Heiterkeit, güldene, komm!
Du des Todes
Heimlichster, süßester Vorgenuß!
-- Lief ich zu rasch meines Wegs?
Jetzt erst, wo der Fuß müde ward,
Holt dein Blick mich noch ein,
Holt dein _Glück_ mich noch ein.
Rings nur Welle und Spiel.
Was je schwer war,
Sank in blaue Vergessenheit, --
Müßig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt -- wie verlernt' er das!
Wunsch und Hoffen ertrank,
Glatt liegt Seele und Meer.
_Siebente_ Einsamkeit!
Nie empfand ich
Näher mir süße Sicherheit,
Wärmer der Sonne Blick.
-- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
Silbern, leicht, ein Fisch,
Schwimmt nun mein Nachen hinaus ...
Rainer Maria Rilke.
Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. -- Erste Gedichte 1895. Frühe
Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue
Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.
Ernste Stunde.
Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
Ohne Grund weint in der Welt,
Weint über mich.
Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
Ohne Grund lacht in der Nacht,
Lacht mich aus.
Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
Ohne Grund geht in der Welt,
Geht zu mir.
Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
Ohne Grund stirbt in der Welt,
Sieht mich an.
Die Blinde.
Der Fremde:
Du bist nicht bang, davon zu sprechen?
Die Blinde:
Nein.
Es ist so ferne. Das war eine andre.
Die damals sah, die laut und schauend lebte,
Die starb.
Der Fremde:
Und hatte einen schweren Tod?
Die Blinde:
Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.
Der Fremde:
Sie war dir fremd?
Die Blinde:
-- Oder: sie ist's geworden.
Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. --
Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.
Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,
Die in den Dingen blüht und reift,
War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
Wie aufgewühlte Erde offen da und trank
Den kalten Regen meiner Tränen,
Der aus den toten Augen unaufhörlich
Und leise strömte, wie aus leeren Himmeln,
Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.
Und mein Gehör war groß und allem offen.
Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:
Die Zeit, die über meine Haare floß,
Die Stille, die in zarten Gläsern klang,
Und fühlte: nah bei meinen Händen ging
Der Atem einer großen weißen Rose.
Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht
Und glaubte einen hellen Streif zu sehn,
Der wachsen würde wie ein Tag;
Und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
Der längst in meinen Händen lag.
Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer
Hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
Der Mutter rief ich: »Du, komm her!
Mach Licht!«
Und horchte. Lange, lange blieb es still,
Und meine Kissen fühlte ich versteinen, --
Dann war's, als säh ich etwas scheinen:
Das war der Mutter wehes Weinen,
An das ich nicht mehr denken will.
Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:
Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum
Mir vom Gesicht und von der Brust.
Du mußt ihn heben, hochheben,
Mußt ihn wieder den Sternen geben;
Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.
Aber sprech ich zu dir, Mutter?
Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?
Wer ist denn hinter dem Vorhang? -- Winter?
Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
Oder: Tag? ... Tag!
Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
Fehl ich denn nirgends?
Fragt denn niemand nach mir?
Sind wir denn ganz vergessen?
_Wir?_ ... Aber du bist ja dort;
Du hast ja noch alles, nicht?
Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht,
Ihm wohlzutun.
Wenn deine Augen ruhn
Und wenn sie noch so müd waren,
Sie können wieder steigen.
... Meine schweigen.
Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
Meine Spiegel werden zufrieren.
In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.
Meine Vögel werden in den Gassen
Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
Nichts ist mehr mit mir verbunden.
Ich bin von allem verlassen. --
Ich bin eine Insel.
Der Fremde:
Und ich bin über das Meer gekommen.
Die Blinde:
Wie? Auf die Insel? ... Hergekommen?
Der Fremde:
Ich bin noch im Kahne.
Ich habe ihn leise angelegt --
An dich. Er ist bewegt:
Seine Fahne weht landein.
Die Blinde:
Ich bin eine Insel und allein.
Ich bin reich.
Zuerst, als die alten Wege noch waren
In meinen Nerven, ausgefahren
Von vielem Gebrauch:
Da litt ich auch.
Alles ging mir aus dem Herzen fort,
Ich wußte erst nicht wohin;
Aber dann fand ich sie alle dort,
Alle Gefühle, das, was ich bin,
Stand versammelt und drängte und schrie
An den vermauerten Augen, die sich nicht rührten.
