Weihnacht und Hochzeit

Vor ein paar Tagen sah ich einer Trauung zu ... oder nein! Ich werde

Ihnen zuerst von einer Weihnachtsfeier erzählen. Eine Trauung ist ja an

sich sehr schön und auch diese gefiel mir sehr ... aber das andere

Erlebnis ergriff mich doch noch mehr. Als ich der Trauung zusah, wurde

ich an jene Weihnachtsfeier erinnert. Doch ich will erzählen, wie das

zuging.

Vor etwa fünf Jahren erhielt ich eines Tages zwischen Weihnacht und

Neujahr eine Einladung zu einem Kinderball, der in dem Hause einer mir

bekannten, angesehenen Familie stattfinden sollte. Der Hausherr war eine

einflußreiche Persönlichkeit, die gute Verbindungen besaß, einen großen

Bekanntenkreis hatte, eine gewichtige Rolle in der Gesellschaft spielte

und alle möglichen Intrigen zu spinnen pflegte, so daß man ohne weiteres

annehmen konnte, dieser Kinderball sei nur ein Vorwand für die Eltern,

namentlich für die Herren Väter, einmal ganz harmlos in größerer Anzahl

zusammenzukommen und bei der Gelegenheit ganz zufällig über allerlei

bemerkenswerte Dinge und Ereignisse zu reden. Da mich aber besagte Dinge

und Ereignisse nichts angingen und ich unter den Anwesenden so gut wie

gar keine Bekannten vorfand, verbrachte ich den Abend in der

Gesellschaft ziemlich ungestört und mir selbst überlassen. Dasselbe tat

auch noch ein anderer Herr, der, wie mir schien, sich weder durch Rang

noch Namen auszeichnete und wohl gleich mir nur durch einen Zufall auf

diesen Kinderball geraten war ... Er fiel mir sofort auf. Sein Äußeres

machte einen guten Eindruck: er war groß von Wuchs, hager, auffallend

ernst und sehr gut gekleidet. Man sah ihm deutlich an, daß es ihn nicht

nach Zerstreuung und fröhlicher Unterhaltung verlangte. Wenn er sich in

einen stilleren Winkel zurückzog, nahm sein Gesicht, dessen dichte

schwarze Brauen sich zusammenzogen, einen harten, fast finsteren

Ausdruck an. Bekannt war er offenbar, außer mit dem Hausherrn, mit

keinem einzigen Anwesenden. Und es war wohl unschwer zu erraten, daß das

ganze Fest ihn entsetzlich langweilte. Gleichwohl spielte er bis zum

Schluß mutig die Rolle eines angenehm unterhaltenen, glücklichen

Menschen. Nachher erfuhr ich, daß er aus der Provinz stammte und nur auf

kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, wo sich ein verwickelter

Prozeß, von dem für ihn alles abhing, in den nächsten Tagen entscheiden

sollte. Zu unserem Hausherrn hatte ihn ein Empfehlungsschreiben

gebracht, infolgedessen er von diesem höflichkeitshalber zu dem Abend

eingeladen worden war – doch durfte er, wie es hieß, durchaus nicht

darauf rechnen, daß sich der einflußreiche Mann deshalb für ihn

verwenden werde. Und da man nicht Karten spielte, dem unbekannten

Fremden keine Zigarren anbot und auch sonst niemand ein Gespräch mit ihm

anknüpfte – wahrscheinlich erkannte man den Vogel schon von weitem an

den Federn –, so war der Mann gezwungen, um doch irgendwo seine Hände zu

lassen, sich den ganzen Abend über den Backenbart zu streichen. Freilich

war dieser Bart sehr schön, nur strich er ihn doch etwas gar zu viel, so

daß man tatsächlich glauben konnte, zuerst sei der Backenbart erschaffen

worden und dann erst zu diesem Bart, und auch nur, um ihn zu streichen,

der ganze Mann.

Außer diesem Herrn, der sich um das Fest der fünf dicken kleinen Söhne

des Hausherrn wenig kümmerte, fiel mir noch ein zweiter Herr auf. Doch

der war eine ganz andere Erscheinung. Der war nämlich eine

Persönlichkeit!

Er hieß Julian Mastakowitsch. Auf den ersten Blick erriet man, daß er

ein Ehrengast war und zum Hausherrn in ungefähr demselben Verhältnis

stand, wie dieser zu jenem Unbekannten, der sich den Backenbart strich.

