Vor ein paar Tagen sah ich einer Trauung zu ... oder nein! Ich werde
Ihnen zuerst von einer Weihnachtsfeier erzählen. Eine Trauung ist ja an
sich sehr schön und auch diese gefiel mir sehr ... aber das andere
Erlebnis ergriff mich doch noch mehr. Als ich der Trauung zusah, wurde
ich an jene Weihnachtsfeier erinnert. Doch ich will erzählen, wie das
zuging.
Vor etwa fünf Jahren erhielt ich eines Tages zwischen Weihnacht und
Neujahr eine Einladung zu einem Kinderball, der in dem Hause einer mir
bekannten, angesehenen Familie stattfinden sollte. Der Hausherr war eine
einflußreiche Persönlichkeit, die gute Verbindungen besaß, einen großen
Bekanntenkreis hatte, eine gewichtige Rolle in der Gesellschaft spielte
und alle möglichen Intrigen zu spinnen pflegte, so daß man ohne weiteres
annehmen konnte, dieser Kinderball sei nur ein Vorwand für die Eltern,
namentlich für die Herren Väter, einmal ganz harmlos in größerer Anzahl
zusammenzukommen und bei der Gelegenheit ganz zufällig über allerlei
bemerkenswerte Dinge und Ereignisse zu reden. Da mich aber besagte Dinge
und Ereignisse nichts angingen und ich unter den Anwesenden so gut wie
gar keine Bekannten vorfand, verbrachte ich den Abend in der
Gesellschaft ziemlich ungestört und mir selbst überlassen. Dasselbe tat
auch noch ein anderer Herr, der, wie mir schien, sich weder durch Rang
noch Namen auszeichnete und wohl gleich mir nur durch einen Zufall auf
diesen Kinderball geraten war ... Er fiel mir sofort auf. Sein Äußeres
machte einen guten Eindruck: er war groß von Wuchs, hager, auffallend
ernst und sehr gut gekleidet. Man sah ihm deutlich an, daß es ihn nicht
nach Zerstreuung und fröhlicher Unterhaltung verlangte. Wenn er sich in
einen stilleren Winkel zurückzog, nahm sein Gesicht, dessen dichte
schwarze Brauen sich zusammenzogen, einen harten, fast finsteren
Ausdruck an. Bekannt war er offenbar, außer mit dem Hausherrn, mit
keinem einzigen Anwesenden. Und es war wohl unschwer zu erraten, daß das
ganze Fest ihn entsetzlich langweilte. Gleichwohl spielte er bis zum
Schluß mutig die Rolle eines angenehm unterhaltenen, glücklichen
Menschen. Nachher erfuhr ich, daß er aus der Provinz stammte und nur auf
kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, wo sich ein verwickelter
Prozeß, von dem für ihn alles abhing, in den nächsten Tagen entscheiden
sollte. Zu unserem Hausherrn hatte ihn ein Empfehlungsschreiben
gebracht, infolgedessen er von diesem höflichkeitshalber zu dem Abend
eingeladen worden war – doch durfte er, wie es hieß, durchaus nicht
darauf rechnen, daß sich der einflußreiche Mann deshalb für ihn
verwenden werde. Und da man nicht Karten spielte, dem unbekannten
Fremden keine Zigarren anbot und auch sonst niemand ein Gespräch mit ihm
anknüpfte – wahrscheinlich erkannte man den Vogel schon von weitem an
den Federn –, so war der Mann gezwungen, um doch irgendwo seine Hände zu
lassen, sich den ganzen Abend über den Backenbart zu streichen. Freilich
war dieser Bart sehr schön, nur strich er ihn doch etwas gar zu viel, so
daß man tatsächlich glauben konnte, zuerst sei der Backenbart erschaffen
worden und dann erst zu diesem Bart, und auch nur, um ihn zu streichen,
der ganze Mann.
Außer diesem Herrn, der sich um das Fest der fünf dicken kleinen Söhne
des Hausherrn wenig kümmerte, fiel mir noch ein zweiter Herr auf. Doch
der war eine ganz andere Erscheinung. Der war nämlich eine
Persönlichkeit!
Er hieß Julian Mastakowitsch. Auf den ersten Blick erriet man, daß er
ein Ehrengast war und zum Hausherrn in ungefähr demselben Verhältnis
stand, wie dieser zu jenem Unbekannten, der sich den Backenbart strich.
