Damals war ich noch nicht volle elf Jahre alt. Im Juli schickte man mich
zum Besuch auf ein Gut in der Nähe von Moskau, zu meinem Verwandten
T–off. Bei diesem hatten sich zu der Zeit einige fünfzig Gäste
eingefunden, vielleicht sogar noch mehr ... genau weiß ich nicht, wie
viele es ihrer waren – gezählt habe ich sie nicht. Es ging hoch her und
man vergnügte sich nach Kräften. Fast hatte es den Anschein, als habe
man die Feste zu feiern begonnen, damit sie nie wieder aufhören sollten,
und der Hausherr schien sich geradezu geschworen zu haben, so schnell
wie möglich sein ganzes Riesenvermögen zu vergeuden, ein Ziel, das er
denn auch vor kurzem glücklich erreicht hat: er ist tatsächlich alles,
auch den letzten Quadratfuß Land losgeworden.
Jeden Augenblick trafen neue Gäste ein. Moskau war ja so nahe, daß man
die Stadt vom Gute aus sehen konnte. Infolgedessen traten die
aufbrechenden Gäste den zuletzt eingetroffenen meist nur den Platz ab
und die Feste konnten schier endlos fortgesetzt werden. Vergnügungen
aller Art folgten einander ununterbrochen und ein Ende dieser
Reihenfolge war nicht abzusehen. Bald machte man hoch zu Roß Ausflüge in
die Umgegend, bald weite Spaziergänge längs dem Fluß oder in den Wald;
Picknicks und Diners im Freien gehörten zur Tagesordnung, und an schönen
Abenden wurde regelmäßig auf der großen Terrasse des Herrenhauses
gespeist. Diese war mit seltenen Blumen überreich geschmückt. Ihre
duftende Blütenfülle ließ, vereint mit der glänzenden Beleuchtung der
Tafel, unsere fast ausnahmslos hübschen jungen Damen noch viel schöner
erscheinen, wenn sie in ihren frischen Farben nach den Ausflügen am Tage
mit belebten Gesichtern und glänzenden schalkhaften Augen an der Tafel
saßen und ein keckes Wortgeplänkel hin und her mutwillig und geschickt
zu führen wußten, indes zwischen Scherz und Scherz ihr silberhelles
Lachen erklang. Es wurde getanzt, musiziert, gesungen; bei schlechtem
Wetter stellte man lebende Bilder, erfand Gesellschaftsspiele, bei denen
es allerlei zu raten gab, und natürlich wurde auch Theater gespielt.
Außerdem gab es manchmal Vorträge, die merkwürdigsten Erlebnisse wurden
erzählt, Anekdoten herumgetragen usw.
Aus der Gästeschar traten einige wenige von persönlicherem Gepräge
ziemlich scharf hervor: und die waren denn auch anerkanntermaßen die
Hauptpersonen. Selbstverständlich fehlte es auch hier nicht an Neid,
Klatsch und den üblichen kleinen Verleumdungen, ohne die die Welt nun
einmal nicht bestehen kann und ohne die wohl Millionen von Personen an
ihrem Stumpfsinn sterben würden, wie die Fliegen im Herbst umkommen. Da
ich aber damals erst elf Jahre zählte, fehlte mir noch das Verständnis
für diese Menschensorte, und da meine Gedanken überdies mit ganz anderem
beschäftigt waren, so blieb nur ein Teil von dem, was ich hin und wieder
zufällig hörte, in meinem Gedächtnis haften. Später ist mir dann
allerdings manches wieder eingefallen, was ich damals überhört oder
nicht begriffen hatte. Sonst konnte sich nur das glänzende Äußere des
Bildes meinen Kinderaugen dauernd einprägen. Und die allgemeine
festliche Stimmung, die sorglose Fröhlichkeit, das heitere, glanzvolle
Leben – alles das, was ich bis dahin noch nie gesehen und gehört hatte,
konnte denn auch allerdings einen solchen Eindruck auf mich machen, daß
ich mich in den ersten Tagen förmlich verlor und mir mein junger Kopf
schwindlig wurde.
Ich war natürlich noch ein Kind, nicht mehr als ein Kind, und die
schönen Damen, die mich liebkosten, machten sich weiter keine Gedanken
über mein Alter. Aber – merkwürdig! – trotz meiner elf Jahre bemächtigte
sich meiner zuweilen doch schon eine seltsame Empfindung, die ich
freilich selbst vorläufig noch nicht begreifen konnte: es war, als
streiche irgend etwas ganz leise und zart über mein Herz, etwas
Unbekanntes und Ungeahntes, wovon dann mein Herz wie nach einem heftigen
Schreck zu brennen und zu pochen begann und mir oft ganz plötzlich das
Blut heiß ins Gesicht trieb. Es kamen Augenblicke, in denen ich mich der
verschiedenen kindlichen Vorrechte, die ich genoß, geradezu schämte und
sie fast als persönliche Beleidigung empfand. Zuweilen aber bemächtigte
sich meiner wiederum so etwas wie Verwunderung und ich schlich mich dann
fort, irgendwohin, wo mich niemand sehen konnte, gleichsam nur, um
einmal Atem zu schöpfen und mich an etwas zu erinnern, an irgend etwas,
das da, wie mir schien, noch vor kurzem gewesen war ... wovon aber
gleichwohl und ganz plötzlich jede Spur in meinem Gedächtnis wie
ausgelöscht war ... – und ohne das ich doch, wie ich glaubte, nicht mehr
auskommen konnte, wenn ich es auch keinem Menschen zeigen durfte.
Zu guter Letzt schien es mir, daß ich den Menschen allen irgend etwas
verheimlichte, wovon ich aber um keinen Preis auch nur ein Wort jemandem
gesagt hätte, da ich kleiner Bursche mich dessen bis zu Tränen schämte.
Bald aber begann ich in dem Trubel, der mich hier umgab, eine gewisse
Einsamkeit zu empfinden. Es waren wohl noch andere Kinder da, aber sie
waren alle entweder viel jünger oder viel älter als ich, und übrigens
war es mir auch gar nicht um Spielgefährten zu tun. Freilich wäre mit
mir nichts Besonderes geschehen, wenn ich nicht in der Gesellschaft eine
Ausnahmestellung eingenommen hätte. In den Augen aller dieser reizenden
Damen war ich noch das kleine unbestimmte Lebewesen, das sie liebkosten
und mit dem sie wie mit einer Puppe spielen zu dürfen glaubten.
Namentlich eine von ihnen, eine entzückende junge Blondine mit dem
schönsten und reichsten Haar, das ich je gesehen habe und sehen werde,
schien sich geradezu geschworen zu haben, mich nicht in Ruhe zu lassen.
Während mich das Lachen, das sie unter den Gästen durch ihre
ausgelassenen Scherze, die sie mit mir trieb, hervorrief, entschieden
verwirrte und ärgerte, schien es ihr im Gegenteil und ganz fraglos ein
riesiges Vergnügen zu bereiten. Sie benahm sich oft wie ein richtiges
Pensionsmädel, doch sah sie dafür entzückend aus und in ihrer Schönheit
war etwas, das sogleich in die Augen stach und einen einfach bestrickte.
Natürlich glich sie nicht jenen kleinen verschämten blonden Mädelchen,
die so zart und rosig sind und zutunlich wie weiße Mäuschen, oder die so
lieblich aussehen wie Pastorentöchterchen. Sie war nicht sehr groß von
Wuchs und ihre Gestalt ein wenig voll, ihr Gesicht aber hatte zarte,
feine Züge, die entzückend gezeichnet waren. Es lag eine Elektrizität in
diesem Gesicht, so daß es in ihm oft wie ein Blitz aufleuchten konnte,
und überhaupt war sie – ganz Feuer, wie man zu sagen pflegt, lebendig,
lebhaft, leicht. Aus ihren großen offenen Augen sprühten förmlich
Funken, als wären sie Edelsteine. Nie würde ich solche blauen,
strahlenden Augen gegen die schwarzen des Südens eintauschen, und
sollten sie auch noch hundertmal dunkler sein, als der dunkelste
andalusische Blick, denn meine Blondine war wirklich jener
Schwarzäugigen ebenbürtig, die ein berühmter Dichter in so schönen
Versen besingt, daß er zum Schluß dem ganzen Kastilien schwören konnte,
sein Leben freudig hingeben zu wollen, wenn man ihm dafür erlaube, nur
mit der Fingerspitze die Mantilla seiner Schönen zu berühren. Jetzt füge
man noch hinzu, daß _meine_ Schöne die lustigste aller Schönen war und
dazu das unvernünftigste, lachlustigste, unartigste Kind, und das alles,
obwohl sie schon seit etwa fünf Jahren verheiratet war. Das Lachen wich
fast nie von ihren Lippen, die so frisch und jung aussahen, wie die
zarten Blätter einer Rose, wenn sie unter den Strahlen der Morgensonne
kaum erst ihren duftenden Blütenkelch geöffnet und ihr die Sonne noch
nicht die kühlen glitzernden Tautropfen abgetrunken hat.
Ich weiß noch, am zweiten Tage nach meiner Ankunft wurde Theater
gespielt. Der Saal war buchstäblich überfüllt: es gab keinen einzigen
freien Platz, und da ich mich zufällig etwas verspätet hatte, mußte ich
stehend der Aufführung zusehen. Aber das lustige Spiel zog mich immer
mehr nach vorn und bald hatte ich mich ganz unbemerkt bis zu den ersten
Reihen durchgearbeitet, wo ich dann endlich stehen blieb und mich auf
die Lehne eines Stuhles stützte, auf dem eine Dame saß. Diese Dame war
meine schöne Blondine. Ich muß aber hinzufügen, daß wir damals noch
nicht bekannt miteinander waren. Und da nun – ich weiß nicht, wie es kam
– begann ich ihre märchenhaft schönen Schultern zu betrachten, die so
zart und weiß aussahen wie Milchschaum: obgleich es mir damals gewiß
noch ganz gleichgültig war, ob ich die schönsten Frauenschultern sah
oder den Kopfputz mit feuerfarbenen Bändern, der das graue Haar einer
ehrwürdigen Dame in der ersten Reihe vor mir verdeckte. Neben der
blonden Schönheit saß aber ein älteres Fräulein, eine von jenen, die,
wie ich später beobachtet habe, sich immer möglichst in der Nähe junger
und hübscher Damen aufhalten, und in der Regel gerade diejenigen wählen,
die die männliche Jugend nicht zu verscheuchen pflegen. Doch dies nur
nebenbei; ich erwähnte es bloß deshalb, weil dieses ältere Fräulein
meine betrachtenden Blicke bemerkte, sich sogleich zu ihrer schönen
Nachbarin beugte und ihr mit maliziösem Lächeln etwas ins Ohr flüsterte.
Plötzlich sah sich diese nach mir um und ihr flammender Blick traf mich
im Halbdunkel, so daß ich, der ich darauf nicht vorbereitet war,
erschrocken zusammenfuhr. Da lächelte sie.
„Gefällt dir das Stück?“ fragte sie mich und sah mir spöttisch mit
zuzwinkerndem Blick in die Augen.
„Ja–a,“ antwortete ich und sah sie immer noch mit einer gewissen
Verwunderung an, an der wiederum sie Gefallen zu finden schien.
„Warum stehst du denn? So wirst du doch müde. Oder sind alle Stühle
besetzt?“
„Ja, alle, es ist kein Platz mehr frei,“ sagte ich, diesmal mehr mit
meiner Sorge um einen Stuhl beschäftigt, als mit dem blitzenden Blick
der schönen Dame, und dabei herzlich froh darüber, daß sich endlich ein
gutes Herz fand, dem ich mein Leid mitteilen konnte. „Ich habe bereits
gesucht, aber auf jedem Stuhl sitzt schon jemand,“ fügte ich hinzu, als
wollte ich mich bei ihr darüber beklagen, daß alle Stühle besetzt waren.
„Komm her!“ sagte sie schnell entschlossen, wie sie sich zu allem immer
blitzschnell entschloß, gleichviel was für eine tolle Idee ihr in den
Kopf kam. „Komm her zu mir, schnell, und setz’ dich auf meinen Schoß.“
„Auf den Schoß? ...“ wiederholte ich einigermaßen verwundert, und ich
wußte nicht recht, was ich tun sollte.
Wie ich bereits sagte, fingen meine Kindervorrechte nachgerade an, mich
zu kränken und zu beschämen. Diese Blondine aber trieb es weit ärger als
alle anderen. Überdies begann ich, der ich schon von jeher ein etwas
schüchterner und verschämter Knabe war, mich gerade zu jener Zeit vor
Damen ganz besonders zu fürchten, und deshalb machte mich ihre
Aufforderung vollends unsicher.
„Nun ja, auf den Schoß! Warum willst du denn nicht auf meinem Schoß
sitzen?“ Und sie lachte, lachte immer übermütiger, lachte Gott weiß
worüber – vielleicht über ihren eigenen Einfall oder vielleicht auch vor
Freude darüber, daß sie mich so verlegen gemacht hatte.
