Sterndeuterei

_St. Peter Hille_ in Ehrfurcht

Soll Ihr Leib noch länger mit seinen Sternen in der Hand Ihres Arztes

liegen, und wie lange überlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen Sie

einmal so im Vorübergehen den Doktor, ob er von Ihrem Sternensystem eine

Ahnung hat. Oder wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am

gründlichsten Bescheid wissen müßte von der Astronomie des Menschen;

sitzt er doch an seinem Pol, wie ein falscher Gott am Scheidewege, wo

sich der Stern vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im Sinne der

Eisenbärte, aber wer wird mich nicht verspotten, wenn ich behaupte, es

gibt eine Veränderung im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden aus

keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu wuchtigen

Sternenvorgängen. Senkte sich unerwartet Ihre Sonne in eins Ihrer Meere?

Jedwede Behandlung Ihres Arztes ohne genaue astronomische Kenntnis Ihres

Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich friedlich stimmt es, einen

Mond in sich zu fühlen, und wer ihn in sich trägt, steht im

verwandtschaftlichen Verhältnis mit dem Großgehenden da oben. Nach einem

Schwächezustand, den ich überwand, meine Tore standen noch unbefestigt,

fühlte ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem meinen vorbei, wie

ein leichtes Beben. Nicht dieser Vorgang war ein krankhafter, aber durch

die Kraft des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war noch lange

nach diesem Ereignis eingehüllt in schwermütigen Wolkengedanken. Glauben

Sie, die Erde leide etwa nicht noch durch die kürzlich erlittene,

erduldete Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch die Gott schritt. Das

wird noch einmal geschehen, noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung,

er wendet sich durch Maria. Sie leidet das höchste Fest durch das

Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt ihr Herz. Wir sind das feinste

Werk aus Sonne, Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine

Inspiration, seine Skizze zur großen Welt. Ich spreche nicht in

Symbolen, obschon Symbole die Schatten großer Wahrheiten sind,

Milderungsgründe: wenn etwas Ihren Horizont übersteigt. Sie setzen das

allzu klare Licht mit gewisser Überlegenheit gern ins Dunkle. Ich möchte

aber die Nacht von Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine

Raketensterne! Ich bin ja keine Gelehrte. Aber wenn ich Menschen

medizinisch behandelte, würde ich sie »regnen« lassen, Luft in weiten

Kreisen »atmen« lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Dürre. Ich

würde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig machen, die mit meinem

Planetpatienten in irgendeinem Zusammenhang stehen könnten; namentlich,

wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte. Den kleinen Mars des

Menschen kann man nur mit dem gröberen, großen Mars der Welt impfen. Ich

kenne Leute, die unter dem Zusammenstoß ihrer Fixsterne leiden. Es sind

schlechte Pächter ihrer Welt. Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten

zweier vom Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst ist der

Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und herunter zu suchen; Sie

sehen Ihre Sterne nicht, das was Sie betasten können, ist Chaos. Und

weil ich vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben Sie nicht an

meine Medizin und halten mich für eine Kurpfuscherin. Aber wer an meine

Dichtungen glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann, und doch

vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an den Sternen der Menschen,

wovon ich ihnen erzähle. Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich

spreche von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Höchsten, das Sie nicht

greifen können, wie die Sterne über Ihnen. Sind Sie nicht reicher, als

Sie fassen können! Oder haben Sie schon einmal ein Stück Mond gegessen?