Der Hausherr und die Hausfrau sagten ihm unendlich viele
Liebenswürdigkeiten, machten ihm geradezu den Hof, führten alle ihre
Gäste zu ihm, um sie ihm vorzustellen, ihn selbst aber stellten sie
keinem vor. Wie ich bemerkte, erglänzte im Auge des Hausherrn sogar eine
Träne der Rührung, als Julian Mastakowitsch zum Lobe des Festes
versicherte, er habe selten so angenehm die Zeit verbracht. Mir ward
ordentlich unheimlich in der Gegenwart eines solchen Menschen: und so
zog ich mich denn, als ich mich am Anblick der Kinder genugsam ergötzt
hatte, in ein kleines Boudoir zurück, in dem zufällig kein Mensch war,
und setzte mich dort in die Blumenlaube der Hausherrin, die fast das
halbe Zimmer einnahm.
Die Kinder waren alle unglaublich nett und lieb und echt kindlich und
wollten unter keiner Bedingung den „Großen“ gleichen, ungeachtet aller
Ermahnungen der Gouvernanten und Mütter. Im Nu hatten sie den ganzen
Weihnachtsbaum bis auf das letzte Anhängsel geplündert und auch schon
Zeit gehabt, die Hälfte der Spielsachen zu zerbrechen, noch bevor sie
festgestellt hatten, für wen ein jedes Spielzeug überhaupt bestimmt war.
Ein kleiner Knabe mit dunklen Augen und braunen Locken gefiel mir ganz
besonders: er wollte mich unbedingt erschießen, denn er hatte ein
hölzernes Gewehr bekommen. Doch am meisten lenkte seine kleine Schwester
die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich. Sie war etwa elf Jahre alt, zart
und bleich, mit großen, nachdenklichen Augen. Die anderen Kinder hatten
sie irgendwie gekränkt, und da kam sie denn in das Zimmer, in dem ich
saß, setzte sich in einen Winkel und beschäftigte sich mit ihrer Puppe.
Die Gäste deuteten unter sich respektvoll auf einen reichen Kaufmann,
den Vater der Kleinen, und jemand wußte flüsternd mitzuteilen, daß an
barem Gelde bereits jetzt dreihunderttausend Rubel für sie als Mitgift
beiseite gelegt seien. Ich sah mich unwillkürlich nach der Gruppe um,
die ein so interessantes Gespräch führte, und mein Blick fiel auf Julian
Mastakowitsch, der, die Hände auf dem Rücken gekreuzt und den Kopf ein
wenig zur Seite geneigt, sehr aufmerksam dem müßigen Gespräch zuzuhören
schien. Gleichzeitig mußte ich mich über die Weisheit der Gastgeber, die
diese in der Verteilung der Geschenke zu bezeugen gewußt hatten, nicht
wenig wundern. Das kleine Mädchen z. B., das bereits dreihunderttausend
Rubel besaß, hatte die schönste und teuerste Puppe erhalten. Der Wert
der anderen Geschenke dagegen sank von Stufe zu Stufe herab, je nach dem
Range der Eltern dieser Kinder. Das letzte Kind, ein kleiner Knabe von
etwa zehn Jahren, ein mageres, rötlichblondes Kerlchen mit
Sommersprossen, bekam nur ein Buch, das belehrende Geschichten enthielt
und von der Größe der Natur, von Tränen der Rührung und ähnlichem
handelte, ein nüchternes Buch, ohne Bild, ohne eine Verzierung.
Er war der Sohn einer armen Witwe, die die Kinder des Hausherrn
unterrichtete und kurzweg die Gouvernante hieß. Er selbst war ein
ängstlicher, verschüchterter Knabe. Er trug eine kleine russische Bluse
aus billigem Nanking. Nachdem ihm sein Buch eingehändigt worden war,
ging er lange Zeit um die Spielsachen der anderen Kinder herum; er hätte
wohl furchtbar gern mit diesen anderen gespielt, aber er wagte es nicht
– man sah es ihm an, daß er seine gesellschaftliche Stellung bereits
vollkommen begriff. Ich beobachte gern Kinder beim Spiel. Ungeheuer
interessant ist ihre erste selbständige Äußerung im Leben. Es fiel mir
auf, daß der kleine arme Knabe sich von den reichen Geschenken der
anderen so hinreißen ließ, namentlich von einem Puppentheater, in dem er
gewiß gern eine Rolle übernommen hätte, daß er sich zu einer
Schmeichelei entschloß. Er lächelte und suchte sich angenehm zu machen,
er gab seinen Apfel einem kleinen pausbackigen Jungen, der bereits einen
ganzen Sack voll Naschwerk hatte, und er entschloß sich sogar, einen von
ihnen huckepack zu tragen, nur damit man ihn nicht vom Theater fortjage.
