Von _Friedrich Sieber_, Krostau bei Schirgiswalde

Vor einigen Jahren habe ich versucht, in einer Anzahl Ortschaften der

Sächsischen Oberlausitz den noch vorhandenen Schatz an Volksliedern

festzustellen. Ich bin nicht als Wandervogel durchs Land gezogen,

der mit glücklicher Hand da ein Liedlein fing, dort ein anderes. Als

geborener »Edelroller« war ich in den Ortschaften meist beruflich

tätig. Mit Alter und Jugend sang ich. Mancherlei Beobachtungen habe ich

dabei anstellen können.

Es ist deutlich wahrnehmbar, daß der Schatz der von Ohr zu Ohr

überlieferten Lieder rasch im Abnehmen begriffen ist. Die Jugend kennt

etwa nur noch die knappe Hälfte der Lieder, die in gleichen Ortschaften

dem Alter vertraut sind. Dieses ungefähre Zahlenverhältnis gilt vor

allem für bäuerliche Siedelungen. In rein industriell tätigen Gebieten

ist die Liedüberlieferung viel mangelhafter. Nicht so ungünstig ist

sie meiner Beobachtung nach in Ortschaften, die zwar überwiegend mit

Industriearbeitern bevölkert sind, die aber auswärts zur Fabrik gehen.

Seßhaftigkeit in vererbten Häuschen und gemeinsamer Fabrikweg können

die Tatsache erklären.

Wer singt in den Dörfern die Volkslieder? Stellen sie ein Erbgut

dar, allen Bewohnern einer Landschaft gleicherweise vertraut? Nein,

die Zeiten der Gebundenheit aller an überlieferte Volkswerte sind

auch in der Oberlausitz im Entschwinden. Das Volkslied hat sich

aus breiter Öffentlichkeit zurückgezogen. Die größte Anzahl der

Männer beachtet es kaum. Frauen sind seine Hüterinnen geworden. In

überwiegender Weise ist es ein ganz bestimmter Typus der Frau des

Volkes, die das überlieferte Volkslied hegt. Sie ist intellektuell

gut veranlagt, sie hat Charaktereigenschaften, die sie zur Hausfrau

und Mutter vorzüglich befähigen, sie ist stimmbegabt und meist mit

sicherem musikalischen Gehör ausgestattet. Die Stuben, in denen von

den Ahnen überlieferte Lieder gesungen werden, sind meistens blank und

glänzend. In polnischen Wirtschaften habe ich fast nie alte Lieder

singen hören. Bei gemeinsamer Winterarbeit (Federnschleißen) oder

an weichen Sommerabenden auf der Bank vor dem Hause, da tritt das

Volkslied aus seiner Verborgenheit. Die oben geschilderten Frauen sind

die Vorsängerinnen, sie können Text und Melodie. Unter ihrer sichern

Führung tauchen Bruchstücke in anderen auf, zagend fallen sie ein, und

die getragenen Weisen lassen vergangene Welten wiedererstehen.

Doch ehe wir die Lieder einer Betrachtung unterziehen, die hier als

Volkslieder bezeichnet werden, wollen wir uns über den Umfang des

Begriffs verständigen. Ich habe in meine Sammelarbeit nicht mit

einbezogen:

1. Lieder, die durch Schulpflege lebendig bleiben oder

geblieben sind;

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 4-6 · 第 48 / 65 题