IV. Der heutige Bestand an Distanzsäulen und Meilenzeichen

Von den weitreichenden Plänen des prunkliebenden Fürsten und dem

mühevollen Lebenswerk seines getreuen Landesgeographen sind nur höchst

kümmerliche Reste auf unsere Zeiten gekommen. Allerdings deuten die

wiederholten kurfürstlichen Mahnerlasse und die endlosen persönlichen

Bemühungen Friedrich Zürners daraufhin, daß manche der anbefohlenen

Säulen sowohl in den Städten wie an den Straßen unausgeführt geblieben

ist. Genau feststellen läßt sich dies allerdings nicht, denn die

vorhandenen Akten, deren Zahl auch gar nicht vollständig ist, geben

über die wirkliche Aufstellung nur ganz vereinzelt durch eingeheftete

Kostenrechnungen einen Anhalt; andere zeitgenössische Beweisstücke,

wie Karten, Pläne und Bilder, auf denen die vorhandenen Säulen

eingezeichnet sein könnten, bleiben erst recht eine Seltenheit. In

jedem Falle müssen wir aber als sicher annehmen, daß das System nicht

einmal zu Lebzeiten August des Starken in geplanter Weise ausgebaut

gewesen ist, daß es schon kurz nach der Errichtung vielfachen

Zerstörungen ausgesetzt war und dann dem baldigen Vergessen anheimfiel.

In der Aktensammlung zu Dresden finden sich zwei Hefte »Gegen

Vergreifung und Bosheit so darwider geübt werden« und »Für Strafe, so

sich dran vergreifen oder selbige deformirt«. Auch Zürner hat vielfach

über Einzelfälle von Beschädigung zu berichten und besondere Mühe mit

der Ausbesserung gehabt.

Zum natürlichen Verfall der kleinen Steinmäler durch

Witterungseinflüsse oder mangelhafte Bauart gesellte sich die bewußte

Zerstörung durch menschliche Bosheit oder Unverstand der Behörden. Über

beträchtliche Lücken lesen wir schon in einer gedruckten Festschrift,

die nach hundert Jahren erschien. Ein begeisterter Verehrer der alten

Denkzeichen, ~Dr.~ F. L. Becher in Chemnitz, widmet ihnen 1821 zur

hundertjährigen Jubelfeier einen schwulstigen, phrasenreichen Nachruf

und beklagt bereits damals, daß viele von ihnen umgefallen oder

zerbrochen, eingesunken oder verwachsen seien.

Der Oberreitsche Landesatlas, der um die Wende des achtzehnten

und neunzehnten Jahrhunderts als Ergebnis der ersten wirklichen

Landesvermessung vom Obersten Oberreit und seinen Gehilfen bearbeitet

wurde, verzeichnet die Meilenzeichen nur an einigen Straßen und erwähnt

die Distanzsäulen der Städte überhaupt nicht. Infolgedessen trägt auch

diese nachträgliche Beurkundung nur wenig zur Klärung des anfänglichen

Zustandes bei.

Dagegen lassen die dreißig Aktenhefte des Dresdner Staatsarchivs ohne

weiteres erkennen, daß der Kurfürst selbst bereits seine ursprünglichen

Absichten stark zurückschrauben mußte. Die Besetzung aller Straßentore

mit den großen Distanzsäulen war nämlich nur in wenigen wohlhabenden

Städten wie Leipzig, Chemnitz, Freiberg und Dresden zu erzielen,

während alle kleineren Orte sich günstigstenfalls zur Aufstellung einer

Marktsäule bereit finden ließen. Selbst darüber zogen sich aber die

Verhandlungen in die Länge, und jahrzehntelange Verzögerungen waren die

Folge.

Von kleineren Städten dürften bloß sehr wenige mehr als eine

Distanzsäule angeschafft haben. Beispielsweise finden wir in der Stadt

Geithain noch heute zwei Straßenzüge durch Distanzsäulen geschmückt.

Ebenso sind die Parkeinfahrten der Schlösser Lichtenwalde bei Chemnitz

und Moritzburg bei Dresden von solchen Obeliskenpaaren flankiert.

