Seither ging manches Jahr ins Land. Das blutige Kriegsspiel hat in
seinen Nachwirkungen noch lange nicht ausgeschwungen. Verzweifelt
mühen sich die Leiter der Großmächte um die Einrichtung des Friedens
auf Grund der internationalen Sicherungen, die allein die Wiederkehr
der ungeheuerlichen Verbrechen am Leibe der Völker, am Rechte der
Bürger, an der Würde der Menschheit verhindern könnten.
Keines der Nachbarländer ist von seinen Wunden genesen. Die Zukunft
und die Ausgestaltung der Republik Deutschland schwankt im Sturm des
Parteihaders. Frankreich und Belgien kranken an der Entwertung des
Frankens und an so manchem innern Zwist. Im Leben auch der meisten
andern Staaten Europas sind für Frieden und Freude der Stätten nicht
viele bereitet.
Ein Ausgleich der Kriegsschäden konnte auch für Luxemburg noch nicht
erreicht werden. Zwar hat sich seit Kriegsschluß manches zum Bessern
und zum Guten gewendet. Das Vaterland blieb in seinem unabhängigen
Bestand erhalten. Unser Herrscherhaus hat sich in der Liebe des Volkes
ein Heim gegründet; seine Zukunft blüht in frischen Kindern empor. Wir
haben, nach außen wie nach innen, Gründe genug, mit der Entwicklung
der Dinge zufrieden zu sein und des neugewonnenen Besitzes uns zu
freuen, mit dem aufrichtigen Willen, seinen Segen durch Treue und
Opferwillen tagtäglich zu verdienen.
Die letzten Mitglieder des nationalen Ministeriums vom 13. Januar
1919 sind am 19. März 1925 aus der Leitung unserer Staatsgeschäfte
geschieden. Die Kammerverhandlungen zu dem Eisenbahnvertrag mit
Belgien endigten bekanntlich im Januar dieses Jahres in einer
Ministerkrisis und in der Kammerauflösung.
Die Neuwahlen vom 1. März 1925 brachten Herrn Staatsminister Emil
Reuter einen großen persönlichen Erfolg. Aber die richtige Mehrheit
erhielt, wie es unter den besonders heikeln und trüben Verhältnissen,
die diese Wahl bestimmten, kaum anders möglich war, die bisherige
Regierungspartei nicht mehr. Nach längeren Versuchen, ein neues
Koalitionsministerium auf die Füße zu bringen, kam es zu einer
Regierung sämtlicher sieben Oppositionsparteien. Herr Reuter trat mit
seinen Kollegen zurück.
Die Regierungszeit des Staatsministers Reuter gehört zu den
bewegtesten und bedeutsamsten Abschnitten unserer Landesgeschichte.
Luxemburg, das als freies Volk dem Untergang geweiht schien, hat sich
unter seiner klugen, zielbewußten Führung behauptet. Im Rate der
Völker stand es bei Emil Reuters Abgang geachteter und gesicherter
als je. Seiner wirtschaftlichen Zukunft wurden die neuen Gleise durch
wichtige Verträge bereitet oder vorgezeichnet.
Auch um den Frieden im Innern hat sich diese Regierung redlich bemüht
und es ist nicht die Schuld ihrer Mitglieder, wenn der Aufrichtigkeit
und Versöhnlichkeit nicht besser gelohnt wurde.
Zu den Mitarbeitern Herrn Reuters gehörte seit der ersten Stunde der
Generaldirektor der Finanzen, Herr Alphons Neyens. Ihm war seit Anfang
die undankbarste Aufgabe geworden. Aber die finanzielle Sanierung
unsers Staatshaushalts ist ihm schließlich doch geglückt und die
Zukunft wird dieses große Verdienst nicht vergessen.
* * * * *
Noch ein anderes, und zwar das ergreifendste Kapitel unserer neueren
Geschichte hatte inzwischen einen unerwartet raschen Ausgang gefunden.
Am 24. Januar 1824 ~starb Großherzogin Maria Adelheid~. Mit
ihrem Tode geht ein irdisches Schicksal zu Ende, das an die Weihe
der Tragödie heranreicht. Maria Adelheid ist der erste seit dem
Ausgang des 13. Jahrhunderts auf freier Luxemburger Erde geborene und
erzogene Fürst; sie geht, bei den besten Absichten und ohne eigentlich
persönliches Verschulden, des Thrones und der Heimat verlustig und
stirbt in der freiwilligen Verbannung.
Ich erachte es als den natürlichen Abschluß dieser Erinnerungen,
meinen Lesern kurz anzudeuten, wie mir das Bild dieser vornehmen
Frauenerscheinung aufgegangen ist. Zugleich ergibt sich ein
umfassender Rückblick über das politische Geschehen, dessen
Entwicklung die erste größere Hälfte meiner Darstellung füllt.
Maria Adelheid wurde geboren am 14. Juni 1894 auf Schloß Berg als das
älteste Kind von Erbgroßherzog Wilhelm von Nassau und Erbgroßherzogin
Maria Anna von Braganza. Da dem Herrscherpaar der Sohn versagt
blieb, sicherte Großherzog Wilhelm durch eine Abänderung am Nassauer
Familienstatut seiner ältesten Tochter die Nachfolge und ließ diese
Verfügung am 4. Juli 1907 durch Beschluß des Abgeordnetenhauses
bestätigen.
An Stelle des schwer erkrankten Gatten führte seit dem 13. November
1908 Großherzogin Maria Anna als Regentin die Regierung und bekleidete
diese Würde nach dessen am 25. Februar 1912 erfolgten Ableben bis zur
Großjährigkeit ihrer Tochter.
Am 14. Juni 1912 besteigt Maria Adelheid den Thron. Vier Tage später
hält sie ihren Einzug in die Hauptstadt und leistet in feierlicher
Sitzung vor Kammer und Regierung den Verfassungseid. Die Luxemburger
Bürgerschaft bereitet der jungen anmutigen Fürstin einen Empfang, wie
er begeisterter wohl noch keinem Herrscher bei uns zuteil geworden
ist. Die neue Herrscherin ihrerseits findet in ihrer Thronrede
Worte, die in alle Herzen widerklingen und die reinsten Hoffnungen
erschließen.
