XXIV.

Der letzte Tag.

Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer

kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz

hinein: Was bringst du mir?

Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider

geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese

dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch.

Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual.

Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte.

Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen?

Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen,

soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine

verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte

kämpfen, so lange es ging.

»Wer gab dir diese Macht, Bianka?« rief er aus. »Ein Lächeln von dir kann

mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff

mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr

ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!«

Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese

dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein

Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag.

Dumpf schlugen die Uhren. »Hörst du«, rief er, »nun treiben sie die Nägel

in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du

magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.«

Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen,

die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt.

All die Kämpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln!

So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam

und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er,

immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte

Wahrheit.

Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen

hatte wie über weite, weite Ebenen!

Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. »Jaja,

du bist gezeichnet!«

Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm

einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte?

Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen

vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse

deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden,

immerzu nach Süden.

Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von

Zufällen.

Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt:

Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die

Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben.

Ich habe mein Herzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr

applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lächelt

. . .

Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die

Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für

verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß

hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom

Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde.

Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme

ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein

Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit

einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der

Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die

vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers

verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was

kümmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen

Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: »Jemand interessiert sich für Sie.

Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.« Da erhebt sich der Bettler und geht.

Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . .

Endlich graute der Tag.

Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle.

Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit

erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine

Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt

auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen.

Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es.

Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen.

Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die

Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die

Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem

Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der

Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen

aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen

und lauschten.

Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf.

Bianka stand schon oben.

»Ich bin etwas früher daran« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend.

Seit wann sie schon da sei?

Ungefähr zehn Minuten.

Wenn er es nur geahnt hätte!

Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel.

Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher.

Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag

am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben

fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter

Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne.

Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern.

»Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.«

Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons.

»Ja, das ist allerdings ein Vorteil.«

Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren

Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese

herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und

lachten wohl auch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in

die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und

Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste

Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der

andere sie für ernst nehme.

Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die

bekannten Wege schritten.

Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das

Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen.

Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß

sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone.

Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es.

»Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?«

»Nein, nein.«

»Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?«

»Nein, nein.«

So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte.

»Ich reise gar nicht gerne«, sagte Bianka, »gar nicht gerne.« Dann lachte

sie nervös und fügte hinzu: »Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im

schönen Mailand.«

»Und übermorgen in Nizza?«

»Voraussichtlich.« Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser

aus dem Hutrande zu schaffen.

»Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?«

»Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.«

»Nach Ka--iro!«

Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er

biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch.

Dann lachte er heraus.

»Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!«

rief er aus.

Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen.

»Das ist ja in Afrika!« lachte er. »In Afrika!«

Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte.

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 56 / 62 题