Schatten,

Sie schwinden hin.

-- Oh holde Seelen, voll Beglückte,

Ihr nicht Geplagte, nicht Entzückte,

Ihr ohne Sinn!

* * * * *

Wenn sie wandeln, drückt dem Wiesenrain

Sich der schattenhafte Fuß nicht ein.

Wenn sie ruhn, so ist der leichte Gast

Seiner Lagerstätte keine Last.

Wenn sie wünschen, das ist flüchtig auch,

Kaum ein Traum, ein Atemzug, ein Hauch.

Wenn sie lieben, das ist kaum ein Blick,

Kaum ein Gruß. -- So leicht ist dort das Glück.

Alles ist ja leicht im untern Reich. --

Leichte Schatten, wir begrüßen euch!

* * * * *

Leise laß sie ihren Reigen führen,

Ohne ihre Schwermut anzurühren.

Laß sie träumend dir vorüber hasten,

Ohne ihre Leere zu belasten.

Sorge nicht, sie heute zu verstehen,

Denn dir wird wie ihnen bald geschehen.

Freue dich, daß sie dich nicht erreichen,

Morgen, morgen bist du ihresgleichen.

Gustav Schüler.

Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. -- Gedichte 1900.

Meine grüne Erde 1904. Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes

1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit 1914.

Unterdessen.

Schönheit ist Atem. Aber Brot ist Brot.

Und Tausend hungern. Und die Mühlen mahlen.

Und Königstische wissen nichts von Not.

Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen.

Und Mütter fiebern, wie kein Fieber schlägt,

Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern.

Die Mütter hören's, daß man Bretter trägt,

Um einen rohen Armensarg zu zimmern.

Und unterdessen lauscht die heilige Nacht,

Und unterdessen wird das Licht erkoren,

Und unterdessen hat die Schönheit acht

Auf jede Perle, die der Tau geboren.

Mignon.

Wer in die Nacht geht, müßt' mich sehn

Am Wege auf dem Stein --

Mein Krug und Wanderstecken stehn

Im hellen Mondenschein.

Die Schuhe hab' ich abgetan,

Das Haar ist aufgelöst,

Ich hab', als wüßt' ich keinen nahn,

Auch meine Brust entblößt.

Der Nachthauch kühlt mich wie ein Bad.

Alle Wanderer ferne gehn. --

Nur wer die Erde begraben hat,

Kann mich hier sitzen sehn.

Am Abend.

Komm, denn der Abend kommt.

Wir haben ihn so wild ersehnt.

Nun ist er da. Wie er im Mantel

Sich an die alten Pappeln lehnt.

Jetzt schlägt er seine Wimpern auf

Und sieht uns an und nickt uns zu.

Hat er nicht ganz dieselben Augen,

Nicht ganz denselben Mund wie du?

Am Kreuzweg.

Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang:

Ein altes deutsches wehes Liebeslied,

Von Lieb' und Not

Und Treu' und Tod.

Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht,

Lauscht lang'.

Der Kauz schrie so entsetzlich schrill,

Der hat ihn auch gesehn.

Das Lied schweigt still.

Der Schatten bleibt noch immer stehn.

Was ist das Glück?

Was ist das Glück?

Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen?

Ein Siegen,

Ein Augenblick,

Wo du der Sonne jauchzend winkst

Und dann versinkst?

Oder ist es das treue Schauen,

Wie sich Wolken aus Wolken bauen,

Bis sich eine mit rotem Rand

Hoch hinstellt über dein Ernteland?

Ernst Stadler.

Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des

Weltkrieges im Westen. -- Präludien 1904. Der Aufbruch 1914.

Reinigung.

Lösche alle deine Tag' und Nächte aus!

Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!

Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!

Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! --

Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,

Schon bist du selig in dir selbst allein

Und wie mit Auferstehungslicht umhangen --

Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit

Und deine Seele atemlose Trunkenheit,

Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.

Vorfrühling.

In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.

Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und

grünem Saatregen.

Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung

ging ich weit hinaus

Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem

Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.

In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.

Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute

rollten.

Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten

eingebrannt

War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins

Weite führen sollten.

Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen

Fernen.

Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten,

wuchsen helle Bahnen,

In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in

umwehten Sternen.

In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten

Fahnen.

Was waren Frauen ...

Was waren Frauen anders dir als Spiel,

Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden:

Du hast nie andres als ein Stück von dir gefunden,

Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel.

Du strebtest, dich im Hellen zu befreien,

Und wolltest untergehn in wolkig trüber Flut --

Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen

Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut.

Du stiegst, dein Leben höher aufzutürmen,

In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verließ,

Und sahst erschauernd deinen Dämon dich umstürmen,

Wenn deinen dünnen Traum der Tag durchstieß.

Puppen.

Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare,

spöttisch und kokett in den Vitrinen

Wie einst beim Menuett. Der Schönen Hände schürzen

wie zum Spiel die Krinolinen

Und lassen weich gewölbte Knöchel über Seidenschuhe

blühn. Die Kavaliere reichen

Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre

feinen frechen Worte, scheint es, streichen

Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in

kühlem Lächeln über ihrem Mund erstarren,

Indes die Schönen in den wohlerwognen Attitüden

sanft und träumerisch verharren.

So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den

verschwiegnen Schränken

Hochmütig, kühl und fern und scheinen langvergeßnen

Abenteuern nachzudenken.

Nur wenn die Kerzen trüber flackern, hebt ihr dünnes

Blut sich seltsam an zu wirren:

Dann fallen Funken in ihr Auge. Heiße Worte scheinen

in der Luft zu schwirren.

Der Schönen Leib erbebt. Im zarten Puder der

geschminkten Wangen gleißt

Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und

Untergang verheißt.

Glück.

Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel

weggeflogen.

Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster

in die Bläue jagen --

Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen,

Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich

ins Weite zogen.

In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen.

Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem

Herzen zuckt.

Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder,

Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige

Gefieder

Zu sommerdunklem Traum das Köpfchen niederduckt.

Leo Sternberg.

Geboren am 7. Oktober 1876 zu Limburg a. d. Lahn. -- Küsten 1904. Fahnen

1907. Neue Gedichte 1908.

Der Wartende.

Geöffnet sind meine Fenster;

Ich trete zum einen, zum andern --

Aber der Vogel der Ferne

Fliegt nicht herein.

Ich schließe die Augen und sage

Mir fest: »Er kommt nicht!« Ich denke:

Plötzlich schlägst du den Blick auf,

Und -- er ist da! ...

Und -- er ist _nicht_ da! Vergebens!

Wieder warten! Warten!

Durch die verengte Kehle

Drückt sich ein Kiesel hinab.

Wie, wenn es Nacht würde? Nein! ...

-- Herz, wie du eilst! -- Und ich müßte

Schließen die Fenster? Der Vogel

Käme nicht mehr? ...

Soviel Lüftchen ...

Soviel Lüftchen wehn und vergehn,

Soviel Klänge durchziehen mich leis.

Was mögen sie singen? Für wen?

Wer weiß!

Kaum daß du flüstern hörst

Und achtest, was es sei;

Wie wenn du Geister störst --

Vorbei.

Nur manchmal im Leben ein Ton,

Ein Wort, ein Gedankenstrahl --

Du fragst: Wo vernahm ich's doch schon

Einmal?

Eine plötzliche Stille ...

Eine plötzliche Stille kommt oft,

Als ob das Weltgewühl

Die Sekunde jetzt stockte

Und zwischen geraden Wänden

Eine einzige schmale Bahn

Freilegte von mir zu dir:

Dann denkst du an mich.

Und wie durch die Furt voreinst

Des gespaltenen Meers,

Zieht gelassen ein Traum

Auf inniger Gasse

Jenem Ufer zu.

Jenseits.

Die Glocken läuten dann wie jeden Tag ...

An meinem Fenster wird einer träumend stehn,

und der gewölbte Berg, der drüben lag,

wird -- abendgrau -- wie ein Grab aussehn

und der Baum darauf, wie ein Baum auf einem Grab.

Indessen werden die Stern' über meinem Grab aufgehn ...

Der Fremde tritt vom Fenster ins Zimmer hinein;

von seiner Welt nicht mehr aufzusehn,

nimmt er den Arbeitssessel wieder ein --

Ich liege draußen allein, wie ich im Leben war.

Und selbst die Toten neben mir werden mich nicht verstehn ...

Dann werde ich aufstehn und zu Gott gehn,

daß _er_ mich behalte nun,

oder mir sonst etwas aufgebe zu tun,

oder die Flamme austrete --

Dann werde ich ruhn.

Margarete Susman.

Im Feld ein Mädchen singt ...

Im Feld ein Mädchen singt --

Vielleicht ist ihr Liebster gestorben,

Vielleicht ist ihr Glück verdorben,

Daß ihr Lied so traurig klingt.

Das Abendrot verglüht --

Die Weiden stehn und schweigen --

Und immer noch so eigen

Tönt fern das traurige Lied.

Der letzte Ton verklingt. --

Ich möchte zu ihr gehen.

Wir müßten uns wohl verstehen,

Da sie so traurig singt.

Ich liebe unter allen ...

Ich liebe unter allen die am meisten,

Die unsichtbare Kronen tragen.