Der Hausherr und die Hausfrau sagten ihm unendlich viele

Liebenswürdigkeiten, machten ihm geradezu den Hof, führten alle ihre

Gäste zu ihm, um sie ihm vorzustellen, ihn selbst aber stellten sie

keinem vor. Wie ich bemerkte, erglänzte im Auge des Hausherrn sogar eine

Träne der Rührung, als Julian Mastakowitsch zum Lobe des Festes

versicherte, er habe selten so angenehm die Zeit verbracht. Mir ward

ordentlich unheimlich in der Gegenwart eines solchen Menschen: und so

zog ich mich denn, als ich mich am Anblick der Kinder genugsam ergötzt

hatte, in ein kleines Boudoir zurück, in dem zufällig kein Mensch war,

und setzte mich dort in die Blumenlaube der Hausherrin, die fast das

halbe Zimmer einnahm.

Die Kinder waren alle unglaublich nett und lieb und echt kindlich und

wollten unter keiner Bedingung den „Großen“ gleichen, ungeachtet aller

Ermahnungen der Gouvernanten und Mütter. Im Nu hatten sie den ganzen

Weihnachtsbaum bis auf das letzte Anhängsel geplündert und auch schon

Zeit gehabt, die Hälfte der Spielsachen zu zerbrechen, noch bevor sie

festgestellt hatten, für wen ein jedes Spielzeug überhaupt bestimmt war.

Ein kleiner Knabe mit dunklen Augen und braunen Locken gefiel mir ganz

besonders: er wollte mich unbedingt erschießen, denn er hatte ein

hölzernes Gewehr bekommen. Doch am meisten lenkte seine kleine Schwester

die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich. Sie war etwa elf Jahre alt, zart

und bleich, mit großen, nachdenklichen Augen. Die anderen Kinder hatten

sie irgendwie gekränkt, und da kam sie denn in das Zimmer, in dem ich

saß, setzte sich in einen Winkel und beschäftigte sich mit ihrer Puppe.

Die Gäste deuteten unter sich respektvoll auf einen reichen Kaufmann,

den Vater der Kleinen, und jemand wußte flüsternd mitzuteilen, daß an

barem Gelde bereits jetzt dreihunderttausend Rubel für sie als Mitgift

beiseite gelegt seien. Ich sah mich unwillkürlich nach der Gruppe um,

die ein so interessantes Gespräch führte, und mein Blick fiel auf Julian

Mastakowitsch, der, die Hände auf dem Rücken gekreuzt und den Kopf ein

wenig zur Seite geneigt, sehr aufmerksam dem müßigen Gespräch zuzuhören

schien. Gleichzeitig mußte ich mich über die Weisheit der Gastgeber, die

diese in der Verteilung der Geschenke zu bezeugen gewußt hatten, nicht

wenig wundern. Das kleine Mädchen z. B., das bereits dreihunderttausend

Rubel besaß, hatte die schönste und teuerste Puppe erhalten. Der Wert

der anderen Geschenke dagegen sank von Stufe zu Stufe herab, je nach dem

Range der Eltern dieser Kinder. Das letzte Kind, ein kleiner Knabe von

etwa zehn Jahren, ein mageres, rötlichblondes Kerlchen mit

Sommersprossen, bekam nur ein Buch, das belehrende Geschichten enthielt

und von der Größe der Natur, von Tränen der Rührung und ähnlichem

handelte, ein nüchternes Buch, ohne Bild, ohne eine Verzierung.

Er war der Sohn einer armen Witwe, die die Kinder des Hausherrn

unterrichtete und kurzweg die Gouvernante hieß. Er selbst war ein

ängstlicher, verschüchterter Knabe. Er trug eine kleine russische Bluse

aus billigem Nanking. Nachdem ihm sein Buch eingehändigt worden war,

ging er lange Zeit um die Spielsachen der anderen Kinder herum; er hätte

wohl furchtbar gern mit diesen anderen gespielt, aber er wagte es nicht

– man sah es ihm an, daß er seine gesellschaftliche Stellung bereits

vollkommen begriff. Ich beobachte gern Kinder beim Spiel. Ungeheuer

interessant ist ihre erste selbständige Äußerung im Leben. Es fiel mir

auf, daß der kleine arme Knabe sich von den reichen Geschenken der

anderen so hinreißen ließ, namentlich von einem Puppentheater, in dem er

gewiß gern eine Rolle übernommen hätte, daß er sich zu einer

Schmeichelei entschloß. Er lächelte und suchte sich angenehm zu machen,

er gab seinen Apfel einem kleinen pausbackigen Jungen, der bereits einen

ganzen Sack voll Naschwerk hatte, und er entschloß sich sogar, einen von

ihnen huckepack zu tragen, nur damit man ihn nicht vom Theater fortjage.