Da die Akten über diese Stücke ebenso über Penig und andere Städte

keinen Aufschluß geben, so bietet auch die Zählung der Stadtsäulen

nach diesen urkundlichen Unterlagen keine sichere Gewähr. Nur

durch eine oberflächliche Schätzung könnte man annehmen, daß neben

den achtunddreißig Distanzsäulen, die heute laut des beigefügten

Verzeichnisses ~A~ noch auf sächsischem Staatsgebiet stehen, dereinst

noch mindestens fünfzig bis sechzig andere vorhanden gewesen sein

dürften. In den abgetretenen Teilen der preußischen Provinzen Sachsen,

Schlesien und Mark Brandenburg, wo die Wege nach Warschau den

sächsischen Polenkönig naturgemäß am meisten interessierten, wird das

Zahlenverhältnis ähnlich sein, wiewohl die Siedlungen dort räumlich

weiter auseinanderliegen und große Städte, die mehrere Distanzsäulen

gehabt haben könnten, fast ganz fehlen. Man begegnet ihnen daselbst in

großen und kleinen Provinzorten mit sechzehn gut erhaltenen Stücken.

Wieweit dazu die in preußischen Besitz genommenen Akten einen Schluß

auf verlorengegangene Steine zulassen, vermag ich nicht zu beurteilen,

da mir ein persönlicher Besuch der Archive von Berlin und Magdeburg aus

erklärlichen Gründen leider nicht mehr möglich ist.

Nebenbei wäre vielleicht noch an die Möglichkeit zu denken, daß auch

Warschauer Archive aus der Zeit des sächsischen Königtums einige

Unterlagen über die Straßenbezeichnung enthielten oder daß sogar auf

polnischem Boden Postzeichen noch in ähnlicher Weise vorhanden wären,

wie innerhalb unserer Reichsgrenzen. Ich habe deshalb während des

Krieges von der Westfront her bei unseren polnischen Besatzungsbehörden

angefragt, aber vom Generalgouvernement Warschau durch die mit

Kunstschutz und archivalischen Studien beauftragte Stelle nach längerer

Zeit den Bescheid erhalten, daß bei Durchsuchung der Staatsarchive und

bei Umschau in den Städten nichts über die Postmeilensäulen aufgefunden

worden sei. –

Alles in allen kann man annehmen, daß auf Grund der augusteischen

Befehle vor zwei Jahrhunderten etwa hundert solcher Distanzsäulen in

sächsischen Landen aufgestellt worden sind und den ersten bescheidenen

Schritt dazu gebildet haben, die mittelalterlichen Verkehrsverhältnisse

in Deutschland etwas zu bessern. Bei allem Widerstand, den die

verarmten Gemeinden der Sache lediglich aus finanziellen Gründen

entgegensetzten, darf man den großen und bleibenden Nutzen für die

Allgemeinheit nicht verkennen. Heutigentags bedeutet die sorgsame

Erhaltung der Obelisken und ihrer Inschriften zwar lediglich einen Akt

kulturhistorischer Pietät, bis zum völligen Ausbau des Eisenbahnnetzes

nach 1870 besaßen jedoch ihre dutzendfältigen Entfernungsangaben in

Wegstunden oder Meilen allerwärts auch noch praktische Bedeutung. Der

Verfasser der Jubiläumsschrift für 1821 bringt diesen Gedanken in

folgender Weise zum Ausdruck:

»Wer oft genug Reisende aus dem Auslande an diesen wohltätigen

Straßensäulen weilen, die Ortsentfernungen lesen und fröhlich

in ihre Schreibtafeln eintragen sah, der freute sich gewiß

recht patriotisch dieser ehezeitlichen Veranstaltungen und

ihres Nutzens für die gesamte Klasse von Pilgrimen, die

ihrer Heimat entfremdet, jeder freundlichen, auch stummen

Zurechtweisung bedürftig sind.«

[Illustration: Abb. 5 =Viertelmeilenstein am ursprünglichen Ort an der

Straße Breitenau-Harthwald=]

