Das Großherzogliche Haus aber rüstete zur Vermählungsfeier der
Großherzogin.
Am 4. November verlieh die Kammer Ihrem Verlobten, dem Prinzen Felix
von Bourbon-Parma, das luxemburgische Bürgerrecht. Dabei kam es zu
neuen widerlichen Ausfällen und Ungezogenheiten.
Am 6. November fand die Vermählung statt.
Der König von England hatte Glückwünsche entboten und die englische
Regierung ließ wissen, sie werde die diplomatischen Beziehungen mit
Luxemburg wieder aufnehmen.
Diese Mitteilung war ein fröhliches Hochzeitsgeschenk. Sie warf einen
tröstlichen Zukunftsschimmer in den regnerischen Tag.
Die bürgerliche Trauung erfolgte im Schlosse, bei offenen Türen.
Die kirchliche Einsegnung vollzog Msgr. Nicotra, der auch in Luxemburg
beglaubigte Internuntius aus Brüssel.
Nur die engern Familienmitglieder waren bei der Feier anwesend.
Trotz häßlicher Wühlereien und Anreizungen kam es zu keinem Mißton.
Das Volk verhielt sich würdig. Die Bürgermeister der Landgemeinden
hatten sich ebenfalls eingefunden. Die Straße huldigte dem hohen Paare
durch freudigen Zuruf.
Während der Vermählungsfeierlichkeiten sang der Domchor u. a. das
Lied: „Wie unsre Väter flehten."
Großherzogin Maria Anna erklärte mir nach dem Festmahl, das Lied sei
auf einen besondern Wunsch Ihrerseits sowie der Großherzogin Charlotte
eingesetzt worden; es sei auch das Lieblingslied der Großherzogin
Maria Adelheid gewesen.
Diese freundlichen Worte wurden mir einen Augenblick später von
Großherzogin Charlotte in liebenswürdiger Weise bestätigt.
Die junge Fürstin bot in dem schwerseidenen weißen Brautkleide unter
dem das Antlitz zart umrahmenden tief herabfallenden Schleier, im
Glanze des reichen Diadems und der strahlenden Augen, ein fast
hieratisches Bild.
* * * * *
Inzwischen hatte sich Herr Collart aus persönlichen Gründen
entschlossen, die Regierung zu verlassen.
In der Audienz vom 13. Dezember überreichte er der Fürstin, mir etwas
unerwartet, seine Entlassung. Ich bemerkte dazu: „Königl. Hoheit, wenn
mich Herr Collart von dieser seiner Absicht rechtzeitig benachrichtigt
hätte, würde ich mein Entlassungsgesuch angefügt haben."
Die Großherzogin blickte mich bei diesen Worten bestürzt an. Der
Staatsminister und die Kollegen redeten scharf gegen meinen Wunsch.
Ich wiederholte, wie ich mir von Anfang an diesen Zeitpunkt als Grenze
gesetzt hätte und wie ich niemals anders als freiwillig aus meiner
Stelle scheiden dürfe noch wolle. „Den Generaldirektor", meinte ich
schließlich, „kann unter den heutigen neuen Verhältnissen ein jeder
spielen. Ich weiß mir außerhalb der Regierung Aufgaben, die vielleicht
kein anderer vollführen könnte."
Am 16. Dezember erschienen in meinem Amtszimmer nach der Kammersitzung
die Herren Schiltz, Huß, Düpong, Bech und mein Schulfreund Eduard
Kirsch aus Sprinkingen. Sie kamen im Auftrag ihrer Partei und baten
mich im Namen der Siebenundzwanzig zu bleiben.
Ich legte auch ihnen meine Gründe dar. Sie widersprachen, drängten
und klagten. Herr Schiltz meinte schließlich in seiner schlichten
Offenheit: „Aber was wollen Sie denn jetzt schon gehen! Warten Sie
doch, bis sich eine Gelegenheit zu einem würdigeren Rücktritt bietet.
In absehbarer Zeit muß ja der Posten des Oberschulinspektors frei
werden. Warten Sie so lang und dann lassen Sie sich an die Stelle
nennen. Dann haben Sie doch was davon."
Ich erwiderte lachend, auf solche Weise wollte ich überhaupt nicht
gehen, denn es dürften sich an meinen Austritt keine andern Erwägungen
knüpfen.