Doch im nächsten Augenblick wurde er von einem Erwachsenen, der
gewissermaßen den Oberaufseher spielte, mit Püffen und Stößen
fortgetrieben. Der Junge wagte nicht, zu weinen. Sogleich erschien auch
schon die Gouvernante, seine Mutter, und sagte ihm, er solle die anderen
nicht stören. Da kam denn der Kleine in jenes Zimmer, in dem das Mädchen
saß. Sie ließ ihn zu sich kommen und beide begannen eifrig, die schöne
Puppe anzukleiden.
Ich hatte schon über eine halbe Stunde in der Efeulaube gesessen und war
fast eingeschlummert, unbewußt eingelullt durch das Kindergespräch des
kleinen rotblonden Jungen und der zukünftigen Schönheit mit der Mitgift
von dreihunderttausend Rubeln, als plötzlich Julian Mastakowitsch ins
Zimmer trat. Er benutzte die Gelegenheit, die ihm ein großer Streit
unter den Kindern im Saale bot, unbemerkt zu verschwinden. Vor wenigen
Minuten hatte ich ihn noch an der Seite des reichen Kaufmannes, des
Vaters der Kleinen, in lebhaftem Gespräch gesehen, und aus einzelnen
Worten, die ich auffing, erriet ich, daß er die Vorzüge der einen
Stellung im Vergleich mit einer anderen pries. Jetzt stand er
nachdenklich an der Efeulaube, ohne mich zu sehen, und schien zu
überlegen.
„Dreihundert ... dreihundert ...“ murmelte er. „Elf ... zwölf, dreizehn
– sechzehn. Fünf Jahre! Nehmen wir an, zu vier Prozent – zwölf mal fünf
... das macht sechzig. Ja, von diesen sechzig ... nun, sagen wir, im
ganzen nach fünf Jahren – vierhundert. Ja! ... tja! ... Aber der wird
doch nicht bloß vier Prozent nehmen, dieser Hund! Mindestens acht, wenn
nicht sogar zehn. Na, sagen wir – fünfhunderttausend! Hm! eine halbe
Million Rubel, das ist schon besser – nun, und dann noch die Aussteuer
... hm ...“
Sein Entschluß stand fest. Er räusperte sich und wollte das Zimmer
bereits verlassen – da sah er plötzlich die Kleine im Winkel mit ihrer
Puppe neben dem armen Jungen, und blieb stehen. Mich bemerkte er hinter
dem dichten Efeu nicht. Wie mir schien, war er sehr erregt. Ob diese
Erregung nun auf die Berechnung, die er soeben angestellt hatte, oder
auf etwas anderes zurückzuführen war, das ist schwer zu sagen, doch rieb
er sich lächelnd die Hände und schien kaum ruhig stehen zu können. Die
Erregung wuchs noch bis ins ganz Unbegreifliche, als er einen zweiten
entschlossenen Blick auf die reiche Erbin warf. Er wollte einen Schritt
vortreten, blieb aber wieder stehen und blickte sich zuerst nach allen
Seiten um. Dann näherte er sich auf den Fußspitzen, als sei er sich
einer Schuld bewußt, langsam und ganz leise dem Kinde. Er lächelte. Als
er dicht hinter der Kleinen stand, beugte er sich zu ihr nieder und
küßte sie auf den Kopf. Die Kleine schrie vor Schreck auf, denn sie
hatte ihn bis dahin nicht bemerkt.
„Was tust du denn hier, mein liebes Kind?“ fragte er leise, blickte sich
um und klopfte ihr dann die Wange.
„Wir spielen ...“
„Ah? Mit ihm?“ Julian Mastakowitsch warf einen Blick auf den Knaben.