Alle meine verführten Gefühle ...
Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen,
Aber ich weiß von den Wochen,
Da sie alle zurückkamen gebrochen
Und niemanden erkannten.
Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
Ich weiß ihn nicht mehr.
Jetzt geht alles in mir umher,
Sicher und sorglos; wie Genesende
Gehn die Gefühle, genießend das Gehn,
Durch meines Leibes dunkles Haus.
Einige sind Lesende
Über Erinnerungen;
Aber die jungen
Sehn alle hinaus.
Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
Ist mein Gewand von Glas.
Meine Stirne sieht, meine Hand las
Gedichte in anderen Händen.
Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt,
Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit
Aus den täglichen Wänden.
Ich muß nichts mehr entbehren jetzt,
Alle Farben sind übersetzt
In Geräusch und Geruch.
Und sie klingen unendlich schön
Als Töne.
Was soll mir ein Buch?
In den Bäumen blättert der Wind;
Und ich weiß, was dorten für Worte sind,
Und wiederhole sie manchmal leis.
Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,
Findet meine Augen nicht ...
Der Fremde (leise):
Ich weiß.
Herbst.
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.
Der Schauende.
Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
Die aus laugewordenen Tagen
An meine ängstlichen Fenster schlagen,
Und höre die Fernen Dinge sagen,
Die ich nicht ohne Freund ertragen,
Nicht ohne Schwester lieben kann.
Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
Geht durch den Wald und durch die Zeit,
Und alles ist wie ohne Alter:
Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir ringen,
Was mit uns ringt, wie ist das groß;
Ließen wir, ähnlicher den Dingen,
Uns so vom großen Sturm bezwingen, --
Wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen, ist das Kleine,
Und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
Will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
Des Alten Testaments erschien:
Wenn seiner Widersacher Sehnen
Im Kampfe sich metallen dehnen,
Fühlt er sie unter seinen Fingern
Wie Saiten tiefer Melodien.
Wen dieser Engel überwand,
Welcher so oft auf Kampf verzichtet,
Der geht gerecht und aufgerichtet
Und groß aus jener harten Hand,
Die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte
Von immer Größerem zu sein.
Von den Fontänen.
Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen,
Den unbegreiflichen Bäumen aus Glas.
Ich könnte reden wie von eignen Tränen,
Die ich, ergriffen von sehr großen Träumen,
Einmal vergeudete und dann vergaß.
Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen
Zu vielen Dingen und in das Gedränge?
Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen
Im Aufstieg alter Parke vor den weichen
Erwartungsvollen Abenden, -- in bleichen
Aus fremden Mädchen steigenden Gesängen,
Die überfließen aus der Melodie
Und wirklich werden und als müßten sie
Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?
Ich muß mich nur erinnern an das alles,
Was an Fontänen und an mir geschah, --
Dann fühl ich auch die Last des Niederfalles,
In welcher ich die Wasser wiedersah:
Und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten,
Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,
Von Teichen, welche nur die Uferkanten
Schwachsinnig und verschoben wiederholten,
Von Abendhimmeln, welche von verkohlten
Westlichen Wäldern ganz entfremdet traten,
Sich anders wölbten, dunkelten und taten,
Als wär das nicht die Welt, die sie gemeint ...
Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint
Und sich verschließt gegen die Nachbargloben?
Daß sich die Welten nur noch wie verweint
Im Raum erkennen? -- Vielleicht sind wir oben
In Himmel andrer Wesen eingewoben,
Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben
Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele
Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele
Von fremden Flüchen, die uns nie erreichen,
Nachbaren eines Gottes, den sie meinen
In unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen,
An den sie glauben und den sie verlieren,
Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren
Suchenden Lampen, flüchtig und verweht,
Über unsere zerstreuten Gesichter geht ...
Die Entführung.
Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen
Entwichen, um die Nacht und den Wind
(Weil sie drinnen so anders sind)
Draußen zu sehn an ihrem Beginnen;
Doch keine Sturmnacht hatte gewiß
Den riesigen Park so in Stücke gerissen,
Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,
Da er sie nahm von der seidenen Leiter
Und sie weitertrug, weiter, weiter:
Bis der Wagen alles war.
Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
Um den verhalten das Jagen stand
Und die Gefahr.
Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
Sie kroch in ihren Mantelkragen
Und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
Und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir.
Fragmente aus verlorenen Tagen.
Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn
Und immer schwerer werden, wie im Fallen:
Die Erde saugt aus ihren langen Krallen
Die mutige Erinnerung von allen
Den großen Dingen, welche hoch geschehn,
Und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht
Am Boden halten --
Wie Gewächse, die,
Kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,
In schwarzen Schollen unlebendig licht
Und weich und feucht versinken und versiechen,
Wie irre Kinder, -- wie ein Angesicht
In einem Sarg, -- wie frohe Hände, welche
Unschlüssig werden, weil im vollen Kelche
Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, --
Wie Hilferufe, die im Abendwind
Begegnen vielen dunklen großen Glocken, --
Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,
Wie Gassen, die verrufen sind, -- wie Locken,
Darinnen Edelsteine blind geworden sind, --
Wie Morgen im April
Vor allen vielen Fenstern des Spitales:
Die Kranken drängen sich am Saum des Saales
Und schaun: die Gnade eines frühen Strahles
Macht alle Gassen frühlinglich und weit;
Sie sehen nur die helle Herrlichkeit,
Welche die Häuser jung und lachend macht,
Und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht
Ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,
Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist,
Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust
Und der den Dingen alle Bürde
Von ihren Schultern nimmt, --
Daß etwas draußen groß ist und ergrimmt,
Daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,
Die jeden von den Kranken würgen würde
Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. --
... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,
Die schon zerrissen sind auf allen Seiten
Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,
Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, --
Wie nackte Mädchen, kommend über Steine,
Wie Trunkene in einem Birkenhaine, --
Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen
Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter
Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter
Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen.
Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen
Und dann versterben, so daß keiner je
Abwenden könnte das verhängte Weh,
Wie volle Rosen, künstlich aufgezogen
Im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,
Und dann vom Übermut in großem Bogen
Hinausgestreut in den verwehten Schnee, --
Wie eine Erde, die nicht kreisen kann,
Weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,
Wie ein erschlagener verscharrter Mann,
Dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, --
Wie eine von den hohen, schlanken, roten
Hochsommerblumen, welche unerlöst
Ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,
Weil ihre Wurzel unten an Türkisen
Im Ohrgehänge einer Toten
Stößt ...
Und mancher Tage Stunden waren so,
Als formte wer mein Abbild irgendwo,
Um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.
Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,
Und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
In welchem alle Dinge sich verwandeln.
[Illustration: Rainer Maria Rilke]
Spanische Tänzerin.
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
Zuckende Zungen streckt --: beginnt im Kreis
Naher Beschauer hastig, hell und heiß
Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar.
Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar
Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,
Die nackten Arme wach und klappernd strecken.
Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
Sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
Und flammt noch immer und ergibt sich nicht --.
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
Grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
Der Fremde.
Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten,
Die er müde nicht mehr fragen hieß,
Ging er wieder fort; verlor, verließ --.
Denn er hing an solchen Reisenächten
Anders als an jeder Liebesnacht.
Wunderbare hatte er durchwacht,
Die mit starken Sternen überzogen
Enge Fernen auseinanderbogen
Und sich wandelten wie eine Schlacht;
Andre, die mit in den Mond gestreuten
Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten,
Sich ergaben, oder durch geschonte
Parke graue Edelsitze zeigten,
Die er gerne in dem hingeneigten
Haupte einen Augenblick bewohnte,
Tiefer wissend, daß man nirgends bleibt;
Und schon sah er bei dem nächsten Biegen
Wieder Wege, Brücken, Länder liegen
Bis an Städte, die man übertreibt.
Und dies alles immer unbegehrend
Hinzulassen, schien ihm mehr als seines
Lebens Lust, Besitz und Ruhm.
Doch auf fremden Plätzen war ihm eines
Täglich ausgetretnen Brunnensteines
Mulde manchmal wie ein Eigentum.
Hugo Salus.
Geboren am 3. August 1866 zu Leipa in Böhmen, studierte Medizin in Prag
und lebt daselbst als Frauenarzt. -- Gedichte 1897. Neue Gedichte 1899.
Ehefrühling 1899. Reigen 1900. Ernte 1903. Neue Garben 1904. Die
Blumenschale 1907.
An blauen Frühlingstagen.
