Handschrift

Dr. _Otto Jahnke_ mit dem seltenen

Handschriftsbild

Für den Künstler der Handschrift ist der

Inhalt seines Schreibens nur ein Vorwand,

wie für den Maler das Motiv seines

Bildes.

Ich habe beobachtet, daß Kinder und Große so recht in Gedanken

versunken, mit der Feder, mit dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann

ganz unbewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte Buchstaben und

Worte zu schreiben; sich dann später selbst über die Bedeutung des

Geschriebenen wunderten. Auf einmal steht auf dem weißen Rand der

Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder blumenverziert. Dort ist ein

Zeitwort auf den Kopf gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in

Spiegelschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl beim

Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei einer guten

Federzeichnung oder einem Gemälde. Und doch möchte ich darum die

Handschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in

ein Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt nach einem

Talent sehnt, möge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft hat

schon der Lehrer sie im Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift

nichts wie Inhalt -- die Nachricht erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich

wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben ist. Warum höre ich nie jemand

sagen: Erklären Sie mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des

sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus graphologischem

Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so oft die Frage aufgeworfen wird vor

einem Bildnis. Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den

alltäglichen Ausruf getan: »Die ist mir zu hoch!« Und doch gibt es

gerade Meister dieser Schulmeisterkunst. Diejenigen sind's, die sich im

Klassenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen wie dem

Genie, welches die Kunstschule ausspie. Handschrift ist erblich wie

jedes Talent. -- Für mich kommt kaum der Inhalt eines Briefes in

Betracht; ich kann mich für den Schreiber nur seiner Buchstaben wegen

interessieren. Und es geschah schon, daß ich ganz entzückt einen

unverschämten Brief beantwortete und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild

für sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben,

eine Menge Menschen haben es in ihrer Handschrift zur Kunst gebracht.

Und darum auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen, wie in der

Kunst der Buchstaben. Für diese Nachahmer ist jeder Buchstabe ein

Gestell, dem sie einen Mantel umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie

verstehen eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichsten Epigonen sind

reichgewordene Frauen, die sich bemühen, ihre so oft charakteristische

Ladenmädchenschrift zentimeterhoch heraufzuschrauben direkt zu

hochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung in seine Schrift

legen und ahmt der Hand des ihm Geistigüberlegenen nach. Ungemein

sympathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die Schrift der Knaben,

wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. Hier diese Zeilen hat ein

Mädchen vorsichtig und sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe

oder sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. Meines Freundes

Brief blinzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine kleine,

rundliche, gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, aber ein

Handschriftenkünstler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die

spitz auslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes Wort ein

Wolfsgebiß. Und doch kein Tiergemälde. Interessant wirkt auf mich die

Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der Kunst, zwischen Karl Kraus

und Herwarth Walden. Alte und neue Meisterstücke. Ich sprach schon

einmal in meinem Essay über die Kunst in Karl Kraus' Buchstaben. Seine

Handschrift ist ein Dürergemälde. Meine Handschrift hat als Hintergrund

den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch

wie hebräisch oder arabisch. Ich denke an der späten Ägypter

Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blüte auf, der

Zwischenduft, der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. Mir fallen

noch die Schriften der Chinesen und Japaner ein. -- »Die Mitternacht zog

näher schon, in stummer Ruh' lag Babylon« -- die plötzliche

Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten Gäste nicht des

Inhalts wegen, das furchtbare Schrift_bild_ war es. Sie _erblickten_ den

Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Verständnis zur Kunst ein

Seltenes und Erhabenes -- es liegt uns im Gesicht und geht uns vom

Gesicht aus. -- Die Kaufmannshandschrift -- ich möchte noch vorher

fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen vom Dichter

Peter Baum bekommen? Nämlich gerade bringt mir der Postbote so ein

Sommerbildchen, Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut in der Sonne

tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin bei der Kaufmannshandschrift --

phantasielos, nüchtern, sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Kühle

Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben eitel den

Schnurrbart. Stutzig machen mich Briefe, die vom Geschäftsmann

geschrieben sind und von der Buchführung doppelt abweichen. In dem

Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent. Es gibt auch Launen

der Schrift. Kinder, die erst morgen dem Christkind schreiben wollen, da

sie heute nicht schön schreiben können. Meiner Mutter Briefe waren

schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters Schrift reizte zum Lachen,

humoristische Zeichnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze

Mohren oder der böse Nikolas steckt die Jungens ins Tintenfaß.

Gelungene, amüsante Überschwemmungen von Tinte waren die Briefe meines

Vaters. -- Es gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen

sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur

Vortäuschung. Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern,

mein Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schreiben zweierlei:

die älteste: Reisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige

Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus

-- er schrieb Rodins. Wie viel deutlicher gemalt ist das tiefsinnigste

Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift (rein künstlerisch

verstanden). Aber auch die kann dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe

und Geist und nur aus Ausübung entstanden ist. Manche sogenannte schöne

Schrift allzu deutlich, Ölbilder nach Sichel. Lieber ist mir schon die

Pfote von Aujuste. Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich einen

Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt's davon. Ähnlich wie die

Köchin schreibt das Dienstmädchen, die Kellnerin, das kleine Mädchen,

die kecke Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief, ein

leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die Demimonde eine Epigonin.

Sie stiehlt lächelnd und liebkosend die Buchstaben der Originale oder

versteht wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln gelegten

Herrn zu kopieren und zu belecken. -- Habe ich schon gesagt, daß es auch

Stilleben in der Handschrift gibt, zehn Seiten lange Briefe, die

schlafen, aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftkünstler,

die schulakademisch erzogen und erwogen sind. -- Manche Buchstaben

gucken neugierig. Gewissenhafte Schriften: Wie die Buchstaben getrennt

auseinanderstehen. Er war sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief

schrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt. Hochbeglückt, glänzen die

Vokale -- glückliche Handschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium von

Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu schreiben. Sie können

sich also schon auf meine Erfahrung verlassen, lieber Sturmleser; es tut

mir unendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes nicht in Ihre

Hände gelangt. Trotzdem es mit schwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt es

blau, tiefblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt

müssen Sie schon in Kauf nehmen -- seine Handschrift ist ein

Liebesbildnis. Ich dachte nämlich, indem ich über »Handschrift« schrieb,

an drei schöne Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe; den

ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er

sei mein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem

süßen Prinzen von Afghanistan, daß er mein Typ sei und daß wir

ineinander verwachsen wären. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar, daß er

mein Symbol war, daß ich am Sterben läge, denn ich hätte an die große

Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen.

Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur Verfügung in der

Direktion.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 7 / 87 题