Doch im nächsten Augenblick wurde er von einem Erwachsenen, der

gewissermaßen den Oberaufseher spielte, mit Püffen und Stößen

fortgetrieben. Der Junge wagte nicht, zu weinen. Sogleich erschien auch

schon die Gouvernante, seine Mutter, und sagte ihm, er solle die anderen

nicht stören. Da kam denn der Kleine in jenes Zimmer, in dem das Mädchen

saß. Sie ließ ihn zu sich kommen und beide begannen eifrig, die schöne

Puppe anzukleiden.

Ich hatte schon über eine halbe Stunde in der Efeulaube gesessen und war

fast eingeschlummert, unbewußt eingelullt durch das Kindergespräch des

kleinen rotblonden Jungen und der zukünftigen Schönheit mit der Mitgift

von dreihunderttausend Rubeln, als plötzlich Julian Mastakowitsch ins

Zimmer trat. Er benutzte die Gelegenheit, die ihm ein großer Streit

unter den Kindern im Saale bot, unbemerkt zu verschwinden. Vor wenigen

Minuten hatte ich ihn noch an der Seite des reichen Kaufmannes, des

Vaters der Kleinen, in lebhaftem Gespräch gesehen, und aus einzelnen

Worten, die ich auffing, erriet ich, daß er die Vorzüge der einen

Stellung im Vergleich mit einer anderen pries. Jetzt stand er

nachdenklich an der Efeulaube, ohne mich zu sehen, und schien zu

überlegen.

„Dreihundert ... dreihundert ...“ murmelte er. „Elf ... zwölf, dreizehn

– sechzehn. Fünf Jahre! Nehmen wir an, zu vier Prozent – zwölf mal fünf

... das macht sechzig. Ja, von diesen sechzig ... nun, sagen wir, im

ganzen nach fünf Jahren – vierhundert. Ja! ... tja! ... Aber der wird

doch nicht bloß vier Prozent nehmen, dieser Hund! Mindestens acht, wenn

nicht sogar zehn. Na, sagen wir – fünfhunderttausend! Hm! eine halbe

Million Rubel, das ist schon besser – nun, und dann noch die Aussteuer

... hm ...“

Sein Entschluß stand fest. Er räusperte sich und wollte das Zimmer

bereits verlassen – da sah er plötzlich die Kleine im Winkel mit ihrer

Puppe neben dem armen Jungen, und blieb stehen. Mich bemerkte er hinter

dem dichten Efeu nicht. Wie mir schien, war er sehr erregt. Ob diese

Erregung nun auf die Berechnung, die er soeben angestellt hatte, oder

auf etwas anderes zurückzuführen war, das ist schwer zu sagen, doch rieb

er sich lächelnd die Hände und schien kaum ruhig stehen zu können. Die

Erregung wuchs noch bis ins ganz Unbegreifliche, als er einen zweiten

entschlossenen Blick auf die reiche Erbin warf. Er wollte einen Schritt

vortreten, blieb aber wieder stehen und blickte sich zuerst nach allen

Seiten um. Dann näherte er sich auf den Fußspitzen, als sei er sich

einer Schuld bewußt, langsam und ganz leise dem Kinde. Er lächelte. Als

er dicht hinter der Kleinen stand, beugte er sich zu ihr nieder und

küßte sie auf den Kopf. Die Kleine schrie vor Schreck auf, denn sie

hatte ihn bis dahin nicht bemerkt.

„Was tust du denn hier, mein liebes Kind?“ fragte er leise, blickte sich

um und klopfte ihr dann die Wange.

„Wir spielen ...“

„Ah? Mit ihm?“ Julian Mastakowitsch warf einen Blick auf den Knaben.

