Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dämmerung leuchtend
blassen Gesichtchen blicken ihre glänzenden, großen Augen. Geschmeidig wie
eine Katze huscht sie die Stufen herunter.
Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: »Ich konnte mir gar nicht
denken, wer mich anrufen könne.«
Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott.
»Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.«
»In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.«
»Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.«
»Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher
Neugierde natürlich, studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die
Herzen, man sieht sie wahr.«
»Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,« unterbricht sie mich, und,
indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: »Ich will ihn in den Kasten
stecken.«
Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie.
Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und
wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das
Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das
Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den
Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern
sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die
Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie
eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend.
Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli
geschaffen.
Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die
Regentropfen wie Tau.
Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir, daß sie krank war, nicht
sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals.
Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore.
»Wir werden demnächst abreisen,« sagt sie, mit der Fußspitze vorsichtig in
den Rand einer kleinen Pfütze tippend.
»Mama ist leidend. Der Arzt rät uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist
nun wieder kränker geworden, so daß wir die weite Reise vorläufig nicht
wagen können.«
Sie tippt noch immer mit der Fußspitze in die kleine Pfütze und blickt zu
Boden.
»Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?«
»Ja, leider.« Sie sieht auf und blickt mich an.
»Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?«
»Mit Vergnügen, allein --«
Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge.
»Sehr häufig sogar.«
»Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so
würde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bißchen
plaudern, nicht?«
»Sehr gerne, sehr gerne.«
»Können Sie Samstag?«
»Haha -- ja --,« ich besinne mich etwas, »o ja, Samstag sehr gut. Gewiß,
gewiß, sehr angenehm.«
»Ja, aber der Garten ist groß.«
Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei.
»Natürlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr
Ginstermann.«
»Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.«
Sie nickt mir nochmals zu und schlüpft ins Haus.
Meine Brüder, meine Brüder!
Die Leopoldstraße hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um
nicht herauszulachen. Die Hände in die Rocktaschen vergraben, um nicht die
Leute am Rock zu fassen und zu schütteln, die Zehen verkrampft in den
Schuhen, um nicht zu tanzen.
So gehen die Menschen, denen das Glück ins Herz fiel.
Das bin ich.
Er läuft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt
sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fuß und sagt:
Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar
nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der
Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus. -- Ob man sich nicht verlaufen könne?
Nicht? Herzlichen Dank.
Er deutet auf eine Plakatsäule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen
Blauplätze zu vertauschen. Offerten unter »Chiemsee«. Vermittler verbeten.
Das bin ich.
Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wünsche Ihnen eine hübsche,
langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu
trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber
wie Millionen Nadeln durchfährt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hübsche
Krankheit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame.
Das bin ich, liebe Brüder, das bin ich!