Während dieser verbliebene Teil der Distanzsäulen uns mit seinen

fünfzig bis sechzig Stücken immerhin noch ein anschauliches Bild der

Vergangenheit vermittelt, ist die Zerstörung der _Meilenzeichen an den

Landstraßen_ bis auf einige klägliche Trümmer vorgeschritten. Von den

vielen, vielen Hunderten kleiner Kunstwerke, die früher den Wanderer

in regelmäßigem Wechsel schon fernher sein Fortschreiten ankündigten,

steht nicht einmal mehr ein volles Dutzend am alten Fleck und selbst

diese wenigen Reste sind teilweise zertrümmert oder grob beschädigt.

[Illustration: Abb. 6

=Halbmeilensäule ohne Fußteil, früher bei Gohrisch auf dem Schießplatz,

seit 1919 im alten Truppenlager von Zeithain=]

Sieht man sich nach den Urhebern dieses Zerstörungswerkes um oder

forscht man nach den Beweggründen, so fehlt es zwar an sicheren

Angaben und Beweisen, ein Blick auf die Karte sagt aber mehr, wie

jede wörtliche Anklage. Überall da, wo der neuere Staatsstraßenbau

den alten Postwegen genau folgte, ist jede Spur der Zürnerschen

Meileneinteilung restlos verschwunden und nur die nüchterne, moderne

Wegmarke nach Meilen- oder Kilometersystem vorhanden. Anderseits

begegnen wir den wenigen verbliebenen Meilensäulen aus augusteischer

Zeit gerade an denjenigen alten Postlinien, mit denen sich der

ingenieurmäßige Straßenbau bisher nie zu befassen hatte, weil der

Verkehr frühzeitig nach geeigneteren Wegen abgeschwenkt war.

Leider ist dieser zweite Fall aber bei weitem der seltenere, denn in

den ebenen Teilen der alten Kurlande hat sich die Verbindung von Ort zu

Ort natürlich ebenso sehr an die altgewohnten gradlinigen Straßenzüge

gehalten, wie im Gebirge, wo die Geländegestalt für die Nahverbindungen

auch nicht viel Auswahl bietet. Infolgedessen sind eigentlich nur

wirkliche Fernverbindungen, wie die Leipzig-Dresdner oder die

Dresden-Prager Handelsstraßen mehrfach über andere Postorte geleitet

und dadurch verschoben worden.

So hat der alte Postgang zwischen Leipzig und der Elbe bei

Schieritz-Meißen zwischen der nördlichen Linie über Wurzen-Oschatz

und einer südlichen über Grimma zeitweilig auch zwischenliegende

Verbindungsstrecken benutzt. Infolgedessen findet sich die allereinzige

Halbmeilensäule, die überhaupt unbeschädigt auf unsere Tage gekommen

ist und wohl augenscheinlich am ursprünglichen Platze steht, mitten im

Wermsdorfer Forstrevier an einem alten längst verwachsenen Waldwege.

Der Prager Handelsweg dagegen folgte südlich von Dohna den dörflichen

Verbindungswegen über die Höhen, während die neuere Kunststraße auf der

Sohle des Müglitztales mit all dessen Windungen, aber ohne verlorene

Steigung, zur Paßhöhe am Mückentürmchen hinaufführt.

Die wenigen Meilenobelisken und Viertelmeilsteine sind ganz vereinzelt

im Lande zu suchen. Einige, wie z. B. die Platten von Klaffenbach,

Dohna und Dippoldiswalde dürften an ihren jetzigen Platz verschleppt

worden sein, denn durch den oberen Ortsteil von Klaffenbach bei

Chemnitz ist überhaupt keine Poststraße gelaufen und bei den beiden

erzgebirgischen Städtchen zeigt der Oberreitsche Landesatlas die

Meßpunkte der Meilenviertel an ganz anderen Stellen.

Auch sonst steht nur ein einziger Stein von allen an einer ausgebauten

Kunststraße, und diese Viertelmeilplatte von Steinbach bei

Johanngeorgenstadt habe ich selber im Frühjahr 1914 vom Schotterhaufen

gerettet.

