Es grüßt Sie herzlichst im Namen des ganzen Hauses

~Berta Berels.~

Rosig fiel ein Sonnenstrahl durch den grauen Winterhimmel.

Und in meinem Herzen war lauter Sonne und Helle und Wärme.

~Berta~, noch zehn Tage, zehn lange Tage, dann werde ich dich

wiedersehen!

An dem Sonntag war ich schon früh auf den Beinen. Ueber Nacht war der

Winter ins Merschertal gekommen. Handhoch lag der Schnee auf den jungen

Saaten.

Die kalte Luft tat mir wohl, und ich schritt lustig zum Bahnhof

hinunter.

In meinem Coupé saß nur eine alte Frau. Die fuhr zu ihrer Tochter nach

Luxemburg. Wir plauderten gemütlich mit einander.

Die gute Frau erzählte mir von ihrer Tochter. Vor zwei Jahren hatte sie

geheiratet. Einen kleinen ~Fonktionär~ hatte sie genommen. Gegen

den Willen der Eltern. Die wollten die Tochter auf dem Lande behalten

und mit einem braven Jungen aus dem Dorfe verheiraten. ~Jäng~ hieß

der Junge. Der hatte ziemlich Land, sechs Milchkühe, zwei Pferde, und

er war ein fleißiger und tüchtiger Landwirt.

~Lisa~ konnte ihn auch recht leiden, und ~Jäng~ kam oft auf

Besuch. Die Freierei war flott im Gange. Und die Eltern sahen das gerne.

Da kam eines Tages ein junger ~Fonktionär~ ins Dorf. Der war

tüchtig herausgefiezt. Er konnte so schön tun, erzählte allerhand Faxen

und hatte bald dem Mädchen den Kopf verdreht. So berichtete die alte

Frau.

Die Sache interessierte mich sehr.

„~A wé aß et dû gângen?~“

„~Wé et gângen aß! Krâch a Streit hu mir an t’Haus krit. D’Lisa konnt

de Jäng net mé leiden. An hat hoût him Frechhèten gemâcht, wo et nömme

konnt, an~....“

„~Jô, an~....“, warf ich ein, um die alte Frau, die sich in einen

förmlichen Eifer hineingeredet hatte, etwas ausschnaufen zu lassen.

„.... ~an dât dommt Steck hoût hién missen hun.~“

„~An dû?~“

„~An dû hu mir dem Här Fonktionär seng Scholden misse bezoûlen.~“

Ich nickte mißfällig.

Es entstand eine Pause. Die alte, energische Frau atmete schwer. Sie

hatte sicherlich noch etwas auf dem Herzen, was sie drückte und das sie

nicht sagen wollte.

„~Wé an engem Prisong sötzt et do~,“ spann sie den Faden weiter.

„~A wann et kê Kand hät, dann dét et sech zu Doûd lângweilen.~“

„~Kanner brengen Frid an de Stod~,“ bemerkte ich, um das Gespräch

abzuschließen.

Mein Ausspruch gefiel der Alten. Ihre Augen leuchteten.

„~Ganz richteg, jongen Här. Wann dât Kand net wär, dann géng ech och

nach haut net no hinnen kucken.~“

„.... ~Dir hud e gut Hiérz, Madam!~“

„~Dat könnt hinnen elo gut~,“ betonte kräftig die alte Frau.

„~Et get ên hinnen jo och giér, wât ên huôt, Botter, Solperflêsch, a

frösch Èer; awer d’Henger léen elo esoû wéneg, an~....“

„~Letzeburg! Alles aussteigen!~“

Da war unser Gespräch abgerissen. Ich reichte der Frau den Korb

hinunter. Er war ordentlich schwer -- -- -- -- -- -- --

~Lisa!~

Ich saß allein im Coupé mit meinen Gedanken. Und immer wieder kam mir

die alte, energische Frau in den Sinn. Und die ~Lisa~.

Wie diese ~Lisa~ gibt es viele, sehr viele. Die hat das Leben der

Stadt geblendet. Anmutig und sorgenlos und genußreich scheint ihnen das

Leben.

Aber sie kennen es nicht, weil sie oberflächlich urteilen. Weil sie

alles nach Aeußerlichkeiten bewerten.

Arme ~Lisa~! Denk doch etwas weiter!

Was ist Glück?

Das Glück hängt nicht an einem schönen Kleide, an einem neumodischen

Hute, an gelben Schuhen, an durchbrochenen Strümpfen.

Warum hatte die ~Lisa~ den ~Jäng~ nicht gewollt? Weil der zu

schwerfällig war, zu ernst und zu alltäglich. Weil er nicht begriff,

daß das Weib auch Sonnentage begehrt, an denen es nichts hören will von

der rauhen Sprache der Arbeit.

