Vor Beginn der Kammersitzung des 9. Januar tagt und tobt auf dem
Wilhelmsplatz eine republikanische Versammlung. Die Führer verlesen
einen Aufruf an die Volksvertretung. Sie fordern die Absetzung der
Dynastie und die Republik.
Die aufgeregte Menge zieht vor das Kammergebäude.
~Im Sitzungssaal ist der Regierungstisch noch immer leer.~
Der Tag setzt stürmisch ein. Eine Tagesordnung der Liberalen,
gezeichnet von den Herren Brasseur, Pescatore, Palgen, Diderich, Gallé
verlangt, aus Gründen der innern, und noch mehr der äußern Politik,
wobei der Haltung des Herrn Pichon und dem Ausbleiben des Herrn
Mollard ein besonderes Gewicht beigelegt werden, die Entfernung der
Großherzogin und des Herrscherhauses.
Der Bürgermeister von Differdingen, dem die Erinnerungen an das
Revolutionstribunal in Paris durch den Kopf spukten, schrie, eine auf
dem Wilhelmsplatze tagende Volksversammlung habe soeben die Absetzung
der Dynastie beschlossen. Man solle dem Volke den Zutritt in die
Kammer gestatten, damit es durch eigene Wortführer seinen Willen
verkünden könne.
Herr Schiltz mahnt, die Erörterungen über diese Angelegenheit etwas
aufzuschieben; in vielleicht einer halben Stunde schon könne von
Seiten der Regierung eine wichtige Meldung einlaufen, die jede
Weiterdebatte überflüssig machen dürfte; er beantrage einstweilen, die
zur Untersuchung der Militärverhältnisse eingesetzte parlamentarische
Kommission aufzulösen und die Weiterführung dieser Untersuchung an die
Regierung sowie an die Staatsanwaltschaft zu verweisen.
Die Tribünen greifen fortwährend störend in die Verhandlungen ein.
Nach vergeblicher Mahnung zur Ruhe unterbricht Herr Präsident Altwies
die Sitzung unter dem verzweifelten Protest der Gegner. Die Sitzung
wird an dem Tag nicht mehr aufgenommen.
* * * * *
Die Ereignisse jagen und überstürzen sich. Sie streifen dann und wann
an die entscheidende Schicksalsstunde eines Volkes, überpurzeln sich
ins Groteske und enden in der Lächerlichkeit.
Gleich nach Unterbrechung der Sitzung bemühten sich Radikale und
Sozialisten, eine provisorische Regierung von fünf Mann auf die Beine
zu bringen.
Im Kasernenhofe wartete inzwischen die Truppe ihrerseits auf die
Ereignisse; doch waren nur die sog. Militärschüler anwesend. Einige
Mitglieder der +Action républicaine+ hatten den Leuten vorher
verkündet, im Laufe der Nachmittagssitzung werde es in der Kammer,
unter dem Druck des Volkes, zur Ausrufung der Republik kommen; eine
neue Regierung werde eingesetzt; die Soldaten möchten sich bereit
halten, um dieser republikanischen Regierung zur Verfügung zu stehen.
In der Kammer aber konnten sich die Linksparteien nicht so im
Handumdrehen auf die neue Regierung einigen. Die Menge draußen
schwoll stets stärker an und schrie immer ungeduldiger nach den Namen
des republikanischen Ministeriums. General de la Tour trat in das
Kammergebäude und erinnerte die Abgeordneten an seine Pflicht, für
die öffentliche Ordnung zu sorgen und alle störenden Ansammlungen zu
verhindern; wenn die Herren in einer Viertelstunde die Menge nicht
beschwichtigt hätten, so müsse er eingreifen. Der Bürgermeister
von Luxemburg wollte von der Kammertreppe herunterreden; er wurde
ausgezischt. Feldwebel Eiffes rief dem Volke zu, er werde die
Militärmusik kommen lassen und sie wollten dann einen Umzug durch die
Stadt halten. Alles johlte und niemand wich.
