_Th. Leuschner_, Dresden-Loschwitz
Lange vor uns hat Gottfried Keller die Gedanken des Heimatschutzes
empfunden. Ob und wie er als erster Staatsschreiber des Kantons Zürich
in dieser Richtung hin gewirkt hat, wissen wir nicht, das soll auch
hier nicht untersucht werden. Aber in einigen seiner Dichtungen weist
er darauf hin, die Schönheit und die Eigenart der Heimat nicht zu
zerstören. Und _wie_ das Keller sagt, das ist für uns das Reizvolle.
Was er in seinen Erzählungen darüber eingeflochten hat, ist nicht
ein bloßer Einfall von ungefähr. Es ist ihm damit ernst, und diese
Gedanken haben ihn immer bewegt. Wir dürfen dieser Liebe nach einem
Selbstzeugnis über sein künstlerisches Arbeiten versichert sein. In
einem Briefe vom 28. Februar 1877 an W. Hemsen, der von ihm einen
Beitrag zu seinem bei Spemann erscheinenden Jahrbuch »Kunst und Leben.
Ein neuer Almanach für das deutsche Haus« gewünscht hatte, bekennt er:
»So geringfügig meine Erfindungen sind, so sind es eben solche, d. h.
sie beruhen jedesmal auf einem spontan entstandenen inneren Gesicht
(wenn diese banale Phrase erlaubt ist) und sind daher nicht von äußeren
Wünschen abhängig. Es sind immer Sachen, die mir von langer Hand oder
in Verbindung mit einer ganzen Gruppe vorschweben; am seltensten stößt
mir ein Motiv auf, welches für sich allein ausgeführt werden kann.«
Wir lesen uns zuerst in den Roman »_Martin Salander_« ein. Martin
Salander ist heute heimgekommen. Über sieben Jahre lang war er von den
Seinigen weg gewesen, um das an seinen betrügerischen Freund Wohlwend
verlorene Geld drüben in der neuen Welt rascher als im heimatlichen
Münsterberg wieder zu erwerben. Während dieser Zeit hat seine Frau
Marie in der kleinen Sommerwirtschaft und Fremdenpension zur Kreuzhalde
den Unterhalt für sich und die drei Kinder kümmerlich bestritten. Es
ist hier nicht der Platz, den Gang der Erzählung zu verfolgen. Sie
gehen schlafen, sie betreten das Zimmer, wo Frau Marie das Lager ihres
Mannes schon seit Monaten bereit gehalten hat.
»... Aber ich wollte schon ein paarmal fragen,« fuhr er
fort, aus dem offenen Fenster auf das mondhelle Umgelände
hinausdeutend. »Wo sind denn nur die vielen schönen Bäume
hingeraten, die sonst vor und neben dem Hause standen? Hat sie
der Eigentümer abschlagen lassen und verkauft, der Tor? Das war
ja ein Kapital für die Wirtschaft!«
»Man hat ihm das Land weggenommen oder eigentlich ihn
gezwungen, Bauplätze daraus zu machen, da einige andere
Landbesitzer den Bau einer unnötigen Straße durchgesetzt haben.
Nun ist sie da, jedes schattige Grün verschwunden und der Boden
in eine Sand- und Kiesfläche verwandelt; aber kein Mensch
kommt, die Baustellen zu verkaufen. Und seit die guten Bäume
dahin sind, ist auch mein Erwerb dahin!«
»Das sind ja wahre Lumpen, die sich selbst das Klima
verhunzen ...«
Eine Reihe von Jahren später! Salanders Töchter Netti und Setti haben
sich mit den Zwillingsbrüdern Isidor und Julian Weidelich, den Söhnen
der Gärtnersleute aus dem Zeisig, verheiratet. Diese sind Landschreiber
und Mitglieder des Großrates. Keller hat sie mit einer Fülle kleinster
Einzelheiten als eitle, schlaue Streber und Narren gezeichnet, die
habsüchtig ihre Amtsgewalten mißbrauchen und zuletzt auf viele Jahre
hinaus ins Zuchthaus kommen. »Es ist nichts mit ihnen. Sie haben keine
Seelen,« klagt Setti ihren Eltern, als diese sich auf ihrem Landhause
zum Lautenspiel nach ihr umschauen. Mit gutem Bedacht hat Keller unter
die häßlichen Wesensfarben der beiden Brüder auch die Lieblosigkeit
und Gleichgültigkeit gegen die heimatliche Umgebung gemischt. Isidor
begleitet seine Schwiegereltern und seine Frau, als diese zum Besuch
auf dem Lindenberg, wo Netti und Julian wohnen, vom Lautenspiel
fortgehen.
Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwäldchen und
die dahinter emporragenden Wipfelmassen des größeren Forstes,
eine Umgebung die nicht mit Geld zu bezahlen sei.
»O ja, es macht sich nett!« sagte der Schwiegersohn. »Nur wird
es nicht mehr so lange stehen bleiben, als es schon steht. Der
Wald gehört der Gemeinde Unterlaub und soll in ein paar Jahren
geschlagen werden; die Holzhändler sind schon dahinter her. Da
werd’ ich unsere Buchen auch daran geben, es geht in einem zu
und sie tragen ein schönes Geld ein!«
»Sind Sie bei Trost?« rief Salander. »Ihre Buchen schützen ja
allein Haus und Garten samt der Wiese vor den Schlamm- und
Schuttmassen, die der abgeholzte Berg herunterwälzen wird!«
»Das ist mir Wurst!« erwiderte der jugendliche Notar in
nachlässigem Tone. »Dann zieht man weg und verkauft den ganzen
Schwindel! Es ist ja langweilig, immer am gleichen Ort zu
hocken.«
Salander dachte sein Teil und gab keine Antwort. Frau Setti
ließ während Isidors Mitteilung ein paar Worte des Erstaunens
hören und verriet so, daß sie von dem bevorstehenden
Holzschlage noch gar nichts wußte, was ein neues Anzeichen von
des Mannes Lebensart war. Sie schwieg daher auch und sagte nur
noch: »Adieu, du schönes Lautenspiel!«
»Woher heißt es eigentlich hier im Lautenspiel?« fragte
die hinzutretende Mutter. »Das mag der Henker wissen, ich
könnt’ es nicht sagen! In den Grundbüchern heißt es nur: Haus
und Hofstatt genannt im Lautenspiel, und ebenso in meinem
Kaufschuldbrief,« erklärte Isidor.
»Hast du denn nicht gehört, was sie in der Gegend davon
erzählen?« fragte Frau Setti. »Nein, ich habe gar nie danach
gefragt! Woher soll es denn kommen? Woher heißt es denn bei uns
im Zeisig und im roten Mann? Von irgend einer Dummheit!«
Und nun erzählt Frau Setti zur Erklärung des Flurnamens die alte
Geschichte vom geizigen Junker und seinen sechs schönen Töchtern.
Was erleben die Salandrischen dann auf dem Lindenberg? Julian kommt aus
dem Wald zurück.
Er schüttelte die Weidtasche auf den Tisch aus und über dreißig
arme Vögel mit verdrehten Hälschen und erloschenen Guckaugen,
Drosseln, Buchfinken, Lerchen, Krammetsvögel und wie sie alle
hießen, lagen als stille Leute da und streckten die starren
Beine und gekrümmten Krällchen von sich.
»Sie werden sehen, Mama, die Dinger schmecken Ihnen wie
Marzipan, wenn sie mürb und gut geraten sind! Ich will aber
selbst zusehen! Hat’s etwas Speck in der Küche, Frau?«
»Bitte, Herr Sohn, beeilen Sie sich nicht!« sagte Frau
Salander, »wir essen jedenfalls nicht mit, mein Mann und ich,
wir sind vollkommen satt und wollen noch mit dem letzten Zuge
fort!«
»Aber, Meister Julian,« schaltete Martin dazwischen, »wissen
Sie denn nicht, daß die Jagd auf Singvögel verboten ist? Sie,
als Mitglied des Großen Rates?«
»Herr Vater, ich habe nicht gejagt, sondern das Garn gespannt,
und da sind allerdings ein paar Finklein dazwischen gekommen,
die nicht geladen waren. Übrigens wird sich wohl kein Wächter
des Waldes an mich machen!« ...
In der Novelle »_Das verlorene Lachen_« ist Jukundus der Träger von
Kellers Naturschutzbestrebungen.
Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die
militärische Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben, wegen
der fortwährenden Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um
sich aber dafür einen ehrbaren Erwerb und eine geordnete
Tätigkeit zu sichern, hatte er ein Handelsgeschäft errichtet,
welches sich auf den Holzreichtum der Stadtgemeinde und der
umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen Allmenden, die
von der allemannischen Bodenteilung herrührten, waren später
noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern
die Stadt sich angebaut hatte.
Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont
und auch aus bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen
Trinkgeschirre und den alten Wein im Stadtkeller sorgfältig
erhielt. Allein durch irgendeine Spalte war die Verlockung
und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft und es wandelte
ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen, schlich
längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern
an die glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus
auftrat, um das Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen,
kam sein Geschäft alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen
die Vermittlung des ihnen wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers
dem Andringen der fremden Händler, durch die das Unheil
eingeschlichen war, vor.
Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen
und auch sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die
Weinberge und Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal
jung und niedrig gewesen oder schon mehrmals vielleicht, und
sie konnten wieder alt und hoch werden. Doch als die Axt auch
an die jüngeren Wälder geriet, für das zuströmende Geld immer
schönere Zwecke erfunden und die Berghänge dafür immer kahler
wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da er
von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes
gewesen war. Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn
machte, begann er sich desselben mehr und mehr zu schämen; er
erschien sich als ein Feind und Verwüster aller grünen Zier
und Freude, wurde unlustig und oft traurig und vertraute sich
seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln, das zu dem ihrigen
wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener werden sah und
ihn ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden mit
oder ohne den Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch
schlimmer, und sie war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen
Kräften wohlhabend und unabhängig zu wissen, um auch von dieser
Seite her stolz auf ihn sein zu können. Sie bestärkte daher den
Mann nicht in seiner Unlust, sondern ermunterte ihn vielmehr
zum Ausharren und er fuhr dann so fort.
Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne,
welche der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald
geschlagen. Aus demselben hatte von jeher eine gewaltige
Laubkuppel geragt, welche eine wohl tausendjährige Eiche
war, die Wolfhartsgeeren-Eiche genannt. In älteren Urkunden
aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andre Namen,
die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in
germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um
sie niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den
besonderen Verkauf aufsparte, stellte die Eiche ein Monument
dar, wie kein Fürst der Erde und kein Volk es mit allen
Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen können.
Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm und die
wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie
zartes Reisig auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der
Nähe selbst gleich mächtigen Bäumen. Meilenweit erblickte man
das schöne Baumdenkmal und viele kamen herbei, es in der Nähe
zu sehen.
Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis
dafür bieten würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes
und suchte ihn zu retten. Er stellte vor, wie gut es dem
Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen der Vergangenheit
als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf allgemeine
Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen;
wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in
Betracht kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren
Wert einer solchen Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade
die Gesundheit des alten Riesen sollte ihm sein Leben kosten,
weil es hieß, jetzt sei die rechte Zeit, den höchsten Betrag zu
erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt sei, sinke der Wert
sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die Regierung, indem
er die Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche sich finden
mögen, als einen allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es
wurde erwidert, der Staat besitze wohl für Millionen Waldungen
und könne diese nach Gutdünken vermehren, allein er besitze
nicht einen Taler und nicht die kleinste Befugnis, einen
schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden anzukaufen und stehen zu
lassen.
Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen
Gedanken und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und
heimlich belächelt wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und
das Stück Boden, auf welchem sie stund, säuberte den Boden und
stellte eine Bank unter den Baum, unter dem es eine schöne
Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für seine Tat und
ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem Augenblick an
suchte auch jedermann, ihn zu benutzen und zu übervorteilen,
wie einen großen Herrn, der keine Schonung bedürfe.
Seine Frau Justine tut das Gegenteil im Verein mit dem Pfarrer des
Ortes, der als ein »beifallsdurstiger Wohlredner und Schwätzer«, wie er
sich später selbst nennt, vorübergehend einen schlechten Einfluß auf
seine Gemeinde ausgeübt hat.
Die Kirche zu Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor
der Reformation erbaut worden und jetzt in dem schmucklosen
Zustande, wie der Bildersturm und die streng geistige Gesinnung
sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das altertümliche graue
Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben übersponnen, innen aber
hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die immer klar
gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert
über die Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als
etwa die eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und
das Wort des Predigers allein waltete ohne alle sinnliche
Beihilfe in dem hellen, einfachen und doch ehrwürdigen Raume.
Die Gemeinde hatte sich seit drei Jahrhunderten für stark genug
gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu verschmähen, um das
innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte um so eifriger
anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem
rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei,
um den Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen ...
Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen
eingefaßte Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich
gotischer Verzierung von dazu unkundiger Hand weichen müssen.
