Fuenftes Buch Die Begruendung der Militaermonarchie Wie er sich sieht

so um und um, Kehrt es ihm fast den Kopf herum, Wie er wollt' Worte zu

allem finden? Wie er moecht' so viel Schwall verbinden Wie er moecht'

immer mutig bleiben So fort und weiter fort zu schreiben? Goethe 1.

Kapitel Marcus Lepidus und Quintus Sertorius Als Sulla im Jahre 676 (78)

starb, beherrschte die von ihm restaurierte Oligarchie unbeschraenkt den

roemischen Staat; allein wie sie durch Gewalt gegruendet war, bedurfte

sie auch ferner der Gewalt, um sich gegen ihre zahlreichen heimlichen

und offenen Gegner zu behaupten. Was ihr entgegenstand, war nicht etwa

eine einfache Partei mit klar ausgesprochenen Zwecken und unter bestimmt

anerkannten Fuehrern, sondern eine Masse der mannigfaltigsten Elemente,

die wohl im allgemeinen unter dem Namen der Popularpartei sich

zusammenfassten, aber doch in der Tat aus den verschiedenartigsten

Gruenden und in der verschiedenartigsten Absicht gegen die Sullanische

Ordnung des Gemeinwesens Opposition machten. Da waren die Maenner des

positiven Rechts, die Politik weder machten noch verstanden, denen aber

Sullas willkuerliches Schalten mit dem Leben und Eigentum der Buerger

ein Greuel war. Noch bei Lebzeiten Sullas, waehrend jede andere

Opposition schwieg, lehnten die strengen Juristen gegen den Regenten

sich auf: es wurden zum Beispiel die Cornelischen Gesetze, welche

verschiedenen italischen Buergerschaften das roemische Buergerrecht

aberkannten, in gerichtlichen Entscheidungen als nichtig behandelt,

ebenso das Buergerrecht von den Gerichten erachtet als nicht aufgehoben

durch die Kriegsgefangenschaft und den Verkauf in die Sklaverei waehrend

der Revolution. Da waren ferner die Ueberreste der alten liberalen

Senatsminoritaet, welche in frueheren Zeiten auf eine Transaktion mit

der Reformpartei und mit den Italikern hingearbeitet hatte und jetzt in

aehnlicher Weise geneigt war, die starr oligarchische Verfassung Sullas

durch Zugestaendnisse an die Popularen zu mildern. Da waren ferner die

eigentlichen Popularen, die ehrlich glaeubigen bornierten Radikalen,

die fuer die Schlagwoerter des Parteiprogramms Vermoegen und Leben

einsetzten, um nach dem Siege mit schmerzlichem Erstaunen zu erkennen,

dass sie nicht fuer eine Sache, sondern fuer eine Phrase gefochten

hatten. Ihnen galt es vornehmlich um die Wiederherstellung der von

Sulla zwar nicht aufgehobenen, aber doch ihrer wesentlichsten

Befugnisse entkleideten tribunizischen Gewalt, welche nur mit um so

geheimnisvollerem Zauber auf die Menge wirkte, weil das Institut ohne

handgreiflichen praktischen Nutzen und in der Tat ein leeres Gespenst

war - hat doch der Name des Volkstribuns noch ueber ein Jahrtausend

spaeter Rom revolutioniert. Da waren vor allem die zahlreichen und

wichtigen Klassen, die die Sullanische Restauration unbefriedigt

gelassen oder geradezu in ihren politischen oder Privatinteressen

verletzt hatte. Aus solchen Ursachen gehoerte der Opposition an die

dichte und wohlhabende Bevoelkerung der Landschaft zwischen dem Po und

den Alpen, die natuerlich die Gewaehrung des launischen Rechts im

Jahre 665 (89) nur als eine Abschlagszahlung auf das volle roemische

Buergerrecht betrachtete und der Agitation einen willfaehrigen

Boden gewaehrte. Desgleichen die ebenfalls durch Anzahl und Reichtum

einflussreichen und durch ihre Zusammendraengung in der Hauptstadt

noch besonders gefaehrlichen Freigelassenen, die es nicht verschmerzen

konnten, durch die Restauration wieder auf ihr frueheres, praktisch

nichtiges Stimmrecht zurueckgefuehrt worden zu sein. Desgleichen ferner

die hohe Finanz, die zwar vorsichtig sich still verhielt, aber ihren

zaehen Groll und ihre nicht minder zaehe Macht nach wie vor sich

bewahrte. Ebenso missvergnuegt war die hauptstaedtische Menge, die die

wahre Freiheit im freien Brotkorn erkannte. Noch tiefere Erbitterung

gaerte in den von den Sullanischen Konfiskationen betroffenen

Buergerschaften, mochten sie nun, wie zum Beispiel die Pompeianer,

in ihrem durch die Sullanischen Kolonisten geschmaelerten Eigentum

innerhalb desselben Stadtgebiets mit diesen zusammen und mit ihnen in

ewigem Hader leben oder, wie die Arretiner und Volaterraner, zwar noch

im tatsaechlichen Besitz ihrer Mark, aber unter dem Damoklesschwert der

vom roemischen Volke ueber sie verhaengten Konfiskation sich befinden

oder endlich, wie dies besonders in Etrurien der Fall war, als Bettler

in ihren ehemaligen Wohnsitzen oder als Raeuber in den Waeldern

verkommen. Es war endlich in Gaerung der ganze Familien- und

Freigelassenenanhang derjenigen demokratischen Haeupter, die infolge

der Restauration das Leben verloren hatten oder in allem Elend des

Emigrantenrums teils an den mauretanischen Kuesten umherirrten, teils

am Hofe und im Heere Mithradats verweilten; denn nach der von strenger

Familiengeschlossenheit beherrschten politischen Gesinnung dieser Zeit

galt es den Zurueckgebliebenen als Ehrensache ^1, fuer die fluechtigen

Angehoerigen die Rueckkehr in die Heimat, fuer die toten wenigstens

Aufhebung der auf ihrem Andenken und auf ihren Kindern haftenden Makel

und Rueckgabe des vaeterlichen Vermoegens auszuwirken. Vor allem die

eigenen Kinder der Geaechteten, die der Regent von Rechts wegen zu

politischen Parias herabgesetzt hatte, hatten damit gleichsam von dem

Gesetze selbst die Aufforderung empfangen, gegen die bestehende Ordnung

sich zu empoeren. ---------------------------------------------- ^1

Ein bezeichnender Zug ist es, dass ein angesehener Literaturlehrer, der

Freigelassene Staberius Eros, die Kinder der Geaechteten

unentgeltlich an seinem Kursus teilnehmen liess.

