»Ja«, sagte er rauh, »einmal muß der Teufel aus der Schachtel.«
Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich.
Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte
Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den
Lippen.
Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben.
»Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen«, fragte
sie und lächelte.
»Wie Sie wünschen.«
Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem
Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine
Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen.
»Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im
Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er
sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er
zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen
unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und
ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .«
Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab.
Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn,
Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie
ein Kind.
Sie waren oben.
Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen
blinkten.
Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen
durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben
gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen
über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel
um seinen Herrn.
Bianka wandte ihm den Blick zu.
Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen,
durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß.
Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war.
Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie
er.
Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem
Hühnerhund auf der Wiese drunten zu.
Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn
fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu
Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen.
»Wir müssen uns jetzt adieu -- sagen,« flüsterte sie. So leise. Es war nur
ein Hauch.
»Ja«, sagte er, laut.
»Wir müssen jetzt voneinander gehen«, flüsterte sie, so leise wie vorhin.
Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte.
Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne.
»Es ist so schön. Gerade jetzt.«
Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer
phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein.
»Ja, es ist schön«, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken.
In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht
möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete.
Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann.
Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter,
ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen.
Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte.
Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand
und sagte:
»Adieu!« So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! --
Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede
Linie verändernd.
Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer.
Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen.
Ihr Herz pochte gegen das seine.
Er gab ihr den Kuß zurück.
»Liebster!« hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen.
Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im
Laubgang.
Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht.
Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese.
Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . .