Im neopathetischen Kabarett

Tausend und Einer. Ich habe mich nicht verzählt, las auch, während ich

die Köpfe zählte, Armin Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich

und herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein

schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! -- Ich suche nach einem

Stuhl, der im Verborgenen blüht -- endlich finde ich so ein Veilchen

abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeïde, die sehr

neugierig auf das Kabarett der Neopathetik ist, ruht schon lange müde

zwischen weißen, lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein Dichter

mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso

neben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg

des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man

sich auch durch Mimik und Brille in die Schule zurückversetzt glaubt.

Noch immer höre ich keine Gedichte von mir -- warum lud man mich ein,

zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein

schwarzschillernder Kopf blickt finster über die Brüstung des Lesepults.

Jakob van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend,

die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm stehlen. Vierreiher --

Inschriften; rund herum müßten sie auf Talern geschrieben stehn in einem

Sozialdichterstaat. Ich muß immer ans Geld denken; wie man so

runterkommt -- wenn Zobeïde, meine Tänzerin, ein Portemonnaie bei sich

hätte, würde ich zu der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich

höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht Stefan Georges

Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das muß ich widerlegen. Stefan

Georges Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden; nicht bunte

Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht die Kühle endloser Prozessionen

zwischen frommen Schlössern und himmelhohen Domen. Die Orthographie der

Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit leicht an englische

Sonntagsruhe. War's das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede

von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen Kabaretts, gehört.

Zobeïde, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach Hause kommen.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 61 / 87 题