„Du könntest, mein Lieber, in den Saal gehen,“ riet er ihm.

Der Knabe schwieg und blickte ihn groß an. Julian Mastakowitsch sah sich

wieder schnell nach allen Seiten um und beugte sich von neuem zu der

Kleinen.

„Was hast du denn da, mein liebes Kind? Ein Püppchen?“ fragte er.

„Ein Püppchen ...“ antwortete die Kleine etwas zaghaft und runzelte

leicht die Stirn.

„Ein Püppchen ... Aber weißt du auch, mein liebes Kind, woraus diese

Puppe gemacht ist?“

„N–nein ...“ antwortete die Kleine flüsternd und senkte das Köpfchen

noch tiefer.

„Nun, aus alten Läppchen, mein Herzchen. Aber du könntest doch in den

Saal gehen, Junge, zu den anderen Kindern,“ wandte sich Julian

Mastakowitsch mit einem strengen Blick abermals an den Knaben. Doch das

Mädchen und der Kleine runzelten die Stirn und faßten sich gegenseitig

an. Sie wollten sich offenbar nicht voneinander trennen.

„Aber weißt du auch, wofür man dir dieses Püppchen geschenkt hat? ...“

fragte Julian Mastakowitsch, dessen Stimme immer einschmeichelnder

wurde.

„N–nein ...“

„Nun, dafür, daß du ein liebes und artiges Kind gewesen bist.“

Hier blickte sich Julian Mastakowitsch wieder nach der Tür um und fragte

dann mit kaum hörbarer, vor Erregung und Ungeduld zitternder Stimme:

„Aber wirst du mich auch lieben, kleines Mädchen, wenn ich zu deinen

Eltern zum Besuch komme?“

Bei diesen Worten wollte Julian Mastakowitsch noch einmal das Mädchen

küssen, doch als der kleine Knabe sah, daß sie dem Weinen schon ganz

nahe war, umklammerte er sie plötzlich angstvoll und begann vor lauter

Teilnahme und Mitleid mit ihr selbst laut zu weinen. Julian

Mastakowitsch wurde ernstlich böse.

„Geh, geh fort, geh fort von hier!“ sagte er ärgerlich. „Geh in den

Saal! Geh zu deinen Kameraden!“

„Nein, nicht, nicht! Er soll nicht gehn! Gehen Sie fort,“ sagte das

kleine Mädchen, „er aber soll hier bleiben, lassen Sie ihn hier!“ fügte

sie fast weinend hinzu.

Da ertönten laute Stimmen an der Tür und Julian Mastakowitschs

gewichtiger Oberkörper schnellte empor. Er war sichtlich erschrocken.

Doch der kleine Knabe erschrak noch mehr als Julian Mastakowitsch, gab

das kleine Mädchen frei und schlich geduckt längs der Wand ins Eßzimmer

zurück. Auch Julian Mastakowitsch ging ins Eßzimmer, ganz als wäre

nichts vorgefallen. Er war purpurrot im Gesicht, und als er im

Vorübergehen einen Blick in den Spiegel warf, schien sein Aussehen ihn

selbst zu verwirren. Vielleicht ärgerte er sich darüber, daß er so

erregt war, und daß er so unvorsichtig gesprochen hatte. Offenbar hatte

ihn seine Berechnung selbst so bestrickt und begeistert, daß er trotz

seiner ganzen Würde und Klugheit recht wie ein Knabe handelte und schon

jetzt und unbedacht genug auf sein Ziel geradeswegs loszusteuern begann.

Ich folgte ihm alsbald in das andere Zimmer – und wahrlich, was ich dort

erblickte, war ein seltsames Schauspiel! Ich sah nämlich, wie Julian

Mastakowitsch, der hochangesehene würdevolle Julian Mastakowitsch, den

kleinen Knaben einschüchterte, der immer weiter vor ihm zurückwich und

nicht wußte, wo er sich vor Angst lassen sollte.