Auf eine Kette von nicht weniger als fünf guterhaltenen Stücken

stoßen wir schließlich an der einstigen Prager Poststraße, die über

die erzgebirgischen Höhenrücken von Dohna nach Börnersdorf verlief

und gegenwärtig nur noch der Verbindung von Dorf zu Dorf dient. Dem

ausgebesserten Viertelsteine in Dohna folgt ein Meilenobelisk bei

Köttwitz (vgl. Abb. 4.) Dann treffen wir in richtigen Abständen

auf zwei weitere Viertelmarken in Börnersdorf und am Haarthewald

(vgl. Abb. 5), sowie nochmals auf die ganze Meile bei Breitenau. Zu

diesem Straßensystem hat noch ein Halbmeilenstein nordöstlich der

Fürstenwalder Kirche gezählt. Einige Sandsteinstücke, die ich dort im

Jahre 1912 am westlichen Straßenrand vorfand, mögen davon herstammen.

Im Abstand einer weiteren Viertelmeile beim Haferfeldwald zeigt der

Oberreitsche Atlas (Blatt Altenberg) kurz vor der Landesgrenze

nochmals einen Viertelmeilenstein; es ist mir bisher aber nicht

gelungen, seinen Verbleib zu ermitteln.

Auch ohne dieses siebente Stück gestattet das Beispiel dieser

alten Bergstraße, zusammen mit dem sonstigen Befund inner- und

außerhalb Sachsens jedoch zwei ziemlich sichere Schlußfolgerungen:

die Meilensteine aller drei Größen haben inner- und außerhalb der

Ortschaften von der Bevölkerung sicherlich nichts zu leiden gehabt,

sondern sind hie und da, wie Einzäunungen, Blumenschmuck und

Ausbesserungen z. B. in Ballendorf, Crandorf und Börnersdorf zeigen,

sogar auch ohne staatliche Mitwirkung und ohne Belehrung durch den

Heimatschutz gepflegt worden. Die vorhandenen Lücken dürften also wohl

zumeist dem natürlichen Verfall und der ungenügenden Gründung der

hochragenden Formen zuzuschreiben sein. Ihre vollständige Vernichtung

im Bereich späterer Kunststraßen ist dagegen wohl ausschließlich auf

die Bauleiter aller Grade zurückzuführen. Wenn diese irgendwo und

irgendwann einmal soviel geschichtlichen Sinn oder künstlerische

Erkenntnis aufgebracht hätten, um den Wert der alten Postzeichen zu

ermessen, dann müßten die kleinen Merksteine ja gerade an den von

Staats wegen ausgebauten Kunststraßen besonders sorgsam behandelt

worden sein. Unter all den Hunderten zeugt aber nicht ein einziges

Beispiel für solche Überlegung. Unser sächsisches Landschaftsbild, das

beim Fehlen katholischer Andachtszeichen ohnehin manchen poetischen

Anklang entbehrt, ist also im Laufe des vorigen Jahrhunderts durch

diesen beispiellosen Unverstand der Staatsbeamten noch der einzigen

Werke von Straßenkunst beraubt worden.

Über die einstige Zahl und die Verbreitung der Meilenzeichen vermögen

wir uns heutzutage fast noch schwerer ein Bild zu machen als bei den

großen Stadtsäulen.

August der Starke hatte von vornherein den Wunsch, alle Poststraßen

damit auszustatten. Die Akten enthalten jedoch kein Verzeichnis der

zu behandelnden Straßen und schweigen sich merkwürdigerweise auch

darüber aus, welche Verbindungswege um 1822 überhaupt als Poststraßen

angesehen wurden. So finden wir denn manche Landstraße im Aktenheft

der Nachbarstadt aufgenommen, z. B. bei Grünhayn, oder es wurde ein

besonderes Schriftstück für den Bezirk angelegt, z. B. Dippoldiswalde

Stadt und Amt. Ein vollständiges Verzeichnis der ganzen, halben und

Viertelmeilenzeichen geben die Akten mit genauer Ortsbezeichnung für

die Straße von Lützen bis zum Leipziger Peterstor. Bei Pätzold finden

wir weitere acht Hauptstraßen mit ihrer genauen Besetzung aufgezählt.