~Jäng~ kannte nur diese Sprache der Arbeit.

Darum schnappte ihm der ~Fonktionär~ die ~Lisa~ weg.

So darf man nicht ums Weib anhalten. So will ich nicht um ~Berta~

freien.

Mit den rauhen Händen der Arbeit und einem Herzen voll Sonne wirbt man

um die Braut.

Die rauhen Hände sind für die Alten, das junge, sprudelnde Herz ist für

die Braut.

So muß man auftreten können. Nicht immer wie ein sorgender Großvater.

Und auch nicht immer streng und grießgrämig wie ein barmherziger Bruder.

Mut, Lebensfreude, Humor, das suchen die Mädchen.

Ein freundliches, lustiges Wort, das dringt zum Herzen. Mit

Freundlichkeit kann man die Welt erobern.

So rüstet man sich für die Werbung. So ging auch ich auf Brautschau.

Auf dem Bahnhof erwartete mich der Eidam.

In ~Heinrich Holmer~ hatte ich ein unbegrenztes Vertrauen.

Merkwürdig. Es gibt Menschen, die wirken stets abstoßend, entfremdend.

Andere wieder ziehen uns an und öffnen uns das Herz und sind unsere

Freunde.

Das sind Sonntagskinder. Die dürfen niemals unglücklich werden.

~Heinrich Holmer~ gehörte zu denen.

Wir plauderten zusammen, wie zwei, die sich schon lange, sehr lange

kennen und sich gut verstehen.

Wir sprachen vom Wetter, vom ersten Schnee, von den jungen Saaten und

von ~Berta~.

~Holmer~ erzählte mir von ~Berta~.

Ich hätte gute Aussichten, viele Chancen, meinte er. Wenn er es sagt,

kann ich es glauben.

„~D’Mamm aß ganz derfir. An d’Berta natirlech och. Nömmen~....“

Ich blickte ihn etwas erschrocken an. Ein kalter Schauer fuhr mir durch

die Glieder.

„.... ~nömmen de Papp wöllt nach e böschen zereckhâlen.~“

Stürmisch trieb der Wind den Schnee vor mir her.

„~Esoû. A woûfir?~“

„~Woûfir! Well hién en âle Man aß. E Man vun der âler Èrd.~“

Dann schwieg er.

So schritten wir eine Weile weiter.

Vor uns auf der Anhöhe lag das Dorf. Im Schneegestöber erkannte ich

schon den hohen Kirchturm.

In der Stille klangen die Mittagsglocken. Manchmal laut, feierlich;

dann wieder leise, gebrochen, wimmernd.

„~Mä, dât hoût neischt ze bestellen~,“ griff ~Holmer~ das

Gespräch wieder auf. „~D’Sâch wärd schon an d’Rei go’n.~“

In den Pappeln stöhnte der Wind.

„~Hei, do kommen se jo!~“ rief er auf einmal und zeigte mit dem

Arm auf die Beiden, die unten aus dem Dorfe herkamen.

„~Sie kommen aus der Möß~,“ fügte er erklärend bei.

Nun erkannte auch ich ~Berta~ und ihren Vater. Wir gingen rascher.

Vor dem Berelshause trafen wir uns.

„~Der brengt Schné a Kèlt mat. Kommt, loß mer an t’Haus go’en~,“

sagte der Berelsvater.

Ich drückte ~Berta~ fest die Hand. Sie blickte mir offen in die

Augen und ich verspürte ihren noch kräftigeren Händedruck.

Der Empfang war wieder sehr freundlich.

~Berta~ servierte das Essen, wie bei meinem ersten Besuche. Und

als sie die Torte aufgetragen hatte, machte die Mutter ihren Platz

frei. Dahin setzte sich ~Berta~. Dicht neben mich.

Dann sprachen wir von meiner Heimat.

„~D’aß nach ewell e groûßt Duôref~,“ meinte der Berelsvater.

~Berta~ brachte die Ansichtskarte. Und nun mußte ich erklären.

Dort unten die Kirche. Links der Bahnhof eine halbe Stunde vom Dorfe;

hier unser Haus mit den Ställen zur rechten Seite.

Der Berelsvater hatte seine alte Hornbrille aufgesetzt und war etwas

näher gerückt.

„~An hei aß eise Bongert hannert dem Haus.~“

Mit Interesse folgte er meinen Worten.

„~Aß dé groûß?~“ warf er dazwischen.

„~Anerhalve Moûrgen.~“

„~Soû!~“

„Und daneben haben wir noch ein großes Feld, das jetzt als Weide für

Jungvieh und Schweine eingezäunt ist. Die Tiere können direkt aus dem

Stall hineingelangen.“

Der Berelsvater war auf seinen Stuhl zurückgesunken und horchte

gespannt.