Ich kann mir nicht versagen, diese herrliche Jungfernrede unverkürzt
folgen zu lassen.
„Meine Herren!
„Tief bewegt weile ich heute inmitten der Vertreter des Landes.
Die Gefühle der Anhänglichkeit, die Sie stets dem ritterlichen
Sinn meines Vaters und meines Großvaters entgegenbrachten, die
tiefgefühlten Worte, die Sie dem edlen Opfersinn meiner innigst
geliebten Mutter sowie meiner hochverehrten Großmutter zollten, geben
mir die Versicherung, meine Herren, daß auch deren Kind auf Ihre
ganze Treue zählen kann.
Doppelt schwer empfinde ich an diesem Tage den Schmerz, daß es mir
nicht vergönnt war, an der Hand meines Vaters in die Staatsgeschäfte
eingeweiht zu werden. Auf Ihre weisen Beratungen gestützt, hoffe ich
jedoch mich der hohen Aufgabe, die meiner wartet, würdig zu zeigen.
Meine erste Pflicht besteht in der Erfüllung des in Art. 5 der
Verfassung enthaltenen Wunsches:
„Ich schwöre, die Verfassung und die Gesetze des Großherzogtums
Luxemburg zu beobachten, seine nationale Unabhängigkeit und die
Integrität seines Gebietes, die öffentliche und individuelle
Freiheit sowie die Rechte aller und eines jeden meiner Untertanen
aufrechtzuhalten und, wie es einem guten Herrscher ziemt, alle Mir
kraft der Gesetze zur Verfügung stehenden Mittel zur Erhaltung und
Vermehrung der allgemeinen Wohlfahrt zu gebrauchen.
„Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!"
Der Gedanke liegt mir fern, an dieser Stelle ein vollständiges
Regierungsprogramm auch nur andeuten zu wollen. Meine innersten
Gefühle, mein Streben und Hoffen möchte ich jedoch nicht vor Ihnen
verbergen.
Mein sehnlichster Wunsch ist es, den Namen eines guten Herrschers
im Sinne des eben geleisteten Eides zu verdienen, und so verspreche
ich hiermit, an aller Wohl Anteil zu nehmen und Allen durch Güte und
Wohlwollen hilfreich zu sein. Liegt nicht im Streben des Herrschers
nach möglichster Verwirklichung des Schönen, Wahren und Guten der
herrlichste Schmuck seiner Krone?
An der Außenseite des Großherzoglichen Palais in Luxemburg befindet
sich das Reliefbild des blinden Königs Johann mit dessen Wahlspruch,
den auch mein Hochverehrter Vater sich angeeignet: „Ich dien!" Und
nicht weit davon sieht man das Bild seines großen Vaters, Kaiser
Heinrichs VII. sowie dessen Lieblingsspruch: „+Judicate juste!+
Richtet gerecht!"
Nach diesen leuchtenden Vorbildern werden meine Handlungen stets den
Anforderungen der Billigkeit und Gerechtigkeit entsprechen. Meine
einzige Richtschnur soll sein das Recht und das Wohl meines Landes.
Gerechtigkeit soll für Alle gleich sein, besonders aber den Kleinen
und Schwachen zum Schutze gereichen. Unsere Zeit krankt an der
stets wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit der Menschen, und
der so sehnlichst erstrebte ~soziale~ Friede ist bis heute ein
unerreichtes Ideal geblieben. Dürfen wir aber nicht hoffen, daß das
so tief in der Menschheit wurzelnde Rechtsbewußtsein diese Gegensätze
ausgleichen wird und daß die stetig wirkenden, ewigen Gesetze des
Rechtes uns endlich Ruhe und Frieden bringen?
Mein in Gott ruhender Vater wollte für das Volk und mit dem Volke
regieren. „Hand in Hand mit dem Volke", sagte er, „wollen wir an die
Lösung der schwerwiegenden Aufgaben, welche die Zukunft uns vorbehält,
herantreten." Es ist ein verantwortungsvolles Erbe, das ich von meinem
erlauchten Vater übernehme. Doch Ihre von Weisheit und Erfahrung
getragene Vaterlandsliebe, meine Herren, wird mir zur festen Stütze
gereichen und der Allmächtige unsern gemeinsamen Bestrebungen seinen
Segen verleihen.
Zugleich will ich den zahlreichen Staatsoberhäuptern und auswärtigen
Regierungen gegenüber eine Pflicht der Dankbarkeit erfüllen für die
gelegentlich unserer Trauer dem Lande und seiner Herrscherfamilie
bekundete warme Teilnahme. Wir werden ihrer stets in dankbarer
Erinnerung gedenken.
Das Großherzogtum verdankt sein Gedeihen hauptsächlich den
internationalen Verträgen, die seine Unabhängigkeit und Neutralität
verbürgen, ihm dafür aber auch, und das zum Wohle Europas, strenge
Pflichten auferlegen. Im Rechte liegt unsere Kraft. Ein brüderliches
Band umschlingt Recht und Pflicht. In rückhaltloser Erfüllung unserer
Pflichten wollen wir stets so handeln, daß niemals der geringste
Zweifel an der Geradheit und Aufrichtigkeit unserer Absichten obwalte.
Durchdrungen von Liebe zu meinem Lande, bin ich glücklich und stolz,
seinen Namen und seine Krone zu tragen. Meine einzige Freude soll es
sein, ganz in seinem Dienst zu stehen, und mit Ihrer Hilfe, meine
Herren, stets für sein Wohl zu arbeiten.
Die schwachen Mädchenhände, denen heute das Luxemburger Banner
anvertraut wird, werden dieses mit Gottes Hilfe stets hochhalten. Ich
werde mutig für dessen Ehre kämpfen.