Wohl lieb' ich auch die heitern jungen Häupter,

Auf deren Locken Rosenkränze liegen,

Das Haupt, das sinnende Gedanken beugten,

Der Demut frommgesenkte Kinderstirn;

Doch lieb' ich unter allen die am meisten,

Die frei und königlich im Leben stehn

Und unsichtbare Kronen tragen.

So in die still verschneite Nacht ...

So in die still verschneite Nacht

Blick' ich hinaus;

Die alte Sehnsucht ist erwacht

Und singt und flüstert, weint und lacht

Und lacht mich aus.

Sie zieht um mich den Zauberkreis

Von Wunsch und Wahn;

Sie spricht wie du so scheu und leis;

Sie starrt mich an so traurig heiß,

Wie du getan.

Kein Liebeswort ...

Kein Liebeswort ist zwischen uns gefallen.

Du hast mir nicht einmal die Hand geküßt,

Wie mancher tat, der mir nicht teuer war.

Ich sprach mit dir wie mit den andern allen.

Der du mir Licht und Luft gewesen bist

Und Lebensodem dieses ganze Jahr.

Doch das, was deine Augen mir verkündet,

Die leuchtenden Verräter, halt' ich fest,

Sowie in Sturm und Schnee ein armes Kind

Sein Püppchen hält und wunderherrlich findet

Und immer wieder zärtlich an sich preßt,

Neidlos auf die, die reich und glücklich sind.

Georg Trakl.

Geboren am 3. Februar 1887 zu Salzburg, gestorben am 3. November 1914 im

Garnisonlazarett zu Krakau. -- Gedichte 1914. Sebastian im Traum 1914.

Gesammelte Dichtungen 1919.

Der Herbst des Einsamen.

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,

Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.

Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;

Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.

Gekeltert ist der Wein, die milde Stille

Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;

Im roten Wald verliert sich eine Herde.

Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;

Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.

Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel

Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;

In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,

Und Engel treten leise aus den blauen

Augen der Liebenden, die sanfter leiden.

Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,

Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

In den Nachmittag geflüstert.

Sonne, herbstlich dünn und zag,

Und das Obst fällt von den Bäumen.

Stille wohnt in blauen Räumen

Einen langen Nachmittag.

Sterbeklänge von Metall;

Und ein weißes Tier bricht nieder.

Brauner Mädchen rauhe Lieder

Sind verweht im Blätterfall.

Stirne Gottes Farben träumt,

Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel.

Schatten drehen sich am Hügel

Von Verwesung schwarz umsäumt.

Dämmerung voll Ruh und Wein;

Traurige Gitarren rinnen.

Und zur milden Lampe drinnen

Kehrst du wie im Traume ein.

Im Park.

Wieder wandelnd im alten Park,

O! Stille gelb und roter Blumen.

Ihr auch trauert, ihr sanften Götter,

Und das herbstliche Gold der Ulme.

Reglos ragt am bläulichen Weiher

Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel.

O! dann neige auch du die Stirne

Vor der Ahnen verfallenem Marmor.

Landschaft.

Septemberabend; traurig tönen die dunklen Rufe der

Hirten

Durch das dämmernde Dorf; Feuer sprüht in der

Schmiede.

Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen

Locken der Magd

Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern.

Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der

Hirschkuh,

Und die gelben Blumen des Herbstes

Neigen sich sprachlos über das blaue Antlitz des Teichs.

In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern

mit dunklen Gesichtern die Fledermäuse.

Sommer.

Am Abend schweigt die Klage

Des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht

Über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub

Der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze

Im dunklen Zimmer;

Eine silberne Hand

Löschte sie aus.

Windstille, sternlose Nacht.

In Venedig.

Stille in nächtigem Zimmer.

Silbern flackert der Leuchter

Vor dem singenden Odem

Des Einsamen;

Zaubrisches Rosengewölk.

Schwärzlicher Fliegenschwarm

Verdunkelt den steinernen Raum,

Und es starrt von der Qual

Des goldenen Tags das Haupt

Des Heimatlosen.

Reglos nachtet das Meer.

Stern und schwärzliche Fahrt

Entschwand am Kanal.

Kind, dein kränkliches Lächeln

Folgte mir leise im Schlaf.

Am Moor.

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr

In der Stille des Moors. Am grauen Himmel

Ein Zug von wilden Vögeln folgt;

Quere über finsteren Wassern.

Aufruhr. In verfallener Hütte

Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;

Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert

Die sanfte Schwermut grasender Herden,

Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.

Frühling der Seele.

Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind,

Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst,

Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne.

Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen

Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit

Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel

In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.

Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,

Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig

Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.

Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel.

Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.

Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,

Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht

Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.

Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung

Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers;

Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn.

Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.

Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.

Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;

Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert

Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet

Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.

Stille blüht die Myrte über den weißen Lidern des Toten.

Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag

Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind;

Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.

Elis.

Deutsche Lyrik seit Liliencron · 第 36 / 42 题