Aus dem Schriftwechsel mit Zürner, aus den von ihm aufgestellten

Tabellen oder aus Besichtigungsergebnissen, über die manche

Akten berichten, ersehen wir dann, daß die Straßensäulen bei den

Vorbereitungsarbeiten numeriert wurden. Nach welchen Grundsätzen

dabei verfahren wurde, ist nicht ersichtlich, denn an der Straße von

Chemnitz über Annaberg nach Karlsbad wird in dem Grünhayner Faszikel

ein Meilenzeichen Nr. 52, sowie an der Straße Schneeberg-Annaberg ein

solches mit Nr. 57 erwähnt, obwohl keine dieser kurzen Entfernungen mit

solchen Mengen zu rechnen braucht.

[Illustration: Abb. 7

=Normale Distanzsäule in Krakau bei Königsbrück=]

Auf die Vollständigkeit dieser handschriftlichen Unterlagen ist also

kein Verlaß. Leichter dürfte aus den neunhundert Karten und Plänen,

die Zürner während seiner Straßenvermessung gezeichnet hat, ein

Überblick zu gewinnen sein. Aber auch diese sprechen höchstens

für die Absicht und beweisen nicht allzuviel für die wirkliche

Aufstellung. Seltsamerweise gibt die große Zürnersche Postcharte

von 1730 an den besonders kenntlich gemachten Postrouten nicht eine

einzige Distanz- oder Meilensäule wieder, wohl aber finden wir sie kurz

vorher bei Schramm als Titelkupfer auf einem Dresdner Festungsplan.

Spätere Kartenwerke bieten trotz ihrer Lückenhaftigkeit eher einen

Anhalt. Auf den fünfzehn Hauptblättern des Oberreitschen Atlasses

z. B. ist der Bestand nach hundert Jahren teilweise eingetragen.

Grundsätzlich fehlen auch hier sämtliche Distanzsäulen im Bereich der

Städte. Ferner erscheinen ganze Straßenzüge, an denen sich noch heute

Meilenzeichen finden, ohne diese, und bei denjenigen Landstraßen, an

denen die Vermessung durch die Bezeichnung ¼ M., ½ M., 1/1 M. oder

¼ St., ½ St., 1/1 St. an sich mit auf der Karte vermerkt wurde, ist

ihre Reihe doch höchst lückenhaft. Wenn dieser Mangel sich einerseits

durch eingetretene Verluste erklärt, bleibt anderseits die zwiefache

kartographische Behandlung der ganzen Sache ziemlich unverständlich.

So sind manche Provinzstraßen, z. B. Löbau-Neugersdorf, mit sechs

entsprechenden Meilenabschnitten genau bedacht, während der wichtigste

Handels- und Reiseweg Leipzig-Dresden auf dem Blatt Oschatz kein

einziges Postzeichen erwähnt. Erklärlich wird der Unterschied aber

dann, wenn man die Entstehungsjahre der einzelnen Oberreitschen

Kartenblätter beachtet. Bis 1840 sind die Meilenzeichen durchgängig

aufgenommen; sie fehlen dagegen vollständig auf den späteren Ausgaben.

So weist das Blatt Dresden von 1830 noch über sechzig Stück nach,

während Leipzig von 1839 bereits nicht ein einziges enthält. Auch

hierdurch wird die frühere Behauptung erwiesen, daß der Kunststraßenbau

mit der Zerstörung zusammenhängt, denn dort war eben schon die alte

Poststraße durch den staatlichen Chausseebau ersetzt und die Herren

Straßenbauer hatten in der Natur draußen mit den alten Steinen

gründlich aufgeräumt. Auf Blatt Zwickau von 1850 sucht man gleichfalls

fast vergeblich, wogegen das benachbarte Blatt Chemnitz von 1830 an den

Straßen bei Marienberg, Schlettau, Annaberg, Wolkenstein, Lengefeld,

Reifland und Freyberg die Vermessungszeichen noch sehr reichlich und

vollständig aufweist.

