3. Lieder, die durch Wandervögel und ähnliche Bewegungen
wieder in Umlauf gekommen sind;
4. Selbstverständlich alle modernen Schlager, mit denen
gegenwärtig der allergrößte Teil der Sangeslust bestritten
wird.
Die Lieder, die abgesehen von den in eins bis vier aufgezählten Arten
noch im Volke lebendig sind, die allein wollen wir einer näheren
Prüfung unterziehen. Ich habe ein reichliches halbes Hundert derartiger
Lieder aufgezeichnet. Ich will einige von denen mitteilen, die meines
Wissens nach noch nicht in Sammlungen veröffentlicht sind.
Am zahlreichsten ist das Liebeslied vertreten. Unter ihnen ist die
Ich-Form häufig. Da singt ein Mädchen:
Der Vetter Michel liebet mich
Mit deutscher Redlichkeit,
Und wie er liebt, liebt sicherlich
Kein Bauer weit und breit.
Geht er ins Holz, ich bin schon da,
Er gibt mir Käs’ und Brot.
Er fällt das Reis’g, ich bind’s zusamm’,
Wir küssen uns halbtot.
Wenn nun der liebe Sonntag kommt
Da gehen wir zum Tanz,
Da springen wir, wer weiß wie sehr,
Und trinken frisches Bier.
Wenn nun der Tanz ist ausgetanzt
Da gehen wir zu Haus.
Da führt der liebe Michel mich
In Lust und Freud nach Haus.
(Wittgendorf bei Zittau.)
Das folgende Lied bricht an der spannendsten Stelle ab. Eine andre, mit
der ersten gar nicht zusammenhängende Erzählung beginnt. Dadurch wird
eine geradezu ausgezeichnete Wirkung erzielt:
Wenn ich gleich kein’ Schatz mehr hab’, ’s wird sich einer finden.
Ging das Gäßlein auf und ab, kam bis zu der Linden,
Als ich zu der Linden kam, stand mein Schatz daneben.
Grüß dich Gott, herztausiger Schatz, bist denn du gewesen?
Bin gewesen im fremden Land, hab’ viel Neues erfahren.
Was du Neues erfahren hast, kannst du mir wohl sagen.
Hab’ erfahren dies und das, wünsch’ bei dir zu schlafen.
Schlafen kannst du wohl bei mir, aber nur in Ehren.
Ob es wird in Ehren sein, müssen wir erst sehen.
Zwischen Berg und tiefem Tal saßen einst zwei Hasen.
Fraßen ab das grüne Gras, ja, bis auf den Rasen.
Da sie sich satt gefressen hatten, setzten sie sich nieder.
Warten bis der Jäger kommt, der schießt sie darnieder.
(Friedersdorf bei Zittau.)
Auch das Motiv, das in dem bekannten schwäbischen Lied: Jetzt gang
i ans Brünnele, behandelt wird, fehlt unsern heimischen Liedern
nicht. Meinem Empfinden nach ist es in mindestens ebenbürtiger Form
dargestellt.
Ich ging wohl durch einen gar so lustigen Wald,
Und da kam ich zu ’nem Börnlein und das war so kalt.
Ich setzte mich nieder um eine kleine Ruh’,
Ich hörte den schönen Singvögelein zu.
Ich hörte so lange, bis daß es mich verdroß,
Und da fielen zwei Röslein auf meinen Schoß.
Und die Röslein, die waren von Golde so rut,
Junge Mädchen, die haben einen stolzen Mut.
Ich ging wohl in ein Wirtshaus, ich tanzt aber nicht.
Ich suchte mein schön’ Schätzchen, ich fand’s aber nicht.
Ich suchte in der Stube, ich suchte in dem Haus;
Ei, da stand mein schön’ Schätzchen und lachte mich aus.
Ei lache, immer lache, es wird dich schon gereu’n,
Wenn ich werd’ bei ’nem andern schönern Schätzchen sein.
(Dittelsdorf, Friedersdorf bei Zittau.)
Ein Totenlied, rührend in seiner tiefempfundenen Schlichtheit, lautet
folgendermaßen:
Bei mir ist Spiel und Tanz vorbei, das Lachen ist vorüber,
Ich hasse Lieder und Schalmei, und Klagen sind mir lieber.