Kind des Hauses Nassau, werde ich gleich meinen Ahnen treu
bleiben dem edlen Wahlspruch unsers alten adligen Hauses: „+Je
maintiendrai!+""
* * * * *
Diese von reifster Staatskunst in weiser Erkenntnis der einheimischen
Volksseele eingegebenen Worte aus holdem Mädchenmund bezauberten. In
der wundersamen Stunde schwärmten die Luxemburger; das Land stand wie
ein Mann um den Thron. Die reizende hochsinnige Herrscherin durfte
bewundert und gepriesen werden als die reinste Blüte demokratischen
Volkstums.
Der rührende Gleichklang wurde aber schon bald getrübt.
Seit den Tagen Wilhelms II. von Holland war es der Luxemburger
gewohnt, seinen inneren Staatshaushalt nach eigenem Ermessen zu
gestalten und zu führen. Unter der langjährigen Statthalterschaft
des Prinzen Heinrich, der seinen Bruder König Wilhelm III. in
der Regierung des Großherzogtums vertrat (1850-1879), erfreute
sich das Land mehr und mehr der seltenen Vorzüge einer richtigen
Selbstverwaltung. Der Wohlstand hob sich, die Liebe zum unabhängigen
Vaterland erstarkte im Ansturm mannigfacher Gefahren. Es wuchs
zugleich das Selbstgefühl seiner Bürger.
Nach dem Tode des letzten Oraniers (1890) kam die Krone des
Großherzogtums an das Haus Nassau.
Großherzog Adolf betrachtete sich als den ersten Diener des Staates.
Volksvertretung und Minister leiteten recht eigentlich die Geschäfte.
Großherzog Wilhelm trat in des Vaters Fußstapfen. Er ging, wie er es
in seiner Thronrede gelobt hatte, Hand in Hand mit seinem Volke.
Auf das vornehme Beispiel des Vaters berief sich denn auch Maria
Adelheid in ihrer Thronrede mit besonders verheißungsvollen Worten.
Leider wich sie bald von dieser goldenen Richtschnur ab.
Prinzeß Maria Adelheid war ein lebhaft munteres Kind. Über ihr
unschuldiges Glück warf aber der Jammer des Daseins schon frühe seine
frostigen Schatten. Mit dem leiblichen Zusammenbruch des Vaters wurde
das kleine Mädchen dem Leiden und dem Tod vertraut. Sie half ihrer
erlauchten Mutter in der nie ermüdenden Pflege des Kranken und reifte
rasch in der harten Schule des Schmerzes und des Opfers.
Wie der Tod des geliebten Vaters für die siebzehnjährige Jungfrau zum
entscheidenden Ereignis wurde, das bezeugen die folgenden Worte ihrer
Mutter:
„Maria Adelheid, so versicherte diese, war nicht immer so fromm
wie jetzt. Manchmal kostete es Mühe, sie zur Erfüllung ihrer
Christenpflichten zu bewegen. Aber an dem Tage, da ihr Vater,
Großherzog Wilhelm, auf der Totenbahre lag, kniete sie lange neben
der Leiche. Was mit ihr vorgegangen ist, weiß ich nicht, aber von
der Stunde an war sie umgewandelt. Als sie sich erhob, mußte sie
einen Entschluß gefaßt haben, den sie mit der ihr eigenen Energie
durchführte."
Um jene Zeit scheint es auch zu Einflüssen gekommen zu sein, denen
vor allem darum zu tun war, sie mit einem hohen Bewußtsein ihrer
Bestimmung zu durchdringen, den Herrscherwillen in ihr zu nähren, sie
mit den weitgehenden Vorrechten des Fürsten von Gottes Gnaden, wie sie
in der damaligen Verfassung niedergelegt waren, vertraut zu machen und
das Gefühl ihrer Verantwortung, besonders im Hinweis auf das Heil der
Seelen und das Wohl der Kirche, aufs höchste zu steigern.
Das Land mußte es schon bald inne werden: die Tage Adolfs I. und
Wilhelms IV. waren vorbei. Ein neuer Geist gebot auf dem Thron.
Innerhalb weniger Jahre sprach er sich mit auffälliger
Folgerichtigkeit stets bestimmter aus.
Die Ernennung des früheren Abgeordneten Brincour zum Staatsrat stieß
bei der jungen Fürstin auf Widerspruch. Herr Brincour hatte sich
zwar in dem durch den Grafen Merenberg, Großherzog Adolfs Neffen aus
morganatischer Ehe, aufgeworfenen Erbfolgestreit als ein Hauptretter
der Dynastie hervorgetan, aber er war zugleich geständiger Freidenker.
Die Besetzung des Hollericher und des Differdinger
Bürgermeisterpostens durch freidenkerische Radikale wurde, entgegen
dem Willen der Wählerschaft, anfangs nicht vollzogen. Infolgedessen
gab der zuständige Generaldirektor Hr. P. Braun, der Vater des
Schulgesetzes von 1912, mit seinem Freunde, Generaldirektor Karl de
Waha, seine Entlassung.
Für die erledigte Stelle des Normalschuldirektors war schon geraume
Zeit Herr Professor Eduard Oster, der langjährige Hoflehrer der
Großherzogin, in Aussicht genommen; Herr Oster sollte aber auch zu den
Unkirchlichen gehören und seine Ernennung wurde verweigert.
Das Ministerium Eyschen sah sich damit ein neues Mal den Äußerungen
eines Regierungsgrundsatzes gegenüber, der als unzeitgemäß und
gefährlich erschien und dem die Regierung nicht länger folgen dürfe.
Der Gegensatz spitzte sich derart zu, daß Staatsminister Paul Eyschen,
der langjährige Regierungspräsident, der erprobte Ratgeber der Krone,
der Freund des Hauses Nassau, der Maria Adelheid den Weg zum Throne
hatte bereiten helfen, die Vertrauensfrage stellte.
