Fräulein von Sacken öffnete.
»Herr Ginstermann?« sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme
und lächelte verwundert.
Ob das nicht zum Verrücktwerden sei: nun habe er seinen Schlüssel verloren
und könne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich
erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlüssel oder Haken oder
sonst ein Instrument zum Öffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten störe --
Ach nein -- das sei allerdings unangenehm.
»Treten Sie ein bißchen ein, es findet sich vielleicht etwas.«
Er wäre so frei. Wenn er aber störe, so müsse sie es ruhig sagen.
Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe
umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren.
Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten Ärmlichkeit dieses
Mädchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes
Atelier mit gedämpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch
gebetteten zwei schönen Frauen in der Erinnerung trug.
Hier roch es nach Terpentinöl und welken Blumen. Die Möbelstücke warfen
harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe.
Der mächtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich über Wände
und Decke.
Fräulein von Sacken war eine große, üppige Erscheinung. In ihrem schwarzen
Kleide, mit dem nervösen, bleichen, leicht zerfließenden Gesicht, das von
früherer Schönheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines
Fürsten, die den Abschied bekommen hat, da ihre Schönheit verging, und ihr
üppiger Körper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte
Schwermut erfüllte ihre Züge, als trauere sie über ein verfehltes Leben.
Sie hatte große Augen von matter Schwärze mit langen, strahlenförmigen
Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet.
Man gewann den Eindruck, daß sie die Nächte in einem Sessel verbringe und
vor sich hingrüble, während Tränen ihren dunklen Augen entfielen.
Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines höheren
Offiziers, und ihre Angehörigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr
losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mühsam
verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein
gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des
Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr
zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurück. Sie hatte mit
dem Stilleben begonnen, war dann zum Porträt, vom Porträt zum Genre, zur
Landschaft, übergegangen, um schließlich wieder beim Stilleben anzukommen,
fest überzeugt, daß sie nur hierin etwas leisten könne.
Das bißchen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich längst zerrieben und im
verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen
Talenten geht, die angesichts einer großen Schöpfung kläglich absterben.
Das Grauen vor der künstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr größtes Leiden.
Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlüssel herbei.
»Vielleicht passen die«, sagte sie.
Ginstermann prüfte die Bärte und legte sie kopfschüttelnd beiseite.
»So geht es, wenn der Mensch Unglück hat«, sagte er. »Nun ging ich heute
mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte
nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer
Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.«
Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede
wartend.
»Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.«
»Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein
Sacken«, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. »So einer bin ich.
Aber wir tragen ja alle unsere Tragödie in uns herum, ich und Sie und
Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist
schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen
auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß
man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht
wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit
Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die
andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir
nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können
wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns
heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß
Geduld haben.«
»Viel Geduld!«
»Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.«
»Niemand erträgt das.«
»Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man
sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht
gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns
verlacht? Für wen schaffen wir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten
uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen
sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind,
taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke
aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die
sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese
gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte
uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte
der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor
sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte,
man sollte -- aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.«
Er schwieg.
Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte.
Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es
war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden.
Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verändertem Tone sagte er: »Nun
sehen Sie, nun habe ich meinen Schlüssel gefunden. Ist das nicht kostbar!
Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.«
»Haben Sie ihn gefunden?« fragte sie mechanisch.
»Ja,« entgegnete er, »und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte,
nicht übel, daß ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist
menschlich, sich dazwischen Luft machen zu müssen. Morgen bin ich wieder
jener, den Sie um seine göttliche Ruhe beneiden.«
Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und preßte sie. Ihre
Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben
nicht vergessen würde, sagte sie:
»Es muß doch einen Gott geben!«
»Wieso?« fragte Ginstermann verdutzt.