Ach Gott, wer hätte das gedacht, als ich sie dankbar küßte,
Daß ich so bald die grüne Tracht in Schwarz verwandeln müßte.
Geduldig war sie wie ein Lamm, tat niemand was zu Leide,
Sie war so fromm, so tugendsam, zu aller Menschen Freude.
Und wenn sie kam, da konnte man die Blicke nicht vertragen,
Und wenn sie lachte, mußte man die Augen niederschlagen.
(Wittgendorf.)
Eine Totenklage ist auch das Lied, das in dem bekannten
Volksliederbande der Blauen Bücher (Karl Robert, Langenwiesche: Von
Rosen ein Krentzelein) unter der Überschrift: »Der Trauernde« (21.–30.
Tausend, S. 96) abgedruckt ist. Die von mir aufgezeichnete Lesart ist
ausführlicher, verrät aber in einigen dialektischen Wendungen noch den
süddeutschen Ursprung.
Die alte Weisheit des Nibelungenliedes: ~als ie diu liebe leide z’aller
jungeste gît~, wird lebendig in dem Abschiedsgespräch zwischen einem
Burschen, der wandern will, und seinem Mädchen:
Des Sonntags, des Montags in aller Still
Kam eine traurige Botschaft zu mir:
Dieweil ich von mein’m Schätzchen hat Abschied genomm’n,
Da sollt ich nur noch einmal zu ihr komm’n.
Als ich die Gasse herunterkam,
Sah ich mein Feinsliebchen an der Haustür stahn.
Sie winkt mir mit dem Äugelein, sie scharrte mit dem Fuß,
Sie aber wußt es nicht, daß ich wandern muß.
Als ich zu ihr gekommen war,
Sagt sie zu mir in aller, aller Still:
Ich sollt’ sie nicht verlassen in aller ihrer Not,
Ich sollt’ sie treulich lieben bis in den Tod.
Sie an mein schneeweißes Angesicht.
Wie mich die große Liebe hat zugericht.
Kein Feuer auf der Erde brennt nimmermehr so heiß,
Als die verborg’ne Liebe, die niemand nicht weiß.
In Trauern muß ich schlafen geh’n,
In Trauern muß ich wiederum aufersteh’n;
In lauter Traurigkeit verbring ich meine Zeit,
Dieweil ich nicht darf lieben, was mir mein Herz erfreut.
Geht dir’s wohl, so gedenk’ an mich,
Geht dir’s aber traurig, so kränket es mich.
Vom Herzen bin ich froh, wenn’s mir und dir wohl geht,
Obgleich mein junges Leben in Trauern steht.
(Wittgendorf.)
Häufig wird in den Liebesliedern die Ich-Form aufgegeben. Der
Liebesstoff wird balladenartig behandelt. Als ein Übergang zu dieser
Form kann folgendes Lied angesehen werden:
Warum bist du denn immer so traurig? Weil alles über mich geht.
Drum laß ich den lieben Gott walten, der alles am besten versteht.
So schön wie eine Rose, die fein am Stengel dort steht,
So schön ist auch ein jung’ Mädel, wenn es im Grünkränzel geht.
So falsch wie eine Schlange, die auf der Erde rumkriecht,
So falsch ist ein Junggeselle, wenn er sein Mädel verführt.
Und wenn er sie verführet hat, auf off’ner Straß’ läßt er sie
steh’n,
Da denkt sie in ihrem Herzen, wo soll ich nun weiter hingehn?
Der Apfel ist schön rosenrot, schwarze Körner sind darin.
Und wenn der Bursch geboren wird, trägt er einen falschen Sinn.
Ein falscher Sinn, ein froher Mut, das ist der Burschen Gebrauch,
Drum gibt es so viele in Friedersdorf, die lieben die Falschheit
auch.
(Friedersdorf.)
In vielen Liedern treten dramatische und epische Bestandteile neben den
lyrischen stärker hervor. Mehr oder weniger reine Balladen entstehen.