Sie würden immer nur sein Chaos greifen, wie der Arzt Ihr Fleisch,

daraus er keinen Stern formt. Der Doktor hat mich längst überführt,

indem er mit dem Messer diese Leiche sezierte: »Der Tote ist an

Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge.« Ihr Doktor hat doch

keine blasse Ahnung von meiner Medizin. Allerdings ist dieser Tote an

Tuberkulose gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis

seines Sternensystems. Und was ich von einer Epidemie halte? Die ist die

Folge der Sintflut im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender

Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten, unberufenen

Fleischchaosse zersplittern. Ich glaube darum an Wunder, an ungestaltete

Medizin. Wer aber kann sie mischen! Jesus von Nazareth tat Wunder, er

ergriff die keimenden Sterne und trennte sie von den faulen und erweckte

die Erblaßten an ihrer noch verglühenden Sternschnuppe. Der Nazarener

wandelte durch das Sternensystem des Menschen und erlebte die Welt so

tief und ging in Gott ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt

noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der Prophetarzt erkannte den

Gott seines Volkes, heilte es und machte es stark. Eine Sage meiner

Bücher sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand nehmen konnte

und doch lebte durch die Kraft seiner Sterne. Wir sind das glühendste

Werk von Mond und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die große Welt

erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer erweiterten Kopie leben

...

Ureigentum noch unverblaßt zu begegnen, erlebe ich überraschend oft.

Diese testamentarischen Sehenswürdigkeiten, Übertragungen, die an Wert

nicht einzuschätzen sind! Ich meine nicht die gemütlichen Hausväter aus

der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen, oder den aus der nackten

Körperkultur oder den Zwiebelasketen. Merkwürdig, daß man gerade in den

Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster Sternzeit; Bilder, alte

Meister, Menschen, die erstarrt sind in der Vision. Und kein Arzt weiß

sie aus dem Augenblick der Erscheinung zu führen, wie aus engem Rahmen.

Ich besuche diese scheintoten Galerien; mich lieben die unverstandenen,

verfangenen Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu geben

vermag? O, ihre Angstgefühle! Die andern testamentarischen Gestalten

unterscheiden sich von den irrenden Denkmalbildern ihres ungestörten

Sternenlaufs wegen. Solchen Sterngeschöpfen geschehen Wunder. Wie St.

Peter Hille, er hatte noch mit Moses und Jesus von Nazareth gesprochen

und mit Buddha, und erzählte von ihnen, wie der Urenkel etwa von seinem

Großvater Goethe. Das war der unumstößliche Beweis von der ersten

Leuchtkraft Gottes in St. Peter Hille. Ich gehöre nicht zu den

Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung, gewalttätige

Wunder. Um wirkliche Visionen zu erleben, muß man noch in der ersten

Leuchtkraft Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist fromm und

selbst Inspirationen fähig. Aus Isaaks weitem Munde seh' ich viel im

Traum Sterne aufsteigen, die er benennt nach Gottes Einverständnis.

Die hungrige Zeit fraß meine Leuchtkraft goldweise. Aber ich kann

erzählen von der Astronomie des Menschen, wenn ich auch in meinen ersten

zehn Jahren noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter Nacht,

im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben meiner Mutter, noch ganz

Chaos.

Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum! Fromm kann nur

der wissende Mensch sein, aber nicht jeder macht die sechs

Schöpfungstage in seiner Hülle durch und wird Stern, und wenige nur den

Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist jeder Andächtige oder

Lauschende, jeder Staunende oder Liebende ein Heiliger. Wenn Jesus von

Nazareth die Kinder rief, so fühlte er Verantwortung mit ihnen, mit dem

Chaos, das sich entfalten werde. Er wußte, wie weit der Weg zum Sterne

war. Die Kinder sind wie die Lämmer so dumpf. Darum beleidigt mich das

irrige Wort: Jesus das »Lamm« Gottes. Solche Unschuld ist eine

Chaosunschuld, und der Nazarener war der Sonntag der Schöpfung. Der Jude

hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt. Sagte der

Sonntägliche doch zu einem der Mörder am Kreuztag: »Wahrlich, ich sage

dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.« Der Jude, der den

Himmlischen verstößt, beweist, daß er ein Bürger ist, um nichts weniger

der Mensch des Abendlandes, der den verlornen Gott der Juden aufnahm,

ihn sich erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort. Im Menschen

bereitet sich immer Fleischdumpfheit, Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber

ist umgestaltet, ungerahmt und breitet über alles sich. Wir reden immer

zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn gewinnen, denn der Stern ist

böse, darum sind wir alle einmal krampfhaft enttäuscht in Gott. Wir

finden in ihm kein Chaos, keinen faßbaren Schlupfwinkel. Er sandte darum

seinen Sohn, das heißt, er kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher

Umgestaltung Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott fähig. Nie war

solche Dunkelheit je auf Erden und am Himmel und im Menschen wie in der

Zeit des Gottbesuchs. Dem Priester und Pharisäer flößte seine

Betastbarkeit Mißtrauen ein, der Armselige umklammerte den vertriebenen

Götzen aus Fleisch und Blut wie einst am Fuß des Mosesberges das goldene

Kalb.

Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet erhält. Die

meisten Menschen werden nicht älter und nicht jünger als sechzig Jahre.

Jesus von Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war zehntausend

Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im Korbe fand. Und von dem Propheten

St. Peter Hille möchte ich sagen: Niemand wußte um seinen Geburtstag.

Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre alt, mein Vater erlebte sechsmal

seine tollsten Knabenstreiche. Wie schätzen Sie mich ein? Ich bin David

und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute die Träume der Kühe und

Ähren. (Oder zweifeln Sie daran, daß mich meine Brüder verkauft haben,

das Bürgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der Vergangenheit im

Menschen. Heute bin ich eine Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu

verzeihen, daß meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit Farben,

lila, grün, rot gefärbt. Meine Bekenntnisse nehmen Sie als ein

Luxusgeschenk hin, denn ich bin verschwenderisch, das liegt in meinem

Sternsystem. Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde meines

Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem Chaos, ohne das Chaos kommt

kein Mensch davon, hat es eine besondere Bewandtnis. Darüber möchte ich

schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir Künstler sind einmal bis

ins tiefste Mark und Bein Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes,

die Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit seinen erhabensten

Schöpfungen und kramen in seinem bunten Morgen und goldenen Abend. Aber

der Bürger bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernünftiger Bruder, der

Störenfried. Er kann nicht heimisch werden mit uns, er und seine

Schwester nicht. Verwechselt die lärmende Bürgerin oder die zur Hure

gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmädchen, die den Tanz aus

nackter Scham tanzt! -- --

Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet haben! Immer muß ich

wiederholen, der Arzt sollte sich auf die Astronomie des Menschen

verstehen. Welcher von Ihren Hausärzten wäre imstande, eine

Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizuführen, geschweige den Stillstand

Ihres Planeten?

Ich sehe Ihre Kanäle, Ihre Berge auf Ihren Sternen und Ihren Mond

aufgehen hinter Ihrer Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefühl,

Vernichtung oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres Sternensystems. Sie

sterben eigentlich an zerborstenen Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne

oder an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Höhepunkt erreicht hat vor

dem Zerfall Ihres Chaos: den Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den

Kopf paßte? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet, einzugehen

in die Allmacht ist Seligkeit. So lausche ich auf mich. Aber der Bürger

belauert sich, der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine

Achtung vor dem Schmerz hat. Ich bin müde -- wie ich mir entkomme, ein

Schatten aus Mond und Sternen, riesengroß fiel ich um Mittag und sinke

nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen kritischen Tag hinter

mir, manche Menschen wichen mir furchtsam mit den Augen aus. Einem

kleinen Mädchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die Brust. Solche

Kraft macht traurig. Ich sehne mich nach Glück, nach ihm, nach

Hascha-Nid, dem goldhäutigen Sohn des Häuptlings. Der spielt mit sich,

treibt und lockt die Sterne über seine Grenzen, ein göttliches Spiel,

Wirbel und Wüstenwind. Ich liebe ihn, weil er so reich und rein an

Sternen ist, und ich staune vor solch verschwenderischen Launen ... Aber

das geht Sie nichts an. Gern hätte ich Ihnen noch vom Himmel erzählt.

Später, wenn ich ihn erreiche und Gott --

Gott, wo bist du?

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,

Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,

Wenn goldverklärt in deinem Reich

Aus tausendseligem Licht

Alle die frühen und die späten Brunnen rauschen.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 6 / 87 题