Vom stolzen Glück des eignen Werts getragen,
Als brächt' ihr Blühn der Landschaft erst Gewinn,
Gehn schöne Fraun an blauen Frühlingstagen
Wie Königinnen durch die Menge hin;
Als hätt' der Knabe Frühling nur im Sinn,
Das Krönungsvließ um ihren Leib zu schlagen
Und, wie ein Page, seiner Königin
Mit stillem Dank die Schleppe nachzutragen ...
Im stillen Hafen.
Dies ist mein Glück: in allen Bitternissen
Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen,
Das mädchenhaft und hold und lieb und rein
Nichts andres wünscht, als mein, nur mein zu sein;
Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange
Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind,
Mit feuchten Augen, die voll Güte sind,
Für Gaben dankt, die -- ich empfange.
Erinnerung.
Zünd festlich im Salon die Kerzen an,
Zieh aneinander erst des Vorhangs Spitzen,
Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann,
Dort laß uns, uns umarmend, niedersitzen.
Denn sieh, an solchem Winterabend oft
Bin als Student ich durch die Stadt gegangen.
Mein Auge, das Erfüllung nie gehofft,
Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen.
An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht,
An Fenstern, draus ich frohe Stimmen hörte,
An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht,
Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte.
Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh,
Das Glück vertieft sich mir in diesen Räumen:
Lehn fest dein Haupt an mich, geliebte Frau,
Recht fest an mich -- und laß mich träumen, träumen!
Frühlingsfeier.
Ein Blütenzweig, blaßrosa, weiß und grün,
Die Welt hat tausend solcher Blütenäste,
Da darf der eine auch für uns erblühn
Und darf verblühn bei unserm Liebesfeste.
Befrei das schwere Haar von Kamm und Band
Und laß die schwarzen Fluten niederwallen
Auf dieses blumenhelle Lenzgewand,
Und laß die neidischen Achselspangen fallen!
Nun nimm den Blütenzweig -- wie wunderbar
Die Blüten glühn von deines Pulses Schlägen! --
Und rühre mir die Stirne und das Haar
Und sprich dazu den heiligen Frühlingssegen:
»Blick auf, der Lenz ist kommen über Nacht,
Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!«
Ich blicke auf; der Frühling ist erwacht;
Ich halt' den ganzen Frühling in den Armen!
Ludwig Scharf.
Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. -- Lieder eines Menschen 1892.
Tschandala-Lieder 1905.
Begegnis.
Und als ich gegen den Marktplatz kam,
Beim Torweg unter dem Rathaus,
Da strömten die Menschen kreuz und quer,
Zweibeinig ein jeder und gradaus.
Sie waren gar wohl in Kleider gehüllt,
So Kinder wie Männer und Weiber,
Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt,
Aufrecht balancierend die Leiber.
Fremd zogen sie aneinander vorbei
Mit großen begegnenden Blicken
Und geschlossenem Mund, ein jeder für sich,
Ein jeder mit seinen Geschicken.
Ein jeder mit einem sehnenden Drang
Nach fernen Häusern und Türen,
Ein jeder fortgezogen wie blind
An unsichtbaren Schnüren.
Ein jeder beladen mit Erdenweh,
Ob auch sein Mund mal lache --
Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum
Und verstrickt in den Wahn, daß er wache.
Blut-Propheten.
Wir träumen über die Erde hin,
Wir kennen nicht oben noch unten,
Wir horchen nur in die Erde hinein,
Wir verstehen nur ihre Wunden.
Und liegen wie träumend am Boden hin,
Dann sind wir selbst fast Erden,
Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb
Sie bewußt den Lebendigsten werden.
Und wir fühlen den Durst nach Blut, nach Blut
Der ausgetrockneten Erde,
Daß einer verjüngten Lebensbrut
Ein saftiges Erdreich werde.
Wir träumen über die Erde hin:
Tut Buße, Buße in Zeiten!
Doch wir wissen genau, es kommt der Tag,
Den wir ahnend früh prophezeiten.
Gebet eines Selbstmörders.
Stille! oh stille!
Hier schlägt ein letztes Herz,
Zerrinnt ein letzter Wille,
Verhallt im Nichts ein Schmerz.
Verbluten hier im Sande
An dieses Ufers Rand,
Im Angesicht der Sterne
Und jener Wolkenwand --
Ja, jener Nacht von Wolken,
Die drohend rückt heran,
Die dir den letzten Ausblick
Gar bald verfinstern kann!