Am Vorabend des Tages, wo es zu der von ihm schmerzlich gefürchteten
Entscheidung kommen sollte, wurde der kränkelnde Staatsmann durch
einen Herzschlag (12. Oktober 1915) von hinnen gerafft. Man darf
behaupten, daß der um Land und Herrscherhaus wohlverdiente Greis an
dieser schwersten Enttäuschung seines Lebens gestorben ist.
Kurz nachher kamen die übrigen Regierungsmitglieder, da sie sich in
einer wichtigen Prinzipienfrage mit der Herrscherin nicht mehr einig
wußten, um ihre Entlassung ein.
Um jene Zeit starb auch Herr Kammerpräsident August Laval. Bei dem
Zivilbegräbnis des hochgeachteten Mannes, des ersten Bürgers der
Nation, ließ sich die Großherzogin nicht vertreten.
Diese Vorgänge ergaben innerhalb weniger Jahre eine ununterbrochene
Folge von Tatsachen, die alle aus demselben Geist hervorgehen und
einem bestimmten leicht erkennbaren Ziele zustreben.
Das verfassungsmäßige Recht zu ihrer bei jedem Einzelfall beobachteten
Haltung darf und soll der Fürstin nicht abgesprochen werden. Von einer
Vergewaltigung der Volksrechte durch Laune oder Willkür kann nicht die
Rede sein.
Und doch ist des Schlimmen genug daran.
Dem Wortlaut der Verfassung geschieht bei all dem Zögern, Verschieben,
Verweigern keine Gewalt; wohl aber bedeutet das alles eine Abkehr
von dem Geiste, in dem seit 1848 die in der Verfassung umschriebenen
Rechte des Landesherrn bei uns aufgefaßt und durchgeführt wurden. An
die siebzig Jahre hindurch war damit eine Überlieferung geschaffen
worden, die bei dem Volke den Glauben erwecken durfte, als seien
es seine Abgeordneten und die Minister, die regierten, während der
Fürst sich damit begnüge, deren Beschlüssen durch seine Bestätigung
Gesetzes- und Rechtskraft zu verleihen. Jetzt wurde plötzlich mit
anderm Wind gefahren. Neben und über Kammer und Regierung wollte die
junge Großherzogin beim Regierungsgeschäft, wie berichtet wurde, „auch
etwas zu sagen haben".
Dieser Regierungswille war der Herrscherin unbestreitbares Recht.
Leider hatte sie damit Unrecht vor der Vergangenheit und bekam Unrecht
vor ihrem Volke.
Die Luxemburger sind, bei aller Aufrichtigkeit ihrer katholischen
Überzeugung, politisch in der überwiegenden Mehrzahl ausgesprochen
demokratisch, frondierend von der Wiege auf, auch auf dem Lande, und
zum großen Teil liberal, besonders in der Hauptstadt.
Die letzten Erfahrungen beweisen das bei jeder Wiederholung.
Luxemburg, die gläubige Stadt der Trösterin der Betrübten, stimmt,
trotz allem Mahnen, Warnen und Drohen geistlicherseits, überwiegend
links.
Heute strömen ja auch die Frauen und Mädchen auf dem Wege zu und aus
der Sonntagsmesse an die Urne. Was aber ist das Ergebnis?
Ein Nichtchrist hält unter den Gewählten die Spitze; die
rücksichtslosesten Freidenker erfreuen sich, wie arg auch gegen sie
geklagt und geworben wurde, einer überwiegenden Mehrheit.
Solche Wirklichkeit müßte doch zu denken geben und sollte zur Vorsicht
raten. Jedem ausgesprochenen Herrenwillen von oben ballt sich unten
der Trotz entgegen, antworten aus der Tiefe Mißtrauen und Groll.
Vor der Verfassung hatte Maria Adelheid auch recht, als sie am 3.
November 1915 das Ministerium Loutsch vor eine zu zwei Drittel
feindliche Kammermehrheit entsandte und nach dessen übelm Empfang die
Volksvertretung heimschickte.
Wohl wurde dieser Gewaltschritt als Staatsstreich gebrandmarkt,
aber die Landesherrin bewegte sich auch hier innerhalb der
Verfassungsschranken.
Die einzige Gebärde, zu der sie sich vielleicht nicht hätte verstehen
dürfen und die zum mindesten unklug war, ist die gegen Neujahr 1916
inmitten des Wahlkampfes verkündigte Armenspende von 100000 Fr.
Diese großmütige Handlung mußte als eine Einmischung zugunsten ihres
Ministeriums aufgefaßt werden. Damit trat die Krone in den Wahlkampf
der Parteien.
Die Wahlen von 1916 ergaben eine Mehrheit von einer Stimme zugunsten
des freisinnigen Blocks. Die Regierung wurde gestürzt. Das
Wahlverhältnis zwischen den beiden großen Kammerfraktionen war aber
derart verschoben worden, daß ein reines Parteiministerium kaum noch
möglich war; in den Wirren und in den wirtschaftlichen Nöten der
Zeit wäre eine solche Kampfregierung unerwünscht, ja verhängnisvoll
gewesen. So suchte man wieder zu einer Art Burgfrieden zu gelangen.
Seit 1916 löste dann eine Geschäftsregierung die andere ab. Zu einer
Unstimmigkeit mit der Krone kam es nicht mehr. Man ging beiderseits
einer Veranlassung dazu aus dem Wege.
In den gelichteten Reihen der Blockkämpen aber lebte die Erinnerung
an die infolge der Kammerauflösung erlittene Schwächung weiter. Die
Wunden verharschten nicht.
Wie weit der Groll gegen Maria Adelheid sich grade nach den Neuwahlen
von 1916 verstiegen hatte, beweist unheimlich scharf der von mir
erwähnte Schritt des belgischen Senators Orban de Xivry. Im Namen
der luxemburgischen Kammermehrheit (die Mehrheit stand auf zwei
Augen!) durfte er König Albert die Krone des Großherzogtums anbieten.
Schon damals hieß es also auf Seiten wenigstens der eingeweihten
Blockführer: „Fort mit Maria Adelheid! Hoch König-Großherzog Albert!"