Die Gewölbefelder der Decke wurden blau bemalt und mit goldenen
Sternen besät. Dann wurde für bemalte Fenster gesammelt, und
bald waren die lichten Bogen mit schwächlichen Evangelisten-
und Apostelgestalten ausgefüllt, welche mit ihren großen,
schwachgefärbten, modernen Flächen keine tiefe Glut, sondern
nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.
Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild
her, damit der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder
beginnen könne mit dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar
dereinst bei dem wundertätigen, blut- oder tränenschwitzenden
Figurenwerk, ja bei dem Götzenbild schlechtweg zu endigen, um
künftige Reformen nicht ohne Gegenstand zu lassen.
Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die
weißen, reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen
verbannt und silberne Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt
bei jedem Familienereignis in reichen Häusern ...
Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen
übermalten Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik,
welche daher eiligst herbeigeholt wurde. Weil zu einem
Orgelwerk die Mittel noch nicht beisammen waren, stiftete
einer einen trompetenähnlichen Quiekkasten; ein gemischter
Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die
man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text
verstehen konnte, lateinisch sang. –
Was für ein fröhlicher, liebenswerter Geselle ist der abgesetzte
Schulmeister Wilhelm in der Novelle »_Die mißbrauchten Liebesbriefe_«,
der da oben in dem Rebhäuschen des Tuchscherers haust und als
erbauliches Gegengewicht für die Erdenschwere seiner Hände Arbeit in
Wald und Flur herumstreift, um dann mit allerhand schönen, seltsamen
Dingen die Wände und die Decke seines Stübchens zu schmücken.
Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schöner und seltener
ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf
diesen Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn
fliegen. Denn, sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich
schon vermählt hat? Und wenn das nicht wäre, wie abscheulich,
die Stammtafel eines so schönen, unschuldigen Tieres, welches
eine Zierde des Landes ist und eine Freude den Augen, mit einem
Zug auszulöschen! Abzutun, ab und tot, das Geschlecht einer
zarten, fliegenden Blume, die sich durch so viele Jahrtausende
hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht die
letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte!
Denn wer zählt die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?
Das Gegenstück hierzu ist die Erzieherin in der Novellenreihe »_Das
Sinngedicht_«. Daß Keller selbst in dem reichen und so bunten Strauße
dieser Liebesgeschichten dem – wenigstens hier so entfernten – Gedanken
des Naturschutzes eine Gestalt gibt, spricht wohl dafür, wie sehr ihm
Vergewaltigung der Natur verhaßt war. Ganz am Schluß erzählt Lucie ihr
Jugendleben und -lieben und kommt dabei auf die Umgebung zu sprechen,
die ihr der oft auf langen Reisen befindliche Vater gegeben hat.
Die Erzieherin dagegen verwendete alle ihre Tage mit dem
Vermehren und Ordnen einer Käfersammlung. Sie stand mit
Gelehrten und Naturalienhändlern in Verbindung und sandte
fortwährend Schachteln fort. Denn sie verstand auf zahlreichen
Ausflügen den letzten Käfer aus seinem Hinterhalt zu ziehen,
und hatte eine seltene Art, die gerade in einem Gehölz
unsrer Gegend zu finden war, nahezu ausverkauft. Ich kann
mich des Namens dieses ausgerotteten Käferstammes nicht mehr
entsinnen. Am betrübtesten darüber war ein insektenkundiger
Herr Oberlehrer, welcher der handelslustigen Dame den Ort
nachgewiesen hatte und sich daher der Mitschuld an dem
naturwissenschaftlichen Raubverfahren, wie er es nannte,
anklagte. –
In dem großen, vierteiligen Roman »_Der grüne Heinrich_« findet
sich kein Heimatschutzgedanke. Seltsam? Nein. Der Roman ist Kellers
Erstlingsdichtung. Sie ist durchtränkt und gesättigt von persönlichen
Erlebnissen und Erfahrungen, von Stimmungen und Träumen. Er erzählt so
oft und so viel von der Heimat: von Berg und Tal, von Haus und Hof,
von Wald und Feld, von Verwandten und Fremden. Er schildert in der
Erinnerung, wie sie war, als er mit ihr lebte. Und er hat die Heimat
gesehen in aller Freude am goldnen Überfluß, eben in aller Freude der
Jugend. Das Alter nur sieht prüfend hinein in die sichtbare Welt und
möchte sie schön und treu erhalten und auch so weiter fortgebildet
wissen.
Die Kirche zu den »Vierzehn Nothelfern« auf der »Kahlen Höhe« bei
Reichstädt