VII.

Rufford Abbey.

Ich hatte für den August 1899 eine Einladung nach Rufford Abbey erhalten.

Rufford Abbey in Nottinghamshire ist einer der ältesten Herrensitze in

England. Eigentum der Zisterzienser bis zu Heinrich VIII., der ihn einem

Earl von Shrewsbury verlieh, blieb er inmitten höchst wechselvoller

Schicksale ein bevorzugter Aufenthalt der Könige von England, besonders

Karls II. Auch heute noch wird jener traditionelle Verkehr durch Eduard

VII. besonders lebhaft rege gehalten.

Hatten schon die Berichte von Ruffords Ländereien und historischen

Schätzen, vom langen Saale, mit seinen elf nach Westen sehenden Fenstern,

der Halle mit der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt usw,

meine Erwartungen sehr hoch gestimmt, so vollends die Geistergeschichten,

die über dieses Schloß im Umlauf sind. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft

mit ihnen wollte mich mit gespannter, aber durchaus heiterer Neugierde

erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen skeptisch

gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so siegreich

ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spaß,

wenn er von jenen leeren Schemen -- zu welchen er zwar selbst über Nacht

gehören kann -- wie von etwas »Wirklichem« Kunde erhält.

Schlaflos war ich die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen graute

kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes Land.

Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus

und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Fast lautlos fuhr

jetzt der Zug die trauernde Ebene dahin. Und in jenem unendlichen,

schattenhaften Grau, das den Himmel und die weite Erdfläche erfüllte,

wollte endlich auch mein Bewußtsein ruhen und versinken.

Aber kaum eine Minute lang!

Denn als ich erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das

Land gebreitet, und zugleich rief meine erschrocken ausgestreckte Hand ein

anderes Bild in mir wach, das unvergeßlich, ich wußte es wohl! zwischen mir

und der Außenwelt in jenem Augenblick entstanden war.

Aber welcher Unhold hatte mich da so unvermittelt und so willenlos über

eine so fremde Schwelle geführt?

Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das

Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg

herein; und ich sah in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis

zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten,

aber schon sehr alten Frau: -- zwei langgedrehte seidne Locken, deren Enden

sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge; ihre reizende Hand

hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt,

erwartungsvoll auf mich gerichtet! Als ich aber, seltsam zu ihr hingezogen,

nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen suchte, da

zerfiel, zersetzte, _zerfetzte_ sich ihr Angesicht vor meinen Augen zu dem

eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte ich die Hand

aus um den furchtbaren Anblick von mir abzuwehren. --

Ein herrlicher Tag strahlte über das blaue Meer und Englands teure Küste.

Wer ahnt es heute nicht, in unseren so stark differenzierten Ländern, jenes

wachsende, peinvoll sehnsüchtige Bewußtsein unendlichen Einsseins

verwandter Rassen? -- Von meinem Zuge aus sah ich Englands berückendes, in

seiner Fülle so gedämpftes Licht, und mit halb verträumten, halb beglückten

Augen starrte ich in diese auf den ersten Blick so schlichte, in ihrem Reiz

so mächtige Natur. Denn London hatte eine Lebensfreude in mir

hervorgerufen, wie ich sie noch nie empfunden!

Aber noch am selben Nachmittag fuhr ich weiter, und von Ollerton aus in

einem flügelleichten Wagen durch herrliche umzäunte Wälder schnell dahin.

Es ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz über Boden und

Gezweig. Unter dem hohen Farren huschte und raschelte es, und ein winziger

Hase, vor Schreck gelähmt, hockte mitten am Weg. Ich lachte über diesen

Anblick auf. Meine lautlose Fahrt, das herrliche Gespann, der lebenflutende

Wald ließen nur freudige Eindrücke zu. Zuletzt flogen die Pferde eine weite

Allee im hellen Abendlicht entlang, und in einer Mulde, von einem weiten

Waldesring umschlossen, und keinem unbefugten Auge sichtbar, lag Rufford

Abbey ein riesengroßer, schweigsamer und strenger Bau; -- hinter einer

breiten kurzen Brücke trat zuerst der niedere Teil des ehemaligen Konvents

hervor, dann unter steinernen wappentragenden Löwen der offene Eingang in

der gedämpften gemütlichen Pracht seiner kostbar ausgeschlagenen Wände. An

Rüstungen und Waffen, an der Minnesängergalerie vorbei, eilte ich in den

Rittersaal. Meine Stimmung war so hoch, daß ich nicht wider sie an konnte:

in einem solchen Rahmen lang entbehrte Freunde wieder zu begrüßen, war ein

Erlebnis.