Ich errötete und sah mich in meiner Verwirrung verstohlen um – wie um
eine Möglichkeit zu erspähen, irgendwohin zu entschlüpfen. Aber sie kam
mir zuvor, erwischte meine Hand, zog mich geschwind zu sich und
plötzlich – ganz unvermutet und zu meiner größten Verwunderung – preßte
sie meine Hand mit ihren heißen Fingern wie in einen Schraubstock. Es
tat schrecklich weh und ich mußte meine ganze Kraft zusammennehmen, um
nicht aufzuschreien. Da war es denn wohl kein Wunder, daß ich die
seltsamsten Gesichter schnitt. Hinzu kam noch, daß ich nicht nur
verwundert und erschrocken war, sondern einfach entsetzt, und zwar über
die Tatsache, die ich nun plötzlich am eigenen Körper erfahren mußte:
daß so schöne Damen zugleich so böse sein und sich so schlimm an kleinen
Jungen vergreifen konnten, die ihnen doch nichts getan hatten, und das
noch dazu vor so vielen fremden Menschen! Wahrscheinlich spiegelte aber
mein unglückliches Gesicht alle meine Seelenregungen wieder, denn die
unartige Dame lachte unbändig und preßte dabei meine armen Finger, als
wollte sie sie zerquetschen. Es schien ihr ein rasendes Vergnügen zu
bereiten, etwas recht Tolles anzustellen und einen armen Jungen recht
bis zur Verzweiflung zu peinigen und zum besten zu haben. Ich war in der
Tat der Verzweiflung nahe. Erstens verging ich fast vor Scham, da alle,
die in der Nähe saßen, sich nach uns umsahen, die einen erstaunt und
verständnislos, die anderen lachend, da sie sogleich begriffen, daß die
schöne Blondine wieder jemandem einen Streich spielte. Und zweitens
wollte ich schreien vor Schmerz, denn die Schöne schien ihren ganzen
Ehrgeiz darein zu setzen, meine Finger mit wahrem Ingrimm, gerade weil
ich nicht schrie, zusammenzupressen. Ich aber hielt wie ein kleiner
Spartaner stand und schrie nicht. Ich fürchtete, mit meinem Schrei das
Publikum zu erschrecken und die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich zu
lenken: was aber dann mit mir geschehen wäre, das vermochte ich nicht
einmal auszudenken! In meiner Verzweiflung begann ich einen erbitterten
Kampf mit ihr, um meine Hand aus ihren Fingern zu reißen, aber die
Grausame war ja viel, viel stärker als ich. Endlich hielt ich den
Schmerz nicht länger aus und schrie auf – aber nur darauf hatte sie
gewartet! Im Nu ließ sie meine Hand fahren und saß da, als wäre gar
nichts geschehen, als wäre sie das unschuldigste Geschöpf der Welt, das
nichts damit zu schaffen hat, wenn ein anderer unartig ist: kurz, wie es
ein echter Schulbube tut, der, kaum daß der Lehrer ihm den Rücken kehrt,
im Handumdrehen etwas anrichtet – und wäre es auch nur, daß er einem
kleinen Schwächling einen Rippenstoß versetzt oder ähnliches mit dem
Erfolg verbricht, daß der andere aufschreit – in der nächsten Sekunde
aber wieder stramm und artig auf seinem Platz sitzt und fromm die Augen
niederschlägt oder mit ungeteilter Aufmerksamkeit in seinem Buch liest
und somit den Herrn Lehrer, der auf den Lärm hin wie ein Habicht auf ihn
losschießt, mit einer langen Nase wieder abziehen läßt.
Zu meinem Glück jedoch wurde gerade in diesem Augenblick die
Aufmerksamkeit der übrigen durch das meisterhafte Spiel unseres
Hausherrn in Anspruch genommen – er spielte nämlich in der Komödie die
Hauptrolle. Stürmischer Beifall erscholl und ich benutzte schnell die
Gelegenheit zur Flucht, drängte mich durch ein paar Reihen und lief in
die entgegengesetzte Ecke, von wo aus ich halbversteckt hinter einer
Säule mit Grauen dorthin spähte, wo mein grausamer Quälgeist saß. Sie
lachte so, daß sie das Taschentuch an die Lippen pressen mußte. Und
lange noch sah sie sich immer wieder nach mir um, jedoch ohne mich zu
entdecken. Allem Anscheine nach tat es ihr sehr leid, daß unsere
verrückte Balgerei so schnell ein Ende gefunden hatte, ja vielleicht
heckte sie schon einen neuen Streich aus.
Damit begann also unsere Bekanntschaft, und seit jenem Abend war ich
meines Lebens nicht mehr sicher vor ihr. Sie verfolgte mich ohne Maß und
Gewissen. Sie wurde einfach zu meinem Schreckgespenst. Das Groteske
ihrer Scherze mit mir bestand hauptsächlich darin, daß sie beteuerte,
bis über die Ohren in mich verliebt zu sein – und zwar sagte sie das
ganz ungeniert in Gegenwart aller Gäste. Natürlich war das für mich, dem
ohnehin mehr als nötig verschämten Knaben, ungefähr das Fürchterlichste,
was ich mir denken konnte, und es ärgerte mich fast bis zu Tränen; ja
ein paarmal brachte sie mich in eine so unangenehme und bedenkliche
Lage, daß ich nahe daran war, mit dieser heimtückischen Anbeterin einen
regelrechten Faustkampf zu eröffnen. Aber meine naive Verwirrung, meine
Verzweiflung und Wut schienen sie nur anzustacheln, mich noch lebhafter
zu verfolgen. Sie kannte kein Erbarmen, ich aber wußte nicht, wo ich
mich vor ihr verbergen sollte, und zum Unglück wirkte noch das Gelächter
der anderen, das sie durch ihre Scherze mit mir hervorzurufen verstand,
anfeuernd auf sie, so daß man zu guter Letzt fand, sie gehe mit ihren
Scherzen denn doch zu weit. Und wirklich muß auch ich zugeben – ich
meine heute, denn damals konnte ich das noch nicht beurteilen –, daß sie
sich zu viel mit einem solchen Kinde erlaubte, wie ich es damals war.
Aber so war nun einmal ihr Wesen, das ja deshalb noch nicht schlecht zu
sein brauchte: sie war eben auch noch ein richtiges verwöhntes Kind. Wie
ich nachher erfuhr, soll gerade ihr Mann sie am meisten verwöhnt haben –
ein dicker kleiner Herr mit einem frischen Gesicht, sehr reich und sehr
beschäftigt, letzteres wenigstens nach seiner Lebensweise zu urteilen:
ewig hatte er etwas vor, und keine zwei Stunden hielt er es an einem Ort
aus, jeden Tag fuhr er vom Gut nach Moskau, oft sogar zweimal am Tage,
und zwar, wie er behauptete, wegen geschäftlicher Angelegenheiten. Etwas
Lustigeres und Gutmütigeres als es seine komische, aber dabei doch immer
gesetzte Miene und Haltung war, hätte man schwerlich irgendwo finden
können. Seine Frau liebte er nicht nur bis zur Schwäche – nein, er
betete sie geradezu an wie seinen Abgott.
Da versteht es sich wohl von selbst, daß er ihr nichts verbot, und daß
sie tun konnte, was ihr gerade einfiel. Freunde und Freundinnen besaß
sie eine Menge. Denn erstens gab es überhaupt wenige, die sie nicht
liebten, und zweitens war sie gar nicht wählerisch in der Wahl ihrer
guten Bekannten, obgleich auch ihrem Charakter viel mehr Ernst zugrunde
lag, als man nach dem, was ich soeben erzählt habe, annehmen könnte.
Aber von allen ihren Freundinnen liebte sie eigentlich nur eine junge
Frau, eine entfernte Verwandte von ihr, die gleichfalls als Gast auf
dem Gute weilte. Zwischen ihnen bestand ein ganz eigenes
Freundschaftsverhältnis, eines von jenen seltsam zarten, geistig
vornehmen, wie es sich zuweilen aus der Begegnung zweier sonst recht
verschiedener Charaktere ergibt, die vielleicht sogar einander ganz
entgegengesetzt sind, von denen aber der eine strenger und tiefer und
reiner ist als der andere, während dieser mit feinem Taktgefühl
ehrlicher Selbsteinschätzung und neidloser Liebe sich dem anderen
unterordnet, indem er dessen Überlegenheit anerkennt und seine
Freundschaft wie ein Glück und einen kostbaren Schatz im Herzen bewahrt.
Daraus entwickelt sich dann dieses zarte, innerlich vornehme Verhältnis
zueinander, das Güte und Nachsicht auf der einen Seite, auf der anderen
Liebe und Verehrung des Höherstehenden kennzeichnen – eine Verehrung,
der freilich eine gewisse Furcht nicht fehlt: die Furcht nämlich, sich
in den Augen desjenigen, der für einen so hoch steht, etwas zu vergeben,
was zugleich den glühenden Wunsch hervorruft, mit jedem Schritt und
jeder Tat dem Herzen des Freundes näher zu treten. Sie waren beide in
gleichem Alter, aber es war doch in allem ein schier unermeßlicher
Unterschied zwischen ihnen, vor allem auch in ihrer äußeren Erscheinung.
^M–me^ M. war gleichfalls sehr schön, aber ihre Schönheit hatte etwas
Eigenartiges, was sie auf den ersten Blick von der Schar der hübschen
Damen unterschied; und dieses nur schwer erklärbare Etwas wirkte mit
einer unwiderstehlichen Anziehungskraft auf Menschen oder richtiger, es
erweckte in jedem, der ihr begegnete, ein gutes, reines Gefühl, das
einen alsbald wie eine geheime, aber mächtige Sympathie zu ihr hinzog.
Es gibt solche Gesichter. In ihrer Nähe fühlt ein jeder sich irgendwie
besser, irgendwie freier und wärmer: und doch war der Blick ihrer
traurigen großen Augen, aus denen Geist und Kraft sprachen, zugleich
schüchtern und unruhig, wie in immerwährender Flucht vor etwas
Feindlichem und drohend Grausamem, und diese seltsame Scheu breitete
zuweilen solch eine Wehmut über ihre stillen Züge, die an die heiligen
Gesichter italienischer Madonnen gemahnten, daß man bald ebenso traurig
wurde, als hätte man selbst einen Kummer, vielleicht den gleichen wie
sie, deren Leid man so recht nachfühlen konnte. Aus ihrem bleichen,
schmalen Gesicht sah, trotz der vollendeten Schönheit seiner reinen,
regelmäßigen Züge und der wehmütigen Strenge einer dumpfen, verborgenen
Qual, doch noch das ursprüngliche klare Kinderantlitz hervor, das
Gesicht der noch nicht vergessenen, vertrauensseligen Jahre – der Jahre
eines vielleicht unbewußten Glücks. Und dazu kam dieses stille, etwas
scheue, unbestimmte Lächeln und alles das erweckte eine so unerklärliche
Teilnahme für diese Frau, daß im Herzen eines jeden unwillkürlich eine
süße, innige Sorge um sie erwachte, eine Sorge, die für sie noch aus der
Ferne sprach und einen über Zeit und Raum hinweg mit ihr verband. Sie
war vielleicht etwas schweigsam und verschlossen, obwohl es zugleich
schwerlich ein aufmerksameres und liebevolleres Wesen gab, als sie es
zeigen konnte, wenn jemand der Teilnahme bedurfte. Es gibt Frauen, die
im Leben geradezu wie barmherzige Schwestern sind. Vor ihnen braucht man
nichts zu verbergen, nichts zu verschweigen, wenigstens nichts, was in
unserer Seele krank und verwundet ist. Wer leidet, der gehe getrost zu
ihnen und fürchte nicht, ihnen zur Last zu fallen, denn nur selten weiß
jemand von uns, wieviel unendlich geduldige Liebe, wieviel Mitgefühl und
welch ein Allverzeihen in manchem Frauenherzen sein kann. Ganze Schätze
an Mitempfinden, Trost und Hoffnung ruhen in diesen reinen Herzen, die
so oft selbst verwundet sind – Herzen, die viel trauern, mehr als andere
lieben, aber die Wunden behutsam vor jedem neugierigen Blick verbergen,
denn tiefes Leiden schweigt und verbirgt sich. Diese Frauen schreckt
weder die Tiefe der Wunde noch ihre Fäulnis: wer an sie mit seinem
Vertrauen herantritt, ist ihrer schon wert. Sie sind wie zum Helfen
geboren ... ^M–me^ M. war von hohem Wuchs, biegsam und schlank, aber ein
wenig mager. Ihre Bewegungen waren alle irgendwie ungleichmäßig, bald
langsam und sanft und nicht ohne eine gewisse Würde, bald wieder
kindlich schnell. Dabei sprach aus ihrer Geste zugleich so etwas wie ein
Bangen, wie eine Schutzlosigkeit, die aber doch wieder niemanden um
Schutz anflehte oder um Beistand bat.
Ich sagte bereits, daß die bösen Bemerkungen der tückischen Blondine
mich beschämten, ärgerten, peinigten, daß mein Herz mir blutete. Aber
hierfür gab es noch einen anderen Grund, sogar einen recht seltsamen und
dummen, den ich jedoch wie ein Heiligtum vor allen geheimhielt, für den
ich wie ein Geizhals für seinen Schatz zitterte und der mir schon beim
bloßen Gedanken, auch wenn ich ganz allein mit meinem verwirrten Kopf
irgendwo in einer dunkeln Ecke saß, wo der forschende spöttische Blick
meines Plagegeistes mich nicht erreichen konnte und ich mich vor allen
blauen Augen sicher fühlte – der mir schon bei dem bloßen Gedanken an
den Gegenstand dieser Ursache das Herz vor lauter Verwirrung, Scham und
Furcht stille stehen machte. Mit einem Wort: ich war in ^M–me^ M.
verliebt. Und doch – muß ich nicht annehmen, daß ich soeben den größten
Unsinn gesagt habe: denn das war ja ganz undenkbar!? Trotzdem – warum
machte von allen Gesichtern, die ich sah, nur ihr Gesicht einen solchen
Eindruck auf mich? Weshalb folgte mein Blick nur ihr allein, wo sie ging
oder stand, weshalb _liebte_ ich es, sie zu betrachten, obschon doch
damals mein Sinn entschieden noch nicht danach stand, Frauen zu
entdecken und ihnen nahezutreten? Es geschah das namentlich abends, wenn
sich bei trübem oder kühlem Wetter die ganze Gesellschaft in den Sälen
versammelte und ich dann aus irgendeiner Saalecke, wo ich einsam und
verlassen saß, ziellos nach allen Seiten ausguckte – wohin die Augen
selbst gerade wollten, da ich keine andere Beschäftigung für sie zu
finden wußte. Außer meiner Verfolgerin sprach selten jemand ein Wort zu
mir, so daß ich mich an solchen Abenden gewöhnlich sträflich langweilte.
Dann betrachtete ich die Menschen und spitzte die Ohren, wenn ich
Gespräche hörte, von denen ich oft kein Wort begriff. Da kam es denn
ganz von selbst, daß die traurigen Augen und das stille Lächeln der
schönen ^M–me^ M. Gott weiß weshalb meine Aufmerksamkeit fesselten, und
dann konnte nichts mehr den seltsamen, unbestimmten und unfaßbar süßen
Eindruck verwischen, den sie auf mich machte. Oft saß ich stundenlang
und sah sie an und konnte meinen Blick nicht von ihr losreißen. Jede
Geste, jede Bewegung, jeder Ausdruck ihres Gesichts prägte sich meinem
Gedächtnis ein und ich lauschte auf jede Veränderung ihrer Stimme, die
nicht laut war, sondern von einer tieferen, dunkleren, etwas
verschleierten Klangfarbe – und merkwürdig! – aus diesen Beobachtungen
und ihren seltsamen süßen Eindrücken erwuchs in mir eine ganz
unerklärliche Neugier. Es war fast, als ahnte ich ein Geheimnis in ihr,
das ich alsbald unbedingt ergründen wollte.
