5. Von Zittau zur Bertsdorfer Kirche[8]

Das mächtig aufsteigende Werk des genialen Friedrich Schinkel,

die Westfront der Johanniskirche, im Rücken lassend, entlang der

engen Weberstraße, vorüber an einigen der besten alten bürgerlichen

Prachtbauten des »Zittauer Barocks« und an der mittelalterlichen,

ehedem unter freundlich rotem Ziegeldach dreinschauenden »Weberkirche«,

durch die »Webervorstadt« und »Alte Burggasse« wandernd, gelangt man

bald hinter der einstmaligen Burgmühle auf »Altzittaus Gründungsstätte«

mit dem Burgberg und dem Burgteich.

Schutzdämme mit kraftvoll aufragenden knorrigen deutschen Eichen

umsäumen Matten und Gehege in der zwischen Mandau und Burgmühlgraben

gelegenen Umgebung dieses historischen Winkels, der im Laufe der

letzten Jahrzehnte zu einer anziehenden Hainanlage ausgebildet worden

ist.

»Hier entstand Zittau«

so lautet die Inschrift des Denksteins auf dem Burghügel zur

Kennzeichnung der Stelle, auf welcher im dreizehnten Jahrhundert

wahrscheinlich die erste Schutz- und Wehrstätte burgartig angelegt

wurde.

Vom vorderen Burgdamm, nächst der Mandau, zeigt sich dem Auge ein

schönes Landschaftsbild, das die geschlossene Kette des Iser-,

Jeschken- und Lausitzer Gebirges mit feiner Linie segmentförmig als

Hintergrund säumt. Tafelfichte, Jeschken, Hochwald und Lausche treten

klar in den ihnen eigenen Formen hervor.

Im Mittelgrund, hinter dem Mandauufergelände mit den aufsteigenden

Wiesenhängen erhebt sich links die Olbersdorfer, rechts die Hörnitzer

Kirche, dazwischen, hinter entfernter liegenden Geländewellen der

weißleuchtende Turm der Bertsdorfer Kirche, als ein seit altersher dem

Wanderer entgegenwinkendes, weithin sichtbares Wahrzeichen.

Vom westlichen Dammende, welches eine mächtige alte Eiche schützt und

schirmt – eine Reckin ihrer Edelart, – um deren Fuß ihres etwa 1,75

Meter im Durchmesser starken Stammes eine holzgezimmerte Bank den

Wanderer zur Rast einladet, führt der Weg weiter am Mühlgraben-Stauwehr

vorüber über die steinerne Mandaubrücke nach Hörnitz. Hier, das durch

ein Turmpaar flankierte, giebelreiche, massig gedrungene Althörnitzer

Schloß. Ein vom kunstsinnigen Zittauer Bürgermeister Hartig

1651–1654 errichtetes Baudenkmal hervorragender Art der deutschen

Spätrenaissance, das sich auszeichnet durch Verhältniskunst und

wuchtende Massenwirkung, wie solche hier besonders die Südseite zeigt.

Beim Anschauen des gesamten Schloßbereiches mit dem Park und Gutshofe

versenken sich die Gedanken in die alte Bauweise, in das Großzügige

des Baugeistes vergangener Geschlechter, unter welchen die Gestaltung

solcher einheitlicher Baugruppen in der Landschaft, mit den Elementen

dieser, so durchgeführt werden konnte.

Großartig eindrucksvoll wirkt beispielsweise das durch wunderlich

verzweigtes Geäst und feines graugrün schillerndes Laub der mächtigen

Kronen zweier Silberpappeln gezierte Einfahrtstor des Schloßguthofes.

Dem Baugeist einer hundert Jahre späteren Zeit verdankt das unweit

entfernte ehemalige Neuhörnitzer Schloß, das der Zittauer Kaufmann

Gottfried Hering 1751 errichten ließ, seine gute Gestaltung.

Der zwischen beiden schloßherrlichen Anlagen liegende, Alt- und

Neuhörnitz trennende wohl älteste Ortsteil »Wall« genannt, gleicht

der Anlage einer Wasserburg kleinsten Maßstabes. Ein noch teilweise

vorhandener, durch Quellwasser gespeister Wassergraben umgibt eine auf

kleiner Insel liegende Wohnstätte. Die in unmittelbarer Nähe rundherum

errichteten alten kleinen Fachwerkhäuschen ergänzen die eigenartige

Anlage, deren Entstehung mutmaßlich mit der der Zittauer Burgbergwarte

erfolgt sein mag in grauer Vorzeit.

Von der von Hörnitz nach Bertsdorf ansteigenden, über einen

Geländesattel führenden Landstraße sieht man, nah und fern, rundum

in eine liebliche, wechselreich geformte Landschaft – ein Mosaik von

zahlreichen Ortschaften des östlichsten Sachsenlandes mit dem schönen

Stadtbild Zittaus.