Vor der Hand schrie ein Quidam von der Treppe des Kammergebäudes
herunter die Republik aus. Allgemeines Hallo und Gebrüll!
In die Kaserne wird sofort gemeldet, die Kammer habe den Beschluß
der Volksversammlung gebilligt und die Republik eingesetzt; die
Mannschaften möchten sich der neuen gesetzmäßigen Ordnung anschließen.
Darauf entfernen die Militärschüler den Namenszug der Großherzogin von
den Tschakos und erklären sich für die Republik.
Im hohen Haus aber stößt die Einrichtung des Wohlfahrtsausschusses
auf mannigfache Schwierigkeiten. Frühere Politiker, die man für
die neue Regierung gewinnen wollte, lehnen ab. Doch gelingt es
schließlich, eine Anzahl Leute zusammenzubringen, die für den andern
Tag die provisorische Regierung gebären sollen. Dieser öffentliche
Wohlfahrtsausschuß besteht aus den Herren Emil Servais, Brasseur,
Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Mark, Kayser und Diderich.
Herr Eiffes bringt den neuen Männern kein rechtes Vertrauen entgegen
und aus dem Volke schallt es ihnen zu, sie sollten sich nur nicht
erlauben, Komödie zu spielen.
Jetzt kommt auch die Militärkapelle heranmarschiert und sucht, die
Menge an ihren klingenden Zug zu fesseln. Der Pöbel steht wie eine
Mauer. Da erscheinen französische Soldaten und schaffen Raum.
Inzwischen sitzt der Wohlfahrtsausschuß an seiner ersten Botschaft
an das Volk. Die Sache fleckt nicht. Feldwebel Eiffes redet ein
Herrenwort mit und macht dadurch die Sache nicht leichter. Er läßt
den Herren endlich durch einen Soldaten melden, wenn der Aufruf nicht
in fünf Minuten fertig sei, so werde er selbst die Sache in die Hand
nehmen. Da läuft sogar dem Würdigsten der erlauchten Versammlung
die Galle über und er schreit empört, eine Regierung könne man doch
nicht aus dem Ärmel schütteln, und so ein Manifest auch nicht, und
schließlich sei er nicht der Sklave des Herrn Feldwebels.
Unterdessen hatte die Musik ihre Straßenpromenade beendet und den
Kiosk des Paradeplatzes umstellt. Die Menge lärmte vor Ungeduld über
das Ausbleiben des Wohlfahrtsausschusses. Es sollten Leute bezeichnet
werden, die im Namen des Volkes bei dem Ausschuß vorstellig würden.
Endlich hatte der Ausschuß das neue Evangelium der Freiheit fertig.
Die Väter des Vaterlandes stellten sich in Positur und marschierten
unter dem Schutze des Herrn Eiffes zum Kiosk des Paradeplatzes,
damit von diesem Kapitol der Stadt Luxemburg das Reich und das Heil
verkündet werde.
Doch siehe, die Botschaft befriedigte nicht. Grundsätzlich zwar
hatten sich die neuen Machthaber für die Republik ausgesprochen; sie
erklärten aber, nur eine gesetzlich gewählte Nationalversammlung könne
über die endgiltige Regierungsform befinden.
Der Pöbel pfiff und zischte; er wünschte unmittelbare Einrichtung
der Republik. Dagegen sträubte sich das Gewissen der zum ersten
Wohlfahrtsausschuß zählenden, vom Rechtsempfinden angekränkelten
Advokaten, die den Weg der Gesetzlichkeit nicht verlassen wollten.
Herr Eiffes seinerseits trat vor und wollte erfahren, ob die
Forderungen der Freiwilligen anerkannt würden. Ihm kam die Antwort,
erst müsse das umfangreiche Dossier geprüft werden. Zu dieser Prüfung,
so herrschte der Gewaltige zurück, habe man vierzehn Tage Zeit gehabt;
seine Geduld sei zu Ende und er verlange sofortige Zustimmung.