Am quälendsten war mir daher meine Lage in ihrer Gegenwart. Denn alle
diese Scherze und Neckereien erniedrigten mich in meinen Augen und waren
für mein Gefühl die schrecklichsten Beleidigungen. Und wenn nun gar bei
dem allgemeinen Gelächter über mich auch ^M–me^ M. zuweilen
unwillkürlich mitlachte, dann kannte meine Verzweiflung keine Grenzen:
ich war außer mir vor Schmerz und Scham und riß mich mit der Wut eines
Besessenen aus den Händen meiner Verfolgerin – rannte nach oben, in den
zweiten Stock, wo ich dann den ganzen Rest des Tages verbrachte, da ich
mich nicht mehr im Saal zu zeigen wagte. Übrigens war ich mir damals
weder über meine Scham noch über meine Erregung im klaren: der ganze
Prozeß spielte sich vollkommen unbewußt ab. Mit ^M–me^ M. hatte ich noch
keine zwei Worte gesprochen, und ich hätte natürlich nie den Mut gehabt,
sie anzureden. Eines Abends aber, nach einem für mich elend verlaufenen
Tage, blieb ich während des Spaziergangs hinter den anderen zurück und
da ich schrecklich müde geworden war, ging ich durch den Garten wieder
nach Hause. Ich wählte den kürzesten Weg – eine entlegene Allee – und da
erblickte ich auf einer Bank plötzlich ^M–me^ M. Sie saß dort ganz
allein, als habe sie diese Einsamkeit gesucht, saß zurückgelehnt, mit
gesenktem Kopf, und ihre Finger bewegten mechanisch das Taschentuch, das
sie in der Hand hielt. Sie war so in Nachdenken versunken, daß sie es
gar nicht hörte, wie ich mich ihr näherte.
Als sie mich erblickte, erhob sie sich schnell von der Bank, wandte das
Gesicht fort und ich sah, wie sie das Taschentuch an die Augen führte,
um die Tränenspuren fortzuwischen. Sie hatte geweint. Dann tat sie, als
wäre nichts geschehen, lächelte mir zu und ging mit mir zum Hause. Ich
habe vergessen, wovon wir sprachen; nur schickte sie mich unterwegs
immer wieder unter verschiedenen Vorwänden von sich fort: bald bat sie
mich, eine Blume zu bringen – bald sollte ich ihr sagen, wer dort in der
nächsten Allee ritt. Sobald ich mich aber von ihr fortwandte, fuhr sie
wieder schnell mit dem Tuch über die Wangen, da die ungehorsamen Tränen
nicht versiegen wollten, vielmehr aus dem wehen, kämpfenden Herzen immer
wieder in ihre armen Augen traten. Ich begriff sehr wohl, daß ich ihr
lästig war, da sie mich so oft fortschickte. Sie aber sah doch, daß ich
schon alles bemerkt hatte, und trotzdem konnte sie sich nicht
beherrschen – das quälte mich für sie noch viel mehr! Ich ärgerte mich
über mich selbst fast bis zur Verzweiflung, ich verwünschte mein Unglück
und meine Dummheit, die mich keinen Vorwand finden ließ, unter dem ich
mich hätte entfernen können, ohne sie noch obendrein merken zu lassen,
daß ich um ihr Leid wußte. So ging ich denn betrübt und unglücklich, mit
meinem Zwiespalt im Herzen, neben ihr her und fand trotz aller
Anstrengung kein einziges Wort, mit dem ich unsere einsilbige
Unterhaltung hätte beleben können.
Diese Begegnung machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich ^M–me^
M. den ganzen Abend mit unersättlicher Neugier verstohlen betrachtete.
Aber ungeachtet meiner Vorsicht trafen unsere Blicke sich doch ein
paarmal, und als sie das zweite Mal diesen meinen Blick bemerkte, da
lächelte sie. Es war das an diesem Abend das einzige Mal, daß ich sie
lächeln sah. Die Trauer war jedoch noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen
und sie war sogar noch bleicher als sonst. Die ganze Zeit unterhielt sie
sich mit einer alten Dame, die eigentlich, weil sie immer spionierte und
Klatschgeschichten verbreitete, niemand ausstehen konnte, die vielmehr
von allen gefürchtet wurde, weshalb man sich denn gewissermaßen
gezwungen fühlte, im Verkehr mit ihr liebenswürdig und aufmerksam zu
sein, ob man wollte oder nicht ...
Gegen zehn Uhr traf plötzlich der Mann von ^M–me^ M. ein. Ich sah, wie
sie bei dem unerwarteten Erscheinen ihres Gatten zusammenzuckte und wie
ihr ohnehin schon so bleiches Gesicht noch um einen unheimlichen Grad
stärker erblaßte. Es war das so auffallend, daß auch andere es
bemerkten: wenigstens fing ich von einem leisen Gespräch in meiner Nähe
ein paar Bemerkungen auf, aus denen ungefähr hervorging, daß die arme
^M–me^ M. kein gerade beneidenswertes Leben habe. Ihr Mann sei, wie man
wisse, eifersüchtig wie ein Mohr, jedoch nicht aus Liebe zu ihr, sondern
nur aus Liebe zu sich selbst. Dieser Mensch war nämlich ... in erster
Linie ein „Europäer“, und zwar einer der neuzeitlichen, von modernen
Ideen angekränkelten, mit denen er gerne großtat. Was sein Äußeres
betraf, so war er ein brünetter, großer und sehr stämmiger Herr mit
europäisch geschnittenem Backenbart und einem selbstzufriedenen,
frischen Gesicht, mit zuckerweißen Zähnen und dem Auftreten eines
vollendeten Gentleman. Man nannte ihn einen „klugen Menschen“. So nennt
man nämlich in gewissen Kreisen einen besonderen, auf Kosten anderer
fett gewordenen Menschenschlag, der so gut wie nichts tut und auch so
gut wie nichts tun will, der vielmehr vom ewigen Müßiggang und Nichtstun
anstatt des Herzens sozusagen nur ein Stück Speck im Leibe hat. Gerade
von diesen Leuten aber hört man jeden Augenblick, daß sie nur infolge
gewisser höchst verwickelter und ihnen feindlicher Umstände nichts zu
tun hätten, daß sie ihren „Genius ermüdeten“ und daß es deshalb „traurig
sei“, sie „unbeschäftigt zu sehen“. Das ist nun einmal ihre
schönklingende Phrase, ihr ^Mot d’ordre^, das diese satten Fettwänste
überall anbringen – weshalb sie einen denn auch schon längst langweilen,
um nicht mehr zu sagen; wie eben jede ausgesprochene Tartüfferie oder
jedes leere, alberne Wort. Übrigens scheinen einige dieser spaßigen
Käuze, die auf keinerlei Weise eine Arbeit für sich finden können –
zumal sie auch nie eine solche ernstlich suchen – gerade danach zu
trachten, alle davon zu überzeugen, daß sie an Stelle des Herzens nicht
ein Stück Speck, sondern im Gegenteil etwas sehr Tiefgründiges besäßen.
Was dies Etwas freilich sei, eigentlich und im letzten Grunde, das würde
auch der beste Chirurg nicht sagen können – nur aus Höflichkeit,
versteht sich, könnte er es nicht! Diese Herren bringen ihr Leben damit
zu, daß sie alle ihre Fähigkeiten zu billigem Spott, kurzsichtigster
Kritik und maßlos dünkelhaftem Auftreten verwerten. Da sie aber nichts
weiter zu tun haben, als die Fehler und Schwächen anderer zu entdecken
und ans Licht zu zerren, und da sie von Güte und Nachsicht genau nur so
viel besitzen, wie die Natur etwa einer Auster verliehen hat, so fällt
es ihnen auch nicht schwer, unter solchen Umständen ziemlich umsichtig
und mit viel Vorsicht unter den Menschen zu leben. Dessen rühmen sie
sich denn auch über alle Maßen. So sind sie zum Beispiel fest überzeugt,
daß womöglich die ganze Welt ihnen tributpflichtig sei, und sie
betrachten diese Welt nahezu als ihre Vorratskammer. Sie sehen in allen
anderen Menschen um sich her Dummköpfe und glauben, ein jeder gleiche
einer Apfelsine oder einem Schwamm, aus dem sie, sobald sie nur wollen,
auch den letzten Tropfen herauspressen können. Sie halten sich in
gewissem Sinne für die Herren der Welt und scheinen anzunehmen, daß
diese ganze löbliche Ordnung der Dinge einzig davon herrühre, daß sie so
kluge und gewichtige Menschen sind. In ihrem maßlosen Eigendünkel werden
sie nie eigene Mängel zugeben, sondern sich immer unter allen Umständen
und in jeder Beziehung für vollkommen halten. Sie gleichen jenem
besonderen Menschentyp, dessen Ahnherren Tartüffe und Falstaff sind,
jenen Schelmen, die so viel und so oft betrügen, daß sie selbst
schließlich glauben, alles was sie sagen, tun und lassen habe seine
Richtigkeit, d. h. es sei von ihnen durchaus richtig, so zu leben und zu
betrügen: sie haben eben ihre Beteuerungen, daß sie ehrlich und
uneigennützig seien, so oft gehört, daß sie zu guter Letzt selbst
glauben, sie seien uneigennützig und ihre Betrügereien zeugten von
aufrichtigster Ehrlichkeit. Zu einer unparteiischen Selbstkritik und
Selbsterkenntnis langt es bei ihnen nie. Zum Erfassen mancher Dinge sind
sie eben viel zu schwerfällig. Im Vordergrunde aller Dinge und
Geschehnisse steht ihnen immer die eigene goldene Person, der Moloch,
dem sie alles opfern, ihr herrliches „Ich“! Die ganze Natur, die ganze
Welt ist für sie nicht mehr als ein großer schöner Spiegel, der nur dazu
geschaffen scheint, damit ein kleiner Gott sich ununterbrochen in ihm
bewundern kann und außer seiner eigenen Person niemand und nichts zu
sehen braucht. Da ist es denn kein Wunder, wenn sie unter solchen
Umständen alle übrigen Erscheinungen der Welt immer irgendwie entstellt
sehen und nie so, wie sie wirklich sind. Für alles haben sie eine
fertige Phrase vorrätig und zwar – was übrigens äußerst geschickt von
ihnen ist – immer nur eine der allermodernsten. Ja, man kann sagen, daß
hauptsächlich sie es sind, die die Verbreitung der Phrase besorgen,
deren Erfolg sie beizeiten wittern. Jawohl, Spürsinn – das ist das
einzige, was man ihnen nachrühmen kann, denn in dieser Beziehung haben
sie wirklich eine feine Nase; wenigstens ist sie fein genug, um
derartige moderne Ausdrücke früher als andere herauszuschnüffeln und
sich rechtzeitig anzueignen, so daß es fast den Anschein hat, als
stammten sie von ihnen. Namentlich versehen sie sich mit solchen, die
ihrer tiefen Liebe zur Menschheit Ausdruck geben sollen und die
angeblich einzig richtige und vernunftgemäße Menschenfreundschaft
dartun, um dabei gleichzeitig rücksichtslos über die veraltete Romantik
herzufallen, mit ihr nicht selten alles Schöne und Erhabene zu
verurteilen, ohne zu begreifen, daß jedes kleinste Gefühl derselben
wertvoller ist, als ihre ganze Weichtierexistenz. In ihrer geistigen
Stumpfheit sind sie unfähig, die Wahrheit in einer noch unfertigen, von
der altbekannten abweichenden Form, in einem Übergangsstadium zu
erkennen, und so lehnen sie denn alles ab, was noch im Entstehen ist und
seine Form erst sucht und deshalb noch nicht ganz feststeht. Diese
wohlgenährten satten Menschen haben ihr Leben gewöhnlich gleichsam im
Zustande eines fortgesetzten Räuschchens heiter verbracht. Alles ist
ihnen von anderen zurecht gemacht worden, selbst aber haben sie noch nie
etwas geleistet und wissen natürlich nicht, wie schwer es ist, etwas zu
vollbringen. Wehe dem aber, der mit irgendeiner Rauheit ihre satten
Gefühle streift: das würde niemals verziehen, noch vergessen werden,
Rache üben sie aber dafür mit Wonne. In der Summe ergibt sich, daß ein
derartiger Held nichts mehr und nichts weniger ist als ein riesengroßer,
bis zur letzten Möglichkeit aufgeblasener Sack, voll von Sentenzen,
Modephrasen und Schlagwörtern aller Art.
Übrigens war ^M–r^ M. doch ein etwas bemerkenswerterer Herr, zumal er
eine Gabe besaß, die ihn immerhin durch eine gewisse Eigenart
auszeichnete: er war nämlich ein guter Erzähler, war witzig und
redselig, so daß in der Gesellschaft sich immer ein Kreis um ihn
versammelte. An jenem Abend war er besonders gut aufgelegt; er riß die
Unterhaltung an sich, war schlagfertig, beinahe geistvoll, gut gelaunt
und brachte es so weit, daß alle nur ihm zuhörten und ihn anstaunten.
Dagegen war ^M–me^ M. die ganze Zeit schweigsam und litt sichtlich: sie
sah so traurig aus, daß ich fürchtete, jeden Augenblick wieder Tränen an
ihren Wimpern erglänzen zu sehen. Alles das machte, wie gesagt, einen
tiefen Eindruck auf mich. Ich war bestürzt und verwundert und eine
seltsame Neugier erfaßte mich. Die ganze Nacht träumte mir von ^M–r^ M.,
während ich bis dahin selten von so peinigenden und aufregenden Träumen
heimgesucht worden war.
Am anderen Morgen wurde ich schon früh nach unten in den Saal gerufen,
wo die Proben zu den lebenden Bildern, zu denen auch ich mich hergeben
mußte, stattfanden. Diese lebenden Bilder, ferner eine Theateraufführung
und ein großer Ball, alles an einem Abend, sollten zur Feier des
Geburtstages der jüngsten Tochter unseres verschwenderischen Hausherrn
stattfinden. Wir hatten im ganzen nur noch etwa fünf Tage Zeit. Zu
diesem Fest waren aus Moskau und von den benachbarten Landgütern nicht
viel weniger als hundert Personen eingeladen, so daß große
Vorbereitungen getroffen werden mußten, die natürlich den Trubel noch
erhöhten. Die Proben oder richtiger die Durchsicht der vorhandenen
Kostüme fand zu einer so ungelegenen Zeit statt, weil der bekannte
Künstler R., ein Freund und Gast unseres Hausherrn, der aus Gefälligkeit
sich bereit erklärt hatte, die Bilder zu stellen, noch nach Moskau
fahren wollte, um die fehlenden Requisiten einzukaufen. So hieß es denn:
sich beeilen. Mich hatte man für ein lebendes Bild zusammen mit ^M–me^
M. ausersehen. Das Bild stellte eine Szene aus dem mittelalterlichen
Leben dar und hieß: „Die Schloßherrin und ihr Page“.