[Illustration: Abb. 8

=Beschädigte Distanzsäule, früher am Marktplatz zu Wilsdruff, seit 1860

auf den Rittergutsfeldern von Nieder-Reinsberg bei Nossen=]

Der gegenwärtige Bestand legt uns trotz seiner Dürftigkeit noch

ungelöste Fragen vor. So z. B. kann man sich selbst unter Zuhilfenahme

alter Verkehrskarten und Kursbücher nicht erklären, wie das Dörfchen

Ballendorf zwischen Grimma und Lausigk zu einer Meilensäule gekommen

ist, die dort heute in einem Obstgarten am Nebenwege südlich der Kirche

steht. Sie macht äußerlich durch ihre unbeschädigten Formen durchaus

den Eindruck, als habe sie stets hier gestanden.

Nach alledem bleibt man also auch für die Meilensteine an den Straßen

nur darauf angewiesen, aus dem unvollständigen und unsicheren

Bild, das die Akten, die älteren Kartenwerke und die verbliebenen

Reste gemeinschaftlich zu bieten vermögen, sich selbst durch freie

Schätzung einen Begriff von der einstigen Gesamtzahl zu machen. Dabei

erscheint es wohl nicht zu hochgegriffen, wenn man innerhalb Sachsens

zu der angenommenen Zahl von neunzig Distanzsäulen das zehnfache an

Meilenzeichen rechnet. Ob dieses Verhältnis auch außerhalb das richtige

ist, erscheint mir trotz der größeren Entfernungen zweifelhaft. Einmal

war das Straßennetz dort nicht so dicht als im Stammlande, und

zweitens dürfte die Bezeichnung infolge Steinmangels wohl gar nicht

viel ausgebaut worden sein. Im ganzen weiten Norden ist nämlich meines

Wissens neben den Distanzsäulen nicht eine Meilen- und nicht eine

Halbmeilensäule, sondern nur ein schwerbeschädigter Viertelstein in

Rüdingsdorf, Kreis Luckau, erhalten; er trägt nur den Namenszug August

des Starken und keine Jahreszahl. –

Der allgemeine Zweck dieser kursächsischen Postzeichen hätte es wohl

nahegelegt, in Verbindung mit dieser Schilderung auf einer eignen Karte

die alten Postkurse sowie den einstigen und den heutigen Bestand der

Steinmäler darzustellen. Abgesehen vom Kostenaufwand verspricht jedoch

eine solche Übersicht keinerlei Vollständigkeit und noch viel weniger

ein wirkliches Verkehrsbild. Zur Ergänzung der textlichen Darstellung

mögen infolgedessen die beigegebenen tabellarischen Verzeichnisse

dienen. Da sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so wird

jede Nachricht über den Verbleib eines Postzeichens, das hier noch

nicht aufgeführt ist, dankbar entgegengenommen.

Über eine ganze Reihe von Postzeichen, die nachweislich einst vorhanden

gewesen, aber im Laufe der beiden Jahrhunderte verschwunden sind,

finden sich in den Zürnerschen Akten, in alten Stadtrechnungen oder auf

Kupferstichen und Gemälden verschiedene Anhaltepunkte. Zur Ergänzung

der Bestandslisten ~A~, ~a~, ~b~, ~c~ sei deshalb eine Reihe von ihnen

hier mit angeführt.

In _Dresden_ haben nach der Titelkarte bei Schramm von 1726 vier

Distanzsäulen vor dem Festungsring an der Leipziger, Bautzner,

Pirnaer und Wilsdruffer Landstraße gestanden. Sie sind ebenso wie die

anschließenden Meilensäulen seit langem spurlos verschwunden.