Vergebens suchten die Redner die Masse zu beschwichtigen. Auch der
verwöhnte „Sohn des Volkes" wurde niedergezischt. Da schämte sich
der eine und andere der Vernünftigen vor sich selbst, trat von den
Demagogen fort und ging nach Haus.
Der erste Wohlfahrtsausschuß hatte gelebt.
Während dieser den Platz überheulenden Groteske saßen in den
Wirtshäusern um den Platz herum die echten Luxemburger Bürger,
droschen ihren Skat, tranken ihren Humpen in aller Heiterkeit des
Gemütes und ließen die Retter der Volksfreiheiten und die Heilande des
Volkswohles schwitzen und schwatzen.
Kaum war der erste Wohlfahrtsausschuß gegangen, so beantragte Herr
Eiffes die Ernennung eines zweiten: Dieser sollte sich zusammensetzen
aus zehn Soldaten und zehn Bürgerlichen. Sofort und auf dem Platze
selbst sollte der neue Soldaten- und Bürgerrat ausgewählt werden.
Nach einer Pause gespannter Erwartung meldeten sich zu der Ehre
vier Bürgerliche, jeder für sich eine wirklich außergewöhnliche
Persönlichkeit. Sie begeben sich zur Kammer zurück. Die Menge wälzt
ihnen nach. Von dem ersten Wohlfahrtsausschuß sind nur noch drei am
Platz. Der zweite Wohlfahrtsausschuß setzt sich ans Werk und müht sich
über Nacht.
In der Nacht kommt es zu bedauerlichen Ausschreitungen. Ein
verzweifelter Bursche, früherer Telegraphenbeamte, bricht ins
Postgebäude ein, um nach Telegrammen und Flugschriften Umschau zu
halten.
Am Morgen des 10. Januar sind Regierung, Schloß, Post und Sparkasse
von französischen Soldaten bewacht oder besetzt.
Im Kammergebäude bildet sich nach vielen Verhandlungen zwischen
Sozialdemokraten, Republikanischem Ausschuß und Soldatenführern eine
neue vorläufige Regierung. Es gehören dazu die HH.: René Blum, Gaston
Diderich, Jacques Gallé, Aloys Kayser, Adolf Krieps, Eduard Léon,
Emil Mark, Josef Palgen, Jakob Schaack, Emil Servais, Josef Thorn,
Jules Ulveling, Dr. Michel Welter. Die Dreizehn Männer lassen gegen
halb fünf Uhr nachmittags, wieder von der Kammertreppe herunter, aus
Greisenmund die Abschaffung der Dynastie und die Republik verkünden.
Auch im Regierungsgebäude sprechen die neuen Männer vor, um sich beim
Staatsminister als die Erwählten des Volkes zu melden und unsere
Plätze einzunehmen. Sie wurden nicht vorgelassen und nahmen bald einen
stillen Abgang, denn die wachehaltenden Poilus flößten ihnen kein
rechtes Vertrauen ein.
Die Regierung ihrerseits blieb nicht untätig.
Freiwilligenkompanie und Musik wurden wegen umstürzlerischer
Haltung aufgelöst; eine Neubildung des „Korps", so hieß es im
Regierungsbeschluß, werde zur geeigneten Stunde erfolgen.
Die Gendarmen hatten sich hartnäckig geweigert, die Meuterei
mitzumachen. Sie wollten ihre eigenen Forderungen auf dem friedlichen
Verwaltungswege erreichen und erklärten, an der Bewegung in der
Kaserne unbeteiligt zu sein. Wir waren leider nicht genügend über den
guten Geist unterrichtet, der diese wackere Truppe beseelte.
Eine durch Feldwebel Eiffes im Kasernenhof einberufene
Massenversammlung wurde von dem französischen Ordnungsdienst vereitelt.