Ich war entsetzlich verwirrt, als ich mit ^M–me^ M. auf der Probe
zusammentraf. Natürlich war ich überzeugt, daß sie sogleich alle meine
Gedanken, Zweifel und Vermutungen, die mir seit dem letzten Abend durch
den Kopf gefahren waren, aus meinen Augen erraten würde. Und überdies
bedrückte mich noch so etwas wie ein Schuldgefühl ihr gegenüber, weil
ich sie in ihrem Leid überrascht und ihre Tränen bemerkt hatte. Wußte
ich denn, ob sie nicht vielleicht sogar sehr ärgerlich über mich war?
Aber, Gott sei Dank, es verlief alles ohne irgendwelche
Unannehmlichkeiten: ich wurde von ihr ganz einfach – gar nicht bemerkt.
Ihre Gedanken waren offenbar mit etwas ganz anderem beschäftigt und sie
schien weder mich noch sonst etwas von der Probe zu sehen. Sie machte
den Eindruck, als laste eine große quälende Sorge auf ihr. Nach
beendeter Probe lief ich schnell fort und kleidete mich um. Etwa zehn
Minuten später trat ich auf die Terrasse, um in den Garten zu gehen. In
demselben Augenblick trat aus einer anderen Tür auch ^M–me^ M. auf die
Terrasse und zugleich erblickten wir beide vor uns ihren
selbstzufriedenen Herrn Gemahl, der aus dem Garten heraufkam, wohin er
gerade eine Schar junger Damen begleitet hatte. Die Begegnung mit seiner
Frau kam auch für ihn ganz unerwartet. ^M–me^ M. errötete plötzlich und
in ihrer hastigen Bewegung drückte sich ein gewisser Unmut aus. Der Herr
Gemahl, der sorglos eine Arie vor sich hingepfiffen und unausgesetzt mit
tiefsinniger Miene seinen schönen Backenbart geglättet hatte, runzelte
ein wenig die Stirn, als er seine Frau erblickte und betrachtete sie,
wie ich mich jetzt entsinne, mit entschieden inquisitorischem Blick.
„Sie gehen in den Garten?“ fragte er, da er in ihrer Hand einen
Sonnenschirm und ein Buch bemerkte.
„Nein, in den Wald,“ sagte sie und errötete leicht.
„Allein?“
„Mit ihm ...“ Sie wies auf mich. „Ich gehe morgens immer allein
spazieren,“ fügte sie wie zur Erklärung hinzu, aber mit einer etwas
unsicheren Stimme, die wohl gleichgültig klingen sollte, statt dessen
aber genau so klang, wie wenn man zum erstenmal im Leben bewußt lügt.
„Hm ... Ich habe soeben eine ganze Gesellschaft hinbegleitet. Sie
versammeln sich dort alle bei der Rosenlaube, um N. das Geleit zu geben.
Er verläßt uns, wie Sie wissen ... Es ist ihm da irgendwo in Odessa ein
Malheur passiert ... Ihre Kusine (das war mein blonder Plagegeist) lacht
und weint, beides zugleich, so daß man nicht aus ihr klug werden kann.
Übrigens sagte sie mir, daß Sie aus irgendeinem Grunde auf N. böse seien
und ihn deshalb nicht begleiten wollten. Natürlich ein Unsinn?“
„Sie scherzt nur,“ sagte ^M–me^ M. und stieg die Stufen der Terrasse
hinab.
„Also das ist jetzt Ihr täglicher ^Cavalier servant^?“ fragte er noch
beiläufig mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln und musterte mich durch
sein Monokel.
„Page!“ rief ich, wütend über seinen Blick, über seinen Spott, und dann
lachte ich ihm gerade ins Gesicht und sprang mit einem Satz über drei
Stufen ...
„Nun, viel Vergnügen,“ brummte ^M–r^ M. und ging weiter.
Ich war natürlich gleich zu ^M–me^ M. getreten, als sie auf mich wies,
und hatte mir den Anschein gegeben, als hätten wir uns schon vor einer
Stunde verabredet, und ich tat so, als sei ich schon einen ganzen Monat
jeden Morgen mit ihr spazierengegangen. Nur konnte ich nicht begreifen,
weshalb diese Begegnung sie so verwirrte, und was sie eigentlich im
Sinne hatte, als sie sich zu der kleinen Lüge entschloß. Warum hatte sie
nicht ganz einfach gesagt, daß sie allein gehe? So aber wußte ich nicht,
was ich davon denken sollte. Dennoch begann ich allmählich, trotz meiner
Unsicherheit und aller Befürchtungen, mit naiver Neugier verstohlen zu
ihr aufzusehen: doch ganz wie vor einer Stunde in der Probe bemerkte sie
auch jetzt weder meine Blicke noch meine stumme Frage. Nur dieselbe
quälende Sorge spiegelte sich noch deutlicher, noch tiefer in ihren
erregten Zügen wieder und sprach aus jeder Bewegung, sprach vor allem
aus ihrem schnellen Gang. Sie mußte Eile haben, denn sie beschleunigte
ihre Schritte und unruhig blickte sie in jede Allee, in jeden Durchhau
im Walde, und zwar immer nach der Seite des Gartens hin. Auch ich begann
etwas zu erwarten. Da vernahmen wir Pferdegetrappel hinter uns. Es war
eine ganze Kavalkade, Damen und Herren, hoch zu Roß, die alle jenen N.,
der uns so plötzlich verließ, begleiteten.
Unter den Reiterinnen erblickte ich auch meine Blondine, von der ^M–r^
M. uns erzählt hatte, daß sie gelacht und geweint habe, beides zugleich.
Ihrer Gewohnheit gemäß lachte sie nun wieder wie ein Kind und war so
mutwillig und lustig wie nur je. Sie ritt einen prächtigen Schimmel. Als
die Gesellschaft uns erreichte, zog N. den Hut, hielt aber weder sein
Pferd an, noch sagte er ein Wort zu ^M–me^ M. Bald waren sie alle hinter
einer Wegbiegung verschwunden. Ich blickte zu ^M–me^ M. auf und –
beinahe hätte ich aufgeschrien vor Überraschung: sie war totenbleich und
rührte sich nicht, nur große Tränen standen in ihren Augen. Unsere
Blicke trafen sich: ^M–me^ M. errötete jäh, wandte sich für einen
Augenblick fort und ich las Unruhe und Ärger in ihrem Gesicht, obschon
sie sich schnell und mit aller Gewalt zusammennahm. Ich war überflüssig,
war lästiger noch als tags zuvor: das war mir klar. Aber wie sollte ich
mich entfernen, unter welchem Vorwande?
Da schlug ^M–me^ M. plötzlich, als habe sie meine Gedanken erraten, das
Buch auf, das sie mitgenommen hatte, und, indem ihr wieder das Blut in
die Wangen stieg, sagte sie – sichtlich bemüht, mich dabei nicht
anzusehen – als habe sie es soeben erst bemerkt:
„Ach! Das ist ja der zweite Band, ich habe mich versehen! Bitte, bring
mir den ersten!“
Es war nicht mißzuverstehen! Ich hatte meine Rolle ausgespielt und auf
einem geraderen Wege hätte man mich schwerlich fortschicken können.
Ich lief mit dem Buche fort und kehrte nicht zurück. Der erste Band
blieb an diesem Morgen unberührt auf dem Tische liegen ...
Aber seitdem war ich so verändert, daß ich mir selbst ganz fremd vorkam:
mein Herz pochte wie in fortwährender Angst. Ich wandte die größte
Vorsicht an, um nicht irgendwie ^M–me^ M. zu begegnen. Dafür aber
betrachtete ich von nun an mit einer nahezu wilden Neugier ihren
selbstzufriedenen Herrn Gemahl, als wollte ich an ihm etwas Besonderes
entdecken. Ich begreife jetzt selbst nicht, wie ich damals zu dieser
lächerlichen Neugier kam, doch entsinne ich mich, daß alles, was ich an
jenem Morgen erlebt, mich in ein ganz eigenartiges Erstaunen versetzt
hatte. Und doch war es nur erst ein Anfang an diesem Tage gewesen, an
dem mir noch ganz andere und noch viel größere Erlebnisse bevorstanden.
Es wurde ausnahmsweise früher als sonst zu Mittag gespeist. Am
Nachmittage sollten wir eine Ausfahrt nach einem Nachbardorf machen, um
einmal ein richtiges Dorffest, das dort gefeiert wurde, kennen zu lernen
– deshalb speisten wir früher. Ich hatte mich schon drei Tage auf dieses
Fest gefreut, von dem ich Gott weiß wie viel erwartete. Den Kaffee
tranken alle auf der Terrasse. Vorsichtig folgte ich den anderen aus dem
Speisesaal und verbarg mich hinter mehreren Sesseln. Mich zog wieder
meine Neugier dorthin: und die war so groß, daß ich ihr sogar auf die
Gefahr hin folgte, von ^M–me^ M. bemerkt zu werden. Der Zufall fügte es
jedoch anders: ich geriet in die Nähe meiner blonden Verfolgerin. An dem
Tage war mit ihr ein Wunder geschehen, etwas schier Unglaubliches: sie
sah plötzlich noch einmal so schön aus, als sie bis dahin ausgesehen
hatte. Wie und warum das gekommen war – das weiß ich nicht, aber mit
Frauen geschieht dieses Wunder ja recht oft! Unter uns befand sich ein
neuer Gast, ein langer, blonder, junger Mann, der gerade aus Moskau
eingetroffen war, fast wie um N. zu ersetzen, der uns am Morgen
verlassen hatte, und von dem das Gerücht ging, daß er in unsere blonde
Schönheit sterblich verliebt gewesen sei. Der neue Gast aber stand schon
seit langer Zeit in einem Verhältnis zu ihr, wie Benedikt zu Beatrice in
Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Kurz, unsere Schönheit fand an
diesem Tage ungeheuren Beifall. Ihre Scherze und ihre Unterhaltung waren
so entzückend, so zutraulich naiv, so verzeihlich unvorsichtig, sie war
dabei selbst mit einer so graziösen Sicherheit vom allgemeinen Beifall
überzeugt, daß sie die ganze Zeit über von allen Anwesenden tatsächlich
nur bewundert wurde. Um sie herum bildete sich ein dreifacher Kreis von
überraschten, verwunderten und entzückten Zuhörern, denn so bezaubernd
hatte man sie noch nie gesehen. Jedes Wort von ihr ward wie ein
verführerisches Wunderding erhascht und weitergegeben, jeder Scherz,
jede schlagfertige Antwort erregte Begeisterung. Wie es schien, hatte
niemand soviel Geschmack, Geist und Verstand an ihr vermutet. Ihre
besten Eigenschaften wurden durch ihre täglichen kindischen Tollheiten,
die oft fast zu Narrheiten ausarteten, in den Schatten gestellt und
selten von jemand bemerkt – oder wer sie zwischen jenen Kindereien
bemerkte, der hielt sie für Zufall, so daß ihr plötzlicher Erfolg mit
einem allgemein verwunderten Geflüster aufgenommen wurde.
Übrigens trug zu diesem Erfolg noch ein besonderer, etwas kitzliger
Umstand bei – kitzlig wenigstens im Hinblick auf die Rolle, die der Herr
Gemahl der ^M–me^ M. dabei spielte. Der Wildfang hatte sich nämlich
vorgenommen – und wie ich bemerken muß: zu allseitigem Gaudium oder zum
mindesten doch zu dem der goldenen Jugend – wahrhaft unbarmherzig ^M–r^
M., immer nur M., anzugreifen, und dies wohl aus verschiedenen Gründen,
die in ihren Augen wahrscheinlich alle sehr gewichtig waren. Sie
eröffnete im Kampf mit ihm ein richtiges Schnellfeuer von spöttischen
Herausforderungen, Seitenhieben und Sarkasmen von der boshaftesten Art,
die von allen Seiten so geschlossen, glatt und rund waren, daß man sie
nirgends fassen konnte, um sie der gütigen Spenderin zurückzuwerfen,
Sarkasmen, denen der Gegner nahezu wehrlos ausgeliefert war, die nie ihr
Ziel verfehlten und ihr Opfer, das sich in vergeblichen Anstrengungen
erschöpfte, schließlich in die wildeste Wut versetzten und zur
komischsten Verzweiflung brachten.
Ich weiß es zwar nicht genau, aber ich glaube doch sagen zu dürfen, daß
dieser Zweikampf nicht zufällig entbrannte, sondern von ihr mit Absicht
herbeigeführt wurde. Eigentlich begann der verzweifelte Kampf schon bei
Tisch. Ich nenne ihn „verzweifelt“, denn M. streckte die Waffen nicht so
bald. Er mußte mit Aufbietung seiner ganzen Geistesgegenwart all seinen
Scharfsinn und seine allerdings recht geringe Gewandtheit
zusammennehmen, um nicht eine Schlappe sondergleichen davonzutragen – um
nicht mit Schmach und Schande das Feld räumen zu müssen. Der Kampf
verlief unter fast unaufhörlichem Gelächter aller Zeugen und Teilnehmer.
Jedenfalls hatte sich das Blatt für ihn an diesem zweiten Tage völlig
gewendet und mit dem Beifall, den er am ersten Abend eingeerntet, war es
zu Ende. Wie ich und auch andere bemerkten, war ^M–me^ M. mehrmals im
Begriff, ihrer unvorsichtigen Freundin ins Wort zu fallen. Diese aber
schien ihrerseits dem eifersüchtigen Gatten unbedingt eine Narrenkappe
aufsetzen oder ihn wenigstens eine lächerliche Rolle spielen lassen zu
wollen – etwa diejenige eines Blaubart, wenigstens nach dem zu urteilen,
was ich noch behalten habe, und nach der Rolle, die ich selbst durch
einen Zufall in dieser Komödie spielen sollte.