----------------------------------------------- Zu allen diesen

oppositionellen Fraktionen kam weiter hinzu die ganze Masse der

ruinierten Leute. All das vornehme und geringe Gesindel, dem im

eleganten oder im banausischen Schlemmen Habe und Haltung darauf

gegangen war; die adligen Herren, an denen nichts mehr vornehm war als

ihre Schulden; die Sullanischen Lanzknechte, die der Machtspruch des

Regenten wohl in Gutsbesitzer, aber nicht in Ackerbauer hatte umschaffen

koennen, und die nach der verprassten ersten Erbschaft der Geaechteten

sich sehnten, eine zweite aehnliche zu tun - sie alle warteten nur

auf die Entfaltung der Fahne, die zum Kampfe gegen die bestehenden

Verhaeltnisse einlud, mochte sonst was immer darauf geschrieben

sein. Mit gleicher Notwendigkeit schlossen alle aufstrebenden und

der Popularitaet beduerftigen Talente der Opposition sich an, sowohl

diejenigen, denen der streng geschlossene Optimatenkreis die Aufnahme

oder doch das rasche Emporkommen verwehrte und die deshalb in die

Phalanx gewaltsam sich einzudraengen und die Gesetze der oligarchischen

Exklusivitaet und Anciennitaet durch die Volksgunst zu brechen

versuchten, als auch die gefaehrlicheren Maenner, deren Ehrgeiz nach

einem hoeheren Ziel strebte, als die Geschicke der Welt innerhalb

der kollegialischen Umtriebe bestimmen zu helfen. Namentlich auf

der Advokatentribuene, dem einzigen von Sulla offengelassenen Boden

gesetzlicher Opposition, ward schon bei Lebzeiten des Regenten von

solchen Aspiranten mit den Waffen der formalen Jurisprudenz und der

schlagfertigen Rede lebhaft gegen die Restauration gestritten; zum

Beispiel der gewandte Sprecher Marcus Tullius Cicero (geboren 3. Januar

648 106), eines Gutsbesitzers von Arpinum Sohn, machte durch seine halb

vorsichtige, halb dreiste Opposition gegen den Machthaber sich rasch

einen Namen. Dergleichen Bestrebungen hatten nicht viel zu bedeuten,

wenn der Opponent nichts weiter begehrte, als den kurulischen Stuhl

damit sich einzuhandeln und sodann als Befriedigter den Rest seiner

Jahre auf demselben zu versitzen. Wenn freilich einem populaeren Mann

dieser Stuhl nicht genuegen und Gaius Gracchus einen Nachfolger finden

sollte, so war ein Kampf auf Tod und Leben unvermeidlich; indes fuer

jetzt wenigstens war noch kein Name zu nennen, dessen Traeger ein so

hohes Ziel sich vorgesteckt haette. Derart war die Opposition, mit der

das von Sulla eingesetzte oligarchische Regiment zu kaempfen hatte,

nachdem dasselbe, frueher als Sulla selbst gedacht haben mochte, durch

seinen Tod auf sich selber angewiesen worden war. Die Aufgabe war an

sich nicht leicht und ward noch erschwert durch die sonstigen sozialen

und politischen Uebelstaende dieser Zeit, vor allem durch die

ungemeine Schwierigkeit, teils die Militaerchefs in den Provinzen in

Unterwuerfigkeit gegen die hoechste buergerliche Obrigkeit zu erhalten,

teils in der Hauptstadt mit den Massen des daselbst sich anhaeufenden

italischen und ausseritalischen Gesindels und der in Rom grossenteils in

faktischer Freiheit lebenden Sklaven fertig zu werden, ohne doch Truppen

zur Verfuegung zu haben. Der Senat stand wie in einer von allen Seiten

ausgesetzten und bedrohten Festung, und ernstliche Kaempfe konnten nicht

ausbleiben. Aber auch die von Sulla geordneten Widerstandsmittel waren

ansehnlich und nachhaltig; und wenngleich die Majoritaet der Nation der

Regierung, wie Sulla sie eingesetzt hatte, offenbar abgeneigt, ja ihr

feindselig gesinnt war, so konnte nichtsdestoweniger gegen die irre und

wirre Masse einer Opposition, welche weder im Ziel noch im Weg zusammen

und hauptlos in hundert Fraktionen auseinanderging, die Regierung sehr

wohl noch auf lange hinaus in ihrer festen Burg sich behaupten. Nur

freilich musste sie auch sich behaupten wollen und wenigstens

einen Funken jener Energie, die ihre Festung gebaut hatte, zu deren

Verteidigung heranbringen; fuer eine Besatzung, die sich nicht wehren

will, zieht der groesste Schanzkuenstler vergebens seine Mauern und

Graeben. Je mehr schliesslich alles ankam auf die Persoenlichkeit der

leitenden Maenner auf beiden Seiten, desto uebler war es, dass es genau

genommen auf beiden Seiten an Fuehrern fehlte. Die Politik dieser Zeit

ward durchaus beherrscht von dem Koteriewesen in seiner schlimmsten

Gestalt. Wohl war dasselbe nichts Neues; die Familien- und

Klubgeschlossenheit ist untrennbar von der aristokratischen Ordnung des

Staats und war seit Jahrhunderten in Rom uebermaechtig. Aber allmaechtig

wurde dieselbe doch erst in dieser Epoche, wie denn ihr Einfluss auch

erst jetzt (zuerst 690 64) durch gesetzliche Repressivmassregeln weniger

gehemmt als konstatiert ward. Alle Vornehmen, die popular Gesinnten

nicht minder als die eigentliche Oligarchie, taten sich in Hetaerien

zusammen; die Masse der Buergerschaft, soweit sie ueberhaupt an den

politischen Vorgaengen regelmaessig sich beteiligte, bildete nach

den Stimmbezirken gleichfalls geschlossene und fast militaerisch

organisierte Vereine, die an den Vorstehern der Bezirke, den

"Bezirksverteilern" (divisores tribuum), ihre natuerlichen Hauptleute

und Mittelsmaenner fanden. Feil war diesen politischen Klubs alles:

die Stimme des Waehlers vor allem, aber auch die des Ratsmanns und des

Richters, auch die Faeuste, die den Strassenkrawall machten, und die

Rottenfuehrer, die ihn lenkten - nur im Tarif unterschieden sich die

Assoziationen der Vornehmen und der Geringen. Die Hetaerie entschied die

Wahlen, die Hetaerie beschloss die Anklagen, die Hetaerie leitete die

Verteidigung; sie gewann den angesehenen Advokaten, sie akkordierte

im Notfall wegen der Freisprechung mit einem der Spekulanten, die den

eintraeglichen Handel mit Richterstimmen im grossen betrieben. Die

Hetaerie beherrschte durch ihre geschlossenen Banden die Strassen der

Hauptstadt und damit nur zu oft den Staat. All diese Dinge geschahen

nach einer gewissen Regel und sozusagen oeffentlich; das

Hetaerienwesen war besser geordnet und besorgt als irgendein Zweig der

Staatsverwaltung; wenn auch, wie es unter zivilisierten Gaunern

ueblich ist, von dem verbrecherischen Treiben nach stillschweigendem

Einverstaendnis nicht geradezu gesprochen ward, so hatte doch niemand

dessen ein Hehl, und angesehene Sachwalter scheuten sich nicht,

ihr Verhaeltnis zu den Hetaerien ihrer Klienten oeffentlich und

verstaendlich anzudeuten. Fand sich hier und da ein einzelner Mann, der

diesem Treiben und nicht zugleich dem oeffentlichen Leben sich entzog,

so war er sicher, wie Marcus Cato, ein politischer Don Quichotte. An die

Stelle der Parteien und des Parteienkampfes traten die Klubs und deren

Konkurrenz, an die Stelle des Regiments die Intrige. Ein mehr als

zweideutiger Charakter, Publius Cethegus, einst einer der eifrigsten

Marianer, spaeter als Ueberlaeufer zu Sulla zu Gnaden aufgenommen,

spielte in dem politischen Treiben dieser Zeit eine der

einflussreichsten Rollen, einzig als schlauer Zwischentraeger

und Vermittler zwischen den senatorischen Fraktionen und als

staatsmaennischer Kenner aller Kabalengeheimnisse; zu Zeiten entschied

ueber die Besetzung der wichtigsten Befehlshaberstellen das Wort seiner

Maetresse Praecia. Eine solche Misere war eben nur moeglich, wo keiner

der politisch taetigen Maenner sich ueber die Linie des Gewoehnlichen

erhob; jedes ausserordentliche Talent haette diese Faktionenwirtschaft

wie Spinnweben weggefegt; aber eben an politischen und militaerischen

Kapazitaeten war der bitterste Mangel. Von dem aelteren Geschlecht

hatten die Buergerkriege keinen einzigen angesehenen Mann uebriggelassen

als den alten, klugen, redegewandten Lucius Philippus (Konsul 663 91),.

der, frueher popular gesinnt, darauf Fuehrer der Kapitalistenpartei

gegen den Senat und mit den Marianern eng verknuepft, endlich zeitig

genug, um Dank und Lohn zu ernten, uebergetreten zu der siegenden

Oligarchie, zwischen den Parteien durchgeschluepft war. Unter den

Maennern der folgenden Generation waren die namhaftesten Haeupter

der reinen Aristokratie Quintus Metellus Pius (Konsul 674 80), Sullas

Genosse in Gefahren und Siegen; Quintus Lutatius Catulus, Konsul in

Sullas Todesjahr 676 (78), der Sohn des Siegers von Vercellae; und zwei

juengere Offiziere, die beiden Brueder Lucius und Marcus Lucullus, von

denen jener in Asien, dieser in Italien mit Auszeichnung unter Sulla

gefochten hatten; um zu schweigen von Optimaten wie Quintus Hortensius

(640-704 114-50), der nur als Sachwalter etwas bedeutete, oder gar

wie Decimus Iunius Brutus (Konsul 677 77), Mamercus Aemilius Lepidus

Livianus (Konsul 677 77) und andern solchen Nullitaeten, an denen der

vollklingende aristokratische Name das gute Beste war. Aber auch

jene vier Maenner erhoben sich wenig ueber den Durchschnittswert der

vornehmen Adligen dieser Zeit. Catulus war gleich seinem Vater ein

feingebildeter Mann und ehrlicher Aristokrat, aber von maessigen

Talenten und namentlich kein Soldat. Metellus war nicht bloss ein

persoenlich achtbarer Charakter, sondern auch ein faehiger und erprobter

Offizier: nicht so sehr wegen seiner engen verwandtschaftlichen und

kollegialischen Beziehungen zu dem Regenten, als besonders wegen seiner

anerkannten Tuechtigkeit war er im Jahre 675 (79) nach Niederlegung des

Konsulats nach Spanien gesandt worden, als dort die Lusitaner und die

roemischen Emigranten unter Quintus Sertorius abermals sich regten.

Tuechtige Offiziere waren auch die beiden Lucullus, namentlich der

aeltere, der ein sehr achtbares militaerisches Talent mit gruendlicher

literarischer Bildung und schriftstellerischen Neigungen vereinigte und

auch als Mensch ehrenwert erschien. Allein als Staatsmaenner waren

doch selbst diese besseren Aristokraten nicht viel weniger schlaff

und kurzsichtig als die Dutzendsenatoren der Zeit. Dem aeusseren Feind

gegenueber bewaehrten die namhafteren darunter sich wohl als brauchbar

und brav; aber keiner von ihnen bezeigte Lust und Geschick, die

eigentlich politischen Aufgaben zu loesen und das Staatsschiff durch

die bewegte See der Intrigen und Parteiungen als rechter Steuermann zu

lenken. Ihre politische Weisheit beschraenkte sich darauf, aufrichtig

zu glauben an die alleinseligmachende Oligarchie, dagegen die Demagogie

ebenso wie jede sich emanzipierende Einzelgewalt herzlich zu hassen und

mutig zu verwuenschen. Ihr kleiner Ehrgeiz nahm mit wenigem vorlieb.

Was von Metellus in Spanien erzaehlt wird, dass er nicht bloss die

wenig harmonische Leier der spanischen Gelegenheitspoeten sich gefallen,

sondern sogar, wo er hinkam, sich gleich einem Gotte mit Weinspenden und

Weihrauchduft empfangen und bei Tafel von niederschwebenden Viktorien

unter Theaterdonner das Haupt mit dem goldenen Siegeslorbeer

sich kraenzen liess, ist nicht besser beglaubigt als die meisten

geschichtlichen Anekdoten; aber auch in solchem Klatsch spiegelt sich

der heruntergekommene Ehrgeiz der Epigonengeschlechter. Selbst die

Besseren waren befriedigt, wenn nicht Macht und Einfluss, sondern das

Konsulat und der Triumph und im Rate ein Ehrenplatz errungen war, und

traten da, wo sie bei rechtem Ehrgeiz erst angefangen haben wuerden,

ihrem Vaterland und ihrer Partei wahrhaft nuetzlich zu sein, von der

politischen Buehne zurueck, um in fuerstlichem Luxus unterzugehen.

Maenner wie Metellus und Lucius Lucullus waren schon als Feldherren

nicht weniger als auf die Erweiterung des roemischen Gebiets durch neu

unterworfene Koenige und Voelkerschaften bedacht auf die der endlosen

Wildbret-, Gefluegel- und Dessertliste der roemischen Gastronomie durch

neue afrikanische und kleinasiatische Delikatessen und haben den

besten Teil ihres Lebens in mehr oder minder geistreichem Muessiggang

verdorben. Das traditionelle Geschick und die individuelle Resignation,

auf denen alles oligarchische Regiment beruht, waren der verfallenen

und kuenstlich wiederhergestellten roemischen Aristokratie dieser

Zeit abhanden gekommen; ihr galt durchgaengig der Cliquengeist

als Patriotismus, die Eitelkeit als Ehrgeiz, die Borniertheit als

Konsequenz. Waere die Sullanische Verfassung unter die Obhut von

Maennern gekommen, wie sie wohl im roemischen Kardinalskollegium und im

venezianischen Rat der Zehn gesessen haben, so ist es nicht zu sagen, ob

die Opposition vermocht haben wuerde, sie so bald zu erschuettern; mit

solchen Verteidigern war allerdings jeder Angriff eine ernste Gefahr.