„Marsch, wirst du wohl! Was tust du hier, Taugenichts? Geh! Geh! Du

stiehlst hier Früchte, wie? Du willst hier Früchte stehlen? Marsch,

mach’, daß du fortkommst, wirst du wohl, ich werd’ dir zeigen!“

Der eingeschüchterte Knabe entschloß sich schließlich zu einem

verzweifelten Rettungsversuch: er kroch unter den Tisch. Das rief aber

in seinem Verfolger noch größere Wut hervor. Zornig riß er sein langes

Batisttaschentuch aus der Tasche und begann damit den Kleinen unter dem

Tisch zu peitschen, damit er von dort hervorkrieche. Doch der Kleine war

mäuschenstill vor Angst und rührte sich nicht. Ich muß bemerken, daß

Julian Mastakowitsch ein wenig korpulent war. Er war, was man so nennt,

ein satter Mensch, mit roten Wänglein, einem kleinen Schmerbäuchlein,

untersetzt und mit dicken Schenkeln, – kurz, ein stämmiger Bursche, an

dem alles so rund war wie an einer Nuß. Schweißtropfen standen ihm schon

auf der Stirn, er atmete schwer und fast röchelnd. Das Blut drang ihm

vom Bücken rot und heiß zu Kopf. Er wurde jähzornig, so groß war sein

Unwille oder – wer kann es wissen? – seine Eifersucht. Ich lachte

schallend auf. Julian Mastakowitsch wandte sich blitzschnell nach mir um

und wurde ungeachtet seines gesellschaftlichen Ansehens, seiner

einflußreichen Stellung und seiner Jahre geradezu fassungslos verlegen.

In dem Augenblick trat durch die gegenüberliegende Tür der Hausherr ins

Zimmer. Der kleine Junge kroch unter dem Tisch hervor und rieb sich den

Staub von den Knien und Ellenbogen. Julian Mastakowitsch kam zu sich und

führte schnell das Taschentuch, das er noch an einem Zipfel hielt, an

die Nase und schnaubte sich.

Der Hausherr blickte uns drei etwas verwundert an, doch als lebenskluger

Mensch, der das Leben ernst auffaßte, wußte er sogleich die Gelegenheit,

mit seinem Gast unter vier Augen sprechen zu können, auszunutzen.

„Ach, sehen Sie, das ist jener Knabe, für den ich die Ehre hatte, zu

bitten ...“ begann er, auf den armen Kleinen weisend.

„Ah!“ versetzte Julian Mastakowitsch, noch immer nicht ganz auf der Höhe

der Situation.

„Er ist der Sohn der Gouvernante meiner Kinder,“ fuhr der Hausherr

erklärend und in verbindlichem Tone fort, „einer armen Frau. Sie ist die

Witwe eines ehrlichen Beamten. Ginge es nicht irgendwie, Julian

Mastakowitsch ...“

„Ach, ich entsinne mich! Nein, nein!“ unterbrach dieser ihn eilig.

„Nehmen Sie es mir nicht übel, mein bester Philipp Alexejewitsch, aber

es geht ganz und gar nicht. Ich habe mich erkundigt: Vakanzen gibt es

nicht und selbst wenn eine bestünde, so kämen doch zehn Kandidaten eher

in Betracht als dieser, da sie eben ein größeres Anrecht darauf hätten

... Es tut mir sehr leid, aber ...“

„Schade,“ sagte der Hausherr nachdenklich, „es ist ein stiller,

bescheidener Knabe ...“

„Scheint mir eher ein richtiger Bengel zu sein, soweit ich sehe,“

bemerkte Julian Mastakowitsch mit verzogenem Lächeln. „Geh, was stehst

du hier, mach’ dich fort! Geh zu deinen Spielkameraden,“ wandte er sich

an den Kleinen.

Dann konnte er offenbar der Versuchung nicht widerstehen, auch mir einen

Blick zuzuwerfen. Ich aber hielt nicht an mich, sondern lachte ihm offen

ins Gesicht. Julian Mastakowitsch wandte sich sogleich ab und fragte

sehr vernehmlich den Hausherrn, wer dieser sonderbare junge Mann

eigentlich sei. Sie begannen miteinander zu flüstern und verließen das

Zimmer. Ich sah nur noch durch die offene Tür wie Julian Mastakowitsch,

der dem Hausherrn aufmerksam zuhörte, verwundert und mißtrauisch den

Kopf schüttelte.

Als ich genügend gelacht hatte, begab ich mich gleichfalls in den Saal.