Dazu gehört das schon von Herder im Elsaß aufgezeichnete Lied vom
Grafen: »Ich stand auf hohem Berge«, das mit geringen Abweichungen in
der ganzen Lausitz verbreitet ist, ferner das Lied: »Es war einst eine
Jüdin«, das in etwas umgestalteter Weise den Stoff der Königskinder
behandelt und nach der Weise des Grafenliedes gesungen wird. Eine andre
Ballade, die mit dem so sehr beliebten Anfang anhebt: »Es stand ein’
Lind’ im tiefen Tal, ist oben breit und unten schmal«, an den sich
aber wenigstens drei verschiedene Lieder anschließen, die inhaltlich
kaum etwas Gemeinsames haben, enthält einen schönen Liebesgruß, der
schon seit dem Ruodlieb (1030) eine beliebte Gedichtform darstellt. Das
Mädchen schickt mit dem Boten an ihren Liebsten, der sie vermeintlich
verlassen hat, folgende Wünsche:
Ich wünsch’ ihm so viel Wohlergehn, als so viel Stern am Himmel
steh’n.
Ich wünsch’ ihm so viel Hochzeitsgäst, als in dem Wald sind grüne
Äst.
Ich wünsch’ ihm so viel Herzeleid, als so viel Sand am Meere leit.
Eine stark abweichende Lesart der Ballade ist bei Uhland enthalten
(Nr. 116). Das alte Balladenmotiv des verwundeten Burschen, der in
den Armen der Geliebten stirbt, wird behandelt in dem auch anderwärts
aufgezeichneten Liede: »Es wollt’ ein Mädchen früh aufsteh’n«, dessen
dunkle Melodie in hervorragender Weise dem schwermütigen Stoff angepaßt
ist. Knapp, rasch fortschreitend ist die Ballade vom Soldaten, der aus
dem Kriege zurückkehrt:
Was kann mich denn schöner erfreuen, ju, ja erfreuen,
Als wenn der Sommer angeht.
Es blühen die Rosen im Garten, ju, ja im Garten,
Soldaten marschieren ins Feld.
Und als ich in das fremde Land Österreich kam,
Da gedacht ich gleich wieder nach Haus.
Als ich dann wieder nach Hause kam,
Feinsliebchen stand an der Tür.
»Gott grüß’ dich, du Hübsche, du Feine,
Vom Herzen gefällst du ja mir.«
»Ich brauch’ dir ja nicht zu gefallen,
Ich hab’ schon längst einen Mann.
Einen hübschen, einen feinen, einen reichen,
Der mich ernähren kann.«
Was zog er aus seiner Tasche?
Ein Messer, ’s war scharf und gespitzt.
Er stach’s dem Feinsliebchen ins Herze,
Das rote Blut gegen ihn spritzt.
Und als nun das Mädchen gestorben war,
Da grub man ihr ein Grab
In ihres Großvaters Lustgarten,
Wo Rosen und Rosmarin steh’n.
Ihr Mädchen und Junggesellen,
Nehmt euch ein Beispiel daran.
(Schönbach bei Löbau.)
Es ist ganz zweifellos, daß dem erwähnten Heereszuge nach Österreich
ein bestimmtes historisches Ereignis zugrunde liegt. In manchen
Liedern tritt das Historische stark hervor. Die Ballade wird zum
historischen oder politischen Lied. Ich habe in der Lausitz noch
lebendig gefunden das Lied über den Feldzug Napoleons I. nach Rußland:
»Napoleon, du Schustergeselle«, weiterhin ein Lied, das den Krieg
von 1870 zum Hintergrund hat: »Im Städtchen zu Baden da steht ein
Haus«, das aber dem bekannten Sedanliede: »Bei Sedan auf den Höhen«,
an Wert nachsteht. Das Interessanteste dieser Gattung ist das über
einen großen Teil Europas verbreitete Marlboroughlied, durch dessen
Wortprägung und Wortbindung gedämpft der vornehme Glanz hochadligen
Hintergrundes leuchtet. Dieses Marlboroughlied hat in der Oberlausitz
ein eigenartiges Schicksal gehabt. Der Eingang: »Marlborough zog zum
Kriege«, hat sich eine kühne volksethymologische Umdeutung gefallen
lassen müssen. Was war dem biedern Lausitzer, der sangeslustigen
Dorfdirne, der stolze Britenherzog Marlborough? Und so begann der
Lausitzer das Lied: »Mein Bruder zog zum Kriege«. Nun konnte nicht
mehr Madame in die Höhe steigen, um nach den Vermißten Ausschau zu
halten, der zu Ostern kommen wollte, sondern die Schwester tut es. Nun
kommt nicht mehr der Page, der die Trauerbotschaft bringt, der höfisch
und fein spricht:
»Das Neue, das ich bringe, macht schöne Augen naß.
Leg’ ab die ros’gen Kleider und deinen Blumenschmuck.
Dein Marlbruck ist gestorben, tot und begraben schon.«
Drei Burschen kommen gezogen, von Blute rot, Mitkämpfer sind sie
gewesen. Anspruchslos und schlicht sprechen sie:
»Das Neuste, das wir bringen, macht dir die Äuglein naß.
Dein Bruder ist erschossen, ist tot und lebt nicht mehr.«
Durch alle diese folgerichtigen Änderungen ist die Handlung der Ballade
aus der großen Welt in den engen Kreis des Volkes verpflanzt worden,
ohne etwas von ihrer Tragik zu verlieren.
Aber nicht nur harte politische Tatsachen haben im Volkslied ihren
Niederschlag gefunden. Viele von ihnen sind vom kulturhistorischen
Gesichtspunkt aus aufs höchste belehrend. Vor allem fesselt den
Literarhistoriker manch seltsames Lied, das unter dem Namen Volkslied
durchschlüpfen will, weil es vom Volke gesungen wird. Das echte
Volkslied, das wurzelhaft dem Volke entwachsen ist, zeigt eigentümliche
Merkmale, die ihm einen wundersamen, unnachahmlichen Zauber verleihen.
Das Volk, das solche Lieder hervorbringt, ist gleichsam eine ungeheure,
sich selbst unbewußte Individualität, von einer mächtigen Lebensform
beherrscht, die in seinen Gestaltungen nach Ausdruck ringt. Je näher
wir der neueren Zeit rücken, desto fühlbarer zerbricht der Kosmos Volk.
Gruppen und Einzelwesen entreißen sich seinem magischen Banne. Neben
die Dichtung des Gesamtvolkes tritt die Dichtung der schöpferischen
Persönlichkeit. Aber in allen gesunden Zeiten besteht eine starke,
untergründige Verbindung zwischen Volk und Persönlichkeit. Beide hängen
zusammen wie Mutter und ungestümes Kind. Eins steigert das Wesen des
andern. Wieder eine solche reine Verschränkung zwischen Volk und
Einzelwesen entstehen zu sehen, ist unser aller Sehnsucht; denn seit
Beginn der neuesten Zeit ist die Lebensform Volk in Millionen Atome
zersplittert. Jedes Glied der einstigen Gemeinschaft hat das Recht
betontester Einzelexistenz an sich gerissen. Die Folge dieses Vorgangs
ist auf künstlerischem Gebiet die Zerstäubung jedes Stilgefühls. In
Zeiten tiefer Bindungen wird der Mensch in einen Stil hineingeboren,
dessen Träger das Gesamtvolk ist. Nach Zertrümmerung des tragenden
Mutterschoßes wird Stil zu einer Aufgabe, die jeder im individuellen
Leben in zuchtvoller Arbeit lösen muß. Da dies aber nur wenig
Begnadeten möglich ist, bleibt die Masse der Glieder eines Volkes in
lebengestaltender Hinsicht im Chaos. Der Instinkt für angemessene Form
ist verloren gegangen. Wahllos ist die Masse jedem Einfluß hingegeben.
Daß dies nicht erst ein Entwicklungsergebnis der unmittelbaren
Gegenwart ist, beweisen eine Anzahl Lieder, die deutliche Spuren
flüchtiger Literaturmoden an sich tragen, die der bewertende Beurteiler
mit gutem Gewissen als minderwertig bezeichnen kann. Drei Einflüsse
dieser Art sind in einer Anzahl der von mir gesammelten Lieder deutlich
wahrnehmbar. Zum ersten sind es die Schauerromane, die an der Wende des
neunzehnten Jahrhunderts sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuten.