„Du könntest, mein Lieber, in den Saal gehen,“ riet er ihm.
Der Knabe schwieg und blickte ihn groß an. Julian Mastakowitsch sah sich
wieder schnell nach allen Seiten um und beugte sich von neuem zu der
Kleinen.
„Was hast du denn da, mein liebes Kind? Ein Püppchen?“ fragte er.
„Ein Püppchen ...“ antwortete die Kleine etwas zaghaft und runzelte
leicht die Stirn.
„Ein Püppchen ... Aber weißt du auch, mein liebes Kind, woraus diese
Puppe gemacht ist?“
„N–nein ...“ antwortete die Kleine flüsternd und senkte das Köpfchen
noch tiefer.
„Nun, aus alten Läppchen, mein Herzchen. Aber du könntest doch in den
Saal gehen, Junge, zu den anderen Kindern,“ wandte sich Julian
Mastakowitsch mit einem strengen Blick abermals an den Knaben. Doch das
Mädchen und der Kleine runzelten die Stirn und faßten sich gegenseitig
an. Sie wollten sich offenbar nicht voneinander trennen.
„Aber weißt du auch, wofür man dir dieses Püppchen geschenkt hat? ...“
fragte Julian Mastakowitsch, dessen Stimme immer einschmeichelnder
wurde.
„N–nein ...“
„Nun, dafür, daß du ein liebes und artiges Kind gewesen bist.“
Hier blickte sich Julian Mastakowitsch wieder nach der Tür um und fragte
dann mit kaum hörbarer, vor Erregung und Ungeduld zitternder Stimme:
„Aber wirst du mich auch lieben, kleines Mädchen, wenn ich zu deinen
Eltern zum Besuch komme?“
Bei diesen Worten wollte Julian Mastakowitsch noch einmal das Mädchen
küssen, doch als der kleine Knabe sah, daß sie dem Weinen schon ganz
nahe war, umklammerte er sie plötzlich angstvoll und begann vor lauter
Teilnahme und Mitleid mit ihr selbst laut zu weinen. Julian
Mastakowitsch wurde ernstlich böse.
„Geh, geh fort, geh fort von hier!“ sagte er ärgerlich. „Geh in den
Saal! Geh zu deinen Kameraden!“
„Nein, nicht, nicht! Er soll nicht gehn! Gehen Sie fort,“ sagte das
kleine Mädchen, „er aber soll hier bleiben, lassen Sie ihn hier!“ fügte
sie fast weinend hinzu.
Da ertönten laute Stimmen an der Tür und Julian Mastakowitschs
gewichtiger Oberkörper schnellte empor. Er war sichtlich erschrocken.
Doch der kleine Knabe erschrak noch mehr als Julian Mastakowitsch, gab
das kleine Mädchen frei und schlich geduckt längs der Wand ins Eßzimmer
zurück. Auch Julian Mastakowitsch ging ins Eßzimmer, ganz als wäre
nichts vorgefallen. Er war purpurrot im Gesicht, und als er im
Vorübergehen einen Blick in den Spiegel warf, schien sein Aussehen ihn
selbst zu verwirren. Vielleicht ärgerte er sich darüber, daß er so
erregt war, und daß er so unvorsichtig gesprochen hatte. Offenbar hatte
ihn seine Berechnung selbst so bestrickt und begeistert, daß er trotz
seiner ganzen Würde und Klugheit recht wie ein Knabe handelte und schon
jetzt und unbedacht genug auf sein Ziel geradeswegs loszusteuern begann.
Ich folgte ihm alsbald in das andere Zimmer – und wahrlich, was ich dort
erblickte, war ein seltsames Schauspiel! Ich sah nämlich, wie Julian
Mastakowitsch, der hochangesehene würdevolle Julian Mastakowitsch, den
kleinen Knaben einschüchterte, der immer weiter vor ihm zurückwich und
nicht wußte, wo er sich vor Angst lassen sollte.