Unter den Maennern, die weder unbedingte Anhaenger noch offene Gegner

der Sullanischen Verfassung waren, zog keiner mehr die Augen der Menge

auf sich als der junge, bei Sullas Tode achtundzwanzigjaehrige Gnaeus

Pompeius (geb. 29. September 648 106). Es war das ein Unglueck fuer den

Bewunderten wie fuer die Bewunderer; aber es war natuerlich. Gesund an

Leib und Seele, ein tuechtiger Turner, der noch als Oberoffizier mit

seinen Soldaten um die Wette sprang, lief und hob, ein kraeftiger und

gewandter Reiter und Fechter, ein kecker Freischarenfuehrer, war

der Juengling in einem Alter, das ihn von jedem Amt und vom Senat

ausschloss, Imperator und Triumphator geworden und hatte in der

oeffentlichen Meinung den ersten Platz naechst Sulla, ja von dem

laesslichen, halb anerkennenden, halb ironischen Regenten selbst

den Beinamen des Grossen sich erworben. Zum Unglueck entsprach seine

geistige Begabung diesen unerhoerten Erfolgen schlechterdings nicht.

Er war kein boeser und kein unfaehiger, aber ein durchaus gewoehnlicher

Mensch, durch die Natur geschaffen, ein tuechtiger Wachtmeister,

durch die Umstaende berufen, Feldherr und Staatsmann zu sein. Ein

einsichtiger, tapferer und erfahrener, durchaus vorzueglicher Soldat,

war er doch auch als Militaer ohne eine Spur hoeherer Begabung; als

Feldherr wie ueberhaupt ist es ihm eigen, mit einer an Aengstlichkeit

grenzenden Vorsicht zu Werke zu gehen und womoeglich den entscheidenden

Schlag erst dann zu fuehren, wenn die ungeheuerste Ueberlegenheit ueber

den Gegner hergestellt ist. Seine Bildung ist die Dutzendbildung der

Zeit; obwohl durch und durch Soldat versaeumte er doch nicht, als er

nach Rhodos kam, die dortigen Redekuenstler pflichtmaessig zu bewundern

und zu beschenken. Seine Rechtschaffenheit war die des reichen Mannes,

der mit seinem betraechtlichen ererbten und erworbenen Vermoegen

verstaendig Haus haelt; er verschmaehte es nicht, in der ueblichen

senatorischen Weise Geld zu machen, aber er war zu kalt und zu reich, um

deswegen sich in besondere Gefahren zu begeben und hervorragende Schande

sich aufzuladen. Die unter seinen Zeitgenossen im Schwange gehende

Lasterhaftigkeit hat mehr als seine eigene Tugend ihm den - relativ

allerdings wohl gerechtfertigten - Ruhm der Tuechtigkeit und

Uneigennuetzigkeit verschafft. Sein "ehrliches Gesicht" ward fast

sprichwoertlich, und noch nach seinem Tode war er ein wuerdiger und

sittlicher Mann; in der Tat war er ein guter Nachbar, welcher die

empoerende Sitte der Grossen jener Zeit, ihre Gebietsgrenzen durch

Zwangskaeufe oder, noch Schlimmeres, auf Kosten der kleineren

Nachbarn auszudehnen, nicht mitmachte, und zeigte er im Familienleben

Anhaenglichkeit an Frau und Kinder; es gereicht ihm ferner zur Ehre,

dass er zuerst von der barbarischen Sitte abging, die gefangenen

feindlichen Koenige und Feldherrn nach ihrer Auffuehrung im Triumph

hinrichten zu lassen. Aber das hielt ihn nicht ab, wenn sein Herr und

Meister Sulla befahl, sich von der geliebten Frau zu scheiden, weil sie

einem verfemten Geschlecht angehoerte, und auf desselben Gebieters Wink

Maenner, die ihm in schwerer Zeit hilfreich beigestanden hatten, mit

grosser Seelenruhe vor seinen Augen hinrichten zu lassen; er war nicht

grausam, wie man ihm vorwarf, aber, was vielleicht schlimmer ist, kalt

und im Guten wie im Boesen ohne Leidenschaft. Im Schlachtgetuemmel sah

er dem Feinde das Weisse im Auge; im buergerlichen Leben war er ein

schuechterner Mann, dem bei der geringsten Veranlassung das Blut in

die Wangen stieg und der nicht ohne Verlegenheit oeffentlich sprach,

ueberhaupt eckig, steif und ungelenk im Verkehr. Bei all seinem

hoffaertigen Eigensinn war er, wie ja in der Regel diejenigen es sind,

die ihre Selbstaendigkeit zur Schau tragen, ein lenksames Werkzeug in

der Hand derjenigen, die ihn zu nehmen verstanden, namentlich seiner

Freigelassenen und Klienten, von denen er nicht fuerchtete, beherrscht

zu werden. Zu nichts war er minder geschaffen als zum Staatsmann. Unklar

ueber seine Ziele, ungewandt in der Wahl seiner Mittel, im kleinen wie

im grossen kurzsichtig und ratlos, pflegte er seine Unschluessigkeit und

Unsicherheit unter feierlichem Schweigen zu verbergen und, wenn er fein

zu spielen meinte, nur mit dem Glauben andere zu taeuschen, sich

selber zu betruegen. Durch seine militaerische Stellung und seine

landsmannschaftlichen Beziehungen fiel ihm fast ohne sein Zutun eine

ansehnliche, ihm persoenlich ergebene Partei zu, mit der sich die

groessten Dinge haetten durchfuehren lassen; allein Pompeius war in

jeder Beziehung unfaehig, eine Partei zu leiten und zusammenzuhalten,

und wenn sie dennoch zusammenhielt, so geschah dies gleichfalls ohne

sein Zutun durch das blosse Schwergewicht der Verhaeltnisse. Hierin

wie in andern Dingen erinnert er an Marius; aber Marius ist mit seinem

bauerhaft rohen, sinnlich leidenschaftlichen Wesen doch noch minder

unertraeglich als dieser langweiligste und steifleinenste aller

nachgemachten grossen Maenner. Seine politische Stellung war durchaus

schief. Er war Sullanischer Offizier und fuer die restaurierte

Verfassung einzustehen verpflichtet, und doch auch wieder in Opposition

gegen Sulla persoenlich wie gegen das ganze senatorische Regiment.

Das Geschlecht der Pompeier, das erst seit etwa sechzig Jahren in den

Konsularverzeichnissen genannt ward, galt in den Augen der Aristokratie

noch keineswegs als voll; auch hatte der Vater dieses Pompeius gegen

den Senat eine sehr gehaessige Zwitterstellung eingenommen und er selbst

einst in den Reihen der Cinnaner gestanden - Erinnerungen, die wohl

verschwiegen, aber nicht vergessen wurden. Die hervorragende Stellung,

die Pompeius unter Sulla sich erwarb, entzweite ihn innerlich ebensosehr

mit der Aristokratie, wie sie ihn aeusserlich mit derselben verflocht.