Seit dem verhängnisvollen Winter 1915-1916 war die junge Fürstin einem
großen Teil der Luxemburger verdächtig und mißliebig geworden. Die
freisinnigen Kreise schalten sie eine Feindin der Volksfreiheit im
Dienste jesuitischer Herrschaftsgelüste.
Kein Wunder, daß in diesen Kreisen die manchmal so verblüffenden
Anklagen auf Deutschfreundlichkeit und Vaterlandslosigkeit ein
willkommenes Gehör fanden; daß im Lande wie außer dem Lande ihre
politischen Gegner den wider sie in Umlauf gesetzten bösen Gerüchten
Mund und Feder liehen, um sie auch bei den Ententemächten in Verruf
zu bringen; daß hüben und drüben die unentwegten Republikaner,
Französlinge, Belgomanen auf diese Unbeliebtheit der Landesfürstin
ihre Hoffnung bauten, um zugleich mit ihr das ganze Herrscherhaus über
die Mosel zurückzudrängen.
Der Unwille und die Abneigung, die sich so rundum im Lande gegen Maria
Adelheid angesammelt hatten, kamen bei Kriegsschluß zum Ausbruch. Ohne
die innerpolitischen Geschehnisse von 1914 und 1915 wäre es, meiner
Ansicht nach, nicht zu den Kundgebungen und Umsturzversuchen im Herbst
und Winter 1918-1919 gekommen.
Die Kammerstürme vom 12. und 13. November 1918, der Putsch vom 9.
und 10. Januar 1919 reichen in ihren ersten Wurzeln auf die in
jenen Jahren gesetzten Handlungen eines ausgesprochen einseitigen
Herrscherwillens zurück. Auch die Hoffnungen Belgiens rechneten
stark mit der Nachwirkung des damals Verschuldeten. Das Verkennen
des Zeitgeistes, die stets wiederholten Zumutungen an das
demokratisch-freisinnige Volksgefühl taten der Liebe zur Monarchie
schmerzlichen Eintrag grade zu einer Zeit, wo für deren Heil und
Zukunft das Volksgefühl und der Volkswille entscheidend in die
Wagschale fiel.
Nach Maria Adelheids Tode hörte man aus dem Munde der überzeugtesten
ihrer nicht zahlreichen Anhänger (der Ausgang des Volksreferendums
vom 4. Juni 1915 hat letzteres bewiesen!) die Behauptung, die Fürstin
hätte nicht abdanken müssen, die Regierungen der Entente hätten sich
mit ihr abgefunden.
Ich leugne diese Möglichkeit.
Gewiß, auch gegen Belgien, Frankreich und das übrige Ausland hätte
das kleine Luxemburg seine Fürstin halten können, wenn es solches in
leidenschaftlicher Entschlossenheit gewollt, wenn es sich in seiner
eindrucksvollen Mehrheit um ihren Thron geschart hätte, bereit für die
liebe Großherzogin, als das kostbarste Sinnbild seiner Unabhängigkeit,
Gut und Kraft einzusetzen und mit einem einmütigen +Moriamur pro
rege nostro!+ die Sache Maria Adelheids als die des Landes zu der
seinigen zu machen.
Daß ihm solche Rettungstat möglich war, sobald es mit dem Herzen und
mit dem Willen ans Werk ging, den Beweis hat es erbracht. Großherzogin
Charlotte, getragen von der Liebe und dem Vertrauen unseres Volkes,
siegte gegen belgischen oder französischen Annexionismus. Maria
Adelheid aber hätte diese gläubige Stütze nicht gefunden. Sie hatte zu
viele enttäuscht oder verletzt.
Sie mußte den Thron aufgeben, nicht weil das Ausland gegen sie
verbündet schien, sondern weil ihr Name seinen Zauber bei ihrem Volke
eingebüßt hatte. Mit der opferfreudigen Liebe der überwiegenden
Mehrheit ihrer Mitbürger im Bunde hätten Regierung und Kammer Maria
Adelheid auch gegen Minister Pichon verteidigt.
Das allzugroße Mißtrauen, das innerhalb unseres Landes um sie
emporgewachsen war, hat sie letzten Endes vom Thron geschieden.
Nicht das Ausland, Luxemburg hat Maria Adelheid fallen lassen.
* * * * *
Und doch war sie ein gutes Luxemburger Kind und ist es geblieben.
Jedem ihrer Worte, jeder ihrer öffentlich und privat gegebenen
Versicherungen gebührt Vertrauen. Dafür war sie doch allzusehr die
Tochter ihres Vaters, die Enkelin ihres alten stolzen Geschlechtes.
Der Sorge um die Heimat galt ihr Abschiedswort. Am Heimweh ist ihr in
der Fremde das junge Herz geschmolzen.
„Ich habe Heimweh nach Luxemburg", so schreibt sie einige Monate vor
ihrem Tode. „Jetzt bin ich schon vier Jahre von zu Hause fort."
Wie so viele andere Große und Kleine hat auch Maria Adelheid es
erfahren müssen:
Viel Raum hat draußen die Erde.
Doch wer verbannt von Haus,
Der sucht mit Schmerzgeberde
Die Welt nach der Heimat aus;
Den friert im warmen Hauche,
Der wird in der Fülle matt --
Dann weht vom Maienstrauche
Ein krankes Rosenblatt.