Es geschah ganz plötzlich und so unvorhergesehen, daß ich kaum zur
Besinnung kam. Ich stand und hörte zu, ohne etwas Böses zu ahnen, und
hatte sogar meine Vorsicht vergessen, als ich mich mit einemmal mitten
in den Streit hineingezogen sah: sie stellte mich plötzlich als den
Todfeind und natürlichen Gegner des ^M–r^ M. vor, als den sterblich bis
zur Verzweiflung verliebten Anbeter seiner Frau. Mit ihrem Ehrenwort
verbürgte sich die Schreckliche für die Wahrheit ihrer Behauptungen, und
sie beteuerte hoch und heilig, daß sie die sichersten Beweise besitze,
z. B. habe sie noch an diesem Morgen im Walde gesehen ... –
Doch sie konnte den Satz nicht beenden: ich unterbrach sie in dem für
mich entscheidenden Augenblick. Aber dieser Augenblick wiederum war von
ihr so geschickt abgepaßt, der Knoten war so genial geschürzt und die
scherzhafte Lösung so wohl vorbereitet, und dabei alles so unnachahmlich
wiedergegeben, daß eine schallende Lachsalve diesen letzten Trumpf
begrüßte. Und obschon ich damals gleich erriet, daß die lächerlichste
Rolle gar nicht mir zufiel, war ich doch so verwirrt, aufgebracht und
erschrocken, daß ich mit Tränen in den Augen, mit dem Schmerz und der
Erschütterung der Verzweiflung und Scham mich zwischen den Stühlen im Nu
durchgedrängt hatte, mitten im Kreise stand und mit vor Tränen
stockender Stimme empört meiner Feindin zurief:
„Und Sie schämen sich nicht ... ganz laut ... und vor allen Damen ...
eine solche Unwahrheit zu sagen!? ... Sie gebärden sich wie ein dummes
Mädchen ... und das noch dazu vor Männern! Was werden die dazu sagen?
Sie sind doch schon groß und ... verheiratet! ...“
Ohrenbetäubender Beifall unterbrach meine kindlichen Vorwürfe. Meine
Standrede machte Furore. Es war aber nicht meine Geste, es waren auch
nicht die Tränen in meinen Augen, die so erheiternd wirkten, sondern es
war vor allem das, daß ich quasi als Verteidiger des ^M–r^ M. auftrat,
was ein so unbändiges Gelächter hervorrief. In der Erinnerung muß ich
jetzt gleichfalls lachen ... Damals aber erstarrte ich beinahe und
verlor fast die Besinnung vor Entsetzen über diese Menschen – ich
erbebte, bedeckte das Gesicht mit den Händen und stürzte fort, stieß in
der Tür mit einem Diener zusammen, dem das Teebrett aus den Händen fiel,
und lief wie der Wind nach oben in mein Zimmer. Ich riß den Schlüssel
heraus, der von außen in der Tür stak, und schloß mich ein. Das war aber
auch mein Glück, denn schon folgte mir eine wilde Jagd: eine halbe
Minute später lief eine ganze Bande Sturm gegen meine Tür. Es waren alle
unsere jungen Damen: ich hörte ihr Lachen, ihr Geschwätz, tausend
Stimmen durcheinander, eine schneller als die andere – wie ein
Schwalbenvolk zwitscherten sie durcheinander. Alle, alle ausnahmslos
baten sie, flehten sie mich an, die Tür wenigstens auf einen Augenblick
zu öffnen; sie schwuren, daß mir nichts Böses widerfahren werde, sie
wollten mich nur totküssen, wie sie versicherten. Welche Drohung hätte
fürchterlicher sein können? Ich verging vor Scham und preßte das Gesicht
in die Kissen und hätte um keinen Preis die Tür geöffnet oder auch nur
mit einer Silbe geantwortet. Sie lärmten und bettelten noch lange hinter
der Tür, ich aber blieb gefühllos und taub, wie nur ein Elfjähriger sein
kann.
Was sollte ich jetzt tun? alles war aufgedeckt, alles verraten, was ich
so eifersüchtig geheimgehalten und vor allen Blicken verborgen hatte!
... Ich war für ewig mit Schmach und Schande bedeckt! In Wirklichkeit
hätte ich freilich nicht zu sagen gewußt, was ich so ängstlich
geheimhalten wollte; immerhin aber hatte ich doch vor der Entdeckung
dieses geheimgehaltenen Etwas wie ein Blättchen gezittert. Auch war ich
mir bis dahin durchaus nicht klar darüber gewesen, ob es etwas Gutes
oder Schlechtes, etwas Rühmliches oder Schmähliches sei. Nun aber kam
mir, plötzlich, zu meinem großen Kummer unter Qualen die Erkenntnis, daß
dies alles _komisch_ und _beschämend_ war! Mein Instinkt sagte mir zwar
gleichzeitig, daß eine solche Auffassung falsch, unnatürlich und roh
sei; aber ich war geschlagen, vernichtet; das Denkvermögen, oder
vielmehr die Erkenntnisfähigkeit war in mir gleichsam gelähmt und schien
sich irgendwie verwickelt und verwirrt zu haben. Es war mir unmöglich,
mich gegen dieses Urteil aufzulehnen oder es auch nur gründlich zu
untersuchen: ich war wie betäubt und fühlte nur, daß man mein Herz
unmenschlich und schamlos verwundet hatte. Ich weinte ohnmächtige
Tränen. Zugleich war ich gereizt: machtlose Wut kochte in mir und
alsbald stieg sogar Haß auf, den ich zum erstenmal in meinem Leben
empfand, denn zum erstenmal in meinem Leben hatte ich ernstes Leid und
eine wirkliche Kränkung erfahren. In mir, dem unwissenden Kinde, war das
erste noch unbewußte, noch unentwickelte Gefühl mit roher Hand berührt,
das erste scheue mädchenhaft zarte Schamgefühl entblößt und entheiligt
und der erste und vielleicht sehr ernste ästhetische Eindruck ins
Lächerliche gezogen worden. Allerdings konnten die Lacher vieles nicht
wissen und meine Qualen nicht voraussehen. Hinzu kam noch ein besonderer
Umstand, über den ich mir selbst noch nicht ganz klar geworden war, oder
richtiger: den zu untersuchen ich mich bis dahin nicht recht getraut
hatte. In Kummer und Verzweiflung blieb ich auf meinem Bett liegen und
verbarg das Gesicht in den Kissen. Frostschauer überliefen meinen Körper
und ich fieberte. Zwei Fragen quälten mich: was hatte diese
nichtsnutzige Blondine am Morgen im Walde zwischen mir und ^M–me^ M.
gesehen, was hatte sie sehen können? Und die zweite Frage: wie, auf
welche Weise, mit welchen Augen konnte ich jetzt noch ^M–me^ M. ins
Gesicht sehen, ohne auf der Stelle in demselben Augenblick vor Scham und
Verzweiflung zu vergehen?
Ein ungewohnter Lärm auf dem Hof weckte mich aus der halben
Bewußtlosigkeit, in der ich mich befand. Ich stand auf und trat ans
Fenster. Der Hof war voll von Equipagen, Reitpferden, Stallknechten und
Kutschern: es sah aus, als wollten alle Gäste uns verlassen. Ein paar
Reiter saßen schon auf den Pferden, die übrigen Gäste nahmen in den
verschiedenen Wagen Platz ... – Da fiel mir ein, daß wir ja nach dem
Nachbardorf fahren sollten und eine gewisse Unruhe erfaßte mich: ich
begann, mit den Augen meinen Klepper zu suchen, aber der war nicht zu
sehen – folglich hatte man mich vergessen. Da hielt ich es nicht aus und
lief Hals über Kopf nach unten, ohne an alle unangenehmen Folgen und den
ganzen Vorfall noch weiter zu denken ...
Unten erwartete mich eine vernichtende Nachricht: es gab für mich
diesmal weder ein Pferd, noch einen Platz in einem Wagen – alle waren
bereits besetzt und ich mußte das Vergnügen anderen abtreten.
Von neuem Leid betroffen blieb ich an der Freitreppe stehen und blickte
traurig auf die lange Wagenreihe und die Reiter und Reiterinnen, deren
Tiere bereits unruhig tänzelten.
Man wartete nur noch auf einen der Herren, der sich wohl etwas verspätet
hatte. Unten vor der Freitreppe stand ein Reitpferd, schäumte ins Gebiß,
scharrte mit dem Huf und zuckte bei jeder Kleinigkeit zusammen, wobei es
große Lust verriet, sich zu bäumen. Zwei Stallknechte hielten das Tier
am Zaum und zugleich sich selbst etwas bänglich nach Möglichkeit außer
dem Bereich seiner Hufe, wie denn überhaupt alle in achtungsvoller
Entfernung von ihm standen.
Es hatte in der Tat seinen Grund, und einen sehr unangenehmen dazu,
weshalb ich nicht mitkonnte. Abgesehen davon, daß noch neue Gäste
angekommen waren, die die freien Plätze in den Wagen einnahmen, wollte
es das Unglück, daß zwei Reitpferde erkrankten, von denen das eine mein
Klepper war. Durch dieses Unglück wurde aber nicht ich allein betroffen:
auch für unseren neuen Gast, den blassen, jungen Mann, von dem ich
bereits gesprochen, stand kein Reitpferd mehr zur Verfügung.
Infolgedessen hatte sich unser Hausherr gezwungen gesehen, seinen
wilden, noch nicht ganz zugerittenen jungen Hengst dem Gast anzubieten,
wobei er freilich zur Beruhigung seines Gewissens hinzufügte, daß es ein
Ding der Unmöglichkeit sei, auf dem Tier zu reiten, und daß er schon
längst beschlossen habe, den Hengst wegen seiner Wildheit zu verkaufen,
sobald er nur einen Käufer finden würde. Doch der junge Mann erklärte
trotz der Warnung, daß er sich im Sattel sicher genug fühle, und im
übrigen auch völlig bereit sei, sich gleichviel auf was für einen
Pferderücken zu setzen, wenn er nur mitreiten könne. Da schwieg denn der
Hausherr – doch wie mir schien, spielte ein etwas zweideutiges
verschmitztes Lächeln um seine Lippen: er stand in Erwartung des
Reiters, der sich im Sattel so sicher wähnte, auf der Treppe, ließ auch
sein Pferd noch warten, rieb sich die Hände und blickte immer wieder
nach der Tür. Ähnliche Gedanken wie ihr Herr schienen auch die beiden
Stallburschen zu haben, die den Hengst hielten und sehr stolz darauf
waren, sich vor soviel Zuschauern als die Bändiger eines wilden Tieres
zeigen zu können, das jeden Augenblick einen Menschen totzutrampeln
vermochte. In ihren Augen aber schien das verschmitzte Lächeln des Herrn
sich widerzuspiegeln und sie guckten gleichfalls immer wieder nach der
Tür, in der der kühne Reiter doch bald erscheinen mußte. Übrigens
verhielt auch das Tier sich nicht anders, als habe es sich mit seinem
Besitzer samt den Stallburschen verabredet: es stand stolz und bis auf
weiteres ruhig mit hocherhobenem Kopf da, wie wenn es fühle, daß einige
Dutzend neugieriger Blicke auf ihm ruhten, und wie wenn es gerade auf
seinen schlechten Ruf stolz sei – tat also ganz so wie mancher
unverbesserliche Galgenstrick, der mit seinen Galgenstreichen prahlt.
Und es war, als wollte das Tier den Kühnen herausfordern, der es wagen
würde, ihm seine Freiheit zu nehmen.
Dieser Kühne erschien endlich. Es war ihm peinlich, daß er die
Gesellschaft so lange hatte warten lassen, und indem er sich eilig die
Handschuh anzog, stieg er die Stufen hinab und sah erst auf, als er
schon die Hand nach dem Pferdehals ausstreckte und ein wildes Bäumen des
Tieres, begleitet von einem warnenden Schrei der Zuschauer, ihn
verblüfften. Der junge Mann trat einen Schritt zurück und betrachtete
verwundert den Hengst, der jetzt am ganzen Körper zitterte, wütend
schnaufte und wild die blutunterlaufenen Augen rollte, wobei er sich
immer wieder auf die Hinterbeine setzte und die Vorderbeine hob, als
wäre er im Begriff, sich im nächsten Augenblick loszureißen und in
wilden Sätzen davonzujagen – die Stallburschen womöglich hinter sich
herschleifend. Der junge Mann betrachtete ihn immer noch mit einem
gewissen Befremden: dann errötete er leicht, wie in einer kleinen
Verwirrung – sah auf, sah sich im Kreise um und sah die erschreckten
Damen ...
„Es ist ein schönes Tier,“ sagte er, wie zu sich selbst, „und meiner
Meinung nach muß es prächtig sein, darauf zu reiten, – aber ... aber
wissen Sie was? _Ich_ werde es doch nicht versuchen,“ schloß er, sich
mit seinem stillen, freundlichen Lächeln, das seinem guten und klugen
Gesicht so vortrefflich stand, an unseren Hausherrn wendend.
„Und dennoch halte ich Sie für einen vorzüglichen Reiter, mein Wort
darauf,“ versetzte dieser sichtlich erfreut und drückte unwillkürlich
und dankbar seinem Gast die Hand, „eben weil Sie auf den ersten Blick
erkannt haben, was für ein Tier es ist,“ fügte er stolz hinzu. „Werden
Sie es mir glauben, daß ich, der ich dreiundzwanzig Jahre lang Husar
gewesen bin, schon dreimal das Vergnügen hatte, dank seiner Gnaden auf
der Erde zu liegen, nämlich genau so oft, wie ich mich auf diesen ...
nichtsnutzigen Satan gesetzt habe. – Tankred, he! mein Freund, hier ist
man dir nicht gewachsen! Dein Reiter muß offenbar ein zweiter Ilja von
Murom[1] sein, der vorläufig noch in seinem uns unbekannten Dorf
Karatscharowo sitzt und wartet, bis dir die Zähne ausfallen. Na, führt
ihn fort! Wir haben genug von ihm! Habt ihn umsonst herausgeführt!“ rief
er den Stallburschen zu und rieb sich wieder selbstzufrieden die Hände.
Ich muß hier bemerken, daß Tankred ihm nicht den geringsten Nutzen
brachte und ganz umsonst seinen Hafer fraß. Überdies hatte er, der alte
Husar, mit dem Ankauf dieses Pferdes seinen Ruhm als Pferdekenner
eingebüßt, da er für dieses Tier, das außer seiner Schönheit gar keinen
Wert besaß, eine märchenhafte Summe bezahlt hatte ... Nichtsdestoweniger
war er jetzt sehr zufrieden mit dem Tier, das seinen schlimmen Ruf
bewährte und sich somit immerhin einen gewissen Ruhm erwarb, gleichviel
welcher Art dieser auch war.
„Wie, Sie wollen nicht mit uns reiten?“ rief die Blondine, der es sehr
darum zu tun war, daß ihr ^Cavalier servant^ gerade diesmal sie
begleitete, „haben Sie denn wirklich keinen Mut?“
„Bei Gott, diesmal hab’ ich ihn nicht!“ antwortete der junge Mann
lachend.
„Und Sie sagen das im Ernst?“
„So wollen Sie denn wirklich, daß ich mir den Hals breche?“
„So setzen Sie sich schnell auf mein Pferd: fürchten Sie sich nicht, es
ist lammfromm. Wir halten nicht auf – im Nu ist umgesattelt! Ich werde
es auf Ihrem Pferde versuchen. Tankred kann doch nicht immer so
unhöflich sein!“
Gesagt – getan. Sie sprang aus dem Sattel und stand schon vor uns, noch
bevor sie zu Ende gesprochen.