Der neue Wohlfahrtsausschuß erschöpfte sich im Aufstöbern geeigneter
Wege, um mit den ausländischen Gesinnungsgenossen in Verbindung zu
treten, und besonders um die Ansicht Pichons und der französischen
Regierung über ihre zukünftige Stellung zum Großherzogtum zu erfahren.
Alle für die Sicherheit des Staates gefährlichen Telegramme wurden
zurückgehalten.
An die Bevölkerung erließ die Regierung folgenden Aufruf:
Mitbürger!
Eine revolutionäre Bewegung ist gestern in der Hauptstadt unseres
Landes ausgebrochen. Sie bezweckt die Ausrufung der Republik und die
Absetzung der Dynastie.
Durch die Unruhen, zu denen diese ungesunde Aufregung führen muß, wird
die nationale Ehre und die Unabhängigkeit des Großherzogtums in der
kritischsten Stunde seiner Geschichte schwer bedroht.
Die Regierung richtet an alle Bürger, denen die Wahrung dieser
kostbarsten Güter am Herzen liegt, die dringende Bitte, mit Einsetzung
aller Kraft für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der
Gesetzlichkeit einzutreten.
Dies ist umso notwendiger, als sich das Land vor die folgenschwersten
Entscheidungen, von denen die Zukunft seines wirtschaftlichen
Aufschwungs abhängt, gestellt sieht. Die Regierung ist willens,
den wirtschaftlichen Anschluß an die Ententemächte, besonders an
Frankreich und an Belgien, herbeizuführen. Die zu dieser Annäherung
erforderlichen Verhandlungen müssen in naher Zukunft angeknüpft werden.
Tatsachen der letzten Wochen haben bewiesen, daß die Person unserer
Landesherrin unter Umständen den Verlauf dieser Verhandlungen
ungünstig beeinflussen könnte.
Ihre Königliche Hoheit, der das Wohl des Landes warm am Herzen liegt,
erklärte sich deshalb bereit, der Krone zu entsagen. Sie ersucht die
Regierung, die zur Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und der
Beibehaltung der Dynastie gebotenen Maßregeln zu treffen.
Zur Erledigung dieser Pflicht wird die Regierung ohne Verzug mit der
Kammer in Verbindung treten.
Die Regierung ist überzeugt, daß in diesem Augenblick die Erhaltung
der Dynastie eine wesentliche Gewähr ist für den Bestand unserer
nationalen Selbständigkeit, und daß auch die Verwirklichung des
erwünschten wirtschaftlichen Anschlusses dadurch in keiner Weise
beeinträchtigt wird.
Das höhere Wohl des Vaterlandes gebietet uns, das Volk nicht auf den
verhängnisvollen Weg der Anarchie hinauszudrängen. Dieser Wunsch wird
von der übergroßen Mehrzahl unserer Mitbürger geteilt.
Der endgiltige Entscheid über die dynastischen, sowie über alle
übrigen, das Schicksal des Landes betreffenden Fragen bleibt der
Willensäußerung des Luxemburger Volkes vorbehalten, das in aller
Freiheit und auf gesetzliche Weise darüber befinden soll.
Wir bitten unsere Mitbürger inständigst, sich auf dem Boden der
nationalen Verständigung einmütig zusammenzuschließen. So allein
sichern wir unsere Würde angesichts der großen, uns befreundeten
Nationen. So allein erhalten wir unserm Lande die Ruhe und den
Frieden, deren es so dringend bedarf.
Luxemburg, den 10. Januar 1919.
Die Mitglieder der Regierung,
+E. Reuter+,
+N. Welter+,
+A. Liesch+,
+A. Neyens+,
+A. Collart+.
Das Regierungsgebäude selbst bietet ein abenteuerliches Bild. Gleich
das Eingangstor steht unter dem Schutz eines französischen Jägers. Nur
wer sich ausweisen kann, erhält Zutritt.