„Marsch, wirst du wohl! Was tust du hier, Taugenichts? Geh! Geh! Du
stiehlst hier Früchte, wie? Du willst hier Früchte stehlen? Marsch,
mach’, daß du fortkommst, wirst du wohl, ich werd’ dir zeigen!“
Der eingeschüchterte Knabe entschloß sich schließlich zu einem
verzweifelten Rettungsversuch: er kroch unter den Tisch. Das rief aber
in seinem Verfolger noch größere Wut hervor. Zornig riß er sein langes
Batisttaschentuch aus der Tasche und begann damit den Kleinen unter dem
Tisch zu peitschen, damit er von dort hervorkrieche. Doch der Kleine war
mäuschenstill vor Angst und rührte sich nicht. Ich muß bemerken, daß
Julian Mastakowitsch ein wenig korpulent war. Er war, was man so nennt,
ein satter Mensch, mit roten Wänglein, einem kleinen Schmerbäuchlein,
untersetzt und mit dicken Schenkeln, – kurz, ein stämmiger Bursche, an
dem alles so rund war wie an einer Nuß. Schweißtropfen standen ihm schon
auf der Stirn, er atmete schwer und fast röchelnd. Das Blut drang ihm
vom Bücken rot und heiß zu Kopf. Er wurde jähzornig, so groß war sein
Unwille oder – wer kann es wissen? – seine Eifersucht. Ich lachte
schallend auf. Julian Mastakowitsch wandte sich blitzschnell nach mir um
und wurde ungeachtet seines gesellschaftlichen Ansehens, seiner
einflußreichen Stellung und seiner Jahre geradezu fassungslos verlegen.
In dem Augenblick trat durch die gegenüberliegende Tür der Hausherr ins
Zimmer. Der kleine Junge kroch unter dem Tisch hervor und rieb sich den
Staub von den Knien und Ellenbogen. Julian Mastakowitsch kam zu sich und
führte schnell das Taschentuch, das er noch an einem Zipfel hielt, an
die Nase und schnaubte sich.
Der Hausherr blickte uns drei etwas verwundert an, doch als lebenskluger
Mensch, der das Leben ernst auffaßte, wußte er sogleich die Gelegenheit,
mit seinem Gast unter vier Augen sprechen zu können, auszunutzen.
„Ach, sehen Sie, das ist jener Knabe, für den ich die Ehre hatte, zu
bitten ...“ begann er, auf den armen Kleinen weisend.
„Ah!“ versetzte Julian Mastakowitsch, noch immer nicht ganz auf der Höhe
der Situation.
„Er ist der Sohn der Gouvernante meiner Kinder,“ fuhr der Hausherr
erklärend und in verbindlichem Tone fort, „einer armen Frau. Sie ist die
Witwe eines ehrlichen Beamten. Ginge es nicht irgendwie, Julian
Mastakowitsch ...“
„Ach, ich entsinne mich! Nein, nein!“ unterbrach dieser ihn eilig.
„Nehmen Sie es mir nicht übel, mein bester Philipp Alexejewitsch, aber
es geht ganz und gar nicht. Ich habe mich erkundigt: Vakanzen gibt es
nicht und selbst wenn eine bestünde, so kämen doch zehn Kandidaten eher
in Betracht als dieser, da sie eben ein größeres Anrecht darauf hätten
... Es tut mir sehr leid, aber ...“
„Schade,“ sagte der Hausherr nachdenklich, „es ist ein stiller,
bescheidener Knabe ...“
„Scheint mir eher ein richtiger Bengel zu sein, soweit ich sehe,“
bemerkte Julian Mastakowitsch mit verzogenem Lächeln. „Geh, was stehst
du hier, mach’ dich fort! Geh zu deinen Spielkameraden,“ wandte er sich
an den Kleinen.
Dann konnte er offenbar der Versuchung nicht widerstehen, auch mir einen
Blick zuzuwerfen. Ich aber hielt nicht an mich, sondern lachte ihm offen
ins Gesicht. Julian Mastakowitsch wandte sich sogleich ab und fragte
sehr vernehmlich den Hausherrn, wer dieser sonderbare junge Mann
eigentlich sei. Sie begannen miteinander zu flüstern und verließen das
Zimmer. Ich sah nur noch durch die offene Tür wie Julian Mastakowitsch,
der dem Hausherrn aufmerksam zuhörte, verwundert und mißtrauisch den
Kopf schüttelte.
Als ich genügend gelacht hatte, begab ich mich gleichfalls in den Saal.
