Zur Kindertragödie in Kopenhagen

Ingeborg, seine kleine Königin ist tot -- Johann Hansen lebt noch; an

seinem Bettchen sitzt eine barmherzige Schwester und betet, daß der

arme, verirrte Knabe bald genesen möge. Der Stationsarzt hat ihm das Tor

des Todes verriegelt, sein Herz, das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht

zu ihr ins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine

Kindertragödie. Die beiden wollten ja nur zum Tod, weil der einen Himmel

besitzt, in dem sie sich vor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen

könnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter schienen

durch die Spalte der Türen, durch das Eisen der Tore. Immer bauten sie

auf ihren Händen gläserne Schlösser, darin sie sich tausendbunt

spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der Himmel anfängt. Dort wohnt der

Tod. Johann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die Treppe zum

Einlaß des Todes empor. Der öffnete und ließ die kleine Königin ein,

Johann stolperte rücklings ins Leben zurück. Diese beiden feinen Kinder

ergreifen meine Seele. Das Leben ließ sie aus der Haft, der Tod

schmückte ihnen rosig sein Tor. Ich möchte, der Engel aus Andersens

Märchen käme und trüge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins

Himmelreich. Wie bösmütig sind die Menschen, die immer helfen wollen,

ins Leben zu befördern. Es ist Nacht, überall blüht ein Stern. An der

Decke im Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, süßgelbe, wie

Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen. Alle pflückt der kleine,

heldenmütige Bräutigam für seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr

Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt er die Augen auf: »Ingeborg, ich

halte mein Wort!« Hast du es gehört, großer Engel aus Andersens Märchen?

Oder soll er aufwachen aus seinem Traum des Himmels -- und die Erde ist

wieder da, das Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert, und Ingeborg

liegt im Grabe. Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel kahler

wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn seine

Augen sich schließen. Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den

Eltern dankbar sein; wie können die Eltern aber das Nichtgeborensein dem

Kinde ersetzen!!? _Solch_ zwei Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die

nicht auf die wankelmütige Erde gehören. Flügel wuchsen ihnen; die

Pistole, die sich der Knabe vom Erlös seiner Geige kaufte, war

Vortäuschung. Denn es geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wäre ich

überrascht gewesen, wenn dieselben Kinder anstatt für ewig zu

schlummern, auferstanden wären aus einem Grabe. Wie will der Christus,

der den Knaben auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden keine

Landeserholungsheime die »festgestellte« Neurose (Edelneurose)

fortkurieren. Aber ich denke an Selma Lagerlöf die herrliche Menschin,

an Karin Michaelis das liebe große Kind, sie könnten dem Knaben den

himmelblauen Verlust ersetzen. Sie tragen die Bilder des Himmels in

ihren Dichterinnenherzen -- halten sie zwischen ihren Händen. Ich bin

keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche nur nicht die

unaufgeblühte Liebe dieser Engel mit den Tändeleien koketter

Schulmädchen und greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am

Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen meine Seele, ihre Lippen

sind Himmelschlüsselchen.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 9 / 87 题