Besonders häufig sind die Schauer des Kirchhofs verwendet worden. Dort
finden wir während der »süßen« Geisterstunde den Liebhaber, dessen
Mädchen starb. An der Kirchhofsmauer rauscht es. Eine weiße Gestalt
naht, still und sanft, voller Trauer. Wilhelmine ist es. Flehend
bittet der Liebhaber, ihn mitzunehmen in ihre Totenkammer. Aber allein
entschwindet sie ihm. Nicht nur Stoff und Behandlungsart verraten die
Entstehungszeit dieses Liedes. Wer sich einmal die lehrreiche Mühe
machte, die Vornamen unsrer Vorfahren zusammenzustellen, wird finden,
daß Wilhelmine eine ganze Zeit hindurch im ersten Teil des neunzehnten
Jahrhunderts ein ausgesprochener Modename war. Noch ein andres
Schauerlied möge Erwähnung finden. Es erzählt, wie ein Schlossergesell’
nach jahrelanger Wanderschaft zu seinen Eltern, die ein Gasthaus
haben, zurückkehrt. Der Bursche gibt sich nur seiner Schwester zu
erkennen. Um Mitternacht ermordet der Vater, von Neugier und Habsucht
getrieben, den unbekannten Fremdling. Dies Lied ordnet sich wichtigen
literarhistorischen Zusammenhängen ein. Es behandelt einen ganz
ähnlichen Stoff, wie die Tragödie ~Fatal curiosity~ des Engländers
George Lillo, die zum Ausgangspunkt der Schicksalstragödie wurde, die
mit Hilfe des entfesselten Geisterchors, durch entsetzliche Bluttaten
und Verbrechen, Schauer und Entsetzen erregen wollte.
Um dieselbe Zeit, als in Deutschland die Schicksalstragödien blühten,
waren die tugend- und rührsamen Familiengeschichten des Feldpredigers
August Heinrich Julius Lafontaine in Mode. War er doch sogar ein
Lieblingsschriftsteller der Königin Luise. Auch dieser Einfluß ist in
einigen Liedern deutlich nachzuweisen (z. B.: Steh ich hier am eisern
Gitter).
Mit diesen beiden Einflüssen hat auch die dritte der damals
herrschenden Moden ihren Niederschlag in Liedern gefunden. Es ist
die nach dem Erscheinen des Götz von Berlichingen wildwuchernde
Ritterromantik. Deutschland wurde von Ritterdramen und Ritterromanen
überschwemmt. Welche köstlichen unfreiwilligen Parodien entstanden, mag
eine Probe zeigen:
Eine Heldin, wohl erzogen, mit Namen Isabell,
Die schoß mit Pfeil und Bogen, so gut wie Wilhelm Tell.
Ein Ritter, jung an Jahren, mit Namen Eduard,
Der sich beim Ringelspiele in sie verliebet hat
Er gab ihr zum Geschenke, den schönsten Blumenstrauß,
Doch nichts konnt’ sie erfreuen, sie schlug ihm alles aus.
Er gab ihr zum Andenken, den schönsten Trudihahn,
Doch nichts war ihr zur Freude, von ihm nahm sie nichts an.
Fahr’ hin, du Stolze, du Spröde, dein Stolz wird dich gereu’n,
Du wirst noch Tränen weinen, wenn ich werd’ nicht mehr sein.
Einst ritt sie eine Strecke, als Jägerin in das Holz,
Da saß in einer Ecke ein Bär, in Ängsten stolz.
Gleich stieg sie von dem Pferde, das stolze, kühne Weib,
Und schoß mit ihrem Pfeile, das Untier durch den Leib.
Das Roß mußt ihrer warten, sie eilt von ihm zum Wild –
Wen erblickt sie? Eduarden, in Bärenhaut gehüllt.
Und kaum verging’n sechs Wochen, verzehrt von Gram und Schmerz,
Begrub man ihre Knochen, zu Füßen Eduards.
(Krostau.)
Doch nicht mit diesen Tönen wollen wir eine Abhandlung über Volkslieder
der Sächsischen Oberlausitz schließen. Das soll eine kurze Betrachtung
mundartlicher Dichtungen tun. Mundartliche Lieder, die über den
Interessenkreis eines bestimmten Dorfes (Beziehungen auf bestimmte
Personen und Vorkommnisse) hinausgehen, sind nicht zu zahlreich.
Ihr gemeinsames Merkmal besteht darin, daß sie fast ausnahmslos
Scherzlieder sind. Da werden die üblichen Berufe einer scherzhaften
Prüfung unterzogen. – Die besorgte Mutter schlägt der Tochter aus jedem
Berufe »Einen« vor. Aber das Töchterchen ist wählerisch. An jedem hat
sie auszusetzen:
Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne,
D’r Leinwabr stroamplt mit Händ’n und Füss’n,
Ar könnt’ mich mit ’n Schütz’n erschissen,
Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne.