„~Ei, dât aß kamoûd~,“ rief ~Berta~ mit heller Stimme

dazwischen.

„Ja, sehr bequem. Uebrigens haben wir fast all unser Land in der

nächsten Nähe des Hauses. Etwas weiter am Berg haben wir noch vier

Hektar, die auch aneinander liegen; das war früher Ackerland. Aber

seitdem ich am Ruder bin, haben wir es uns bequemer gemacht und...“

Der Berelsvater machte große Augen.

„.... und haben es zu Viehweiden angelegt.“

„Ist das rentabel?“

„Und ob? Es bringt viel mehr Gewinn als früher, wo wir es ganz unter

dem Pfluge hatten. Und wo man sich zu Tode schinden konnte. Nur einen

Nachteil hat diese Weide noch.“

„So! Und welchen?“ Der Berelsvater zeigte großes Interesse für diese

neue Ausnutzung des Landes.

„Es fehlt noch an Wasser. Wir haben uns lange den Kopf zerbrochen, was

da wohl zu machen wäre. Die Wasserleitung können wir nicht hinführen.

Und Wasser ist oben im Berg nicht zu finden, da....“

„Da wird wohl nicht viel zu machen sein,“ meinte wegwerfend der

Berelsvater.

„Ja doch. Es ist schon zu machen. Und im nächsten Jahr wird’s gemacht.

Dann setzen wir einen Windmotor hin, der uns das Wasser aus der Tiefe

heraufpumpt. Wasser ist da. Wir haben gebohrt und in 6 Meter Tiefe

Wasser gefunden. Aber es muß mit einem Windmotor heraufgepumpt werden.“

„Ein Windmoootooor?....“ Der alte Berelsvater war ganz erstaunt.

„Und was kostet der?“ fügte er gleich hinzu.

„Was der kostet? Ich schätze die Einrichtung mit der Pumpe auf etwa

sechshundert Mark.“

„Sechshundert Mark!“ klang seine Stimme gedehnt zurück.

„Ja, so viel wird es wohl kosten. Aber es macht sich sicherlich gut

bezahlt. Denn eine Viehweide ohne Wasser ist und bleibt immer nur eine

halbe Weide.“

Einen Augenblick war es ruhig im Zimmer. Hastig tickte die alte Uhr die

Sekunden herunter.

„So ist es mit vielen Ausgaben in der Landwirtschaft,“ griff der Eidam

ins Gespräch ein. „Wenn man immer davor zurückschreckt, bleibt man im

alten Geleise stecken und kommt überhaupt nicht voran.“

Das freute mich.

Auch ~Berta~ nickte bejahend zu.

„Ja, so ist es,“ spann die alte Berelsmutter das Gespräch weiter, „man

muß einmal mit den veralteten Einrichtungen aufräumen. So ist es auch

mit unserm Schweinestall, der muß für’s Frühjahr neu gemacht werden.“

Der alte Berelsvater warf ihr einen finstern Blick zu.

Ich erzählte von unsern Schweineställen, die erst vor einem Jahr

umgebaut worden waren und jetzt ganz praktisch sind.

Auch von dem Trockenfütterungsapparat und der automatischen

Selbsttränke erzählte ich.

Damit hatte ich die Neugier aller geweckt. ~Berta~ und die junge

Frau und die Mutter bestürmten mich mit Fragen. Wie das eingerichtet

wäre. Und ob es sehr bequem sei. Und ob es sich gut rentiere.

Auf die Rentabilität ging ich näher ein, wegen des alten Berelsvaters.

Einnahmen und Gewinn, damit muß man die Alten ködern. Von Ausgaben sind

die kein Freund.

Darum erzählte ich, wie das Körnerfutter in geschrotenem Zustande viel

besser verwertet wird. Und wie vorteilhaft es ist, das Schroten selbst

zu besorgen.

„Von allen Maschinen scheint die Schrotmühle sich am besten bezahlt zu

machen, hat man mir schon oft gesagt,“ ergänzte der Eidam.

„Schro-o-otmühle.“ Es lag so ein sonderbarer Klang in der Stimme des

Berelsvaters. „Und womit treibt man diese Schrotmühle?“

„Wir haben schon seit vier Jahren einen fünfpferdigen Benzinmotor, der

treibt die Schrotmühle, die Dreschmaschine, die Häckselmaschine und

eine Kreissäge.“

„Und eine Kreissäge,“ wiederholte der Berelsvater. „Dann müßt ihr

ja bei den vielen Maschinen beständig einen ‚~Mécanicien~‘ zum

Reparieren haben.“

Berels Berta: Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen · 第 4 / 25 题