V.

Die Leopoldstraße ist eine schöne Straße.

Jeder, der sie kennt, wird das zugeben müssen.

Zu beiden Seiten stehen Paläste und Villen in endloser Reihe, von Gärten

umgeben, die ein geschulter Gärtner pflegt. Die Portale sind massiv, von

kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes

Werk. Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in

Proportionen und Schmuck.

Das sind nicht Häuser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor

Kälte und Nässe schützen, das sind Heime, in denen die Menschen leben.

Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt

das Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den

Wänden.

Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen

herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhüten, die Damen in süßfarbenen

Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der

Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze.

Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwürdig, ein hundertjähriges

Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fußgänger vor den

vorbeirollenden Wagen zu schützen und vor dem Anblick der rohen,

schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald,

das Feld hereingepilgert kämen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf

die Wiesen führt, und man fühlt sich gleichsam entfernter von der

fauchenden, surrenden, stauberfüllten Stadt.

Im beginnenden Frühjahr bot die Straße ein berückendes Bild. Die Bäume, die

Sträucher schlangen ihre frischgrünen Zweige in zierlichen Tanzgesten um

die harten Ecken der Häuser, so daß Paläste und Villen den Eindruck

erweckten, als hätten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut.

Die Pappeln begannen zu knospen, und ab und zu schlüpfte ein kleiner Vogel

aus ihrem Geäste.

Ginstermann hatte an all dem Gefallen.

Schon früher war er gerne diese vornehme Straße hinabgegangen, in der

letzten Zeit kam er öfter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags,

um sich in der Sonne zu wärmen, des Abends, um die süße Luft zu schlürfen,

die schon gewürzt war von dem Duft der Blumen und Sträucher, die noch gar

nicht blühten. Und hier außen war die Luft auch klarer als in den Straßen

der Stadt, die nach dem Dunste und Schweiße des Tages rochen.

Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden

angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln

jede Melodie ertötete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang.

Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schädlichen Stoffen

reinigen, die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm

erzeugten. Deshalb gönnte er sich diese Spaziergänge. Zudem arbeitete er,

während er ging. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was

ihm bemerkenswert schien, verzeichnete. Und vielleicht würde er auch

Fräulein Bianka Schuhmacher treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln

können, oder sie würde am Fenster stehen, und er konnte zu ihr

hinaufgrüßen.

Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause näherte, überschritt er die Straße und

setzte auf der anderen Seite ebenso gemächlich seine Wanderung fort, als

sei er ganz zufällig über die Straße gegangen, und stände dort drüben nicht

eine Villa, deren Fenster man von hier aus unauffällig überfliegen konnte.

Dabei erfüllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefürchtete und

ersehnte Moment könne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so

unangenehm wäre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu

werden.

Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus,

um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er

befriedigt. Er wußte, sie ist da droben, liest, schreibt oder träumt,

verspotteten ihn aber die weißen Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er

unruhig und machte sich alle möglichen Gedanken.

Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne daß er sein Zimmer verließ.

Hartnäckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und

kindisch. Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es für

entwürdigend hielt, sich mit einer anderen Person zu beschäftigen als der

eigenen.

Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins

schon müde?

Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grübelte er über seinen

Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Höhe seiner

Vernunft.

Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann

pochte, brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor

sich hertrieb.

Er erschien wieder in der Nähe der Villa, morgens, mittags, nachts.

Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nähern.

In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin für ihren Gruß und grüßte

er sie wieder.

Hätte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben?

Aber er zerriß sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel

sorgfältig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dünkelhafte

Flachheit des Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen

gegeißelt hatte, die die Runde in der Bohême machten, sollte ein Billet an

eine junge Dame schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser

war als ihre Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr?

Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie?

Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen

wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters.

Seine Überzeugung ging dahin, daß es das beste sei, sich von diesen Ideen

zu befreien, wenn er sich Klarheit über das Mädchen verschaffte. Würde er

sie einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil

bilden und demgemäß handeln.

Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich saß sie in einer Laube

des Gartens, der über die Villa blickte, mit Büchern und Zeitschriften ihre

Tage verbringend.

Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Büste war längst fertig. Ein

paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo

er abwesend war.

Endlich löste sich das Rätsel.

Er hatte eine halbe Nacht im Café zugebracht, um mittels Lektüre diese wie

Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu verscheuchen,

und wollte vor dem Nachhausegehen sich -- wie er es nannte -- nach ihrem

Befinden erkundigen.

Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem

man liest oder schreibt, es war gedämpftes, sorgfältig gedämpftes Licht,

wie es in Krankenzimmern brennt.

Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas Übernatürliches

geschehen.

Nun wußte er es: sie war krank.

Der Schmerz übermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr

wie eine Säule und flüsterte: Sie ist krank.

Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie

ist krank.

In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift

und schrieb mit großen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist

krank.

Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht.

Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu.

Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank.

Krank, krank, knarrte eine lockere Diele.

Draußen sang der Südwind. Der Tag graute. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

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Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten

hindurch.

Der eine ist alt, lächelt das Lächeln des Stoikers in seinen weißen Bart,

der andere ist jung, hübsch und schmalbrüstig. Er hat die rosigen Wangen

eines Kindes.

Ginstermann steht hinter einer Litfaßsäule und beobachtet sie. Er will aus

ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das

Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem

stoischen Lächeln, das Gesicht des Jungen ist zu hübsch, um Gedanken

verraten zu können.

Sie gehen an ihm vorüber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er

mit einer Stahlfeder am Rückgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein

Handschuh entfällt ihm. Der Junge bückt sich rasch und gelenkig und hebt

ihn auf.

Danke, sagt der Alte, -- jawohl.

Sonst vernimmt er nichts.

Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre

Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts.

Hinter dem Siegestor ist der Junge plötzlich verschwunden, spurlos, als sei

er in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen

Schrittchen die Straße hinauf. Er tritt in ein Haus, verläßt es nach einer

Viertelstunde wieder. Er biegt in eine Seitenstraße, tritt abermals in ein

Haus, verläßt es nach einer Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich

einigemal.

Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurück. Ein

großes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl.

Geheimrat Prof. Dr. von Gagstetter.

Ginstermann begibt sich in das nächstbeste Zigarrengeschäft.

»Pardon,« sagt er, »ich will nichts kaufen, ich möchte Sie um eine

Gefälligkeit ersuchen. Das Adreßbuch, bitte sehr. Es ist da etwas

vorgekommen, man braucht einen Arzt, einen Spezialisten.«

Eine Dame überreichte ihm das Buch. »Bitte schön,« sagt sie höflich, ihn

mit dem Interesse der Teilnahme betrachtend.

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 10 / 62 题