Doch endlich hat sie den rechten gefunden:
Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon.
D’r Spieler hot verschied’ne Puppen,
Ar läßt mich monchmol o mit hupp’n,
Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon.
(Naundorf bei Gaußig.)
Anspruchsloser ist eine andre Dorfschöne:
Hans’l soaß an Uf’nloch
Und flickte seine Schuh,
Da koam Nubbersch Gret’l
Und guckt d’r Arbeit zu.
Hons, wenn de heiroatst, do heiroatst de mich,
Ich hoa ja no’ drei Pfenn’ge, die lang’n fer mich und dich.
Und wenn mer wer’n verheiroat sein, do hoa mer no kee Haus,
Nu, do keef m’r uns an Henkltop und do guck m’r ub’n ’naus.
(Goldbach.)
Aber was sich hinter der holden Hülle der Schönen verbirgt, das kommt
erst nach der Ehe zum Vorschein. Das kann uns der unglückliche kleine
Mann erzählen:
Es woar amol a klenner Moan, vi – vallera,
Dar wullt a grußes Weibl hoan, hm, hm, hm.
Doas Weibl wullt ze Boalle giehn,
Dar kleene Moan wullt o mit giehn,
Moan, du mußt drheeme bleib’n,
Du mußt ’n Kinnern Samm’l reib’n.
Und oals de Fro vum Boalle koam,
Da stand ar durt und leckte droan.
Do noahm de Fro ’n Bas’nstiel,
Und hieb ’n Moan, doaß ar fiel.
D’r Moan, dar huppt a’s Butterfoaß:
»Nu kumm ock har, und tu’ m’r woas.«
D’r Moan, dar huppt zum Fanster ’naus,
Und lief gor schnell a Nachboars Haus.
»Herr Nubber, ich will se emol woas soin:
Mich hut su sehr de Fro geschloin.«
D’r Nubber soite nischt drzu,
Ar duchte: Mir gieht’s salber su.
(Naundorf.)
Ein andres Lied erzählt in neckischer Weise die Geschichte von der
Bauersfrau, die dem Pfäfflein einen Hirsebrei mit einem halben Schock
Eiern kocht, während der Bauer im Holze ist.
Ich muß gestehen, daß es mir nicht ganz unbedenklich erscheint, daß
der Lausitzer mundartlich nur Scherzlieder kennt. Empfindet er seine
Mundart selbst als komisch? Der Spaßmacher spricht Mundart. Oder
ist sein innerstes Wesen überwiegend aufs Komische gerichtet, für
Tragisches schwer zugänglich? Das glaube ich nicht. Vielleicht ist er
zu verschlossen und zu unbeholfen, um seine tiefsten Empfindungen dem
Worte anzuvertrauen.
Wenn wir im Vorangegangenen die Texte der Volkslieder einer Prüfung
unterzogen haben, so müssen wir uns dabei bewußt bleiben, den
unwesentlichen Liedteil betrachtet zu haben. Der Träger des Volksliedes
ist die Melodie. Das wird dem Sammler oft in eindringlicher Weise
deutlich. Die meisten seiner Gewährsleute können ihm das Lied nicht
aufsagen, sondern nur vorsingen. Mit der Melodie stellt sich der Text
ein. Ganz dürftige Texte sind um ihrer Melodie willen beliebt, während
wertvolle Texte, wenn sie unsanglich sind, vernachlässigt werden. Im
allgemeinen kann jedoch behauptet werden, daß Text und Melodie zu einer
stilvollen Einheit verschmolzen sind. Text und Melodie offenbaren
eine einfache, natürliche, undifferenzierte Empfindungsweise. Vor
allem die Melodie bringt meist in hervorragender Weise typische
Empfindungszustände, wie Ausgelassenheit, Freude, Lust, behagliche
Zufriedenheit, Trauer, Schmerz zum Ausdruck. Gerade in dieser
typisierenden Darstellung von Seelenzuständen liegt ein wesentlicher
Grund der allgemeinen Beliebtheit des Volksliedes.