In der Vorhalle starrt eine Gewehrpyramide. Im Vorzimmer, im Gang,
lehnen und wandeln blaue Krieger im Stahlhelm. Am Abend, beim
elektrischen Licht, wird der Eindruck geradezu phantastisch. Man wähnt
sich in einer Wachstube aus spät mittelalterlicher Zeit, aus den Tagen
der Reisläufer und Landsknechte.
Für unsere Sicherheit ist gut gesorgt. Aber man trägt in sich das
beschämende Gefühl: „Fremde müssen die Ordnung und die Vertreter der
öffentlichen Ordnung schützen, weil die Luxemburger Mannschaften,
gleich das erste Mal, wo die Pflicht des Fahneneides an sie herantrat,
schimpflich versagten."
Im Kammergebäude geht es inzwischen zu wie in einem Bienenhaus. Ein
verworrenes Abundzu, Ausundein, ein Schwirren und Schwärmen, besonders
von Leuten, die dort nichts zu suchen haben.
Schließlich fühlte sich der französische Offizier, dem die
Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen anvertraut war, durch die
ewige Unruhe behindert, und meinte zu Herrn Altwies, seines Erachtens
sei nun auch für den Herrn Kammerpräsidenten die Zeit gekommen, im
Parlamente selbst Ordnung zu schaffen.
Wir ließen den Gendarmeriehauptmann rufen. Der war der Meinung, er
könne zu der Säuberung des Gebäudes nur zwei zuverlässige Leute zur
Verfügung stellen.
„Das wäre allerdings wenig, beschied ihm Herr Altwies; doch gehen
Sie immerhin mit den beiden Leuten in die Kammer und fordern Sie
die unbefugten Eindringlinge auf, sich zu entfernen. Ihre Haut
brauchen Sie dabei nicht zu Markte zu tragen. Dann erstatten Sie mir
schriftlich Bericht."
Herr Beck ging und meldete bald nachher, die zwei Brigadiers hätten,
dem Befehl des Kammerpräsidenten entsprechend, die in der Kammer
Anwesenden zum Fortgang ermahnt; ein Abgeordneter habe geantwortet,
der Kammerpräsident habe nichts mehr in der Kammer zu suchen; die
übrigen hätten auch keine weitern Anstalten zum Fortgehen getroffen;
daraufhin hätten sich die beiden Gendarmen zurückgezogen.
Der Wohlfahrtsausschuß stellte jetzt Nachweiskarten aus, deren Trägern
allein das Betreten des Kammergebäudes gestattet wurde.
Die folgende Nacht gebar manch neuen Unfug. Der Regierungsaufruf wurde
auf dem Wege von der Druckerei zur Post von Militärschülern entwendet
und verschleppt. Ein Anschlag auf das Staatsauto wurde durch die
Geistesgegenwart des treuen Gendarmen und Führers, Herrn van Dyck,
vereitelt.
Im Vormittag des 11. Januar verhinderten eine Anzahl Militärschüler
den Versand des „Luxemburger Wort". Ein Haufen Nummern wurde aus der
Bahnhofsbibliothek geraubt und verbrannt. Der Redaktionshof mußte
durch französische Mannschaften behütet werden.
Gegen Abend erschien ein neues Mal die revolutionäre Regierung in St.
Maximin und verlangte, vom Staatsminister empfangen zu werden. Ihr
wurde eine schriftliche Absage hinausgeschickt. Einige Mitglieder
beriefen sich auf ihre Eigenschaft als Abgeordnete. Sie erhielten
den Bescheid, sie hätten sich als Abgeordnete selbst außerhalb des
Gesetzes gestellt. Da kam die Antwort: Schön, so würden sie warten.
Das bleibe ihnen unverwehrt, scholl es zurück.
Kurz nachher verließen wir einzeln das Haus. Die Herren hockten im
Vorzimmer und sahen uns gehen. Da kehrten sie still in die Kammer
zurück. Hier wartete ihrer bald eine neue Überraschung.