Schwachkoepfig wie er war, ward Pompeius auf der so bedenklich rasch und

leicht erklommenen Ruhmeshoehe vom Schwindel ergriffen. Gleich als wolle

er seine duerr prosaische Natur durch die Parallele mit der poetischsten

aller Heldengestalten selber verhoehnen, fing er an sich mit Alexander

dem Grossen zu vergleichen und sich fuer einen einzigen Mann zu halten,

dem es nicht gezieme, bloss einer von den fuenfhundert roemischen

Ratsherren zu sein. In der Tat war niemand mehr geschaffen, in ein

aristokratisches Regiment als Glied sich einzufuegen, als er.

Pompeius' wuerdevolles Aeussere, seine feierliche Foermlichkeit, seine

persoenliche Tapferkeit, sein ehrbares Privatleben, sein Mangel an

aller Initiative haetten ihm, waere er zweihundert Jahre frueher geboren

worden, neben Quintus Maximus und Publius Decius einen ehrenvollen Platz

gewinnen moegen; zu der Wahlverwandtschaft, die zwischen Pompeius und

der Masse der Buergerschaft und des Senats zu allen Zeiten bestand,

hat diese echt optimatische und echt roemische Mediokritaet nicht am

wenigsten beigetragen. Auch in seiner Zeit noch haette es eine klare

und ansehnliche Stellung fuer ihn gegeben, wofern er damit sich genuegen

liess, der Feldherr des Rates zu sein, zu dem er von Haus aus bestimmt

war. Es genuegte ihm nicht und so geriet er in die verhaengnisvolle

Lage, etwas anderes sein zu wollen als er sein konnte. Bestaendig

trachtete er nach einer Sonderstellung im Staat und wenn sie sich

darbot, konnte er sich nicht entschliessen, sie einzunehmen; mit tiefer

Erbitterung nahm er es auf, wenn Personen und Gesetze nicht unbedingt

vor ihm sich beugten, und doch trat er selbst mit nicht bloss

affektierter Bescheidenheit ueberall auf als einer von vielen

Gleichberechtigten und zitterte vor dem blossen Gedanken, etwas

Verfassungswidriges zu beginnen. Also bestaendig in gruendlicher

Spannung mit und doch zugleich der gehorsame Diener der Oligarchie,

bestaendig gepeinigt von einem Ehrgeiz, der vor seinem eigenen Ziele

erschrickt, verfloss ihm in ewigem innerem Widerspruch freudelos sein

vielbewegtes Leben. Ebensowenig als Pompeius kann Marcus Crassus zu den

unbedingten Anhaengern der Oligarchie gezaehlt werden. Er ist eine fuer

diese Epoche hoechst charakteristische Figur. Wie Pompeius, dem er im

Alter um wenige Jahre voranging, gehoerte auch er zu dem Kreise der

hohen roemischen Aristokratie, hatte die gewoehnliche standesmaessige

Erziehung erhalten und gleich Pompeius unter Sulla im Italischen Kriege

mit Auszeichnung gefochten. An geistiger Begabung, literarischer

Bildung und militaerischem Talent weit zurueckstehend hinter vielen

seinesgleichen, ueberfluegelte er sie durch seine grenzenlose

Ruehrigkeit und durch die Beharrlichkeit, mit der er rang, alles

zu besitzen und zu bedeuten. Vor allen Dingen warf er sich in die

Spekulation. Gueterkaeufe waehrend der Revolution begruendeten sein

Vermoegen; aber er verschmaehte keinen Erwerbszweig; er betrieb das

Baugeschaeft in der Hauptstadt ebenso grossartig wie vorsichtig; er ging

mit seinen Freigelassenen bei den mannigfaltigsten Unternehmungen in

Kompagnie; er machte in und ausser Rom, selbst oder durch seine Leute

den Bankier; er Schoss seinen Kollegen Im Senat Geld vor und unternahm

es, fuer ihre Rechnung wie es fiel Arbeiten auszufuehren oder

Richterkollegien zu bestechen. Waehlerisch im Profitmachen war er eben

nicht. Schon bei den Sullanischen Aechtungen war ihm eine Faelschung

in den Listen nachgewiesen worden, weshalb Sulla sich von da an in

Staatsgeschaeften seiner nicht weiter bedient hatte; die Erbschaft nahm

er darum nicht weniger, weil die Testamentsurkunde, in der sein Name

stand, notorisch gefaelscht war; er hatte nichts dagegen, wenn seine

Meier die kleinen Anlieger ihres Herrn von ihren Laendereien gewaltsam

oder heimlich verdraengten. Uebrigens vermied er offene Kollisionen mit

der Kriminaljustiz und lebte als echter Geldmann selbst buergerlich und

einfach. Auf diesem Wege ward Crassus binnen wenig Jahren aus einem Mann

von gewoehnlichem senatorischen, der Herr eines Vermoegens, das nicht

lange vor seinem Tode nach Bestreitung ungeheurer ausserordentlicher

Ausgaben sich noch auf 170 Mill. Sesterzen (13 Mill. Taler) belief:

er war der reichste Roemer geworden und damit zugleich eine politische

Groesse. Wenn nach seiner Aeusserung niemand sich reich nennen durfte,

der nicht aus seinen Zinsen ein Kriegsheer zu unterhalten vermochte, so

war, wer dies vermochte, kaum noch ein blosser Buerger. In der Tat war

Crassus' Blick auf ein hoeheres Ziel gerichtet als auf den Besitz

der gefuelltesten Geldkiste in Rom. Er liess es sich keine Muehe

verdriessen, seine Verbindungen auszudehnen. Jeden Buerger der

Hauptstadt wusste er beim Namen zu gruessen. Keinem Bittenden versagte

er seinen Beistand vor Gericht. Zwar die Natur hatte nicht viel fuer ihn

als Sprecher getan: seine Rede war trocken, der Vortrag eintoenig, er

hoerte schwer; aber sein zaeher Sinn, den keine Langeweile abschreckte

wie kein Genuss abzog, ueberwand die Hindernisse. Nie erschien er

unvorbereitet, nie extemporierte er, und so ward er ein allzeit

gesuchter und allzeit fertiger Anwalt, dem es keinen Eintrag tat, dass

ihm nicht leicht eine Sache zu schlecht war und dass er nicht bloss

durch sein Wort, sondern auch durch seine Verbindungen und vorkommenden

Falls durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der halbe

Rat war ihm verschuldet; seine Gewohnheit, den Freunden Geld ohne

Zinsen auf beliebige Rueckforderung vorzuschiessen, machte eine Menge

einflussreicher Maenner von ihm abhaengig, um so mehr, da er als echter

Geschaeftsmann keinen Unterschied unter den Parteien machte,

ueberall Verbindungen unterhielt und bereitwillig jedem borgte, der

zahlungsfaehig oder sonst brauchbar war. Die verwegensten Parteifuehrer,

die ruecksichtslos nach allen Seiten hin ihre Angriffe richteten,

hueteten sich, mit Crassus anzubinden; man verglich ihn dem Stier der

Herde, den zu reizen fuer keinen raetlich war. Dass ein so gearteter und

so gestellter Mann nicht nach niedrigen Zielen streben konnte, leuchtet

ein; und, anders als Pompeius, wusste Crassus genau wie ein Bankier,

worauf und womit er politisch spekulierte. Seit Rom stand, war daselbst

das Kapital eine politische Macht; die Zeit war von der Art, dass

dem Golde wie dem Eisen alles zugaenglich schien. Wenn in der

Revolutionszeit eine Kapitalistenaristokratie daran hatte denken moegen,

die Oligarchie der Geschlechter zu stuerzen, so durfte auch ein Mann

wie Crassus die Blicke hoeher erheben als zu den Rutenbuendeln und dem

gestickten Mantel der Triumphatoren. Augenblicklich war er Sullaner und

Anhaenger des Senats; allein er war viel zu sehr Finanzmann, um einer

bestimmten politischen Partei sich zu eigen zu geben und etwas anderes

zu verfolgen als seinen persoenlichen Vorteil. Warum sollte Crassus,

der reichste und der intriganteste Mann in Rom und kein scharrender

Geizhals, sondern ein Spekulant im groessten Massstab, nicht spekulieren

auch auf die Krone? Vielleicht vermochte er allein es nicht, dies

Ziel zu erreichen; aber er hatte ja schon manches grossartige

Gesellschaftsgeschaeft gemacht: es war nicht unmoeglich, dass auch

hierfuer ein passender Teilnehmer sich darbot. Es gehoerte zur Signatur

der Zeit, dass ein mittelmaessiger Redner und Offizier, ein Politiker,

der seine Ruehrigkeit fuer Energie, seine Begehrlichkeit fuer Ehrgeiz

hielt, der im Grunde nichts hatte als ein kolossales Vermoegen und das

kaufmaennische Talent, Verbindungen anzuknuepfen - dass ein solcher

Mann, gestuetzt auf die Allmacht der Koterien und Intrigen, den ersten

Feldherren und Staatsmaennern der Zeit sich ebenbuertig achten und mit

ihnen um den hoechsten Preis ringen durfte, der dem politischen Ehrgeiz

winkt. In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen

Konservativen als unter den Popuhren, hatten die Stuerme der Revolution

mit erschreckender Gruendlichkeit aufgeraeumt. Unter jenen war der

einzig uebriggebliebene namhafte Mann Gaius Cotta (630 bis ca. 681 124

-73), der Freund und Bundesgenosse des Drusus und deswegen im Jahre 663

(91) verbannt, sodann durch Sullas Krieg zurueckgefuehrt in die Heimat;

er war ein kluger Mann und ein tuechtiger Anwalt, aber weder durch das

Gewicht seiner Partei noch durch das seiner Persoenlichkeit zu mehr

berufen als zu einer achtbaren Nebenrolle. In der demokratischen Partei

zog unter dem jungen Nachwuchs der vierundzwanzigjaehrige Gaius Iulius

Caesar (geb. 12. Juli 652? 102) ^2 die Blicke von Freund und Feind

auf sich. Seine Verschwaegerung mit Marius und Cinna - seines Vaters

Schwester war Marius' Gemahlin gewesen, er selbst mit Cinnas Tochter

vermaehlt -; die mutige Weigerung des kaum dem Knabenalter entwachsenen

Juenglings, nach dem Befehl des Diktators seiner jungen Gemahlin

Cornelia den Scheidebrief zuzusenden, wie es doch im gleichen Falle

Pompeius getan; ein keckes Beharren auf dem ihm von Marius zugeteilten,

von Sulla aber wieder aberkannten Priesteramt; seine Irrfahrten

waehrend der ihm drohenden und muehsam durch Fuerbitte seiner Verwandten

abgewandten Aechtung; seiner Tapferkeit in den Gefechten vor Mytilene

und in Kilikien, die dem zaertlich erzogenen und fast weiblich

stutzerhaften Knaben niemand zugetraut hatte; selbst die Warnungen

Sullas vor dem "Knaben im Unterrock", in dem mehr als ein Marius

stecke - alles dies waren ebenso viele Empfehlungen in den Augen der

demokratischen Partei. Indes an Caesar konnten doch nur Hoffnungen fuer

die Zukunft sich knuepfen; und die Maenner, die durch ihr Alter und ihre

Stellung im Staat schon jetzt berufen gewesen sein wuerden, der Zuegel

der Partei und des Staates sich zu bemaechtigen, waren saemtliche tot

oder geaechtet. So war die Fuehrerschaft der Demokratie in Ermangelung

eines wahrhaft Berufenen fuer jeden zu haben, dem es belieben mochte,

sich zum Vertreter der unterdrueckten Volksfreiheit aufzuwerfen; und in

dieser Weise kam sie an Marcus Aemilius Lepidus, einen Sullaner, der

aus mehr als zweideutigen Beweggruenden ueberging in das Lager der

Demokratie. Einst ein eifriger Optimat und stark beteiligt bei den

ueber die Gueter der Geaechteten abgehaltenen Auktionen, hatte er als

Statthalter von Sizilien die Provinz so arg gepluendert, dass ihm eine

Anklage drohte, und, um dieser zu entgehen, sich in die Opposition

geworfen. Es war ein Gewinn von zweifelhaftem Werte. Zwar ein bekannter

Name, ein vornehmer Mann, ein hitziger Redner auf dem Markt war

damit der Opposition erworben; aber Lepidus war ein unbedeutender und

unbesonnener Kopf, der weder im Rate noch im Felde verdiente, an

der Spitze zu stehen. Nichtsdestoweniger hiess die Opposition ihn

willkommen, und dem neuen Demokratenfuehrer gelang es nicht bloss,

seine Anklaeger von der Fortsetzung des gegen ihn begonnenen Angriffs

abzuschrecken, sondern auch, seine Wahl zum Konsul fuer 676 (78)

durchzusetzen, wobei ihm uebrigens ausser den in Sizilien erpressten

Schaetzen auch Pompeius' albernes Bestreben foerderlich war, bei dieser

Gelegenheit Sulla und den reinen Sullanern zu zeigen, was er vermoege.

Da also, als Sulla starb, die Opposition an Lepidus wieder ein Haupt

gefunden hatte und da dieser ihr Fuehrer der hoechste Beamte des Staats

geworden war, so liess sich der nahe Ausbruch einer neuen Revolution

in der Hauptstadt mit Sicherheit vorhersehen.