Drum still, mein Herz! Verblute
In dieser stillen Nacht,
Solang ob Tod und Leben
Dir zusteht noch die Macht!
Denn weh, sie werden kommen,
Dich binden recht und schlecht,
Dein letztes Gut zu nehmen --
Dies häßliche Geschlecht.
Doch stille, oh stille!
Und störe nicht die Ruh:
Es strebt ein letzter Wille
Dem letzten Glücke zu ...
Richard (von) Schaukal.
Geboren am 27. Mai 1874 zu Brünn in Mähren, studierte Jurisprudenz in
Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. -- Gedichte 1893. Verse
1896. Meine Gärten 1897. Tristia 1898. Tage und Träume 1899. Sehnsucht
1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und Träume 1902.
Ausgewählte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei Bänden 1909. Das Buch
der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte 1914. Eherne
Sonette 1914. Standbilder und Denkmünzen 1915. Kriegslieder aus
Österreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe
1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915.
Kriegslieder aus Österreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916.
Gedichte (1892-1918) 1918.
Der Fiedler.
Ein Spielmann auf seiner Geige strich.
Es klang so rot, so königlich.
Das harte Kinn lag auf der Fiedel.
Ein Knabe ging und stand und blieb.
Und jeder Strich war ein Sensenhieb.
-- -- Den andern war's nur ein Straßenliedel.
Kophetua.
König Kophetua hob seine goldene Krone
Von den goldenen Locken und schwieg.
Auf sein Schwert gestützt ging er und stieg
Über die steilen Stufen, und ohne
Sich umzusehn, ließ er die staunende Schar.
Oben saß in mondlichtschimmernder Blässe
Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten
Haare gehüllt. Ein großes Verzichten
Lag in ihrer Augen blinkender Nässe.
Und so träumte sie, jeglichen Schmuckes bar.
König Kophetua legte die goldene Krone
Über die eisengerüsteten Knie und harrte
Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte
Magd erblicke, flehentlich, ohne
Sich umzusehn, wo sein Gefolge war ...
An die Baronin Colombine.
Baronin Colombine ist so zierlich und zart.
Ich zupfe die Mandoline -- leider noch keinen Bart.
Baronin Colombine, nimm dich in acht:
Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht.
Baronin Colombine, lach nicht so laut!
Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut!
Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh.
Ins Wasser die Mandoline -- und mich dazu!
Porträt eines spanischen Infanten von Diego Velasquez.
Mit blutgemiedener langer schmaler Hand,
Feinen Fingern, die den Duft der weißen Rosen fühlen,
Manchmal mager und müd in warmen Damenhaaren wühlen,
Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt.
Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand,
Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich,
Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund,
Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund.
Manchmal bin ich mit häßlichen Zwergen weich:
Ich beschenke sie reich --
Und peitsche sie wieder wund.
Mit dichten Schleiern schütz' ich mich vor dem Morgenrot:
Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod.
+Pierrot pendu.+
Und ich sah dich nachts an der Laterne:
Bleich und traurig hingst du, Pierrot,
Trübe schimmerten die späten Sterne,
Als dein alter Freund, der Mond, entfloh.
Da im Gassendunkel deine Züge
Schmerzlich schienen und gedankenbang,
Sann ich über deines Lebens Lüge,
Armer Narr am selbstgeknüpften Strang.
Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten,
Rührte leise nur an deiner Hand.
Husch, ein Schatten war hinweggeglitten,
Der verstohlen mir im Rücken stand.
Musset.
Ich liege mit der Zigarette
Bis an den Morgen -- o das böse Licht! --
Müd ohne Schlaf im Seidenbette
Meiner geliebten kleinen Ninette
Und kräusle den Rauch zu einem Gedicht.
Was hast du mit meinem Leben getan!
Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine,
Deine marmornen runden Beine,
Fange ich fast zu weinen an
Um die ewig verlorene Eine.
Ninette, du hast verdünntes bleiches
Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer:
Wo nehm' ich den Mut für heute her?
Sänke ich doch in dein faltenreiches
Morgengewand gehüllt ins Meer!
Kavaliere.
Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken,
Den Degenkorb von der Kräusel-Manschette
Zierlich bedeckt: sie denken
An eine Frau in weißem Spitzenbette;
Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt,
Sie singen: Großer Gott, dich lobt
Die gläubige Gemeinde;
Vernichte unsre Feinde!