Zur Nachsuche wegen einer Meilensäule hat der Dresdner Rat im Sommer

1919 Gelegenheit gegeben. Ein Rohrmeister des städtischen Gaswerks

glaubte sich zu erinnern, bei Ausschachtungsarbeiten im Straßenkörper

der Bodenbacher Straße zwischen Landgraben und Liebstädter Straße

etwa ein Meter tief eine gut erhaltene Meilensäule mit Posthorn und

Entfernungsangaben gesehen zu haben. Nachgrabungen, die an mehreren von

ihm bezeichneten Stellen vorgenommen wurden, haben jedoch keinen Erfolg

gehabt[2].

Das Peterstor, Hallesche und Ranstädter Tor in _Leipzig_ ist seit

1724 mit je einer, und das Grimmaische Tor mit zwei Distanzsäulen

ausgestattet gewesen. Als Verfertiger werden die Steinmetzen Johann

Adam Hamm, Gottlieb Kretschmar und Peter Hennicke genannt[3]. Der

Stadtplan von 1749 zeigt die entsprechenden Plätze. Die Säule vor dem

Peterstor finden wir auf einem Bilde der Esplanade, jetzt Königsplatz,

in dem Werk Saxonia, Museum für Sächsische Vaterlandskunde von Dr.

Sommer, Dresden 1835, Band IV, Seite 61.

Vier große Säulen hat seit 1724 ferner die Stadt _Zwickau_ besessen und

noch im Jahre 1845 wird die eine vor dem Tränktor an der Paradiesbrücke

und eine zweite vorm Frauentor an der heutigen Bahnhofstraße

bezeugt[4]. Heute fehlt dagegen auch von ihnen jede Spur.

Gleichfalls im Jahre 1724 hat die Stadt _Oschatz_ vor dem Brüder-,

Altoschatzer und Hospitaltore Distanzsäulen gesetzt und die Kosten

durch Anlagen aufgebracht[5]. Auch hier ist keiner der drei Obelisken

erhalten. Dagegen zeigt das Denkmal vor der Hauptwache am Markt

meiner Erinnerung nach genau die gleichen Formen und Abmessungen der

Distanzsäulen, so daß man wohl auf die Vermutung kommen kann, hier sei

eines der alten Stücke in aufgearbeiteter Gestalt später einem andern

Zwecke dienstbar gemacht worden.

Über einen heftigen Streit zwischen Zürner und dem Stadtrat wegen der

Distanzsäule, lesen wir im Aktenstück und im Stadtarchiv von _Wurzen_.

Die Distanzsäule auf dem Rondell ist tatsächlich bis 1892 vorhanden

gewesen[6].

Neben den vielen Städten und Städtchen hatte August der Starke auch

den beiden Klöstern _Marienstern_ bei Kamenz und _Mariental_ bei

Ostritz aufgegeben, eine Distanzsäule vor ihre Einfahrt zu setzen,

damit sie sich durch dies künstlerische Schmuckstück von den ärmlichen

Dörfern unterscheiden möchten. Auf meine Anfrage hat man kürzlich

liebenswürdigerweise in den Klosterarchiven nachgesucht, aber an

keiner der beiden Stellen einen Anhalt dafür gefunden, ob eine

solche Distanzsäule wirklich gesetzt worden oder wie die Sache sonst

ausgegangen ist.

Etwas rätselhaft mutet dem Forscher die Tatsache an, daß das

kleine Dörfchen _Krakau_ bei Königsbrück sich einer wohlerhaltenen

Distanzsäule (vgl. Abb. 7) erfreut. Dort geht selbst heute noch keine

größere Straße vorüber und nur die Erinnerung an die polnischen Reisen,

die den Kurfürsten über die Gräflich Brühlschen Besitzungen nordwärts

von Dresden führten, lassen vielleicht sein besonderes Interesse an

diesem Zwischengelände erklärlich erscheinen.