------------------------------------------------------ ^2 Als Caesars

Geburtsjahr pflegt man das Jahr 654 (100) anzusetzen, weil er nach

Sueton (Caes. 88), Plutarch (Caes. 69) und Appian (civ. 2 149) bei

seinem Tode (15. Maerz 710 44) im 56. Jahre stand; womit auch die

Angabe, dass er zur Zeit der Sullanischen Proskription (672 82) achtzehn

Jahre alt gewesen (Vell. 2, 41), ungefaehr uebereinstimmt. Aber in

unaufloeslichem Widerspruch damit steht es, dass Caesar im Jahre

689 (65) die Aedilitaet, 692 (62) die Praetur, 695 (59) das Konsulat

bekleidet hat und jene Aemter nach den Annalgesetzen fruehestens resp.

im 37/38., 40/41. und 43/44. Lebensjahr bekleidet werden durften. Es ist

nicht abzusehen, wie Caesar saemtliche kurulischen Aemter zwei Jahre

vor der gesetzlichen Zeit bekleidet haben, noch weniger, dass hiervon

nirgends Erwaehnung geschehen sein sollte. Vielmehr legen diese

Tatsachen die Vermutung nahe, dass er, da sein Geburtstag unbezweifelt

auf den 12. Juli fiel, nicht 654 (100), sondern 652 (102) geboren ist,

also im Jahre 672 (82) im 20/21. Lebensjahre stand und nicht im 56.,

sondern 57 Jahre 8 Monate alt starb. Fuer diesen letzteren Ansatz laesst

sich ferner geltend machen, was man auffallenderweise dagegen angefuehrt

hat, dass Caesar "paene puer" von Marius und Cinna zum Flamen des

Jupiter bestellt wurde (Vell. 2, 43); denn Marius starb im Januar 668

(86), wo Caesar nach dem gewoehnlichen Ansatz dreizehn Jahre und sechs

Monate alt, also nicht "beinahe", wie Velleius sagt, sondern wirklich

noch Knabe und aus diesem Grunde eines solchen Priestertums kaum faehig

war. War er dagegen im Juli 652 (102) geboren, so stand er bei dem Tode

des Marius im sechzehnten Lebensjahr; und dazu stimmt die Bezeichnung

bei Velleius wie die allgemeine Regel, dass buergerliche Stellungen

nicht vor Ablauf des Knabenalters uebernommen werden. Zu diesem

letzteren Ansatz passt es ferner allein, dass die um den Ausbruch

des Buergerkrieges von Caesar geschlagenen Denare mit der Zahl LII,

wahrscheinlich dem Lebensjahr, bezeichnet sind; denn als er begann, war

Caesar hiernach etwas ueber 52 Jahre alt. Auch ist es nicht so verwegen,

wie es uns an regelmaessige und amtliche Geburtslisten Gewoehnten

erscheint, in dieser Hinsicht unsere Gewaehrsmaenner eines Irrtum

zu zeihen. Jene vier Angaben koennen sehr wohl alle auf eine

gemeinschaftliche Quelle zurueckgehen und duerfen ueberhaupt, da fuer

die aeltere Zeit vor dem Beginn der acta diurna die Angaben ueber die

Geburtsjahre auch der bekanntesten und hoechstgestellten Roemer, zum

Beispiel ueber das des Pompeius, in der auffallendsten Weise schwanken,

auf keine sehr hohe Glaubwuerdigkeit Anspruch machen. Vgl. Roemisches

Staatsrecht, Bd. 1, S. 570. In dem 'Leben Caesars' von Napoleon

III. (Bd. 2, Kap. 1) ist hiergegen eingewandt worden, teils dass das

Annalgesetz fuer Caesars Geburtsjahr nicht auf 652 (102), sondern 651

(103) fuehren wuerde, teils besonders, dass auch sonst Faelle bekannt

sind, wo dasselbe nicht befolgt worden ist. Allein die erste Behauptung

beruht auf einem Versehen; denn wie Ciceros Beispiel zeigt, forderte das

Annalgesetz nur, dass bei Antritt des Amtes das 43. Lebensjahr begonnen,

nicht dass es zurueckgelegt sei. Die behaupteten Ausnahmen aber von der

Regel treffen saemtlich nicht zu. Wenn Tacitus (ann. 11, 22) sagt, dass

man ehemals bei der Vergebung der Aemter gar keine Ruecksicht auf das

Alter genommen und Konsulat und Diktatur an ganz junge Leute uebertragen

habe, so hat er natuerlich, wie auch alle Erklaerer anerkennen, dabei

die aeltere Zeit im Sinne, vor Erlass der Annalgesetze, das Konsulat des

dreiundzwanzigjaehrigen M. Valerius Corvus und aehnliche Faelle. Dass

Lucullus das hoechste Amt vor dem gesetzlichen Alter empfing, ist

falsch; es wird nur berichtet (Cic. ac. 2. 1, 1), dass auf Grund

einer uns nicht naeher bekannten Ausnahmeklausel zur Belohnung

fuer irgendwelche von ihm verrichtete Tat er von dem gesetzlichen

zweijaehrigen Intervall zwischen Aedilitaet und Praetur dispensiert war

- in der Tat war er 675 Aedil, wahrscheinlich 677 Praetor, 680 Konsul.

