In Verehrung für _Ludwig Kainer_

Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging

ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als

ob ich das große Los gewonnen hab' und noch nicht ausbezahlt bin, oder

auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab' und keinen Stall

»umsonst« auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein

Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um

sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in

verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder

einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert

die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und

macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will

nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!

Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden

Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch

an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und

muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei

geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben;

ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe

Schulden. Dabei zieht's, wenn ich die Türen rechts und links und hinter

mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich

abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich

könnte anfangen zu miauen. Ich hab' gar keine Lust zum Leben mehr, wenn

noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest,

der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich

wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich

ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und

lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken

ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte

schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann

nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht.

Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei

Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach

Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt

mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon

wohnen könne. Ich hab' nichts dagegen. Mein Somalineger ist

königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden.

Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als

Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein

sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen,

aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif' ich auch nicht mehr,

wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll,

um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige

Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen,

die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze

Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem

Leidfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind

schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut.

Halloh, was tät' ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein Herz

oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser Einlage im Programm muß ich

weinen -- gut, daß es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz

in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und

Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als

Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den

Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer

klingelt es in den effektvollsten Stellen. »Hier 35, 24 wer dort?«

»Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schüler?« »Leider.«

»Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie

an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen,

monatlich mit einer Gage von 10000 Mark? das macht im Jahr rund 100000

Mark?« »Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté

länger, als einen Monat die Artisten zu beschäftigen.« »Aber, uns liegt

daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.« »Es handelt

sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?« »Ganz recht! Da

Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.« »Herr, ich kenne Sie, so einen

ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert,

der letzte Hohenzollerndämmer.« Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in

Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet

mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik

geben, (er ist Dichter), »ich liebe ihn also! Basta!« Könnte ich doch

auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften

getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen

schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund

wär, was tät' ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich

pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften

Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach

dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein, oder ich ließ

jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich

_noch_ machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den

Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade,

daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten,

namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten

ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel

herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle,

je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker

aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken

sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit mir ein

Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, riß

am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine von

Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der

Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst

zusehen, ich versprach über alles zu schreiben. Ich hab' kein Geld, aber

darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen. Und soll sogar

die Regierung in Theben übernehmen, ich regiere sogar schon _pro forma_.

Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was

Natürliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz

von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, was

Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich auf dem

Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für

alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint,

ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge

nichts -- nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe,

künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des

Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen

mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie,

weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg,

unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen,

damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe

von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich

tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren

wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von

meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht

ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte,

eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als

regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige

in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu

gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst,

eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die

Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie

die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -- zwar hab' ich

selbst einen -- aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine

Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu

meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im

Profil (Seite steht mir besser wie _en face_), im Turban und

Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner

Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 59 / 87 题