Goya.
Ich habe die lange schwüle Nacht
Bei einer jungen Dame verbracht:
Nun liegt sie und träumt mit offenen Lippen von meinem Nacken ...
Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen!
Steht nicht herum und gafft so ledern!
Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern
Oder kitzle eure dünnen Waden
Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden,
Ich bin ein Grande im offnen Hemd.
Ich liebe das Licht, das die Welt überschwemmt,
Ich liebe ein Pferd,
Das bäumend sich gegen den Zügel wehrt,
Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt.
Dem König lass' ich sagen, er solle
Klopfen, wenn er mich stören wolle.
Porträt des Marquis de ...
Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd,
Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert:
Ich ließ es bei einer Dame liegen.
Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen:
Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren:
Störe mich keiner von euch Tieren!
Der Araber.
Ich schlich mich an das Roß heran,
Das wiehernd und mit rundem Rücken
Ins Eisen beißend stand. Es packen
An seiner Mähne und die Hacken
Der Fersen, einmal oben, stark
Ihm in die Weichen drängen, war
Ein Augenblick. Ich spürte gar
Nicht mehr, daß uns der Wald schon barg
Vor der bewundernden und scheuen Schar:
So war es durch die Uferauen
Gerast. Erst als mein flatternd Haar
Ein Ast berührt, begann ich umzuschauen.
Spät.
Spät, wenn die alte Uhr geschlagen
Und wieder Stille dich umwirbt,
Das Pendel geht, die Lampe zirpt,
Steigt es empor aus alten Tagen
Und füllt mit Geistergruß die Luft
Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen
Nach einem längst verhauchten Duft,
Nach einer fernen kühlen Gruft,
Nach Wind im Wald an Bergeslehnen.
Paul Scheerbart.
Geboren am 8. Januar 1866 zu Danzig, starb am 14. Oktober 1915 zu
Lichterfelde bei Berlin. -- Kater-Poesie 1909.
Dahin!
Singe nicht so hell und laut,
Da ich wieder einsam bin!
Ach, fühlst du nicht, worüber
Ich trüber werde?
Lache nicht so toll und dumm,
Da ich ernst und anders bin!
Nein, weißt du nicht, worüber
Ich trüber werde?
Frage nicht so klug und hart!
Das hat alles keinen Sinn!
Was? Ahnst du nicht, worüber
Ich trüber werde?
Sieh, ich liebe dich nicht mehr,
All mein Lieben ist dahin!
Begreifst du jetzt, worüber
Ich trüber werde?
Notturno.
Ich liege ganz still.
Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
Diese Sehnsucht -- nach -- ich weiß nicht was!
Das macht so traurig.
Ich möchte -- ich weiß nicht was!
Ich denke an ferne, ferne Zeiten ...
Tiefernst!
Mir ist, als ob der Friede
Sich in meine Seele legt --
So wundersam bewegt!
Der Pappeln Wipfel flüstern.
Wir sitzen still und schweigen.
-- -- --
Wir wollen noch einmal trinken --
Und dann -- betrunken sein!
Die große Sehnsucht.
Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken --
Und dann möcht' ich wieder maßlos trinken.
René Schickele.
Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsaß). -- Die Leibwache 1914.
Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915.
Der Knabe im Garten.
Ich will meine bloßen Hände aneinander legen
Und sie schwer versinken lassen,
Da es Abend wird, als wären sie Geliebte.
Maiglocken läuten in der Dämmerung,
Und weiße Düfteschleier senken sich auf uns,
Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen.
Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen,
Die Syringen quellen aus den Büschen,
Eine helle Rose schmilzt am Boden ...
Wir alle sind einander gut.
Draußen durch die blaue Nacht
Hören wir gedämpft die Stunden schlagen.
Wenn es Abend wird.
Die Engel der Liebkosung steigen nieder,
Von weitem kommen deine Hände wieder,
Und deine Augen sind so mild, so weit,
Daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren.
Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine
Worte sangen,
Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt
brünstiges Verlangen,
Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll
Dunkel waren.
Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten,
Daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel
warten.
Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen,
Die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht
dein Kommen,
Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht.
O wunderbare Trunkenheit!
Ferne Musik.