Dass der Fall des Pompeius ein gaenzlich verschiedener ist, liegt auf

der Hand; aber auch von Pompeius wird mehrfach ausdruecklich gemeldet

(Cic. imp. Cn. Pomp. 21, 62; App. civ. 3, 88), dass der Senat ihn von

den Altersgesetzen entband. Dass dies fuer Pompeius geschah, der als

sieggekroenter Oberfeldherr und Triumphator, an der Spitze eines Heeres

und seit seiner Koalition mit Crassus auch einer maechtigen Partei,

sich um das Konsulat bewarb, ist ebenso begreiflich, als es im hoechsten

Grade auffallend sein wuerde, wenn dasselbe fuer Caesar bei seiner

Bewerbung um die minderen Aemter geschehen sein sollte, wo er wenig mehr

bedeutete als andere politische Anfaenger; und noch viel auffallender

ist es, dass wohl von jener selbstverstaendlichen Ausnahme, aber nicht

von dieser mehr als seltsamen sich Erwaehnung findet, so nahe solche

Erwaehnungen, namentlich im Hinblick auf den 21jaehrigen Konsul Caesar

den Sohn auch gelegen haben wuerden (vgl. z. B. App. civ. 3, 88). Wenn

aus diesen unzutreffenden Beispielen dann die Folgerung gezogen wird,

dass "man in Rom das Gesetz wenig beachtet habe, wenn es sich um

ausgezeichnete Maenner handelte", so ist ueber Rom und die Roemer wohl

nie etwas Irrigeres gesagt worden als dieser Satz. Die Groesse des

roemischen Gemeinwesens wie nicht minder die seiner grossen Feldherren

und Staatsmaenner beruht vor allen Dingen darauf, dass das Gesetz auch

fuer sie galt. --------------------------------------------- Schon

frueher aber als die Demokraten in der Hauptstadt hatten sich in Spanien

die demokratischen Emigranten wieder geregt. Die Seele dieser Bewegung

war Quintus Sertorius. Dieser vorzuegliche Mann, geboren in Nursia im

Sabinerland, war von Haus aus zart und selbst weich organisiert -

die fast schwaermerische Liebe fuer seine Mutter Raia zeigt es - und

zugleich von der ritterlichsten Tapferkeit, wie die aus dem Kimbrischen,

dem Spanischen und dem Italischen Krieg heimgebrachten ehrenvollen

Narben bewiesen. Obwohl als Redner gaenzlich ungeschult, erregte er

durch den natuerlichen Fluss und die treffende Sicherheit seiner Rede

die Bewunderung der gelernten Sachwalter. Sein ungemeines militaerisches

und staatsmaennisches Talent hatte er namentlich in dem von

den Demokraten so ueber die Massen elend und kopflos gefuehrten

Revolutionskrieg Gelegenheit gefunden in glaenzendem Kontrast zu

beweisen: anerkanntermassen war er der einzige demokratische Offizier,

der den Krieg vorzubereiten und zu leiten verstand, und der einzige

demokratische Staatsmann, der dem gedankenlosen Treiben und Wueten

seiner Partei mit staatsmaennischer Energie entgegentrat. Seine

spanischen Soldaten nannten ihn den neuen Hannibal und nicht bloss

deswegen, weil er gleich diesem im Kriege ein Auge eingebuesst hatte.

Er erinnert in der Tat an den grossen Phoeniker durch seine ebenso

verschlagene als mutige Kriegfuehrung, sein seltenes Talent, den Krieg

durch den Krieg zu organisieren, seine Gewandtheit, fremde Nationen in

sein Interesse zu ziehen und seinen Zwecken dienstbar zu machen, seine

Besonnenheit im Glueck und Unglueck, seine erfinderische Raschheit

in der Benutzung seiner Siege wie in der Abwendung der Folgen seiner

Niederlagen. Man darf zweifeln, ob irgendein roemischer Staatsmann

der frueheren oder der gegenwaertigen Zeit an allseitigem Talent

mit Sertorius sich vergleichen laesst. Nachdem Sullas Feldherren ihn

gezwungen hatten, aus Spanien zu weichen, hatte er an den spanischen

und afrikanischen Kuesten ein unstetes Abenteuerleben gefuehrt, bald

im Bunde, bald im Kriege mit den auch hier einheimischen kilikischen

Piraten und den Haeuptlingen der schweifenden Staemme Libyens. Selbst

hierhin hatte die siegreiche roemische Restauration ihn verfolgt; als er

Tingis (Tanger) belagerte, war dem Fuersten der Stadt zu Hilfe aus dem

roemischen Afrika ein Korps unter Pacciaecus erschienen; aber Pacciaecus

ward von Sertorius voellig geschlagen und Tingis genommen. Auf das

weithin erschallende Geruecht von solchen Kriegstaten des roemischen

Fluechtlings sandten die Lusitaner, die trotz ihrer angeblichen

Unterwerfung unter die roemische Oberhoheit tatsaechlich ihre

Unabhaengigkeit behaupteten und jaehrlich mit den Statthaltern des

Jenseitigen Spaniens fochten, Botschaft an Sertorius nach Afrika, um

ihn zu sich einzuladen und ihm das Feldherrnamt ueber ihre Miliz zu

uebertragen. Sertorius, der zwanzig Jahre zuvor unter Titus Didius in

Spanien gedient hatte und die Hilfsquellen des Landes kannte, beschloss,

der Einladung Folge zu leisten, und schiffte mit Zuruecklassung eines

kleinen Postens an der mauretanischen Kueste nach Spanien sich ein (um

674 80). Die Meerenge, die Spanien und Afrika scheidet, war

besetzt durch ein roemisches, von Cotta gefuehrtes Geschwader; sich

durchzuschleichen war nicht moeglich; so schlug Sertorius sich durch und

gelangte gluecklich zu den Lusitanern. Es waren nicht mehr als zwanzig

lusitanische Gemeinden, die sich unter seine Befehle stellten, und

auch von "Roemern" musterte er nur 2600 Mann, von denen ein guter Teil

Uebergetretene aus dem Heer des Pacciaecus oder roemisch bewaffnete

Afrikaner waren. Sertorius erkannte es, dass alles darauf ankam, den

losen Guerillaschwaermen einen festen Kern roemisch organisierter und

disziplinierter Truppen zu geben; er verstaerkte zu diesem Ende seine

mitgebrachte Schar durch Aushebung von 4000 Fusssoldaten und 700 Reitern

und rueckte mit dieser einen Legion und den Schwaermen der spanischen

Freiwilligen gegen die Roemer vor. Den Befehl im jenseitigen Spanien

fuehrte Lucius Fufidius, der durch seine unbedingte und bei den

Aechtungen erprobte Hingebung an Sulla vom Unteroffizier zum Propraetor

aufgerueckt war; am Baetis ward dieser voellig geschlagen; 2000 Roemer

bedeckten die Walstatt. Eilige Boten beriefen den Statthalter der

benachbarten Ebroprovinz, Marcus Domitius Calvinus, um dem weiteren

Vordringen der Sertorianer ein Ziel zu setzen; bald erschien (675 79)

auch der erprobte Feldherr Quintus Metellus, von Sulla gesandt, um den

unbrauchbaren Fufidius im suedlichen Spanien abzuloesen. Aber es gelang

doch nicht, des Aufstandes Herr zu werden. In der Ebroprovinz wurde von

dem Unterfeldherrn des Sertorius, dem Quaestor Lucius Hirtuleius, nicht

bloss Calvinus' Heer vernichtet und er selbst getoetet, sondern auch

Lucius Manlius, der Statthalter des jenseitigen Galliens, der seinem

Kollegen zu Hilfe mit drei Legionen die Pyrenaeen ueberschritten, von

demselben tapferen Fuehrer vollstaendig geschlagen. Muehsam rettete

Manlius sich mit weniger Mannschaft nach Ilerda (Lerida) und von da

in seine Provinz, auf welchem Marsch er noch durch einen Ueberfall

der aquitanischen Voelkerschaften sein ganzes Gepaeck einbuesste. Im

Jenseitigen Spanien drang Metellus in das lusitanische Gebiet ein;

allein es gelang Sertorius, waehrend der Belagerung von Longobriga

(unweit der Tajomuendung) eine Abteilung unter Aquinus in einen

Hinterhalt zu locken und dadurch Metellus selbst zur Aufhebung der

Belagerung und zur Raeumung des lusitanischen Gebietes zu zwingen.

Sertorius folgte ihm, schlug am Anas (Guadiana) das Korps des Thorius

und tat dem feindlichen Oberfeldherrn selbst unsaeglichen Abbruch im

kleinen Kriege. Metellus, ein methodischer und etwas schwerfaelliger

Taktiker, war in Verzweiflung ueber diesen Gegner, der die

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 1 / 68 段