XXII.

Das Großherzogliche Haus aber rüstete zur Vermählungsfeier der

Großherzogin.

Am 4. November verlieh die Kammer Ihrem Verlobten, dem Prinzen Felix

von Bourbon-Parma, das luxemburgische Bürgerrecht. Dabei kam es zu

neuen widerlichen Ausfällen und Ungezogenheiten.

Am 6. November fand die Vermählung statt.

Der König von England hatte Glückwünsche entboten und die englische

Regierung ließ wissen, sie werde die diplomatischen Beziehungen mit

Luxemburg wieder aufnehmen.

Diese Mitteilung war ein fröhliches Hochzeitsgeschenk. Sie warf einen

tröstlichen Zukunftsschimmer in den regnerischen Tag.

Die bürgerliche Trauung erfolgte im Schlosse, bei offenen Türen.

Die kirchliche Einsegnung vollzog Msgr. Nicotra, der auch in Luxemburg

beglaubigte Internuntius aus Brüssel.

Nur die engern Familienmitglieder waren bei der Feier anwesend.

Trotz häßlicher Wühlereien und Anreizungen kam es zu keinem Mißton.

Das Volk verhielt sich würdig. Die Bürgermeister der Landgemeinden

hatten sich ebenfalls eingefunden. Die Straße huldigte dem hohen Paare

durch freudigen Zuruf.

Während der Vermählungsfeierlichkeiten sang der Domchor u. a. das

Lied: „Wie unsre Väter flehten."

Großherzogin Maria Anna erklärte mir nach dem Festmahl, das Lied sei

auf einen besondern Wunsch Ihrerseits sowie der Großherzogin Charlotte

eingesetzt worden; es sei auch das Lieblingslied der Großherzogin

Maria Adelheid gewesen.

Diese freundlichen Worte wurden mir einen Augenblick später von

Großherzogin Charlotte in liebenswürdiger Weise bestätigt.

Die junge Fürstin bot in dem schwerseidenen weißen Brautkleide unter

dem das Antlitz zart umrahmenden tief herabfallenden Schleier, im

Glanze des reichen Diadems und der strahlenden Augen, ein fast

hieratisches Bild.

* * * * *

Inzwischen hatte sich Herr Collart aus persönlichen Gründen

entschlossen, die Regierung zu verlassen.

In der Audienz vom 13. Dezember überreichte er der Fürstin, mir etwas

unerwartet, seine Entlassung. Ich bemerkte dazu: „Königl. Hoheit, wenn

mich Herr Collart von dieser seiner Absicht rechtzeitig benachrichtigt

hätte, würde ich mein Entlassungsgesuch angefügt haben."

Die Großherzogin blickte mich bei diesen Worten bestürzt an. Der

Staatsminister und die Kollegen redeten scharf gegen meinen Wunsch.

Ich wiederholte, wie ich mir von Anfang an diesen Zeitpunkt als Grenze

gesetzt hätte und wie ich niemals anders als freiwillig aus meiner

Stelle scheiden dürfe noch wolle. „Den Generaldirektor", meinte ich

schließlich, „kann unter den heutigen neuen Verhältnissen ein jeder

spielen. Ich weiß mir außerhalb der Regierung Aufgaben, die vielleicht

kein anderer vollführen könnte."

Am 16. Dezember erschienen in meinem Amtszimmer nach der Kammersitzung

die Herren Schiltz, Huß, Düpong, Bech und mein Schulfreund Eduard

Kirsch aus Sprinkingen. Sie kamen im Auftrag ihrer Partei und baten

mich im Namen der Siebenundzwanzig zu bleiben.

Ich legte auch ihnen meine Gründe dar. Sie widersprachen, drängten

und klagten. Herr Schiltz meinte schließlich in seiner schlichten

Offenheit: „Aber was wollen Sie denn jetzt schon gehen! Warten Sie

doch, bis sich eine Gelegenheit zu einem würdigeren Rücktritt bietet.

In absehbarer Zeit muß ja der Posten des Oberschulinspektors frei

werden. Warten Sie so lang und dann lassen Sie sich an die Stelle

nennen. Dann haben Sie doch was davon."

Ich erwiderte lachend, auf solche Weise wollte ich überhaupt nicht

gehen, denn es dürften sich an meinen Austritt keine andern Erwägungen

knüpfen.