„Oh, da kennen Sie meinen Tankred schlecht, wenn Sie glauben, er werde
Ihren Damensattel sich auflegen lassen! Und übrigens kann ich auf keinen
Fall gestatten, daß Sie sich das Genick brechen – das wäre doch zu
jammerschade!“ versetzte unser Hausherr seiner Gewohnheit gemäß mit
affektierter Galanterie, die seiner Ansicht nach, gepaart mit einer
gewissen Derbheit, wenn nicht mitunter gar verfänglichen Ungeniertheit,
den alten Soldaten und „guten Kerl“ markierte, der, wie er sich
einbildete, besonders den Damen gefallen müsse. Das war nun einmal eine
seiner Marotten, die wir alle kannten.
„Na, du, Schreihals – willst du’s nicht versuchen? Du wolltest doch so
gern mitkommen,“ wandte sich die unerschrockene Reiterin plötzlich an
mich, auf Tankred deutend. Sie meinte es mit ihrem Vorschlag wohl selber
nicht sonderlich ernst, sondern sprach ihn nur aus, um nicht so ganz
ohne weiteres das eigene Reitpferd wieder besteigen zu müssen, nachdem
sie nun doch schon unnütz abgesprungen war, und ferner, um auch mich
nicht „ungerupft“ zu lassen, der ich so vorwitzig gewesen war, mich
wieder vor ihr zu zeigen.
„Du bist gewiß nicht so, wie ... na, wozu Namen nennen – wie ein
bekannter Held, und wirst dich nicht schämen, den Mut zu verlieren ...
noch dazu, wenn ‚man‘ dir zuschaut, schöner Page,“ fügte sie hinzu, mit
einem flüchtigen Blick auf ^M–me^ M., deren Wagen der Treppe am nächsten
hielt.
Haß und Rachedurst hatten mein Herz erfüllt, als sie, in der Absicht,
Tankred gegen ihr Reitpferd einzutauschen, zu uns getreten war ... Wie
aber soll ich das wiedergeben, was ich bei dieser plötzlichen
Herausforderung empfand? Es wurde dunkel vor meinen Augen, als ich den
Blick bemerkte, den sie ^M–me^ M. zuwarf. Wie ein Blitz durchzuckte mich
die Idee ... ja, in einer Sekunde, in dem Bruchteil einer Sekunde, war
die Idee schon Wille geworden ... Ihr Blick wirkte auf mich wie ein
Funke auf ein Pulverfaß – oder war das Maß schon so zum Überlaufen voll,
daß ich bei diesem letzten Tropfen plötzlich wie mit einem Schlage
wieder ich selbst war und alles sich in mir aufbäumte – daß ich mit
einer einzigen Tat alle meine Feinde schlagen und mich vor allen Zeugen
an ihnen rächen wollte, indem ich zeigte, was für ein Held ich sei? Oder
war es vielleicht das, daß jemand mir in diesem Augenblick, von dem ich
noch nichts wußte, ein Stück Mittelalter durch irgendein Wunder oder
eine Zauberei offenbarte und ich in meinem erhitzten Kopfe Turniere,
Paladine, Knappen, schöne Edelfrauen, brechende Lanzen sah und
Schwertergeklirr, Geschrei und Beifallruf der Menge hörte und zwischen
all dem den schüchternen Schrei eines erschrockenen Herzens, der dem
Stolzen auf dem Kampfplatz süßer klingt als alle Siegesfanfaren? ...
Nein, ich weiß wirklich nicht, ob dieser Unsinn mir schon damals den
Kopf verwirrte, oder ob ich, wie mir scheint, nichts anderes dachte und
fühlte, als daß meine Stunde geschlagen hatte! Mein Herz stand still,
und dann gab ich mir einen Ruck und mit einem Sprunge war ich von der
Treppe und stand neben Tankred.
„Ach, Sie glauben, ich fürchte mich?“ rief ich frech und stolz zugleich,
in einer Erregung, die mir die Sinne benahm und das Blut ins Gesicht
trieb. „Dann sollen Sie sehen!“ ... Und noch bevor jemand mich
zurückhalten konnte, hatte ich schon eine Hand in Tankreds Mähne und
einen Fuß im Steigbügel: Tankred bäumte sich, warf wild den Kopf in die
Luft, riß sich mit einem Ruck und Satz von den Stallknechten los und
raste vom Hof – ein Schrei des Entsetzens entrang sich allen Zuschauern.
Gott weiß, wie es mir gelang, im Fluge noch den anderen Steigbügel zu
finden; ebensowenig begreife ich, wie ich nicht den Zaum verlor. Tankred
raste mit mir durch das offene Gittertor, bog scharf nach rechts zur
Seite und jagte mit hochgestrecktem Kopf blindlings längs dem Gitterzaun
weiter. Erst in diesem Augenblick hörte ich hinter mir das Geschrei der
fünfzig Stimmen: und dieser Schrei erweckte in meiner Brust soviel
Freude und Stolz, daß ich diesen verrückten Augenblick meiner Kindheit
nie vergessen werde. Das Blut stieg mir zu Kopf und betäubte, erstickte
meine Angst. Ich war mir meiner selbst nicht bewußt. Übrigens hatte das
alles, soweit ich mich erinnere, wirklich etwas Ritterliches.
Indessen begann und endete mein Rittertum in kaum einer Minute –
anderenfalls wäre es dem Ritter auch sehr schlecht bekommen. Und auch so
verdanke ich meine Rettung nur einem Wunder. Zu reiten verstand ich
freilich, aber mein gewohnter Klepper erinnerte doch weit eher an ein
Lamm als an ein Reitpferd. Selbstverständlich wäre ich von Tankred aus
dem Sattel geworfen worden, wenn er dazu nur Zeit gehabt hätte. Am Ende
des Hofzaunes scheute er aber vor einem großen Stein am Wege, bäumte
sich und warf sich so wild herum, daß es mir noch jetzt ein Rätsel ist,
wie ich im Sattel blieb und nicht wie ein Ball drei Klafter weit zu
Boden flog, um zerschmettert liegen zu bleiben, und wie Tankred selbst
bei dieser plötzlichen wilden Wendung sich nicht einfach überschlug. So
aber jagte er zurück zum Gittertor, schüttelte wild den Kopf, warf die
Beine scheinbar wie sie wollten in die Luft und schien mit jedem Satz
und Seitensprung nur eines zu wollen: mich abzuschütteln, als wäre ich
ein Tiger, der ihm auf den Rücken gesprungen und sich mit allen Zähnen
und Pranken in sein Fleisch einkrallte. Noch ein Augenblick – und ich
wäre geflogen –! Doch schon sprengten mehrere Reiter zu meiner Rettung
herbei. Zwei von ihnen versperrten den Weg, zwei andere drängten ihre
Tiere so dicht heran, daß sie mir fast die Beine zerdrückten, und schon
hielten sie Tankred fest am Zaum. In wenigen Augenblicken waren wir
wieder vor der Freitreppe.
Ich wurde aus dem Sattel gehoben, bleich und an allen Gliedern zitternd.
Tankred stand unbeweglich mit sich hebenden und senkenden Flanken, mit
bebenden roten Nüstern und schnaufendem Atem; dabei zitterten alle seine
Nerven wie vor Wut und Empörung über die ungestrafte Frechheit eines
Kindes, das ihn so beleidigt hatte! Ringsum ertönten noch immer Ausrufe
der Angst und des Schrecks und der Verwunderung.
Da begegnete mein irrender Blick dem der ^M–me^ M., die erregt und
bleich aussah, und – nie werde ich diesen Augenblick vergessen! – in dem
Augenblick wurde ich feuerrot. Ich weiß nicht, was in mir vorging, aber
verwirrt und erschreckt durch eine neue Empfindung senkte ich beschämt
den Blick zu Boden. Doch mein Blick war bemerkt, war aufgefangen, war
mir wieder gestohlen worden! Aller Augen wandten sich ^M–me^ M. zu, und
als diese so plötzlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet
sah, erschrak sie und errötete plötzlich selbst wie ein Kind, gleichsam
infolge einer Empfindung, die gegen ihren Willen über sie kam, obgleich
sie sich ganz unschuldig fühlte. Und in ihrer Verlegenheit zwang sie
sich zu einem Lachen ... Doch half ihr auch das nicht, ihr Erröten zu
verbergen ...
Alles dies hätte einem unbeteiligten Beobachter natürlich sehr komisch
erscheinen müssen – aber da bewahrte mich ein höchst naiver und
unerwarteter neuer Ausfall der Ungezogenen vor dem allgemeinen
Gelächter, indem er den ganzen Zwischenfall in ein besonderes Licht
rückte. Sie, die mich zu meiner Tollkühnheit herausgefordert hatte und
die ganze Zeit über mein unversöhnlichster Feind gewesen war, stürzte
plötzlich zu mir, umschlang mich mit beiden Armen und bedeckte mich mit
Küssen. Sie hatte ihren Augen nicht getraut, als ich ihre
Herausforderung annahm und den Handschuh aufhob, den sie mir mit ihrem
Blick auf ^M–me^ M. zuwarf. Und als ich auf Tankred dahinjagte, da war
sie vor Angst und Gewissensbissen schier ohnmächtig geworden. Jetzt
aber, nachdem alles überstanden war und sie wie alle anderen meinen
Blick auf ^M–me^ M. bemerkte, dazu meine Verwirrung und mein plötzliches
Erröten wahrnahm – jetzt, da sie dem Vorfall mit einer romantischen
Deutung einen ganz anderen Sinn beilegen konnte – jetzt geriet sie in
solches Entzücken ob meiner „Rittertat“, daß sie zu mir eilte und mich
in ihre Arme schloß, gerührt, stolz, begeistert! Einen Augenblick später
richtete sie sich schnell auf und wandte den übrigen, die sich um uns
drängten, ihr Gesicht mit der ernsthaftesten Miene zu, in der unendlich
viel kindlich naiver Stolz lag, und sagte, indes zwei kristallklare
Tränen an ihren Wimpern hingen, mit einer so ernsten, wichtigen Stimme,
wie ich sie von ihr noch nie gehört hatte:
„^Mais c’est très sérieux, messieurs, ne riez pas!^“ Und sie deutete auf
mich, ohne zu gewahren, daß alle wie bezaubert vor ihr standen und nur
sie ansahen. Diese ihre unerwartete schnelle Bewegung, ihr ernstes
liebes Gesicht, ihre offenherzige Naivität und diese aufrichtigen Tränen
in ihren ewig lachenden Augen – alles das erschien ihnen als ein so
unerwartetes Wunder, daß alle sie ansahen, wie gebannt durch diesen
Zauber ihrer Leidenschaftlichkeit, ihres Blickes und ihrer Stimme.
Niemand konnte die Augen von ihr abwenden, so schön war sie in ihrer
Rührung und Begeisterung. Sogar unser alter Hausherr wurde rot wie eine
Tulpe. Und wie man später behauptete, soll er gesagt haben: „Zu seiner
Schande müsse er gestehen, daß er mindestens eine ganze Minute lang in
seinen schönen Gast verliebt gewesen sei.“ Ich aber war jetzt natürlich
ein Ritter, war ein Held!
„Delorges! Toggenburg!“ ertönte es aus dem Kreise.
Viele applaudierten.
„Ja, ja, die junge Generation!“ bemerkte unser Hausherr.
„Aber jetzt kommt er mit, jetzt muß er unbedingt mit uns mitkommen!“
rief die Blondine schnell, „wir müssen ihm einen Platz verschaffen! Oder
er setzt sich zu mir aufs Pferd, auf meinen Schoß ... ach, nein, nein!
Das geht ja nicht!“ ... unterbrach sie sich, auflachend, und konnte
dabei ihr Lachen nicht bezwingen bei der Erinnerung an unsere erste
Bekanntschaft. Doch während sie lachte, streichelte sie zärtlich meine
Hand, sichtlich von Herzen bemüht, meine Freundschaft zu gewinnen und
die Kränkung vergessen zu machen.
„Unbedingt! Unbedingt!“ riefen gleich mehrere Stimmen, „den Platz hat er
sich erobert!“
Und im Augenblick war alles besorgt: jenes selbe ältere Fräulein, das
mich mit ihrer schönen Freundin bekannt gemacht hatte, wurde sogleich
von der ganzen Jugend mit Bitten bestürmt, ihren Platz mir abzutreten
und statt meiner zu Haus zu bleiben. Zu ihrem größten Ärger blieb ihr
denn auch nichts anderes übrig, als den Bitten Gehör zu geben und mit
sauersüßem Lächeln auszusteigen – innerlich wohl dem Bersten nahe vor
Wut über mich. Ihre Beschützerin, meine gewesene Feindin und nun größte
Freundin, rief ihr jedoch, als sie an ihr vorüberritt, wie ein Kind
lachend zu, daß sie sie beneide und gern mit ihr tauschen wollte, denn
es werde gleich regnen und dann würden wir alle naß.
Ihre Prophezeiung traf wirklich ein. Etwa eine Stunde später überraschte
uns ein Platzregen und wir mußten mehrere Stunden in den Bauernhäusern
warten. Erst gegen zehn Uhr kehrten wir zurück, in feuchter,
frisch-kühler Regenluft. Kurz bevor wir aufbrachen, trat ^M–me^ M. zu
mir und fragte mich verwundert, warum ich nichts weiter angezogen hätte,
als meine leichte Matrosenbluse. Ich sagte, ich hätte keine Zeit gehabt,
meinen Mantel mitzunehmen. Da nahm sie eine Nadel und steckte meinen
Kragen höher fest und nahm von ihrem Halse ein kleines, seidenes Tuch,
das sie mir um den Hals band. Sie beeilte sich dabei aber so sehr, daß
ich ihr nicht einmal danken konnte.
Zu Haus angekommen, suchte ich sie und fand sie schließlich im kleinen
Salon, im Gespräch mit der Blondine und dem freundlichen jungen Mann,
der den Ruf eines guten Reiters damit eingebüßt hatte, daß er Tankred
nicht zu reiten wagte. Ich trat an sie heran, bedankte mich und gab ihr
das Halstuch zurück. Ich schämte mich jetzt des Vorgefallenen und wollte
schnell fortgehen, nach oben auf mein Zimmer, um dort in aller Ruhe und
Muße über irgend etwas, was ich im Augenblick selbst nicht zu nennen
vermocht hätte, nachzudenken und mir darüber Klarheit zu verschaffen.
