Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging
ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als
ob ich das große Los gewonnen hab' und noch nicht ausbezahlt bin, oder
auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab' und keinen Stall
»umsonst« auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein
Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um
sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in
verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder
einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert
die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und
macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will
nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!
Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden
Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch
an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und
muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei
geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben;
ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe
Schulden. Dabei zieht's, wenn ich die Türen rechts und links und hinter
mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich
abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich
könnte anfangen zu miauen. Ich hab' gar keine Lust zum Leben mehr, wenn
noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest,
der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich
wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich
ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und
lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken
ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte
schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann
nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht.
Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei
Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach
Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt
mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon
wohnen könne. Ich hab' nichts dagegen. Mein Somalineger ist
königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden.
Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als
Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein
sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen,
aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif' ich auch nicht mehr,
wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll,
um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige
Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen,
die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze
Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem
Leidfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind
schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut.
Halloh, was tät' ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein Herz
oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser Einlage im Programm muß ich
weinen -- gut, daß es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz
in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und
Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als
Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den
Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer
klingelt es in den effektvollsten Stellen. »Hier 35, 24 wer dort?«
»Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schüler?« »Leider.«
»Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie
an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen,
monatlich mit einer Gage von 10000 Mark? das macht im Jahr rund 100000
Mark?« »Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté
länger, als einen Monat die Artisten zu beschäftigen.« »Aber, uns liegt
daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.« »Es handelt
sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?« »Ganz recht! Da
Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.« »Herr, ich kenne Sie, so einen
ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert,
der letzte Hohenzollerndämmer.« Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in
Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet
mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik
geben, (er ist Dichter), »ich liebe ihn also! Basta!« Könnte ich doch
auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften
getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen
schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund
wär, was tät' ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich
pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften
Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach
dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein, oder ich ließ
jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich
_noch_ machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den
Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade,
daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten,
namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten
ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel
herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle,
je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker
aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken
sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit mir ein
Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, riß
am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine von
Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der
Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst
zusehen, ich versprach über alles zu schreiben. Ich hab' kein Geld, aber
darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen. Und soll sogar
die Regierung in Theben übernehmen, ich regiere sogar schon _pro forma_.
Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was
Natürliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz
von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, was
Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich auf dem
Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für
alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint,
ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge
nichts -- nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe,
künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des
Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen
mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie,
weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg,
unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen,
damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe
von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich
tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren
wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von
meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht
ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte,
eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als
regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige
in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu
gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst,
eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die
Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie
die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -- zwar hab' ich
selbst einen -- aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine
Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu
meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im
Profil (Seite steht mir besser wie _en face_), im Turban und
Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner
Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.