Dort stand jetzt der einflußreiche Mann, umringt von Vätern, Müttern und

den Festgebern und sprach lebhaft auf eine Dame ein, der man ihn soeben

vorgestellt hatte. Die Dame hielt das kleine Mädchen an der Hand, das

Julian Mastakowitsch vor zehn Minuten geküßt hatte. Er lobte die Kleine

bis in den siebenten Himmel, pries ihre Schönheit, ihre Grazie, ihre

Wohlerzogenheit, und die Mutter hörte ihm fast mit Tränen in den Augen

zu. Die Lippen des Vaters lächelten. Der Hausherr nahm mit sichtlichem

Wohlgefallen teil an der allgemeinen Freude. Die übrigen Gäste waren

gleichfalls angenehm berührt und selbst die Spiele der Kinder wurden

unterbrochen, damit sie durch ihr Geschrei nicht störten. Die ganze Luft

war voll von gehobener Stimmung. Später hörte ich, wie die tiefgerührte

Mutter der Kleinen in ausgesucht höflichen Redewendungen Julian

Mastakowitsch bat, ihrem Hause die besondere Ehre zu erweisen und sie zu

besuchen, und ich hörte weiter, mit wie ungefälschtem Entzücken Julian

Mastakowitsch der liebenswürdigen Aufforderung unfehlbar nachzukommen

versprach, und wie die Gäste, als sie darauf, so wie es der

gesellschaftliche Brauch verlangte, nach allen Seiten auseinandergingen,

sich in geradezu gerührten Lobpreisungen ergingen, die den Kaufmann,

dessen Frau und Töchterchen, namentlich aber Julian Mastakowitsch hoch

über sie selbst erhoben.

„Ist dieser Herr verheiratet?“ fragte ich hörbar laut einen meiner

Bekannten, der neben Julian Mastakowitsch stand.

Julian Mastakowitsch warf mir einen zornigen Blick zu, der wohl seinen

Gefühlen entsprach.

„Nein!“ antwortete mein Bekannter, offenbar höchst peinlich berührt

durch meine ungeschickte Frage, die ich absichtlich so laut an ihn

gerichtet hatte ...

* * * * *

Vor ein paar Tagen ging ich an der –schen Kirche vorüber. Die

Menschenmenge, die sich vor dem Portal drängte, und der reiche Schmuck

desselben fielen mir auf. Ringsum sprach man von einer Hochzeit. Es war

ein trüber Herbsttag und es begann zu frieren. Ich drängte mich mit den

anderen in die Kirche und erblickte den Bräutigam. Es war das ein

kleiner, rundlicher Herr mit einem Schmerbauch und vielen Orden auf der

Brust. Er war überaus beschäftigt, eilte hin und her, traf Anordnungen

und schien sehr aufgeregt zu sein. Endlich verbreitete sich von der Tür

her lautes Gemurmel: die Braut war erschienen. Ich drängte mich weiter

durch die Menge und erblickte eine wunderbare Schönheit, für die kaum

der erste Lenz angebrochen war. Sie war aber bleich und traurig. Ihre

Augen blickten zerstreut. Es schien mir sogar, daß diese Augen noch

gerötet waren von vergossenen Tränen. Die strenge Schönheit ihrer

Gesichtszüge verlieh ihrer ganzen jungen Erscheinung eine gewisse

hoheitsvolle Würde und Feierlichkeit. Und doch schimmerte durch diese

Strenge und Würde und diese Trauer noch das unschuldige unberührte

Kindergemüt – und es verriet sich darin etwas unsäglich Unerfahrenes,

Unbewußtes, Kindliches, das, wie es schien, ohne eine Bitte wortlos für

sich um Schonung flehte.

Man sagte, sie sei kaum erst sechzehn Jahre alt geworden. Ich blickte

aufmerksamer auf den Bräutigam und plötzlich erkannte ich in ihm Julian

Mastakowitsch, den ich seit fünf Jahren nicht wiedergesehen hatte. Ich

blickte nochmals auf die Braut ... Mein Gott! Ich drängte mich durch die

Gaffenden zum Ausgang, um schneller aus der Kirche zu kommen. In der

Menge erzählte man sich, daß die Braut reich sei: sie bekäme allein an

barem Kapital eine halbe Million Rubel mit und eine Aussteuer im Werte

von soundsoviel ...

„Dann stimmte also die Berechnung!“ dachte ich bei mir und trat auf die

Straße hinaus ...

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held · 第 13 / 25 题