Der Verzicht auf die Krone war an sich kein besonders schweres
Opfer für ihren tapfern Sinn. In dem von mir erwähnten Oktoberbrief
verständigte sie bekanntlich aus eigenem freiem Entschluß
Staatsminister Reuter von ihrer Absicht, freiwillig und zugunsten
ihrer ältesten Schwester zu entsagen. Aber sie wollte die Zeit ihres
Scheidens selbst bestimmen. Der Abgang fiel ihr schließlich nicht
leicht. Sie sträubte sich entschieden. Unter ~den~ Umständen,
unter dem Befehl des Auslands wollte sie nicht weichen. Sie war sich
keines Unrechts bewußt. Um sich selbst ein immerhin mögliches, wenn
auch ungewolltes Verschulden vorzutäuschen, wünschte sie in letzter
Stunde, die ihr ergebene Rechtspartei möchte ihren Weggang als für das
Wohl des Landes notwendig erklären. Sie hätte es als Eingeständnis
eines unbegangenen Fehlers empfinden müssen, wenn sie ohne weiteres
zugegeben hätte, daß ihr freiwilliger Verzicht zu einem erzwungenen
Opfer wurde. Endlich brachte sie dieses Opfer doch, ihrem Haus und
ihrem Volk zuliebe. Sie vollzog diese Selbstentäußerung, ihrem
ganzen Wesen gemäß, würdig und tapfer, schlicht und gottergeben.
Ihr Scheidegruß an das geliebte Land ist eine Urkunde edelsten
Menschentums.
~Schloß Berg~, den 28. Januar 1919.
„Aus allen Teilen des Luxemburger Landes sind mir in diesen Tagen
unzählige Beweise treuen Gedenkens und rührender Anhänglichkeit zum
Ausdruck gebracht worden, die mein Herz beglückt und mit Dankbarkeit
erfüllt haben. Da es mir leider unmöglich ist, jedem einzeln zu
sagen, welch tiefe Freude und Genugtuung mir dadurch bereitet wurde,
so möchte ich auf diesem Wege meinem Herzensbedürfnis entsprechen
und allen meinen wärmsten und innigsten Dank sagen. Ich danke allen
denen von Herzen, die während meiner ganzen Regierung und besonders
in diesen letzten Zeiten in Wort und Tat, in Gedanken und Gebeten
mir so treu zur Seite gestanden, die mit mir gearbeitet und gekämpft
haben für das Wohl unseres geliebten Vaterlandes. Gott und unsere
Landespatronin, die Trösterin der Betrübten, mögen es ihnen lohnen;
ich werde es ihnen nie vergessen. Die Liebe zu meinem Land und Volk,
die mir von jeher Richtschnur gewesen und die mir auch das letzte
schwere Opfer erleichtert hat, kann durch keine Ereignisse verringert
werden. Meine Gedanken und innigsten Segenswünsche werden auch
künftighin der geliebten Heimat gelten. Meinem Dank möchte ich auch
noch eine Bitte hinzufügen, daß alle, die mir so gute Untertanen und
Helfer waren, von jetzt an mit der gleichen Treue und Aufopferung
zu ihrer neuen Fürstin stehen, in deren Hände ich voll Vertrauen
die Geschicke unseres Landes gelegt habe; es wird dies meine größte
Freude sein.
Mein herzlichster Wunsch an alle ist: Haltet hoch die guten Sitten
der Väter; seid treue Kinder unserer hl. Kirche; bleibt echte, freie
Luxemburger!
~Maria Adelheid.~"
Deutsches und südliches Fürstenblut hatten in Maria Adelheids
Persönlichkeit eine wertvolle und gefährliche Mischung erfahren.
Anfangs schien sie den Stimmen zu lauschen, die aus der Tiefe des
mannhaft besonnenen Nassauerstammes zu ihr emportönten; dann gelangte
in ihr der unruhiger fordernde Braganzageist zur Herrschaft. Sie
wollte kein konstitutioneller Scheinfürst sein. Sie fühlte sich an
verantwortungsvollster Stelle Gott verpflichtet und dem Heil der
christlichen Seelen. Die Welt aber dachte nüchtern und kalt. Sie
konnte diesen seligen Eifer nicht verstehen, sie wollte ihn nicht
entschuldigen. Und auf einmal fühlte sich Maria Adelheid nicht mehr
heimisch in der zersetzenden Luft einer an jederlei Zugeständnissen
siechenden Gegenwart. Ihr Wesen war aus einem kristallenen Guß.
Ihrem Gottgefühl war jeder Ausgleich ein Greuel. Sie ging, scheinbar
besiegt, aber im Gewissen sich treu und treu ihrem in Flammen der
Prüfung gehärteten Ideal. Und so wirkt die zarte Mädchengestalt mit
den großen ruhigen Augen und dem versonnenen Lächeln tragisch im hohen
Sinn.
Aber sie bedeutet menschlich noch mehr.
Als Fürstin und als treue Tochter der Kirche einer Gräfin Mathilde
nachstrebend, schien sie sich zum fraulichen Vorbild die hl. Elisabeth
von Thüringen, die Mutter der Armen und Kranken, auserwählt zu haben.
Durchdrungen vom Selbstgefühl ihres vielhundertjährigen Adels und
fürstlichen Ursprungs, wurde ihr doch so recht wohl erst im Dienste
der Schwachen und Hilfsbedürftigen, in der Schürze der Pflegerin, im
Häubchen der Schwester.
Genügte es einer Fürstin als Verkörperung der reinsten weiblichen
Tugend durch ihre Zeit zu schreiten, um damit für ihr persönliches
Regierungsverlangen Verständnis und Billigung zu ernten, Maria
Adelheid hätte sich der schwärmerischen Zuneigung und Verehrung ihrer
Mitbürger zeitlebens erfreuen müssen.
Während des Krieges stellte sie es sich zum heiligen Ehrgeiz, ihren
Landsleuten ein Hort und eine Zuflucht zu sein. In der Richtung
allein nützte sie den Einfluß, den Kaiser Wilhelm II. der durch
seinen taktlosen Besuch verletzten und bloßgestellten Großherzogin
zugestehen mußte. Unser Volk weiß, wie in jener Zeit der eisernen
Not niemand vergebens Maria Adelheids Vermittlung und Hilfe anrief.
Sie kannte dabei keinen Unterschied des Standes und der Anschauung.
Viele Luxemburger danken der mächtigen Fürsprache ihrer Fürstin
Leben, Freiheit und Heimkehr. Maria Adelheid war in diesen Jahren
der Bedrängnis, nach der ganzen Glut ihres Herzens und im Maße ihrer
Kräfte, die Vorsehung der Gefangenen und die Trösterin der Betrübten.