Einem sonderbaren Schicksal war schließlich die Distanzsäule von

_Wilsdruff_ verfallen (vgl. Abb. 8). Der Straßenbaufiskus hat sie

1860 an ihrem Platz auf dem Markte weggenommen und für 60 Taler an

den Rittergutsbesitzer auf Nieder-Reinsberg bei Nossen, Herrn von

Schönberg, verkauft. Sie ist seitdem auf einem Hügel mitten in dem

Rittergutsflur aufgestellt und hat augenscheinlich durch die Witterung

viel gelitten. Im Jahre 1919 erinnerte sich die Stadt ihres alten

Besitzstückes; die heutige Rittergutsherrschaft der Schönberg war auch

entgegenkommenderweise zu kostenloser Rückgabe bereit, dagegen konnte

dem Stadtsäckel in unsern schweren Zeiten der verhältnismäßig hohe

Aufwand für Beförderung und Neuaufstellung nicht zugemutet werden.

Die alte verwitterte Säule, die in ihrem Gefüge vielleicht durch den

Abbruch noch mehr gelitten haben würde, verbleibt also an ihrem Platz

auf einsamem Felde.

Einer irrtümlichen Anschauung von den Postzeichen dürfte die Erwähnung

einer Meilensäule im Dresdner Vorort _Kaditz_ entspringen, die bis

1903 an der Ecke der Radebeuler und Dresdner Straße gestanden haben

soll[7]. Wahrscheinlich hat es sich hier nur um einen der meterhohen

Wegweisersteine gehandelt, die auch anderwärts an Kunststraßen

vorkommen, denn die augusteische Poststraße hat das Dorf seiner Zeit

gar nicht berührt und nach der Titelkarte in Schramms Schilderung von

1724 ist die Entfernung östlich von Kaditz richtigerweise mit einer

Halbmeilensäule bezeichnet.

Fälschlicherweise werden zur Straßenbezeichnung Augusts des Starken in

der Literatur mehrfach auch die Säulen von Altdöbern und Lübben in der

Mark gerechnet. Die erstere zeigt eine durchaus abweichende Gestalt

ohne das sächsisch-polnische Wappen und die andere ist laut Inschrift

bereits 1720 auf Veranlassung des Herzogs Moritz Wilhelm von Merseburg

errichtet worden.

Aufklärung war mir bisher nicht möglich für zwei Meilenzeichen, von

denen das eine an der Straße von Neustadt (Sa.) nach Rumburg (Böhmen)

etwa zwanzig Minuten von Langburkersdorf entfernt stehen und das andere

an der Straße von Hartmannsgrün i. V. nach Waldkirchen vorhanden

gewesen sein soll.

Ein schlanker Obelisk wurde mir ferner an der Kunststraße

Freiberg-Großhartmannsdorf in der Nähe des Freiwaldes westlich der

Straße beim Wasser gemeldet, ohne daß ich bisher Näheres feststellen

konnte.

Unaufgeklärt mußte ich schließlich auch die Frage einer Meilensäule an

der Chemnitz-Zschopauer Kunststraße beim Dorfe Gornau lassen. In der

Zeitschrift Das Automobilwesen, 1905, Seite 834, fand ich auf einem

photographischen Bildnis des Rennfahrers Oskar Günther, das ihn im

Kraftwagen bei Gornau zeigt, eine Meilensäule zufällig am Straßenrand

mit aufgenommen. Durch briefliche Mitteilung zweier Herren, die durch

meine früheren Veröffentlichungen auf die Postzeichen aufmerksam

geworden waren, erhielt ich die Säule noch doppelt bestätigt. Sie soll

auf »Altenhainer Flur« »am Straßenkreuz nach Weißbach und Dittersdorf«,

nach anderer Meldung »im Walde zwischen Gornau und Chemnitz« stehen.

Demgegenüber hat mir im Sommer 1919 der Ortspfleger des Heimatschutzes,

den ich um Bestätigung und nähere Angaben ersuchte, geschrieben, daß

dort keine Säule zu finden sei. Auch von der Amtshauptmannschaft ist

auf eine allgemeine Rundfrage vom Jahre 1917 nichts davon erwähnt

worden. Der Oberreitsche Atlas, Blatt Chemnitz, zeigt 1835 eine Säule

in der Gegend, so daß sie entweder erst nach der photographischen

Aufnahme des Automobils zerstört worden ist oder vielleicht doch noch

unbeachtet am Platze steht.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 4-6 · 第 16 / 65 题