Am 24. April begannen in Brüssel die Verhandlungen über einen
wirtschaftlichen Abschluß zwischen Belgien und Luxemburg. Die Herren
Neyens und Collart vertraten die luxemburgische Regierung.
Am 25. folgte ich, in Vertretung des Staatsministers, der in Luxemburg
zurückgehalten wurde.
Ich empfand die Stimmung in Brüssel gar nicht so freundlich, wie sie
uns geschildert worden. Belgischerseits schienen sich die Herren Orts
und de Bassompierre noch immer mit besonderen Hintergedanken zu tragen.
Um so herzlicher trat uns der Regierungschef, Herr Delacroix, entgegen.
Als wir uns am Vormittag des 26. April zur Abschiedssitzung
zusammenfanden, fühlte sich Herr Orts veranlaßt, in etwas scharfem
Ton, auf eine für den folgenden Sonntag in Luxemburg geplante
Volkskundgebung zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit
aufmerksam zu machen. Es sei dies eine antibelgische Kundgebung und
die Brüsseler Regierung mache die luxemburgische verantwortlich für
alle etwaigen Ausschreitungen gegen Belgien und die belgische Fahne.
Wir erwiderten kurz und kühl, Luxemburg habe das Recht, wie jeder
andere selbständige Staat, seinen Willen zur Ausübung seines
Selbstbestimmungsrechtes auf seine Weise zu betonen. Wir seien der
Auffassung, die Kundgebung richte sich durchaus nicht gegen Belgien.
Im übrigen hätten wir Vertrauen in die Besonnenheit unserer Mitbürger.
Nein, nein, von Herzlichkeit war dieser Ton noch weit entfernt.
Und solche Reden führte ein belgischer Minister gerade in Brüssel,
an dessen Ecken immer noch die Annexionskarten prangten mit der
auffälligen, tiefroten Hervorstreichung der früher von Belgien
„losgetrennten" Gebiete; die luxemburgische Wunde an der Ostflanke
Belgiens blutete besonders breit und rot! Tatsächlich ein aufreizend
häßlicher Fleck! Es hieß noch immer sich vorsehen.
Die zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit als feierlicher
Verwahr gegen den Gewaltspruch des Viererrates und dessen Eingriff
in die freie Betätigung des Luxemburger Volkswillens vorbereitete
Massenkundgebung vom 27. April verlief eindrucksvoll und ohne
Zwischenfall. Die meisten Gemeinden des Landes sind vertreten.
Mitglieder feindlicher Parteien schreiten Arm in Arm. Unzählige
Schilder künden dieselben Wünsche und die gleichen Forderungen.
Aus den Falten der hundert Fahnen und Banner rauscht im Sturmhauch
der die Straßen fegenden Windsbraut die alte Liebe und das neue
Verlangen. Das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung wird unter
Anrufung Wilsons machtvoll betont. Der Wille zur Fortdauer in Freiheit
und Unabhängigkeit kommt bezwingend zum Ausdruck. „+Letzeburg de
Letzeburger!+" ist die Losung des Tages. „+Mir welle bleiwe
wat mir sinn+" ist der Herzensschrei vieler Tausende, der auf
den Schallwogen ununterbrochen sich ablösender Musikkapellen über
die Firste und Türme der Hauptstadt ins Land hinausgetragen wird.
Dieser Sonntag wurde wirklich zu einem Weihefest der Nation, zu einem
fröhlichen Ostern für die unsterbliche Seele des Vaterlandes.
Am 6. Mai führte die Regierung einen Entschluß aus, mit dem sie sich
lange getragen hatte. Er wurde, nach dem Eingreifen der Großmächte in
des Landes Geschick, als Notwendigkeit empfunden.
An dem Tage wandte sich Staatsminister Reuter in einem
bedeutungsvollen Schreiben an die Herren Clemenceau, Wilson, Lloyd
George und Orlando, bei denen damals Europas Zukunft lag.
Er erinnerte vorerst an den auf Wunsch der Großmächte verfügten
Aufschub des Referendums und schrieb im Vertrauen auf das feierlichst
festgelegte Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker wie folgt:
„Das luxemburgische Volk ist überzeugt, daß die Friedenskonferenz
nicht daran denkt, die eine oder andere an die Regierungsform und die
Lebensbedingungen des Großherzogtums rührende Frage zu regeln, ohne
das Land vorher in seinen berufenen Vertretern anzuhören.
Dieses Vertrauen wird gekräftigt durch den Inhalt der Mitteilung,
die uns im Namen der Friedenskonferenz zuging und aus deren
Wortlaut erhellt, daß es unserm Volke anheimsteht, gleich nach
Unterzeichnung des Vorfriedens in aller Freiheit das Referendum über
die Lebensfragen, die sein politisches und wirtschaftliches Schicksal
bestimmen, vorzunehmen.
Das luxemburgische Volk wäre dem Rat der Großmächte zu besonderm
Dank verpflichtet, wenn es ihm in der kritischsten Stunde der
folgenschwersten Entschlüsse gestattet würde, durch seine Vertreter
die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes und die
Wünsche seiner Bürger darzulegen.
Es äußert diesen Wunsch in Erinnerung an die zahlreichen
luxemburgischen Freiwilligen, die unter den Fahnen der Entente gedient
und ihr Blut für das Recht und die Freiheit vergossen haben."
Am 24. Mai gegen Abend überbrachte der luxemburgische Geschäftsträger
in Paris folgenden Bescheid:
„Mein lieber Minister!
In Beantwortung Ihres Schreibens vom 6. Mai darf ich Ihnen im Auftrag
des Rates der Großmächte mitteilen, daß der Rat gerne bereit ist, zu
jeder Zeit eine luxemburgische Abordnung zu empfangen zur Darlegung
der Luxemburgs unmittelbare Zukunft berührenden Fragen, die die
verbündeten Mächte in aller Aufrichtigkeit einer für die Luxemburger
günstigen Lösung entgegenführen möchten.
Haben Sie die Güte, mir auf jedem beliebigen Wege mitzuteilen, wann
eine solche Abordnung nach Paris kommen könnte. Wir werden dann das zu
einer Audienz Nötige veranlassen.