Wir hatten inzwischen die Gendarmen, die sich erreichen ließen, in
die Regierung beschieden. Herr Generaldirektor Liesch, als Chef der
Justiz, prüfte sie auf ihre Gesinnung. Sie stellten sich sämtlich der
Regierung in strammer Entschlossenheit zur Verfügung. Sie erhielten
den Befehl, der Weisung des Kammerpräsidenten entsprechend zu handeln.
Nach wie vor hielten sich mit dem Wohlfahrtsausschuß auch eine Anzahl
Freiwilliger im Kammergebäude auf. Die Ordnung im Hause wurde nicht
gerade als erbaulich gemeldet. Herr Altwies beschloß, sein Haus
endgiltig zu säubern.
Im Hinweis auf den vom Gendarmeriehauptmann vergeblich unternommenen
Versuch, forderte er den französischen Leutnant, der die Zugänge zur
Kammer bewachte, auf, die Revoluzzer in Uniform aus dem Hause zu
entfernen. Die trutzigen Militärschüler räumten das Feld.
Dann erhielten unsere Gendarmen den Befehl, alle übrigen im
Kammergebäude anwesenden Personen, ob Abgeordnete oder nicht, an die
Luft zu setzen. Die Leute traten an. Ehe sie noch die Treppe erstiegen
hatten, war der letzte Wohlfahrtsausschüssler verduftet. Sie tagten in
einem nahen Wirtshaus weiter.
Herr Altwies verfügte, daß die Kammer bis zur nächsten Sitzung
geschlossen bleibe. Zutritt sollte nur erhalten, wer sich schriftlich
vom Präsidenten oder der Regierung ausweisen könne.
Sonntag vormittag, den 12. Januar, sollten die Freiwilligen im
Kasernenhofe auf die Republik vereidigt werden. Da lasen sie an der
Mauer eine Regierungserklärung des Inhalts, sämtliche Leute, die an
der Eidesleistung teilnähmen, könnten nicht wieder eingestellt werden;
wer sich aber zu einer besseren Einsicht bekehre, der dürfe sich für
die Neubildung der Kompanie in der Regierung wieder anmelden; die
Gesuche würden einzeln geprüft und erledigt werden.
Die Eidesleistung fand nicht statt.
Gegen halb zwölf erschien in der Regierung eine Abordnung aus der
Kaserne, bestehend aus zwei Feldwebeln, zwei Sergeanten, zwei
Gemeinen. Sie seien gekommen, so erklärten die Leute, im Namen aller
Soldaten, auch im Einverständnis mit Feldwebel Eiffes, um zu melden,
daß ihr unüberlegter Schritt ihnen leid tue. „Gewisse Politiker",
gestanden sie, „haben uns irre geführt. Wir sind bereit, in die
Ordnung zurückzutreten."
„Gut!" lautete der Bescheid. „So beugen Sie sich vorher dem Befehl
und lösen sich auf. Der Namenszug der Großherzogin muß sofort wieder
auf den Tschakos erscheinen. Kleider und Waffen werden ordnungsgemäß
abgeliefert. Dann gehen Sie nach Hause und warten das Weitere ab."
Am Nachmittag schon begann der Auszug aus der Kaserne. Jeder einzelne
Soldat erhielt durch den Hauptmann die auf seinen Namen lautende
Entlassung aus dem großherzoglich-luxemburgischen Militärdienst
eingehändigt und es wurde ihm damit der Abschied erteilt.
Die Ausreise verlief nicht ohne Humor und unter muntern
Zwischenfällen. Vor und hinter allerlei Fuhrwerken, die mit Körben
und Kisten hochbepackt waren, zogen sie gruppenweise, in Uniform,
in Zivil, zum Bahnhof. Den meisten der Jünglinge war bei dem Werke
des Umsturzes überhaupt nicht ganz geheuer gewesen. Sie waren froh,
so leichten Kaufes wieder zu Muttern zu kommen. Ihr Haupttrupp zog
hüteschwenkend über den Viadukt und sang im Chor: „Muß i denn, muß i
denn zum Städtle hinaus."
