IV.

Wenn die Nacht von dannen geht,

Wollen wir uns aus dunkeln Schalen

Unser Blut reichen.

Ein Auge wollen wir sein und eine Seele,

Schauernd über der Täler

Brennend klaren Kelchen.

Siehst du den Morgenwind? Er trägt

Schwebendes Leben von Büschen zu Büschen,

Halm zu Halm.

Sei du mein! --

Nun schweig.

Nun schweig und fühle, wie die Schatten wehn;

Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken,

Und schwarze Wolken felsenzackig stehn

Um blanke Dächer, die wie Seen blinken.

Und suche meine Seele nicht; die liegt

In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer,

Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt.

Der Greis.

Länder und Seen durchschwommen

Brünstig allen Fernen.

Wittre nun in den Nächten

Nach Ländern über Sternen.

Als ich ein Kind war,

Glänzte so weit mein Teich,

Hinter jedem Wipfel

Grünte ein Zukunftsreich.

Stützt zu Berg mich, Söhne,

Dicht in meine Nähe,

Daß ich noch einmal

Die kleine Erde sehe.

Johannes R. Becher.

Geboren am 22 Mai 1891 zu München. -- Verfall und Triumph 1914. An

Europa 1916. Päan gegen die Zeit 1918. Das Neue Gedicht 1918. Gedichte

für ein Volk 1919. Gedichte um Lotte 1919. Um Gott 1920.

Verfall.

Unsere Leiber zerfallen,

Graben uns singend ein:

Berauschte Abende wir,

Nachtsturm- und meerverscharrt.

Heißes Blut vertrocknet,

Eitergeschwür verrinnt.

Mund Ohr Auge verhüllet

Schlaf Traum Erde der Wind.

Gelblich träger Würmer

Enggewundener Gang.

Pochen rollender Stürme.

Wimpern, blutrot lang.

... »_Bin ich zerbröckelnde Mauer,

Säule am Wegrand, die schweigt?

Oder Baum der Trauer

Über dem Abgrund, geneigt?_« ...

Süßer Geruch der Verwesung,

Raum, Haus, Haupt erfüllend.

Blumen, flatternde Gräser,

Vögel, Lieder quillend.

»_Ja --, verfaulter Stamm_ ...«

Schimmel. Geächz. Gestöhn.

Unter wimmelnder Himmel Flucht

Furchtbarer Laut ertönt:

Pauke. Tube Gedröhn.

Donner. Wildflammiges Licht.

Zimbel. Schlagender Ton.

Trommelgeschrill. Das zerbricht. --

Der ich mich dir, weite Welt,

Hingab, leicht vertrauend,

Sieh, der arme Leib verfällt,

Doch mein Geist die Heimat schaut.

Nacht, dein Schlummer tröstet mich,

Mund ruht tief und Arm.

Heller Tag, du lösest mich

Auf in Unruh ganz und Harm.

Daß ich keinen Ausweg finde,

Ach, so weh zerteilt!

Blende bald, bald blind und Binde.

Daß kein Kuß mich heilt!

Daß ich keinen Ausweg finde,

Trag wohl ich nur Schuld:

Wildstrom, Blut und Feuerwind,

Schande, Ungeduld.

Tag, du herbe Bitternis!

Nacht, gib Traum und Rat!

Kot Verzerrung Schnitt und Riß --

Kühle Lagerstatt ...

Alles muß noch ferne sein,

Fern, o fern von mir --

Blüh empor im Sternenschein,

Heimat, über mir!

Einmal werde ich am Wege stehn,

Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt.

Umronnen von goldener Winde Wehn.

Licht fällt durch der Wolken Flucht matt.

Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt ...

Meine Hände rühren

An Himmel, golderfüllt,

Sich öffnend gleich Wundertüren.

Wiesen, Wälder ziehen herauf.

Gewässer sich wälzen. Brücken.

