Vor einigen Jahren habe ich versucht, in einer Anzahl Ortschaften der
Sächsischen Oberlausitz den noch vorhandenen Schatz an Volksliedern
festzustellen. Ich bin nicht als Wandervogel durchs Land gezogen,
der mit glücklicher Hand da ein Liedlein fing, dort ein anderes. Als
geborener »Edelroller« war ich in den Ortschaften meist beruflich
tätig. Mit Alter und Jugend sang ich. Mancherlei Beobachtungen habe ich
dabei anstellen können.
Es ist deutlich wahrnehmbar, daß der Schatz der von Ohr zu Ohr
überlieferten Lieder rasch im Abnehmen begriffen ist. Die Jugend kennt
etwa nur noch die knappe Hälfte der Lieder, die in gleichen Ortschaften
dem Alter vertraut sind. Dieses ungefähre Zahlenverhältnis gilt vor
allem für bäuerliche Siedelungen. In rein industriell tätigen Gebieten
ist die Liedüberlieferung viel mangelhafter. Nicht so ungünstig ist
sie meiner Beobachtung nach in Ortschaften, die zwar überwiegend mit
Industriearbeitern bevölkert sind, die aber auswärts zur Fabrik gehen.
Seßhaftigkeit in vererbten Häuschen und gemeinsamer Fabrikweg können
die Tatsache erklären.
Wer singt in den Dörfern die Volkslieder? Stellen sie ein Erbgut
dar, allen Bewohnern einer Landschaft gleicherweise vertraut? Nein,
die Zeiten der Gebundenheit aller an überlieferte Volkswerte sind
auch in der Oberlausitz im Entschwinden. Das Volkslied hat sich
aus breiter Öffentlichkeit zurückgezogen. Die größte Anzahl der
Männer beachtet es kaum. Frauen sind seine Hüterinnen geworden. In
überwiegender Weise ist es ein ganz bestimmter Typus der Frau des
Volkes, die das überlieferte Volkslied hegt. Sie ist intellektuell
gut veranlagt, sie hat Charaktereigenschaften, die sie zur Hausfrau
und Mutter vorzüglich befähigen, sie ist stimmbegabt und meist mit
sicherem musikalischen Gehör ausgestattet. Die Stuben, in denen von
den Ahnen überlieferte Lieder gesungen werden, sind meistens blank und
glänzend. In polnischen Wirtschaften habe ich fast nie alte Lieder
singen hören. Bei gemeinsamer Winterarbeit (Federnschleißen) oder
an weichen Sommerabenden auf der Bank vor dem Hause, da tritt das
Volkslied aus seiner Verborgenheit. Die oben geschilderten Frauen sind
die Vorsängerinnen, sie können Text und Melodie. Unter ihrer sichern
Führung tauchen Bruchstücke in anderen auf, zagend fallen sie ein, und
die getragenen Weisen lassen vergangene Welten wiedererstehen.
Doch ehe wir die Lieder einer Betrachtung unterziehen, die hier als
Volkslieder bezeichnet werden, wollen wir uns über den Umfang des
Begriffs verständigen. Ich habe in meine Sammelarbeit nicht mit
einbezogen:
1. Lieder, die durch Schulpflege lebendig bleiben oder
geblieben sind;