Schließlich wurde unter dem lebhaftesten Einreden mein Widerstand ein
andermal erschüttert. Die Herren wiesen auf die Ungelegenheiten hin,
die ihnen in dem Augenblick aus meinem Rücktritt entstehen würden,
umsomehr, als Herr Liesch dann doch auch austreten müsse.
Diese Gründe entschieden. Zu der Rechtspartei hatte ich zudem, auch
bei der Erörterung von Grundfragen, immer die besten Beziehungen
unterhalten; sie war mir nie mit einer Zumutung genaht und ich war
überzeugt, daß wir auch in Zukunft sehr gut miteinander auskommen
dürften.
Ich mußte später dieser Unterredung allerdings mit besonderen Gefühlen
gedenken. Leider war da Herr Schiltz nicht mehr zugegen, um zu sehen,
wie der eine oder andere seiner mit anwesenden Freunde beflissen war,
meine Ernennung zu dem bescheiden besoldeten Amt, mit der er mich
damals zu locken suchte, so merkwürdig zu fördern!!
An dem nämlichen Abend war Hofdiner.
Die Großherzogin erwies mir nach Tisch besondere Aufmerksamkeit. Ich
redete ihr von dem Schritt der Rechtspartei und verständigte sie von
meinem Entschluß zu bleiben. Sie freute sich aufrichtig. Sie gestand
mir mit lebhafter Zustimmung, die von mir während unserer Audienz
vorgebrachten persönlichen Gründe habe sie zu würdigen gewußt und sie
verstehe meine Absicht. „Besonders als Sie sagten, wenn Sie einmal
wieder draußen wären, könnten Sie vielleicht manches schaffen, was
ohne Sie nicht getan würde, mußte ich Ihnen recht geben. So schwer es
mir auch geworden wäre, Herr Welter, doch da Sie es ~selbst~ so
wünschten, hätte ich Sie gehen lassen. Aber es hätte mir sehr leid
getan."
Ich dankte und versprach ihr als dichterisches Hochzeitsgeschenk ein
„Wilhelmuslied".
Am 5. Januar 1920 trat Herr Collart aus der Regierung.
Damit war die Waffenbrüderschaft zu Ende, die das erste Ministerium
der Großherzogin Charlotte in den schwersten Stunden so kampffreudig
und so treu umschlossen hielt. Damit war das nationale Ministerium vom
13. Januar 1919 aufgelöst.
Während der ersten Tage nach Herrn Collarts Scheiden lauschte ich
manchmal zum Nebenzimmer hin, wo er gesessen hatte. Die Wände
gaben keinen Schall mehr. Die jugendliche Spannkraft und ein
unverwüstlicher, manchmal landwirtschaftlich saftiger Humor waren aus
Sankt Maximin geschwunden. Ich mißte den jungen Freund anfangs sehr.
Herr Collart wurde in der Regierung ersetzt durch die Herren Ant.
Pescatore und Raymond de Waha.
Einige Tage später machte England sein Wort wahr. Sir Romuald Graham
überreichte am 15. Januar der Großherzogin sein Beglaubigungsschreiben
als englischer bevollmächtigter Minister.
Am 23. Januar wurde während der Tedeumsfeier zu „Großherzogins
Geburtstag" mein Lied: „+De Wilhelmus+" zum ersten Mal vom
Domchor gesungen.
Schon Großherzogin Maria Adelheid hatte mir den Wunsch äußern
lassen, auf die alte Wilhelmusmelodie, die ihre Lieblingsweise sei,
luxemburgische Worte zu suchen. Die richtige Stimmung kam mir erst
nach dem Vermählungsfest vom 6. November 1918 im Hochgefühl dessen,
was inzwischen für die Heimat erreicht worden war. Und so hielt ich
das der Fürstin am 16. Dezember gegebene Wort.
Ich wollte zugleich meine politischen Freunde, die gespannt auf meinen
Abgang lauerten, in ganz unparlamentarischer Weise ärgern.
Letzteres gelang. Das Lied und sein Verfasser wurden mit Lust
verhöhnt und mit Wonne beschimpft. Die alleswissenden Schreiber und
Vaterlandsfreunde fanden sogar, die berühmte Weise sei künstlerisch
minderwertig und müsse zugleich als ganz unluxemburgisch abgewiesen
werden.
Der Text lautete in erster Fassung:
+De Wilhelmus.+
+E neit Litt op eng al Weis.+