Dort stand jetzt der einflußreiche Mann, umringt von Vätern, Müttern und
den Festgebern und sprach lebhaft auf eine Dame ein, der man ihn soeben
vorgestellt hatte. Die Dame hielt das kleine Mädchen an der Hand, das
Julian Mastakowitsch vor zehn Minuten geküßt hatte. Er lobte die Kleine
bis in den siebenten Himmel, pries ihre Schönheit, ihre Grazie, ihre
Wohlerzogenheit, und die Mutter hörte ihm fast mit Tränen in den Augen
zu. Die Lippen des Vaters lächelten. Der Hausherr nahm mit sichtlichem
Wohlgefallen teil an der allgemeinen Freude. Die übrigen Gäste waren
gleichfalls angenehm berührt und selbst die Spiele der Kinder wurden
unterbrochen, damit sie durch ihr Geschrei nicht störten. Die ganze Luft
war voll von gehobener Stimmung. Später hörte ich, wie die tiefgerührte
Mutter der Kleinen in ausgesucht höflichen Redewendungen Julian
Mastakowitsch bat, ihrem Hause die besondere Ehre zu erweisen und sie zu
besuchen, und ich hörte weiter, mit wie ungefälschtem Entzücken Julian
Mastakowitsch der liebenswürdigen Aufforderung unfehlbar nachzukommen
versprach, und wie die Gäste, als sie darauf, so wie es der
gesellschaftliche Brauch verlangte, nach allen Seiten auseinandergingen,
sich in geradezu gerührten Lobpreisungen ergingen, die den Kaufmann,
dessen Frau und Töchterchen, namentlich aber Julian Mastakowitsch hoch
über sie selbst erhoben.
„Ist dieser Herr verheiratet?“ fragte ich hörbar laut einen meiner
Bekannten, der neben Julian Mastakowitsch stand.
Julian Mastakowitsch warf mir einen zornigen Blick zu, der wohl seinen
Gefühlen entsprach.
„Nein!“ antwortete mein Bekannter, offenbar höchst peinlich berührt
durch meine ungeschickte Frage, die ich absichtlich so laut an ihn
gerichtet hatte ...
* * * * *
Vor ein paar Tagen ging ich an der –schen Kirche vorüber. Die
Menschenmenge, die sich vor dem Portal drängte, und der reiche Schmuck
desselben fielen mir auf. Ringsum sprach man von einer Hochzeit. Es war
ein trüber Herbsttag und es begann zu frieren. Ich drängte mich mit den
anderen in die Kirche und erblickte den Bräutigam. Es war das ein
kleiner, rundlicher Herr mit einem Schmerbauch und vielen Orden auf der
Brust. Er war überaus beschäftigt, eilte hin und her, traf Anordnungen
und schien sehr aufgeregt zu sein. Endlich verbreitete sich von der Tür
her lautes Gemurmel: die Braut war erschienen. Ich drängte mich weiter
durch die Menge und erblickte eine wunderbare Schönheit, für die kaum
der erste Lenz angebrochen war. Sie war aber bleich und traurig. Ihre
Augen blickten zerstreut. Es schien mir sogar, daß diese Augen noch
gerötet waren von vergossenen Tränen. Die strenge Schönheit ihrer
Gesichtszüge verlieh ihrer ganzen jungen Erscheinung eine gewisse
hoheitsvolle Würde und Feierlichkeit. Und doch schimmerte durch diese
Strenge und Würde und diese Trauer noch das unschuldige unberührte
Kindergemüt – und es verriet sich darin etwas unsäglich Unerfahrenes,
Unbewußtes, Kindliches, das, wie es schien, ohne eine Bitte wortlos für
sich um Schonung flehte.
Man sagte, sie sei kaum erst sechzehn Jahre alt geworden. Ich blickte
aufmerksamer auf den Bräutigam und plötzlich erkannte ich in ihm Julian
Mastakowitsch, den ich seit fünf Jahren nicht wiedergesehen hatte. Ich
blickte nochmals auf die Braut ... Mein Gott! Ich drängte mich durch die
Gaffenden zum Ausgang, um schneller aus der Kirche zu kommen. In der
Menge erzählte man sich, daß die Braut reich sei: sie bekäme allein an
barem Kapital eine halbe Million Rubel mit und eine Aussteuer im Werte
von soundsoviel ...
„Dann stimmte also die Berechnung!“ dachte ich bei mir und trat auf die
Straße hinaus ...