Gewölbe. Endloser Ströme Lauf.

Grauer Gebirge Rücken.

Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.

Drachen, Erde speiend.

Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt.

Empörung. Lachen. Geschrei.

Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.

Knäuel. Gemetzel weit ...

... »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_

Oder hat es noch Zeit?

Wann ertönest du, schallendes Horn,

Schrei du der Meerflut schwer?

Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn

Rufend die Schläfer her?« ...

Der Idiot.

Er schwirrte nächtens durch der großen Städte Flucht.

Das traf ihn schwer.

Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste.

Staubwirbel bliesen ihn durch grünen Abendhimmel

flaches Meer.

Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste.

Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte

Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand,

Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte,

Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich

niederwand.

Er schlug: die Augen grün, Schaum dick ums Maul,

Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei!

Ganz leise sang ein Droschkengaul --

Und weiße Schleier wehten dicht vorbei.

Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen.

Auf allen Dächern tosten Flammen laut.

Die Dome knieten nieder. Berge schwammen

Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut.

Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.

Es gellte. Möwenschwärme schreckten auf.

Blütenwälder weiß begruben ihn.

Musik des Abschieds.

Beginn der Klänge zwischen dir und mir!

Uralte Sänge, die mich heiß verfluten --

Gewühl der Zeiten, die mich weiß zerbluten --

Geläute. Schweigen zwischen mir und dir.

O Gräber, Gärten zwischen mir und dir!

Gespannt die Tänzer unsichtbar auf Seilen --

Traum-Silber-Pflüge, die Eisschollen teilen --

Die Boten eilen zwischen dir und mir.

Erbrochene Schlachten. Bunte Völkerwelten.

Die Roten Felsen über Agadir.

Gesprengte Wälder. Heller Tod der Helden ...

O dunkle Sprachen zwischen mir und dir.

Und sah die Meere durch die Himmel fließen.

Besternte Menschen viel auf Plätzen dicht.

Fluch deiner Finsternis: verkohlte Wiesen.

Die Flöte ruft. Es reift dein Angesicht.

Und sähe Mägde aus dem Brunnen schöpfen

Krug milden Trankes ... und das blöde Tier

Leckt unvertrieben Honig aus den Töpfen ...

O Fest! O Stunde zwischen dir und mir!

Dann jagte ich auf unergriffenem Schiffe.

Denn schroffer Sturm verlöschte jede Spur.

Und durchs Gezisch und durchs Gestrüpp der Riffe ...

Und in den Händen eine Muschel nur:

Zerschellt. Genebel. Schädel. Fäulnis. Und die Feuchte

Gefleckter Sümpfe. Räudiger Rachen Gier -- --

Ich aber fühlte: Duft und Pracht und Leuchte!

O Nacht des Bundes zwischen dir und mir.

Hans Bethge.

Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. -- Die stillen Inseln,

Die Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin.

Die Hoffende.

Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, --

Sie saß am offenen Fenster, ganz verwirrt,

Der Glanz auf ihren Händen war der Glanz

Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen

Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel

Und alte Blumen und das Lied der Lerche,

Das alles war in ihm, sie fühlt' es wohl.

Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und

Sie war so reich! und nun hob sie die Hand

Leis auf und küßte sie: die ganze Lust,

Die ganze Qual, das Leben, alles, alles.

Nach Sonnenuntergang.

Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange,

Die Dünen glänzten durch die Abendluft.

Du rührtest mit dem Schritt der Tänzerin

Die gelbe Erde an. Ich saß im Garten,

Und glühnden Herzens fühlt' ich wie du kamst!

Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte

Und rissest eine Rose vom Gesträuch

Und küßtest sie und warfst sie in die Winde

Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne!

Und braun und göttlich glänzten deine Schultern,

Und herber Duft des Meeres hing an dir.

An eine Kunstreiterin.

Deutsche Lyrik seit Liliencron · 第 16 / 42 题