Aber es war doch nicht Sankt Elisabeth, die Gattin und Mutter, der
die Tochter Maria Annas von Braganza nacheiferte. Mystische Inbrunst
drängte sie auf die weltabgewandten Bußpfade der wundersamen Spanierin
Theresia von Avila.
Maria Adelheid dachte nicht an Vermählung. Sie wollte sich als
Klosterbraut dem Herrn ganz zum Opfer bringen. Doch durfte sie diesen
Schritt äußerster Weltentsagung nicht tun, ohne daß wenigstens einmal
Jugend und Liebe in Demut und in Treue um ihr Herz geworben hätten.
Grade um die letzten Stunden ihrer tragischen Bedrängnis webt die
reinste Herzensromantik einen lieblich ergreifenden Zauber.
Ein naher Verwandter war der anmutigen Spielgenossin schon früh in
herzlicher Zuneigung ergeben. Die beiderseitigen Familien hätten es
mit Freuden begrüßt, wenn aus dem Vetter ein Bräutigam geworden wäre.
Die Angebetete aber verhielt sich freundlich abweisend.
Am 9. Januar 1919, kurz vor der Schicksalsstunde, wo der große
Verzicht unterzeichnet werden sollte, erschien der Prinz, inkognito,
als Hauptmann in englischen Diensten. An maßgebender Stelle, so
versicherte er, sei ihm bestätigt worden, durch eine Verbindung mit
ihm, der in den Reihen der Entente ruhmvoll gekämpft hatte, dürfte
sich Maria Adelheids Anerkennung doch noch erreichen lassen.
Die Großherzogin wird von diesem Antrag des Jugendfreundes
verständigt. Ihre Mutter redet zu. Sie aber erklärt, es tue ihr recht
leid, doch wisse man ja, daß sie nicht an Heirat denke.
In der Angst um ihr Schicksal bittet der Prinz, sie möchte dulden,
daß das Gerücht einer Verlobung mit ihm in die Welt hinausgehe; nach
beschworener Gefahr werde er bereitwilligst zurückstehen. Ihm wird zur
Antwort, die Aufrichtigkeit verbiete, an ein solches Spiel auch nur zu
denken.
Der Prinz reist noch in derselben Stunde von Schloß Berg ab. Bevor er
den Zug besteigt, treibt ihn die innigste Sorge, am Fernsprecher es
mit einem letzten Anruf zu versuchen. Es erfolgt der nämliche Bescheid
und der hochherzige Mensch muß dem Schicksal und einem jungfräulichen
Heldenwillen weichen.
* * * * *
Maria Adelheid ertrug den jähen Wechsel des Geschickes mit
bewunderungswürdiger Fassung. Das Glück der Schwester war ihre
erste Sorge. Ihr warmes Zureden vor allem bewog die am 12. Dezember
1918 abgetretene Regierung während der Audienz vom 12. Januar 1919,
Großherzogin Charlotte zu Diensten vor die Abgeordnetenkammer
zurückzukehren.
Sie sollte die am 28. Januar 1919 mit dem liebevollsten Heil- und
Segenswunsch verlassene Heimat nicht wiederschauen. Sie hatte die
Bitterkeit der Welt und die Nichtigkeit ihrer Güter erfahren.
Losgetrennt von den Sorgen irdischen Glanzes wandte sie ihre Sehnsucht
höheren Formen zu.
Am 14. September 1920 trat das älteste Kind des protestantischen
Wilhelm von Nassau zu Modena in das Kloster der Karmeliterinnen und
vergrub sich als eine geistliche Tochter der hl. Theresia in das
Schweigen des Gebetes, in die Schauer der Abtötung.
Aber es stand geschrieben, daß diesem armen Fürstenkinde nichts nach
Wunsch geraten dürfe.
Den Entbehrungen und der Buße hielt ihre Gesundheit nicht stand.
Der Wille ihrer Obern wies sie schon bald in eine minder strenge
Lebensführung zurück.
Sie ging nach Rom und vertauschte hier das Bußgewand der
Karmeliterinnen mit dem Schleier der Kleinen Armenschwestern. Doch
das römische Klima zeitigte ein tückisches Leiden. Maria Adelheid
mußte auch das Kleid der schlichten Barmherzigkeit von sich tun und
kehrte zu ihrer verehrten Mutter auf Schloß Hohenburg zurück. Dem
klösterlichen Geist der Entsagung und Aufopferung blieb sie auch in
den leichteren Verhältnissen treu. Der Krankenpflege gehörten ihre
liebsten Stunden. Um die zur vollkommenen Ausübung des Pflegerdienstes
nötige wissenschaftliche Vorbildung zu erwerben, setzte sie sich an
das Studium der Medizin. Auch ihr reger Geist verlangte stets nach
neuer Nahrung und Beschäftigung.
Dann wurde sie selbst durch ein langes Siechtum gefesselt. Ihre
Samariterseele verleugnete sich auch nicht auf dem eigenen
Schmerzenslager. Gegen ihre Wärterinnen war sie eitel Sanftmut und
dankbare Rücksicht.
Seit ihrem Niederstieg vom Thron, auf dem sie ihr Herrschbewußtsein so
nachdrücklich bekunden wollte, hatte sie sich -- für ihre Natur ein
Gipfel seelischer Selbstentäußerung! -- des eigenen Willens freudig
und schrankenlos begeben. In Hohenburg beugte sie sich, wie kurz
vorher unter das Wort der Oberin, vor der Liebe der Mutter. Aus deren
Mund erbat sie sich schließlich die Ermächtigung zum letzten Abschied.
