Das mächtig aufsteigende Werk des genialen Friedrich Schinkel,
die Westfront der Johanniskirche, im Rücken lassend, entlang der
engen Weberstraße, vorüber an einigen der besten alten bürgerlichen
Prachtbauten des »Zittauer Barocks« und an der mittelalterlichen,
ehedem unter freundlich rotem Ziegeldach dreinschauenden »Weberkirche«,
durch die »Webervorstadt« und »Alte Burggasse« wandernd, gelangt man
bald hinter der einstmaligen Burgmühle auf »Altzittaus Gründungsstätte«
mit dem Burgberg und dem Burgteich.
Schutzdämme mit kraftvoll aufragenden knorrigen deutschen Eichen
umsäumen Matten und Gehege in der zwischen Mandau und Burgmühlgraben
gelegenen Umgebung dieses historischen Winkels, der im Laufe der
letzten Jahrzehnte zu einer anziehenden Hainanlage ausgebildet worden
ist.
»Hier entstand Zittau«
so lautet die Inschrift des Denksteins auf dem Burghügel zur
Kennzeichnung der Stelle, auf welcher im dreizehnten Jahrhundert
wahrscheinlich die erste Schutz- und Wehrstätte burgartig angelegt
wurde.
Vom vorderen Burgdamm, nächst der Mandau, zeigt sich dem Auge ein
schönes Landschaftsbild, das die geschlossene Kette des Iser-,
Jeschken- und Lausitzer Gebirges mit feiner Linie segmentförmig als
Hintergrund säumt. Tafelfichte, Jeschken, Hochwald und Lausche treten
klar in den ihnen eigenen Formen hervor.
Im Mittelgrund, hinter dem Mandauufergelände mit den aufsteigenden
Wiesenhängen erhebt sich links die Olbersdorfer, rechts die Hörnitzer
Kirche, dazwischen, hinter entfernter liegenden Geländewellen der
weißleuchtende Turm der Bertsdorfer Kirche, als ein seit altersher dem
Wanderer entgegenwinkendes, weithin sichtbares Wahrzeichen.
Vom westlichen Dammende, welches eine mächtige alte Eiche schützt und
schirmt – eine Reckin ihrer Edelart, – um deren Fuß ihres etwa 1,75
Meter im Durchmesser starken Stammes eine holzgezimmerte Bank den
Wanderer zur Rast einladet, führt der Weg weiter am Mühlgraben-Stauwehr
vorüber über die steinerne Mandaubrücke nach Hörnitz. Hier, das durch
ein Turmpaar flankierte, giebelreiche, massig gedrungene Althörnitzer
Schloß. Ein vom kunstsinnigen Zittauer Bürgermeister Hartig
1651–1654 errichtetes Baudenkmal hervorragender Art der deutschen
Spätrenaissance, das sich auszeichnet durch Verhältniskunst und
wuchtende Massenwirkung, wie solche hier besonders die Südseite zeigt.
Beim Anschauen des gesamten Schloßbereiches mit dem Park und Gutshofe
versenken sich die Gedanken in die alte Bauweise, in das Großzügige
des Baugeistes vergangener Geschlechter, unter welchen die Gestaltung
solcher einheitlicher Baugruppen in der Landschaft, mit den Elementen
dieser, so durchgeführt werden konnte.
Großartig eindrucksvoll wirkt beispielsweise das durch wunderlich
verzweigtes Geäst und feines graugrün schillerndes Laub der mächtigen
Kronen zweier Silberpappeln gezierte Einfahrtstor des Schloßguthofes.
Dem Baugeist einer hundert Jahre späteren Zeit verdankt das unweit
entfernte ehemalige Neuhörnitzer Schloß, das der Zittauer Kaufmann
Gottfried Hering 1751 errichten ließ, seine gute Gestaltung.
Der zwischen beiden schloßherrlichen Anlagen liegende, Alt- und
Neuhörnitz trennende wohl älteste Ortsteil »Wall« genannt, gleicht
der Anlage einer Wasserburg kleinsten Maßstabes. Ein noch teilweise
vorhandener, durch Quellwasser gespeister Wassergraben umgibt eine auf
kleiner Insel liegende Wohnstätte. Die in unmittelbarer Nähe rundherum
errichteten alten kleinen Fachwerkhäuschen ergänzen die eigenartige
Anlage, deren Entstehung mutmaßlich mit der der Zittauer Burgbergwarte
erfolgt sein mag in grauer Vorzeit.
Von der von Hörnitz nach Bertsdorf ansteigenden, über einen
Geländesattel führenden Landstraße sieht man, nah und fern, rundum
in eine liebliche, wechselreich geformte Landschaft – ein Mosaik von
zahlreichen Ortschaften des östlichsten Sachsenlandes mit dem schönen
Stadtbild Zittaus.