Ich war so voll von neuen Eindrücken. Indem ich das Tuch zurückgab,
errötete ich natürlich wieder bis über die Ohren.
„Ich wette, der Junge hat das Ding behalten wollen,“ bemerkte der junge
Mann lachend, „man sieht es ja seinen Augen an, wie leid es ihm tut,
sich von Ihrem Tuch trennen zu müssen ...“
„Natürlich, natürlich doch!“ fiel ihm die Blondine ins Wort. „So ein
Schlingel! Ach du!“ ... sagte sie scheinbar sehr angehalten und
schüttelte mißbilligend den blonden Kopf, verstummte aber sogleich unter
dem ernsten Blick der ^M–me^ M., der sie bat, ihre Scherze mit mir nicht
wieder zu weit zu treiben.
Ich ging schnell fort.
„Wohin läufst du denn! So lauf doch nicht weg!“ – damit holte sie mich
im Nebenzimmer ein und erfaßte freundschaftlich meine beiden Hände –
„hättest du es doch einfach nicht zurückgegeben, wenn du’s so gern
behalten wolltest! Hättest doch sagen können, daß du es verloren hast
oder irgendwohin gelegt, und damit basta! Und das hast du nicht
verstanden? Du bist mir mal ein Tor!“
Und sie gab mir mit dem Finger einen leichten Backenstreich und lachte,
weil ich wieder feuerrot wurde.
„Jetzt sind wir doch gute Freunde, nicht wahr? Hat unsere Feindschaft
ein Ende, sag’!? Ja oder nein?“
Ich lachte und drückte ihr ohne ein Wort die Hand.
„Nun, das ist gut! ... Aber warum bist du so bleich geworden und warum
zitterst du? Hast du dich erkältet?“
„Ja, ich fühle mich nicht ganz wohl ...“
„Ach, du Armer! Das kommt von der Aufregung! Weißt du was? Geh jetzt
lieber gleich ins Bett, warte nicht erst auf das Abendessen, und wenn du
dich gut ausschläfst, wird es vergehen. Komm!“
Sie führte mich nach oben, und wie es schien, konnte sie mir nicht genug
Liebes erweisen. Während sie mich zum Auskleiden allein ließ, lief sie
nach unten in die Küche und brachte mir heißen Tee, den ich, als ich
schon im Bett lag, trinken mußte. Dann brachte sie mir noch eine warme
Decke und deckte mich sorgfältig zu. Ihre liebevolle Sorge wunderte und
rührte mich nicht wenig, – oder vielleicht waren auch meine Nerven nach
allen Erlebnissen an diesem Tage und obendrein noch durch das Fieber
besonders empfänglich dafür. Ich schlang plötzlich meine Arme um ihren
Hals, als wäre sie mein liebster und bester Freund, und mit einem Male
kamen alle Eindrücke des Tages wieder und stürmten auf mein ermattetes
Herz: ich war den Tränen nahe und schmiegte mich fest an ihre Brust. Sie
erriet meine überwallende Empfindung und ich glaube, mein Wildfang war
selbst beinahe gerührt.
„Du bist ein guter Junge,“ flüsterte sie mir zu und sah mich mit stillen
Augen an, „so sei mir nun nicht mehr böse, ja? wirst mir nicht mehr böse
sein?“
Mit einem Wort: uns verband von nun an die treueste, zärtlichste
Freundschaft.
Es war ziemlich früh am Morgen, als ich erwachte, aber die Sonne
erfüllte das Zimmer schon mit goldigem Licht. Ich sprang gesund und
munter aus dem Bett, von der Erkältung empfand ich nichts mehr, statt
dessen aber eine unendliche, unerklärliche Freude. Ich dachte an den
ereignisreichen letzten Tag und Abend und ich hätte ein ganzes Glück
dafür hingegeben, wenn ich in diesem Augenblick wieder meinen neuen
Freund, unsere blondlockige Schönheit hätte umarmen können. Aber es war
noch zu früh und sie schliefen wohl noch alle. Ich kleidete mich schnell
an, ging in den Garten und von dort in den Wald. Ich schlug die Richtung
ein, in der der Wald am dichtesten war, der Duft der Bäume harziger, und
wo die Sonnenstrahlen neckisch und nur wie verstohlen hier und da durch
das dichte Blattgewirr lugten. Es war ein wundervoller Morgen.
Ich ging weiter und weiter, bis ich schließlich am anderen Waldrande
anlangte, auf einem Bergabhange nicht weit vom Fluß. Die Moskwa ist dort
keine zweihundert Schritte vom Waldesrande entfernt, wenn man den Abhang
hinabgeht. Auf dem anderen Ufer wurde Heu gemäht. Ich blieb stehen und
schaute hinüber: ich sah, wie ganze Reihen scharfer Sensen bei jedem
Ausholen der Schnitter in der Sonne aufblitzten und dann wieder
verschwanden, gleich kleinen glänzenden Schlangen, die schnell immer von
neuem ins Gras huschten, als wollten sie sich verstecken, und wie das
gemähte Gras in dicken bauschigen Büscheln zur Seite flog und in langen
geraden Streifen liegen blieb. Ich erinnere mich nicht, wie lange ich so
hinübergeschaut haben mochte, als ich plötzlich aus meinen Träumen zur
Besinnung kam: aus dem Walde, ungefähr aus der Richtung des Durchhaus,
der sich zwischen dem Fahrweg und dem Herrenhause hinzog, vernahm ich
Pferdegeschnauf und ungeduldiges Scharren mit dem Huf. Ich konnte jedoch
nicht sagen, ob der Reiter sein Tier gerade erst anhielt, oder ob schon
längere Zeit das Stampfen und Schnaufen zu hören gewesen war, das ich –
in mich selbst versunken, wie ich, während ich den Schnittern zusah,
dagestanden – nur nicht gehört hatte. Neugierig kehrte ich zurück in den
Wald und schon nach wenigen Schritten vernahm ich Stimmen, die schnell,
aber leise durch die Stille erklangen. Ich ging noch näher und bog die
Äste der letzten Büsche zur Seite und – erschrocken wich ich zurück –
durch die Zweige schimmerte ein weißes Kleid: eine weiche Frauenstimme
schlug an mein Ohr und ließ mein Herz erzittern. Es war ^M–me^ M. Sie
stand neben einem Reiter, der vom Pferde herab schnell auf sie
einsprach, und zu meiner Verwunderung erkannte ich in ihm N., jenen
jungen Mann, der uns tags zuvor verlassen hatte, begleitet von allen
jungen Damen und auch von ^M–r^ M. Hatte man nicht gesagt, er müsse
irgendwohin, weit nach dem Süden Rußlands reisen? Wahrlich, es war nur
zu erklärlich, daß ich mich recht verwunderte, als ich ihn wieder bei
uns und noch dazu so früh am Morgen und allein mit ^M–me^ M. im Walde
erblickte!
Sie schien geweint zu haben und sah erregt aus, aber so schön hatte ich
sie noch nie gesehen. Der junge Mann hielt ihre Hand in der seinen und
führte sie, im Sattel sich herabneigend, an seine Lippen. Ich hatte sie
beim Abschied überrascht. Ich glaube, sie beeilten sich. Endlich zog er
aus der Brusttasche einen Brief, reichte ihn ^M–me^ M., umfing sie mit
dem einen Arm, sich wie vorher im Sattel herabbeugend, und küßte sie –
fest und lange. Einen Augenblick später wippte die Peitsche und er
sprengte schnell an mir vorüber, auf und davon. Sie aber stand noch eine
Weile und blickte ihm nach, dann wandte sie sich um und kehrte langsam,
nachdenklich und traurig zum Hause zurück. Nach wenigen Schritten schien
sie plötzlich zu sich zu kommen, wie aus einem Traum zu erwachen – und
sie bog schnell die Zweige der Büsche am Durchhau zur Seite und ging
durch den Wald.
Ich folgte ihr, erstaunt und verwirrt durch das, was ich gesehen hatte.
Mein Herz pochte laut, wie nach einem großen Schreck. Und dennoch war
ich wie erstarrt und betäubt: meine Gedanken waren zerstreut und ich
konnte sie nicht sammeln; aber ich erinnere mich, daß ich furchtbar
traurig war. Hin und wieder sah ich ihr weißes Kleid durch das Grün
schimmern. Ich folgte ihr ganz willenlos, fast mechanisch, und hatte
dabei nur den einen Gedanken, sie nicht aus dem Auge zu verlieren und
doch selbst nicht von ihr gesehen zu werden. Endlich trat sie auf den
Weg, der aus dem Walde in den Garten führte. Ich wartete eine Weile,
dann trat ich gleichfalls aus dem Walde. In demselben Augenblick
bemerkte ich auf dem gelben Kies des Weges ein geschlossenes Kuvert, das
ich auf den ersten Blick erkannte – es war dasselbe, das vor etwa zehn
Minuten N. ^M–me^ M. eingehändigt hatte.
Ich hob es auf, betrachtete es von allen Seiten: ein weißes Kuvert ohne
Aufschrift, ohne ein Zeichen, dem Format nach nicht sehr groß, aber
recht dick und schwer, wie wenn mindestens drei Bogen Postpapier in ihm
waren.
Was enthielt dieser Brief? Vielleicht das ganze Geheimnis! Vielleicht
war in ihm alles das ausgesprochen, was N. in den wenigen Minuten des
kurzen Wiedersehens nicht zu sagen gewagt hatte. Er war ja dem Anscheine
nach nicht einmal abgestiegen ... Sollte er sowenig Zeit gehabt haben
oder fürchtete er vielleicht bei einem längeren Abschied seinem
gegebenen Wort nicht treu bleiben zu können – Gott mag es wissen ...
Ich blieb stehen, legte den Brief mitten auf den Weg, gerade auf die
sichtbarste Stelle und versteckte mich hinter einem Baum, so daß ich den
Brief im Auge behalten konnte, denn ich dachte, ^M–me^ M. werde bald
bemerken, daß sie ihn verloren hatte, und dann, um ihn zu suchen, auf
demselben Wege in den Wald zurückkehren. Ich hielt aber das Warten nicht
lange aus, hob den Brief wieder auf, steckte ihn in die Tasche und lief
ihr nach. Sie war aber schon im Garten und ging in der großen Allee
geradeswegs zum Hause, ging schnell, doch mit gesenktem Kopf. Da wußte
ich nicht, was ich tun sollte. Sie einholen und ihr den Brief geben? Das
hätte verraten, daß ich alles gesehen, daß ich alles wußte. Wie sollte
ich ihr dann noch in die Augen blicken? und was würde sie von mir
denken? Ich hoffte immer noch, daß sie zu sich kommen, sich des Briefes
erinnern und dann bemerken werde, daß sie ihn verloren hatte. In dem
Falle hätte ich ihn unbemerkt fallen lassen: und sie würde ihn sogleich
gefunden haben. Aber nein, sie dachte offenbar nicht an den Brief! Sie
näherte sich schon dem Hause, und auf der Terrasse hatte man sie bereits
erblickt.
An diesem Morgen waren alle viel früher aufgestanden, denn am Abend nach
der mißlungenen Ausfahrt hatte man sogleich einen neuen Ausflug
verabredet, wovon ich noch nichts wußte. Alle hatten sich schon zur
Abfahrt bereitgemacht und saßen gerade beim Frühstück auf der Terrasse.
Ich wartete gute zehn Minuten, damit man mich nicht zusammen mit ^M–me^
M. aus dem Garten kommen sah, machte einen Umweg und näherte mich von
einer anderen Seite dem Hause. Sie ging auf der Terrasse unruhig hin und
her, sah bleich und erregt aus und aus allem war zu ersehen, daß sie
sich Gewalt antat, um ihre Erregung und Angst nicht zu verraten; dennoch
sprach aus ihren Augen, ihrem unruhigen Gang, aus jeder Bewegung soviel
Qual und Pein, daß sie wohl jedem, der sie beobachtet hätte, aufgefallen
wäre. Sie stieg die Stufen hinab und ging ein paar Schritte auf dem Wege
in den Garten; ihre Augen suchten angstvoll und sogar unvorsichtig und
auffällig auf dem Kies und dem Fußboden der Terrasse. Da wußte ich:
jetzt endlich vermißte sie den Brief und fürchtete wohl, ihn in der Nähe
des Hauses verloren zu haben – ja, sie schien davon überzeugt zu sein.
Jemand machte die Bemerkung, und nach ihm wiederholten sie alle anderen,
daß sie bleich und nervös aussehe. Es folgten Fragen nach ihrer
Gesundheit, lästige Ratschläge. Sie mußte beruhigen, scherzen, lachen,
mußte eine heiter gelassene Miene zur Schau tragen. Zuweilen flog ihr
Blick zu ihrem Mann hinüber, der am anderen Ende der Terrasse sich mit
zwei Damen unterhielt, und dann überlief wieder jenes Zittern ihren
Körper und jene große Befangenheit kam über sie, wie an dem Abend, als
er unerwartet hier eingetroffen war. Ich stand, die Hand in der Tasche,
in der ich den Brief krampfhaft festhielt, etwas abseits auf der
Terrasse und flehte das Schicksal an, daß sie mich endlich bemerken
möge. Ich wollte sie beruhigen, trösten, und war’s auch nur mit einem
Blick, oder ihr, wenn es anging, heimlich ein paar Worte zuflüstern.
Doch als sie mich dann zufällig ansah, da zuckte ich zusammen und senkte
den Blick.
Ich sah ihre Qual und täuschte mich nicht in meiner Annahme. Auch jetzt
weiß ich von ihrem Geheimnis nicht mehr als damals, nichts weiter als
das, was ich soeben wiedergegeben. Aber ihr Verhältnis zu N. war
vielleicht doch nicht von der Art, wie man es auf den ersten Blick
vermuten könnte. Vielleicht war dieser Kuß ein letzter Abschiedskuß, ein
dürftiger Lohn für ein Opfer, das er ihrer Ruhe und Ehre brachte? Er
verließ sie. Er reiste irgendwohin, weit fort, vielleicht fürs ganze
Leben, um sie nie wiederzusehen. Und schließlich, dieser Brief, den ich
kampfhaft umklammerte – wer weiß, was er enthielt? Wer konnte da
urteilen? Zweifellos wäre die plötzliche Aufdeckung ihres Geheimnisses
ein entsetzlicher, ein vernichtender Schlag für sie gewesen. Ich sehe
noch heute ihr Gesicht vor mir, wie sie dort ging und stand: nein, mehr
konnte man nicht leiden! Fühlen, wissen, überzeugt sein, und wie auf
seine Hinrichtung darauf warten, daß in einer Viertelstunde oder schon
in der nächsten Minute alles der Öffentlichkeit preisgegeben sein würde
– der Brief konnte doch jeden Augenblick von jemandem gefunden werden!