Schließlich wurde unter dem lebhaftesten Einreden mein Widerstand ein

andermal erschüttert. Die Herren wiesen auf die Ungelegenheiten hin,

die ihnen in dem Augenblick aus meinem Rücktritt entstehen würden,

umsomehr, als Herr Liesch dann doch auch austreten müsse.

Diese Gründe entschieden. Zu der Rechtspartei hatte ich zudem, auch

bei der Erörterung von Grundfragen, immer die besten Beziehungen

unterhalten; sie war mir nie mit einer Zumutung genaht und ich war

überzeugt, daß wir auch in Zukunft sehr gut miteinander auskommen

dürften.

Ich mußte später dieser Unterredung allerdings mit besonderen Gefühlen

gedenken. Leider war da Herr Schiltz nicht mehr zugegen, um zu sehen,

wie der eine oder andere seiner mit anwesenden Freunde beflissen war,

meine Ernennung zu dem bescheiden besoldeten Amt, mit der er mich

damals zu locken suchte, so merkwürdig zu fördern!!

An dem nämlichen Abend war Hofdiner.

Die Großherzogin erwies mir nach Tisch besondere Aufmerksamkeit. Ich

redete ihr von dem Schritt der Rechtspartei und verständigte sie von

meinem Entschluß zu bleiben. Sie freute sich aufrichtig. Sie gestand

mir mit lebhafter Zustimmung, die von mir während unserer Audienz

vorgebrachten persönlichen Gründe habe sie zu würdigen gewußt und sie

verstehe meine Absicht. „Besonders als Sie sagten, wenn Sie einmal

wieder draußen wären, könnten Sie vielleicht manches schaffen, was

ohne Sie nicht getan würde, mußte ich Ihnen recht geben. So schwer es

mir auch geworden wäre, Herr Welter, doch da Sie es ~selbst~ so

wünschten, hätte ich Sie gehen lassen. Aber es hätte mir sehr leid

getan."

Ich dankte und versprach ihr als dichterisches Hochzeitsgeschenk ein

„Wilhelmuslied".

Am 5. Januar 1920 trat Herr Collart aus der Regierung.

Damit war die Waffenbrüderschaft zu Ende, die das erste Ministerium

der Großherzogin Charlotte in den schwersten Stunden so kampffreudig

und so treu umschlossen hielt. Damit war das nationale Ministerium vom

13. Januar 1919 aufgelöst.

Während der ersten Tage nach Herrn Collarts Scheiden lauschte ich

manchmal zum Nebenzimmer hin, wo er gesessen hatte. Die Wände

gaben keinen Schall mehr. Die jugendliche Spannkraft und ein

unverwüstlicher, manchmal landwirtschaftlich saftiger Humor waren aus

Sankt Maximin geschwunden. Ich mißte den jungen Freund anfangs sehr.

Herr Collart wurde in der Regierung ersetzt durch die Herren Ant.

Pescatore und Raymond de Waha.

Einige Tage später machte England sein Wort wahr. Sir Romuald Graham

überreichte am 15. Januar der Großherzogin sein Beglaubigungsschreiben

als englischer bevollmächtigter Minister.

Am 23. Januar wurde während der Tedeumsfeier zu „Großherzogins

Geburtstag" mein Lied: „+De Wilhelmus+" zum ersten Mal vom

Domchor gesungen.

Schon Großherzogin Maria Adelheid hatte mir den Wunsch äußern

lassen, auf die alte Wilhelmusmelodie, die ihre Lieblingsweise sei,

luxemburgische Worte zu suchen. Die richtige Stimmung kam mir erst

nach dem Vermählungsfest vom 6. November 1918 im Hochgefühl dessen,

was inzwischen für die Heimat erreicht worden war. Und so hielt ich

das der Fürstin am 16. Dezember gegebene Wort.

Ich wollte zugleich meine politischen Freunde, die gespannt auf meinen

Abgang lauerten, in ganz unparlamentarischer Weise ärgern.

Letzteres gelang. Das Lied und sein Verfasser wurden mit Lust

verhöhnt und mit Wonne beschimpft. Die alleswissenden Schreiber und

Vaterlandsfreunde fanden sogar, die berühmte Weise sei künstlerisch

minderwertig und müsse zugleich als ganz unluxemburgisch abgewiesen

werden.

Der Text lautete in erster Fassung:

+De Wilhelmus.+

+E neit Litt op eng al Weis.+

Im Dienste · 第 35 / 48 题