Über dem Sattel, an der Straßensenkung, beginnt einladend der Anfang

der hier versteckt in der Dorfbachmulde eingebetteten Ortschaft

Bertsdorf, die sich in der Richtung zur Lausche, welche zwischen den

Höhen des Jonsberges und Breitenberges den Hintergrund füllt, hinzieht,

und allmählich im Gelände hervortretend, hinaufführt bis an den Fuß des

Pocheberges.

Zu beiden Seiten des klar dahinrieselnden Dorfbaches und der Straße,

sowie an und auf Wiesenhängen bauen sich mannigfach in alter Bauart

die Wohnstätten des Häuslers, Webers, Handwerkers, Kleinbauern und

die Gebäudemassen ansehnlicher Gutshöfe auf, mit verschiedenartigen,

alterhaltenen Gefach-, Ständer-, Riegel-, Bretterwerk und Umgebinden,

mit großflächigen, nur durch Dachluken und die Esse belebten Stroh- und

Ziegeldächern, an deren Traufen vielerseits die Holzrinne sich zeigt.

Steinerne Haustürstöcke mit manchem eigenen Schmuck und sonstigem

Überbleibsel guter, sinniger Kleinkunst ausgestattet, sowie die im

Pfarrhause gut erhalten gebliebene alte Bemalung einer Holzdecke, legen

Zeugnis ab vom Können der vormals volkskünstlerisch tätig gewesenen

Kräfte.

Über den Bach sich wölbende alte Quadersteinbrücken verleihen

ihrer Umgebung idyllisch-malerische Reize. Die schiefwinklige

Straßenbrückenanlage am Kirchgeländefuße mit zinnenartiger

Brustwehrkrone, die einzelnen oberlausitzer Brücken solcher Art

eigentümlich ist, möge als ein nachahmenswertes Beispiel besonders

erwähnt sein. An dieser Steinbrücke ist eingemeißelt die Jahreszahl

1812.

[Illustration]

Abseits vom Großindustrieleben atmet man hier gut bäuerliche Luft. Noch

ist der Ort verschont geblieben von groben baulichen Verunstaltungen

hochbaulicher Art. Bäuerlich-landbürgerlicher Sinn waltet und schafft

hier vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht Arbeitszeitgesetzen,

sondern dem Zeitweiser der Natur gehorchend.

Mitten im Ort – frei und hoch über dem Bett des Baches – steht die

Kirche auf uralter, zur Verehrung göttlicher Allmacht geweihter Stätte,

umgeben von ihrem umwehrten Kirchhofe, dessen grünberankte Mauern alte

Denkmalskunst bergen.

Sie ist nicht als Werk einer »Ichkunst«, als ein Fremdkörper in

die Umgebung »hineingesetzt«, sondern wächst in ihrer schlichten,

maßvollen Bauart aus ihr heraus[9], als ein weiß verputzter, unter

rotem Ziegeldach geschützter Bau mit markigem Turm, dessen ebenso

bedachte Kuppelhaube bekrönt wird durch die grün und weiß gestrichene,

formenreichere, offene Laterne, Haubenspitze und Wetterfahne mit der

die Bauzeit kündenden Jahreszahl 1674.

So bildet auch hier die Kirche mit dem benachbarten alten Pfarrhause,

den Bauernhäusern, Gartengehegen, dem Dorfbach, Strauch- und

Baumbestand und der Straße eines jener uns lieben Dorfbilder, wie

solche sich allerwärts in unseren sauberen oberlausitzer Ortschaften

der erfreulichen Anschauung darbieten.

Die Bauanlage der, an Stelle eines durch Blitzschlag eingeäscherten

Gotteshauses, um 1675 erbauten Kirche, übte vorbildlichen Einfluß aus

auf die Gestaltung der später erbauten Kirchen in den benachbarten

Ortschaften Hainewalde, Spitzkunnersdorf, Niederoderwitz und Eibau.

Das meisterliche Werk ist der verkörperte Ausdruck des Widerwillens

gegen eine kleinliche Zerklüftung der Baumasse – ist ein Werk

großzügiger Geschlossenheit, ein Beispiel, sprechend für die schlichte

Eigenart des kernigen oberlausitzer Landbürgers, der nichtssagenden

Äußerlichkeiten abgeneigt, solche Einfachheit schätzt, hegt und liebt.

Im Gegensatz zu dem fast nüchternen Äußeren, verbirgt sich hinter

diesem das mit sicherem Können und edlem Geschmack gestaltete, mit

Altar, Kanzel, Orgel und Lichtkronen kunstvoll ausgestattete Innere,

dessen feierlich ruhige Gesamtwirkung durch eine erneuerte, sehr

feinsinnige Farbengebung in weiß, grün und gold wohltuend gesteigert

wird. Ein würde- und eindrucksvolles Ganzes ist es – ein anziehendes

Herz der Kirchgemeinde.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 4-6 · 第 43 / 65 题