Wäre es den Vertretern des Öslings, den Herren Böver und Prüm,
nach Wunsch gegangen, den edlen Kämpen wäre von den Nachkommen der
Klöppelmänner ein ganz anderer, gar übler Empfang bereitet worden. Das
wenigstens war die erzieherische Absicht, die die beiden Abgeordneten
bei ihrer forschen „Proklamation an die Öslinger" geleitet hatte.
Herr Feldwebel Eiffes fand den Weg über die Grenze. Die Mitglieder der
Militärkapelle baten ebenfalls um Verzeihung und Vergessen.
Eine Anzahl Reuiger unter den Entlassenen wandte sich kurz nachher
an den Staatsminister mit der Bitte um Wiedereinstellung; sie
überreichten zugleich die folgende Erklärung, die den ganzen Putsch
in die richtige Beleuchtung und Bedeutung rückt und beweist, wie eine
innerverwaltliche Angelegenheit in zielbewußter Vorbereitung zu einer
politischen umgewandelt wurde:
„Die Unterzeichneten beehren sich, Ew. Exzellenz folgende Erklärung
abzugeben:
Wir bedauern an den politischen Ereignissen der letzten Tage Anteil
genommen zu haben. Es ist dies nicht unsere Schuld. Wir waren stets
bestrebt, aus unserer rein internen militärischen Angelegenheit jede
Politik fernzuhalten. Lediglich falsche Vorspiegelungen und geheime
Umtriebe haben uns zu diesem Schritt geführt.
Um unsere Haltung in dieser Hinsicht näher zu kennzeichnen, seien
folgende Tatsachen angeführt:
1. Zu jeder Zeit haben wir gegenüber dem Hauptbeteiligten offen unsere
Meinung vertreten, daß wir eine eventuelle Einmischung in die Politik
nicht billigen könnten. (Aus diesem Grunde erklärt es sich, warum
dieser uns über seine Beziehungen zu Außenstehenden bis zur letzten
Stunde keine Mitteilung machte.)
2. Um bei uns keinen Argwohn zu erregen, wurde uns versichert, unsere
Angelegenheit bezwecke nichts Politisches.
3. Als für Donnerstag, den 9. Januar, eine Kundgebung auf dem
Wilhelmsplatz angesagt war, verlangten die Unterzeichneten die
Konsignierung der Truppe, weil dieselben in diesem Umstand die
beste Garantie erblickten, die Freiwilligen von dieser Bewegung
fernzuhalten. Dieses Zugeständnis wurde uns aber erst nach längerm
Zögern gemacht.
4. Wir hatten keine Kenntnis davon, daß die Absetzung der Dynastie
sowie die Proklamierung der Republik in der von uns einberufenen
Versammlung in der Kaserne auf der Tagesordnung standen.
Dadurch, daß dies dennoch geschah, waren wir vor eine fertige Tatsache
gestellt.
5. In derselben Versammlung wurden uns falsche Nachrichten über die
Vorgänge in der Abgeordnetenkammer überbracht, welche dahin lauteten,
Großherzogin und Regierung hätten abgedankt, die Kammer hätte die
Republik erklärt, und eine neue Regierung sei gebildet. Diese
Nachricht riß die ahnungslose Kompanie mit sich fort und verleitete
dieselbe, sich den politischen Kundgebungen von draußen anzuschließen.
Aus vorstehenden Erörterungen mögen Ew. Exzellenz ersehen, auf welche
hinterlistige und versteckte Weise wir irregeleitet und gegen unsere
Absicht und unseren Willen zu dem verhängnisvollen Schritt geführt
wurden, der uns unsers Ansehens beraubt hat und der unsere Existenz zu
vernichten droht, für die wir während langen Jahren dem Staat unsere
besten Kräfte und unsere Gesundheit geopfert haben.