Über dem Sattel, an der Straßensenkung, beginnt einladend der Anfang
der hier versteckt in der Dorfbachmulde eingebetteten Ortschaft
Bertsdorf, die sich in der Richtung zur Lausche, welche zwischen den
Höhen des Jonsberges und Breitenberges den Hintergrund füllt, hinzieht,
und allmählich im Gelände hervortretend, hinaufführt bis an den Fuß des
Pocheberges.
Zu beiden Seiten des klar dahinrieselnden Dorfbaches und der Straße,
sowie an und auf Wiesenhängen bauen sich mannigfach in alter Bauart
die Wohnstätten des Häuslers, Webers, Handwerkers, Kleinbauern und
die Gebäudemassen ansehnlicher Gutshöfe auf, mit verschiedenartigen,
alterhaltenen Gefach-, Ständer-, Riegel-, Bretterwerk und Umgebinden,
mit großflächigen, nur durch Dachluken und die Esse belebten Stroh- und
Ziegeldächern, an deren Traufen vielerseits die Holzrinne sich zeigt.
Steinerne Haustürstöcke mit manchem eigenen Schmuck und sonstigem
Überbleibsel guter, sinniger Kleinkunst ausgestattet, sowie die im
Pfarrhause gut erhalten gebliebene alte Bemalung einer Holzdecke, legen
Zeugnis ab vom Können der vormals volkskünstlerisch tätig gewesenen
Kräfte.
Über den Bach sich wölbende alte Quadersteinbrücken verleihen
ihrer Umgebung idyllisch-malerische Reize. Die schiefwinklige
Straßenbrückenanlage am Kirchgeländefuße mit zinnenartiger
Brustwehrkrone, die einzelnen oberlausitzer Brücken solcher Art
eigentümlich ist, möge als ein nachahmenswertes Beispiel besonders
erwähnt sein. An dieser Steinbrücke ist eingemeißelt die Jahreszahl
1812.
[Illustration]
Abseits vom Großindustrieleben atmet man hier gut bäuerliche Luft. Noch
ist der Ort verschont geblieben von groben baulichen Verunstaltungen
hochbaulicher Art. Bäuerlich-landbürgerlicher Sinn waltet und schafft
hier vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht Arbeitszeitgesetzen,
sondern dem Zeitweiser der Natur gehorchend.
Mitten im Ort – frei und hoch über dem Bett des Baches – steht die
Kirche auf uralter, zur Verehrung göttlicher Allmacht geweihter Stätte,
umgeben von ihrem umwehrten Kirchhofe, dessen grünberankte Mauern alte
Denkmalskunst bergen.
Sie ist nicht als Werk einer »Ichkunst«, als ein Fremdkörper in
die Umgebung »hineingesetzt«, sondern wächst in ihrer schlichten,
maßvollen Bauart aus ihr heraus[9], als ein weiß verputzter, unter
rotem Ziegeldach geschützter Bau mit markigem Turm, dessen ebenso
bedachte Kuppelhaube bekrönt wird durch die grün und weiß gestrichene,
formenreichere, offene Laterne, Haubenspitze und Wetterfahne mit der
die Bauzeit kündenden Jahreszahl 1674.
So bildet auch hier die Kirche mit dem benachbarten alten Pfarrhause,
den Bauernhäusern, Gartengehegen, dem Dorfbach, Strauch- und
Baumbestand und der Straße eines jener uns lieben Dorfbilder, wie
solche sich allerwärts in unseren sauberen oberlausitzer Ortschaften
der erfreulichen Anschauung darbieten.
Die Bauanlage der, an Stelle eines durch Blitzschlag eingeäscherten
Gotteshauses, um 1675 erbauten Kirche, übte vorbildlichen Einfluß aus
auf die Gestaltung der später erbauten Kirchen in den benachbarten
Ortschaften Hainewalde, Spitzkunnersdorf, Niederoderwitz und Eibau.
Das meisterliche Werk ist der verkörperte Ausdruck des Widerwillens
gegen eine kleinliche Zerklüftung der Baumasse – ist ein Werk
großzügiger Geschlossenheit, ein Beispiel, sprechend für die schlichte
Eigenart des kernigen oberlausitzer Landbürgers, der nichtssagenden
Äußerlichkeiten abgeneigt, solche Einfachheit schätzt, hegt und liebt.
Im Gegensatz zu dem fast nüchternen Äußeren, verbirgt sich hinter
diesem das mit sicherem Können und edlem Geschmack gestaltete, mit
Altar, Kanzel, Orgel und Lichtkronen kunstvoll ausgestattete Innere,
dessen feierlich ruhige Gesamtwirkung durch eine erneuerte, sehr
feinsinnige Farbengebung in weiß, grün und gold wohltuend gesteigert
wird. Ein würde- und eindrucksvolles Ganzes ist es – ein anziehendes
Herz der Kirchgemeinde.