Für Dienstag, den 14. Januar 1919, war die Kammer einberufen. Am 11.
Dezember 1918 hatte ich sie verlassen und seither das Gebäude nicht
mehr betreten.
Dem Rufe der Mehrheit, als Geschäftsministerium weiterzuwirken, hatten
wir keine Folge geleistet.
Noch am 9. Januar tagte die Kammer ohne Regierung. Der
Revolutionssturm war inzwischen abgeschlagen worden und noch hatten
Herr Liesch und ich uns zu keinem neuen Entschluß aufraffen können.
Am 13. Januar erschien die Regierung vor Großherzogin Maria Adelheid.
Auch ihre Nachfolgerin war anwesend. Maria Adelheid bat uns, ihre
Schwester in dieser schweren Stunde nicht zu verlassen. Großherzogin
Charlotte wiederholte diese Bitte.
Wir sahen uns an und schwiegen. Wir fühlten uns müde und mutlos.
Endlich sagte Herr Liesch: „Ja, Königliche Hoheit. Aber es wird einem
nicht leicht." Ich fügte hinzu: „Es fällt allerdings schwer, aber es
geht nicht anders, wir sehen es ein."
Damit war die neue Regierung gebildet.
Noch heute wird immer wieder gedruckt, die Regierung Reuter sei
nach ihrem Abgang am 11. und 12. Dezember ruhig vor die Kammer
zurückgekehrt; denn diese habe sie in ihrer großen Mehrheit schon
am folgenden Tage aufgefordert, als Geschäftsministerium ihres
Amtes weiterzuwalten. Dieser Aufforderung war jedoch von uns nicht
entsprochen worden.
Niemand von uns hatte in den fünf Wochen jemals an diese Möglichkeit
denken wollen, seitdem der von mir im letzten Augenblick gewagte
Vorschlag von den Sozialisten höhnend abgewiesen worden war.
Wir blieben inzwischen am Ruder, nicht weil uns die Kammer am 13.
Dezember als Geschäftsministerium neu bestätigt hatte, sondern
weil eben kein anderer für uns einspringen konnte noch wollte. Wir
schafften im übrigen, was uns die Sorge um die Zukunft unseres Volkes
als Pflicht auferlegte.
Die Ereignisse überfielen uns. Wir hielten stand. Aber Maria Adelheid
hatte abgedankt. Prinzeß Charlotte sollte den Verfassungseid leisten.
Wer anders konnte diese bedeutsame Entscheidung vertreten, als die
Männer, die sie herbeigeführt hatten! Wer anders durfte und mußte
dafür die Verantwortung vor dem Volk und vor dem Ausland übernehmen?
Wäre es nicht Feigheit gewesen, sich dieser Verantwortung zu entziehen?
Zudem war, trotz des einstweiligen Erfolges, die Gefahr noch nicht
vorbei, weder für die Dynastie, noch für das Land. Die schwersten
Kämpfe standen noch bevor. In der Kammer wird, das wußten wir, die
entfesselte Bestie toben. Jenseits der Grenzen lauert der Feind und
wartet auf den Fall der reifen Frucht.
Der Rettungsfaden, den wir in Paris angeknüpft haben, ist nur für den
Eingeweihten vorhanden, und auch für diesen nur, soweit er gläubigen
Herzens ist. Wir müssen uns alle einsetzen für das Gelingen dessen,
was ein Einzelner von uns glaubte wagen zu müssen. Wie hätte da
besonders ich mich drücken dürfen!
Als nun die beiden Fürstinnen ihre Stimme vereinen, da ist es
entschieden: Wir werden vor die Kammer zurückkehren.
Das Koalitionsministerium aber hat damit keine Auferstehung erfahren.
Zwar sind es dieselben Männer, die sich zum neuen Gang vor die
Volksvertretung entschlossen haben. Doch kommen sie in anderm Auftrag,
beehrt und beschwert mit dem Vertrauen eines neuen Herrschers.
Sie kommen mit einer andern Aufgabe. Sie sollen nicht mehr als
Koalitionsregierung zwischen den einzelnen Parteien vermitteln.
Sie kommen als ein Ministerium der nationalen Verteidigung. Sie wenden
sich an alle patriotischfühlenden Männer in der Kammer, welcher
Richtung sie angehören. Ihr Ziel ist die Rettung der Freiheit und der
Unabhängigkeit ihres Landes aus der vielleicht schwersten Bedrängnis
seiner neueren Geschichte.
Sie holen sich für ihr Handeln das Gesetz allein bei der Notwendigkeit
und bei ihrem Gewissen.
Sie kommen in geschlossener Einheit, mit dem Mute der Aufrichtigkeit;
sie unterwerfen sich von vornherein dem Urteilsspruch der Nation.
Zweites Buch.