Die glatten, leisen,
Lustwarmen Weisen,
Die sich verschlingen
Und im Reigen singen
Von Sommertagen,
Erinnern mich Schweren,
Wie auf Blumenfähren
Mit glänzenden Wangen
Frauen sangen,
Von Bläue getragen,
Und daß am Ende
Der Fahrt die Hände,
Die blitzend bewegten,
Sich nicht mehr regten
Und entgeistert lagen
In jedem Schoß,
So sehnsuchtslos,
Die Umarmungen boten,
Wie die Steine der Toten
Im Mondlicht ragen.
Erwartung im Garten.
Hab ich doch alles nun geküßt,
Die Blumen, die Gräser und
Den zitternden Sperling in meiner Hand,
Den Tau der sanften Kressen
Und selbst die Wolken am Himmel, --
Kommst Du noch immer nicht?
Lea.
Wir hielten uns umschlungen
In unserm großen Haß,
Ich hab dir schwören müssen,
Daß ich von dir nie laß.
Wir hielten uns umschlungen
In unsrer großen Lust,
Du hast mir zugeschrieen,
Daß du mich lieben mußt.
Dann hobst du dich und standest,
Gelöst war unser Bund,
Und sprachst die Abschiedsworte
Mit nie geküßtem Mund.
Die Leibwache.
Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
Ich weiß, daß doch ein Schein von meinem Blut,
Wo ich mich rühre, wo ich raste, mich umflammt
Wie eine große Glorie innerlicher Glut.
Darin ist alles das enthalten, was die Väter,
Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter,
Von ihrem Innersten ins Äußere geglüht,
Daß es mein eigen Blut noch heute fühlt.
Denn ja, ich fühl's wie Rüstung, Schild und Feuerwall
Und Festung, die mich überall umgibt,
Und wieder so, daß es der Schöpfung wirren Schwall
Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstäubchen siebt,
Damit in meiner Augen Nähe kommt
Nur, was für Ewigkeiten ihnen frommt,
Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlägt
Und darin gräbt, wes Wachstum dies mein Herz verträgt;
Und was es tiefer noch verankert in den Grund,
Von dem ich nichts weiß, als daß zu Beginn
Ein heißer Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund
Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin.
Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren!
Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren,
Heb ich die Hand, so winken tausend Hände mit,
Und halte ich, so hält mit mir der Geisterritt.
Im Schlaf spür ich sie wie im Biwak um mich her,
Sie liegen da, die Zügel umgehängt,
Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer,
Und manchmal, wenn sich einer an den andern drängt,
Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen
In meinem Körper bebt wie Niederfallen
Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibül.
Dann ist's, daß ich das Herz der Mütter zittern fühl!
Dann ist's, daß wild und süß die Liebe überfließt
In mir und jeder Kreatur,
Rakete um Rakete in den Himmel schießt,
Im Dunkel still steht jede Uhr.
Und klare Meere spiegeln lichte Sterne,
Die Früchte zeigen schamlos ihre Kerne,
Es strömt ein Licht von mir zum fernsten Land,
Es schlägt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand.
Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
Ich weiß trotzdem: ein Schein von meinem Blut,
Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt
Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut.
Darin ist alles das enthalten, was die Väter,
Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter,
Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut.
Johannes Schlaf.
Geboren am 21. Juni 1862 zu Querfurt in der Provinz Sachsen. --
Helldunkel 1899. Das Sommerlied 1905.
Sehnsucht.
Wie ich dich überall sehe, du Meine
Und Eine!
Immer du so fern-nah!
Gegenwärtig und doch nicht da!
Immer nur Spuren und Spuren --
Viel, ach! wie viel!
Im Wandern folg' ich ihnen,
Zu welchem Ziel?
O du, o Dunkelgewillte!
Wann, wo empfängt der Niegestillte
Seine Ruh? --
Hoffnung.
Ein weißes Grau hüllt weit den Himmel ein.
Ein stumpfer Glanz liegt auf den Uferweiden.
Träge, mit gurgelnden Wellen treibt der gelbe Strom.
Ich muß mich noch bescheiden.
Ich will noch ein Stückchen so weitergehn.
Bald müssen ja alle Höhn
In hellen Frührotfeuern stehn ...
Abendgang.
Und ich führte das blonde Jungfräulein
In den weiten, schleiernden Abendfrieden hinein.
Nebel über die Wiesen gingen,
Und vom Bache durch das braune Dunkel kam ein Singen.
Am Himmel alle unsre goldenen Geigen hingen.