Einige Tage vor ihrem Tode sprach sie zu Maria Anna mit weichem
Flehen: „Mutter, ich habe dir stets gehorcht und deinen Willen
erfüllt: Gib mir jetzt die Erlaubnis zu sterben!" Die leidgeprüfte
Frau und fromme Christin erwiderte: „Wenn Gott es so haben will,
Sein Wille soll geschehen." Die Sterbende, das Antlitz von einem
Lächeln schmerzlicher Entsagung überzittert, flüsterte zurück: „Mir
ist ja auf Erden nichts geglückt. Darum will ich sie verlassen. Ich
sterbe gerne." Ihre letzten Worte an Mutter und Schwestern waren eine
Tröstung todüberwindender Liebe. „Trauert nicht, hauchte sie; seid
fröhlich und freut euch mit mir."
Am 24. Januar 1924, gegen halb zwei nachmittags, hatte Maria Adelheid,
Großherzogin von Luxemburg, neunundzwanzigjährig, heimgefunden.
Drei Tage später wurde ihre leichte Hülle von Schwesterhänden in
Blumen gebettet und unter dem Hochaltar der Schloßkapelle beigesetzt.
* * * * *
Warum ich grade diese ergreifenden Äußerungen eines versöhnten Lebens-
und verklärten Sterbewillens hervorhebe? Nun, erst bei der Betrachtung
dieser letzten irdischen Wandlung ist mir Maria Adelheids Bild zur
klareren Anschauung gekommen. Nach ihrem Verzicht auf die Kronen der
Welt kommt die reine Hoheit ihres Wesens zur strahlenden Entfaltung.
Mir drängt sich die Ahnung auf, um aus der Fülle ihres eigenen
Gottempfindens heraus zu reden, als seien ihr die Jahre des Herrschens
nur geschenkt worden zur Prüfung ihres aufrichtigen Wollens und zur
Läuterung ihres vom Atem irdischen Machtbewußtseins geschwellten
Selbstgefühls. So wird sie der Gnade gewürdigt, durch die Dornen der
freiwilligen Demütigung und Entsagung den Pfad zu finden, den die
Auserwählten geführt werden, in denen die Menschennatur einem Gipfel
entgegengetragen wird; die berufen sind, nach der Auflösung des
irdischen Verlangens in den Gluten der Gottesliebe, als Leuchten und
als Fürbitter zu bestehen in der Verehrung der kommenden Geschlechter.
Nicht die Großherzogin Maria Adelheid unter dem Himmel des Thronsaals,
die sanfte, stille Soeur Marie des Pauvres unter dem Kelter der
Heimsuchung zwingt zur Huldigung vor der erhabenen Größe einer
durchgotteten Natur.
Ihr wechselvolles, blitzgezeichnetes Schicksal, ihr Leben in
Schönheit, Güte, Wahrheit und Treue, ihr Sterben im Kranze der
Jugend, in der Krone der Vollendung unter dem Weihekuß des Leids
ruft den Dichter. Die Legende wird ihr Vorüberschweben durch
die Welt des Scheins mit dem Goldstift in wunderbaren Bildern
gestalten und verewigen. Unsere Landesgeschichte rechnet schon
heute die erste luxemburgische Großherzogin zu den wenigen starken
Persönlichkeiten, die auf unserm alten, etwas undankbaren Grund
erwachsen durften. Der schwermutsdunkle Sterbeseufzer eines Joseph
II. durchzittert ihre letzten Worte mit eindringlicher Wehmut, und
Gregors VII. erschütternde Todesklage wurde der Scheidenden aus
freisinnigem Mund als Rechtfertigung in die Fremde nachgerufen. Was
aber die katholische Kirche in der späten Enkelin Philipps III.,
des nassauischen Reformators, schaut, Papst Benedikt XV. hat es
ausgesprochen: „Die Großherzogin ist eine heiligmäßige Person. Sie war
ganz gewiß durch ihr Gebet und ihre Opfer der Blitzableiter, der vom
Luxemburger Lande die schrecklichen Gefahren ablenkte, die ihm gedroht
haben."
* * * * *
Der kühlere Sohn eines politischen Zeitalters freilich fühlt sich
bewogen, nach einer kurzen vorurteilslosen Erwägung dieses seltenen
Fürstenlebens, seine Landsleute mit einem Rat und mit einer Bitte zu
bedenken.
Der Gegenwart, das lehren die Ereignisse der letzten Jahre im großen
wie im kleinen, ist jeder Überschwang zuwider. Scharfmacherei sät das
Mißtrauen, nährt den Unwillen, erdrosselt die Liebe, reizt zur Abwehr,
heischt die Abrechnung; sie stürzt in ihrer Blindheit über den eigenen
Fuß.
Der edle Mensch ist anderseits zu gut, um von berechnenden
Eiferern als Werkzeug gehalten und mißbraucht zu werden. Die Zeit
mittelalterlicher Schwarmsucht ist auch für Luxemburg vorbei.
Diebstahl am Ganzen begeht, wer sich diese Tatsache nicht beständig
in das Verantwortungsbewußtsein stellt. In der entscheidenden Stunde,
wir habens erfahren müssen, rettet, und vor allem das kleine Land, nur
die Kraft der in ~=einem= Gefühl =gläubig= und =gern=
verschlungenen Hände~.
Und es dürfen auch die Schatten der verklärten Toten nicht
heraufbeschworen werden, um den Frieden der Lebendigen zu stören, um
Zweifel und Störung hineinzutragen in das Gefühl der Zukunft, für
deren Sicherung und Gedeihen in entscheidender Stunde alle, die gutes
Willens waren, mit Überzeugung gestritten und gelitten haben.
Maria Adelheids Bild steht an der Wegkreuzung unserer jüngsten
Geschichte; für die einen Zeugen unter den Zeitgenossen bleibt es
ein Zeichen, dem sie widersprechen wollen oder müssen; für die
andern soll es am Wege ragen als eine Schranke zur Besinnung und zur
Erkenntnis.
Maria Adelheid hat sich versöhnten Geistes bei lebendigem Leib in die
Grundfesten einfügen lassen, auf denen die Zukunft des geretteten
freien Vaterlandes auf- und ausgebaut werden kann. O, so möge der
heilige Zauber dieses jungfräulichen Blutopfers nachwirken zum Glück
ihrer Nachfolger und zum Segen ihres Volkes!