Er war ohne Aufschrift, man würde ihn erbrechen und dann ... was dann?
Welche Hinrichtung könnte furchtbarer sein, als die, die sie erwartete?
Sie stand und ging hier mitten unter ihren zukünftigen Richtern. Nach
wenigen Minuten würden alle diese lächelnden, schmeichelnden Gesichter
streng und unerbittlich aussehen. Spott, Bosheit und eisige Verachtung
würde sie in ihnen lesen und dann würde ewige, hoffnungslos dunkle Nacht
ihr Leben abschließen ... Damals freilich begriff ich das alles noch
nicht so, wie jetzt. Ich konnte es nur ahnen und Mitleid mit ihr
empfinden, tiefes, unsagbares Mitleid mit ihrer Angst, die ich nicht
einmal ganz verstand. Doch was auch immer ihr Geheimnis gewesen sein mag
– durch jene qualvolle Stunde, deren Zeuge ich war und die ich niemals
vergessen werde, hat sie viel gesühnt, wenn hier überhaupt etwas zu
sühnen war.
Plötzlich erscholl der fröhliche Ruf zur Abfahrt. Ein lautes
Stimmengewirr war die Antwort, und unter Scherzen und Lachen brach man
auf. In wenigen Minuten hatten alle die Terrasse verlassen. ^M–me^ M.
weigerte sich, mitzufahren und gestand schließlich, daß sie sich nicht
wohl fühle. Doch Gott sei Dank, alle beeilten sich und niemand
belästigte sie weiter mit Fragen oder Ratschlägen: dazu hatten sie jetzt
keine Zeit. Nur wenige blieben zu Haus. Ihr Mann war zu ihr getreten und
sagte ihr irgend etwas: sie erwiderte, daß ihr Unwohlsein schnell
vergehen werde, er solle sich deshalb nicht beunruhigen; hinlegen wolle
sie sich nicht, sie werde in den Garten gehen, allein ... oder mit mir
... Dabei sah sie sich nach mir um. Ich errötete vor Freude: das war ja
die beste Gelegenheit, die sie mir damit bot! Einen Augenblick später
machten wir uns auf den Weg.
Sie ging denselben Weg, den sie gekommen war, sie schien sich
unwillkürlich jeder Allee, jedes Umweges im Garten, jedes Fußsteiges zu
erinnern, und sie ging, ohne den Blick vom Boden zu erheben, ohne mich
zu beachten – vielleicht hatte sie es schon vergessen, daß ich mit ihr
ging.
Als wir an den Waldrand kamen, wo ich den Brief gefunden hatte und wo
der Kiesweg aufhörte, blieb sie plötzlich müde stehen und sagte mit
einer Stimme, die mir ins Herz schnitt, so verzweifelt und hoffnungslos
traurig klang sie, daß sie sich schlecht fühle und zurückkehren wolle.
Doch kaum waren wir wieder beim Gartenzaun angelangt, da blieb sie von
neuem stehen und starrte vor sich hin. Ein wehes, qualvolles Lächeln
zuckte um ihre Lippen und wie erschöpft und wie aus Erschöpfung sich
allem ergebend, sich in alles fügend, was auch über sie hereinbrechen
sollte, kehrte sie stumm zum Walde zurück, diesmal ohne mir ein Wort zu
sagen, ohne mich zu beachten ...
Ich hätte mich selbst zerreißen mögen, und doch verfiel ich nicht auf
einen Ausweg ...
Wir gingen, oder richtiger, ich führte sie an jene Stelle, wo ich vor
etwa einer Stunde gestanden und plötzlich den Hufschlag gehört hatte.
Nicht weit von dort war am Fuß einer alten Ulme ein bankartig gehauener
großer Feldstein, von Hagebutten, wildem Jasmin und Efeu umgeben. (Der
Wald hatte eine Menge solcher „Überraschungen“, wie Bänke, Grotten,
kleine Brücken und ähnliches.) Sie setzte sich auf die Bank und sah
geistesabwesend auf das entzückende Landschaftsbild, das sich uns bot.
Nach einer Weile schlug sie das Buch auf und tat, als läse sie, aber sie
saß reglos, wandte weder ein Blatt, noch las sie: sie wußte wohl selbst
nicht, was sie tat. Es war gegen halb zehn Uhr. Die Sonne stand schon
hoch am klaren, endlos hohen blauen Sonnenhimmel und schien in ihrem
eigenen Feuer zu verbrennen. Die Schnitter waren bereits weit, man
konnte sie von unserem Ufer kaum noch sehen. Ununterbrochen folgten
ihnen die langen Streifen des gemähten Grases und wenn die Luft sich ab
und zu wie in einem leisen Wehen regte, dann trug sie frischen Heuduft.
Ringsum aber ertönte unermüdlich das Zwitschern jener, die „weder säen,
noch ernten“ und frei sind wie die Luft, in der sie fliegen. Es lag
solch ein seliges Wohlsein in der ganzen Natur!
Ich blickte scheu auf die arme Frau, die allein wie eine Tote inmitten
dieses frohen Lebens war: an ihren Wimpern hingen Tränen, die ihr das
Leid aus den Augen gepreßt. In meiner Macht war es, diese arme, traurige
Seele aufzurichten und zu beglücken, und doch wußte ich nicht, wie ich
es anfangen sollte, und ich quälte mich entsetzlich. Hundertmal war ich
schon im Begriff, zu ihr zu treten, um ihr den Brief zu übergeben, und
jedesmal stieg mir dann die Röte wie Feuer ins Gesicht.
Plötzlich erleuchtete mich ein guter Gedanke: ich war auf ein Mittel
verfallen und wie erlöst!
„Ich werde Ihnen Blumen pflücken! Wollen Sie?“ fragte ich sie so froh,
daß sie aufsah und mich anblickte.
„Gut,“ sagte sie endlich mit müder Stimme, kaum merkbar lächelnd, und
wieder sah sie ins Buch.
„Sonst wird hier auch das Gras gemäht und dann mähen sie alle Blumen
nieder!“ rief ich fröhlich und sprang davon.
Bald hatte ich schon eine ganze Menge gepflückt, wenn es auch nur ein
Strauß einfacher, unscheinbarer Feldblumen war, die man wohl kaum in
einer Vase ins Zimmer stellen würde. Und doch, wie froh schlug mein
Herz, als ich die Blumen suchte und zum Strauße zusammenband!
Heckenrosen und wilden Jasmin brach ich. Dann lief ich zu einem nahen
Kornfeld. Dort, das wußte ich, blühten Kornblumen. Die pflückte ich, und
dazu lange goldgelbe Ähren, die schönsten suchte ich aus. Am Wegrande
fand ich auch ein ganzes Büschel Vergißmeinnicht und mein Strauß konnte
sich eigentlich schon sehr wohl sehen lassen. Weiter im Felde fand ich
hellblaue Glockenblumen und wilde Nelken und unten am Flußufer gelbe
Wasserrosen. Endlich, schon auf dem Rückwege, als ich noch auf einen
Augenblick in den Wald trat, um einige Silberahornzweige zu brechen und
sie unten kranzartig um die Blumen zu legen, fand ich wilde
Stiefmütterchen und in ihrer Nähe, durch ihren Geruch aufmerksam
gemacht, im Grase ganz versteckt, süß duftende Veilchen, die vom Tau
noch feucht waren. Mein Strauß war fertig. Mit dünnen langen Gräsern
umwand ich die Stiele und zwischen die Blumen, ganz vorsichtig, steckte
ich den Brief, so daß man ihn deutlich sehen konnte, wenn man dem Bukett
nur einige Beachtung schenkte.
So brachte ich es ^M–me^ M.
Unterwegs schien es mir, daß der Brief doch gar zu auffallend
hervorragte: deshalb verdeckte ich ihn etwas mehr mit den Blüten. Als
ich mich ihr schon näherte, schob ich ihn noch etwas tiefer hinein, und
als ich schon ganz nahe bei ihr war, stieß ich ihn so tief in den
Strauß, daß man von ihm nichts mehr sehen konnte. Das Blut schoß mir
wieder ins Gesicht, ich wollte es mit den Händen bedecken und sogleich
fortlaufen, aber sie sah nur so zerstreut auf meine Blumen, als habe sie
ganz vergessen, daß ich sie für sie gepflückt hatte. Mechanisch hob sie
die Hand, nahm, fast ohne aufzusehen, mein Geschenk in Empfang und legte
es achtlos auf die Bank – und wieder sah sie ins Buch, wie in Gedanken
verloren. Ich hätte weinen mögen vor lauter Ärger über den Mißerfolg
meines Planes. „Wenn der Strauß nur bei ihr bleibt,“ dachte ich, „wenn
sie ihn nur nicht vergißt!“ Ich legte mich in der Nähe der Bank ins
Gras, schob die rechte Hand unter den Kopf und schloß die Augen, als
wollte ich schlafen. Dabei aber beobachtete ich sie heimlich
unausgesetzt.
Es verging eine geraume Zeit, vielleicht zehn Minuten; wie mir schien,
wurde ihr Gesicht immer bleicher ... Plötzlich kam ein glücklicher
Zufall mir zu Hilfe.
Es war das eine große goldbraune Hummel, die ein freundliches Lüftchen
zu uns führte. Sie summte zuerst über meinem Kopf, dann flog sie zu
^M–me^ M. Diese schlug mit der Hand nach ihr, schlug noch einmal, aber
die Hummel wurde wie zum Trotz nur noch zudringlicher. Da griff ^M–me^
M. nach meinem Strauß, um mit ihm das Tier zu verscheuchen. In dem
Augenblick löste sich aus den Blumen der Brief und fiel gerade auf das
aufgeschlagene Buch. Ich zuckte zusammen. Sie blickte, stumm vor
Verwunderung, bald auf den Brief, bald auf die Blumen und schien ihren
Augen nicht zu trauen. Plötzlich wurde sie feuerrot, erhob schnell den
Blick und sah sich nach mir um. Doch schon hatte ich die Augen
geschlossen und tat, als schliefe ich fest: für keinen Preis hätte ich
ihr jetzt offen in die Augen geschaut. Mein Herz pochte laut und schien
doch stillstehen zu wollen – ich hielt den Atem an. Ich weiß nicht, wie
lange ich so lag: zwei bis drei Minuten vielleicht. Endlich wagte ich
es, ganz, ganz vorsichtig die Augen zu öffnen. Sie saß und las den
Brief, und an ihren glühenden Wangen und glänzenden Augen, die
tränenfeucht waren, ihrem verklärten Gesicht, in dem jeder Zug vor
freudiger Erregung zu beben schien, erriet ich, daß der Brief ihr Glück
gab und ihr Kummer wie eine trübe Wolke verscheucht wurde. Ein
schmerzlich süßes Gefühl schlich in mein Herz und es fiel mir schwer,
mich noch weiter schlafend zu stellen ...
Niemals werde ich diese Stunde vergessen!
Plötzlich hörte ich rufen, nicht weit von uns erklangen Stimmen:
„^M–me^ M.! ^Natalie! Natalie!^“
Sie antwortete nicht, stand aber schnell auf, trat zu mir und beugte
sich über mich. Ich fühlte es, daß sie mir gerade ins Gesicht sah. Meine
Lider wollten schon zucken, aber ich nahm mich krampfhaft zusammen und
rührte mich nicht. Ich versuchte, möglichst gleichmäßig und ruhig zu
atmen, aber das Herz wollte mich ersticken mit seinen ungestümen
Schlägen. Da brannten plötzlich Tränen und ein Kuß auf meiner Hand, die
auf meiner Brust lag. Und noch einmal, zweimal küßte sie mir die Hand.
„^Natalie! Natalie!^ Wo bist du?“ klang es wieder.
„Gleich!“ sagte ^M–me^ M. mit ihrer weichen, dunklen, von Tränen
durchzitterten Stimme, und so leise, daß nur ich es hören konnte.
Da stockte mein Herz und verriet mich: heiß trieb es mir all mein Blut
ins Gesicht. Im nächsten Augenblick glühte ein schneller heißer Kuß auf
meinen Lippen. Ich schlug vor Schreck mit einem schwachen Schrei die
Augen auf, doch da fiel auf sie etwas seidig Weiches – es war jenes
kleine Tuch –, als sollte es meine Augen vor der Sonne schützen. Einen
Augenblick später war sie schon fort. Ich vernahm nur noch das Geräusch
eilig sich entfernender Schritte. Dann war ich allein ...
Ich riß das Tuch vom Gesicht und küßte es außer mir vor Entzücken. Ich
war wie fassungslos! ... Lange lag ich im Grase, hatte die Ellbogen
aufgestützt und schaute sinnverloren und ohne mich zu rühren geradeaus
auf die Hügel, die Felder und Wiesen, den Fluß, der sich zwischen ihnen
in großen Biegungen hinwand und weit, soweit das Auge nur folgen konnte,
sich hinschlängelte, zwischen neuen Bergen und Gütern und Dörfern, deren
Häuser in der sonnenhellen Ferne wie kleine Punkte vom Grün sich
abhoben, schaute auf die blauen kaum sichtbaren Wälder, die wie in Rauch
gehüllt am Horizonte sich hinzogen: und eine seltsam süße Stille, die
aus der feierlichen Ruhe der Landschaft hervorzugehen schien, beruhigte
allmählich mit einer unendlichen Sanftheit mein erregtes Herz. Wie eine
Erleichterung war es, ich atmete freier ... Aber meine ganze Seele
begann, sich seltsam dumpf und süß zu sehnen, als sähe sie etwas, was
sie noch nie gesehen, als wäre plötzlich ein Ahnen in ihr erwacht.
Furchtsam und doch voll Freude begann mein Herz etwas Geheimnisvolles zu
erraten, leicht bebend vor Erwartung ... Und plötzlich weitete sich
meine Brust, und in ihr wogte und schmerzte es, als wäre sie durchbohrt
– und Tränen, selige Tränen entströmten meinen Augen. Ich bedeckte das
Gesicht mit den Händen und zitternd wie ein Grashalm gab ich mich
wehrlos der ersten Erkenntnis und Offenbarung des Herzens hin, dem
ersten noch unklaren Einblick in meine Menschennatur. Mit diesem
Augenblick endete meine Kindheit. – – – – – – – – – – – – – – –
* * * * *
Als ich zwei Stunden später ins Haus zurückkehrte, befand ^M–me^ M. sich
nicht mehr unter den Gästen. Sie war mit ihrem Mann nach Moskau
gefahren, wie es hieß, auf irgendeine plötzlich eingetroffene Nachricht
hin. Ich habe sie nie wiedergesehen.