Die Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende Arme. Wir wandeln wie
in einem endlosen Saal durch Wien. Es ist Nacht -- die Mondkrone mit den
vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig über der Stadt der Walzer.
Aber nur wenige Menschen begegnen uns, vom Vergnügen kehren die letzten
heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den blauen Donauklängen
leichtfüßig über das spiegelblanke Leben. Aber die Wiener sind höflich
gegen ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett Nachtlicht), noch
im Tanztaumel besinnen sie sich nach dem entferntesten Winkel, begleiten
sogar den Suchenden bis an Ort und Stelle. Da steht's ja: »Kabarett
Nachtlicht« -- Erich Mühsam trägt gerade seine »Amanda« vor. Er sieht
noch lebenslässiger aus, wie in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne
Tadel, und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der Spree. Aber
er bangt sich nach Ruhe, und auch die Jungfern seiner Verse mit dem
nächtlichen unrechtlichen Geschick sind müde, sich hier weiter zu
produzieren. »Ein Kunststück, seien Sie mal Schlußnummer -- komme erst
um 5 Uhr morgens in die Klappe.« Nichtsdestoweniger will er uns noch ins
Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine, »Spaniens Madonna«,
sagt Peter Altenberg im Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf
seinen Knüppelstock, das Kabarett zu verlassen -- ihm folgt die kleine
Künstlergesellschaft.
Am anderen Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns einige von den
Mitwirkenden entgegen: Jener mit dem Monokle im Auge kommt mir bekannt
vor. »Gewiß, Frau Lasker-Schüler, wir haben uns schon oft im Café
Kurfürstendamm in Berlin gesehen.« Er ist Roda Roda, der humoristische
Schriftsteller. In eine der kleinen Logen setzen wir uns, seine
scharmanten Humoresken zu hören. Das Publikum applaudiert, bevor er
beginnt; es weiß, nun gibt's was zu lachen. Im Kakaduton schäkert er mit
ihnen wie mit einer Schar hörlustiger Kinder. Junge und alte
Geschäftsleute, kleine Mädchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere,
selbst die Erzherzöge kommen, das Nachtlicht morgens auszublasen. In
einer Rumpelkammer spinnwebgrau sitzen wir, unwillkürlich sucht man nach
allerlei altmodischem Gerümpel. Bestaubte Figuren und Porträts, näher
betrachtet von neuen Künstlern ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf
der Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht die Statuette
von Madame Delvard, der Scharfrichterin. Sie ist die einzige, die den
elf Scharfrichtern in München zur Hand ging. »Ich werde extra einige
Chansons für Sie singen.« Sie spricht zu mir -- ich liebe ihre graziöse
Stimme, dunkler vergrößern sich ihre graublauen Augen zwischen
zitternden Lidern. Ihre Nervosität duftet. Sie ist eine erwachte
Klimtblume aus dem magischen Farbentraum des Meisters. Blasse Lichtchen
werfen einen Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen
an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie weiße tauschimmernde
Blätter. Und Wedekinds rotäugige Straßenlieder singt sie mit der
Schüchternheit eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der Bühne
herunter: ein Lied und immer noch eins -- »Der Bauer wollt' fahren ins
Heu!« Unwiderruflich das letzte -- aber sie singt es mit frischer Kraft,
sie singt es bedeutend, stößt es von sich, wie aufschießende Saat. Da
steht keine ätherische Prinzessin mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter
ihrer Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt sich neben mich
in die kleine Loge. Monsieur Henry, Madame Delvards Gatte, begleitet
ihre Lieder am Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich werde
nie seine Ballade vom »Heiligen Nicolas« vergessen, seine rauschige
Schwermutsstimme. Monsieur Henry ist der gewandteste unter den blutigen
Elfen in München gewesen, und ein Kavalier ersten Ranges. Wir wollen uns
wieder vom Zuschauerraum an den Künstlertisch zurückziehen; doch Peter
Altenberg hält mich auf meinem Platz zurück. »Das Meißnerfigürchen
müssen Sie noch sehen und die drei Handwerksburschen.« Sie stehen schon
auf der Bühne in altfränkischen, goldknöpfigen Röcken, die Mützen
geschmückt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied beglückt mich ebenso immer
wieder wie meinen Nachbar. Er ist nächtlich Gast des Kabaretts; die
Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl, der Aufenthalt auf der
kleinen Künstlerinsel unter dem guten grünlich flackernden
Miniaturstern. Ein kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes
holprige Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber wen der gute
Blick seines Schelmenauges trifft, der möchte ihn wohl ergreifen können
und in ein Enveloppe als Andenken legen. Und sollte er sich nicht ärgern
über die Breitheit der Menschen -- »nichtsdestoweniger zerstreut es
mich, nachmittags am Graben im Café zu sitzen und die bunte Bewegung
anzusehen«. Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert:
»Lieber Peter Altenberg.« -- -- -- Es ist gleich Morgen -- wir wollen
alle noch einmal Carmen tanzen sehen -- -- und dann lebt wohl, ihr
lieben Künstler, so ball kemma ma nöt wieda zsamm.