* * * * *

Zufällig wurde noch am selben Abend bei Tisch von den Gespenstern Ruffords

gesprochen, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer gewöhnlich vermieden

wird. Aber ich war hierin, wie überhaupt in allem, noch sehr wenig

eingeweiht und erfuhr also auf mein neugieriges Fragen hin, daß es über

Ruffords Geschichte viele, zum Teil von den Besitzern selbst verfaßte

Bücher und Urkunden gab, die samt und sonders unter Ruffords Kriegsdaten,

Erbschaftsprozessen und Mordtaten, -- meist in demselben trocknen

sachlichen Tone, -- auch Ruffords Gespenster zur Erwähnung brachte. Dies

rief nun unverzüglich meine eigenen Erinnerungen wieder wach. Mir hätten

»rief ich«, diese Geister wohl ganz besondere Ehren zugedacht, da mir ja

einer schon bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte ich das

seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage, und das Gesicht, das ich am

Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in meiner

Erzählung inne, als ich die plötzliche Stille und die überraschten,

gespannten Mienen rings um mich her bemerkte.

* * * * *

Ich wohnte im ersten Stockwerk nach Osten. Ein breiter Korridor trennte

mich von den westlichen, sogenannten Stuartzimmern. Nach Norden hin lag

wieder eine Flucht wahrhaft königlicher, zurzeit leerstehender Gemächer.

Ach die Pracht der Möbel, der Gobelins und Kamine war es nicht allein! In

Nationalmuseen sieht man vereinzelt, wie ausgestopft, solche Stücke. Aber

überall das Zusammentönen und -leben dieser stillen Truhen, dieser alten

Teppiche und Seidenvorhänge, und überall an den Säulen und Himmelbetten,

und an den Angeln der schlanken Fachkästen und Stühle das kunstvoll so rein

und naiv gewundene oder skulptierte Holz! Wo an den niederen Wänden der

Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Löwen ausgefüllt, oder

köstliche Schreine eingelassen sind, ziehen sich durch jene Zimmer hindurch

früh mittelalterliche Gobelins: lange Prozessionen schreiten da einher,

Könige, Bischöfe und Heilige, edle Jungfrauen blicken rührend und ernst,

und hinter dem Stuartbett, heute wie damals, eine geheimnisvoll schöne,

eine große, weinende Gestalt!

Ich ging von Zimmer zu Zimmer mit einem der Gäste, der mich als Führer auf

meinem Rundgang begleitete. Aber fast hatten wir einander vergessen. Denn

wie in sehnsüchtiger Abendröte atmete und verweilte hier noch die weite

Vergangenheit.

Und nun betraten wir die Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaus, der

den Übergang bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei. Von da

aus führt ein langer, schmaler Gang zu den jetzigen Privatgemächern

Ruffords, die ziemlich entfernt über der Kapelle und dem ehemaligen

Refektorium liegen. »Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,« sagte jetzt

mein Führer und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer höhlte sich hier in

verschiedenen Windungen und Stufen, und führte plötzlich zu einer

Versenkung und einer Türe. Wir traten ein. Zwischen den Quadern verborgen

hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes, schmales Gelaß. Schwermütig

fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes

Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem

Fenster reichte, stand davor. Zu genau war mir schon der Anblick, die

unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre bekannt! --

Indes erfüllte es mich mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise

Bestätigung eines gespenstigen Traumes mich nicht ängstigte, um so mehr,

als die Inhaber der Stuartzimmer sich über die fiebernden und schlaflosen

Nächte, die sie in Rufford verbrachten, unumwunden äußerten. Dabei wußte

man von diesen Räumen, sowie von dem anstoßenden Prunksaal, den der König,

damals noch Prinz von Wales, bewohnen sollte, gar nichts Schauerliches zu

berichten. Ich hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein,

sondern meine Türe führte direkt in ein großes, in gelbem Damast und Silber

ausgeschlagenes Paradezimmer, das für die »schwersten Gespensterfälle«

notorisch ist.

_Unter sich_ nämlich pflegen die Gäste in Rufford Abbey solche Geschichten

ohne Ende auszutauschen. Nur mußte es mich befremden, wenn von erwarteten

Besuchern die Rede war, immer wieder Namen zu hören, die mit den

haarsträubendsten Erlebnissen verflochten waren. Aber dies läge an dem

unglaublich großen Reiz dieses Hauses, erklärte man mir. Ich sei noch zu

sehr Neuling, würde ihn aber noch erfahren.

* * * * *

Nach einigen Tagen reisten die Inhaber der »Stuart-rooms«, ein Ehepaar aus

der französischen Schweiz, zu meiner Erleichterung ab. Denn Monsieur und

Madame de X. waren drückend, fast unmenschlich konventionell, und in allen

Dingen von der Mode so eingenommen und genarrt, daß sie zu ganz

eigentümlichen Ideenassoziationen und Bildern den Anklang gaben: den grell

beleuchteten Kursaal eines großen Badeortes, einen Dampfschiffsalon I.

Klasse und derlei. Und dann genierte es mich, zu fühlen, wie sehr es sie

genierte, nicht herauszubringen, was es denn puncto Mode für eine

Bewandtnis mit mir habe?

Allein infolge dieser Abreise stand nun der ganze obere Teil des rechten

Schloßflügels leer, und meine Freunde forderten mich wiederholt und

dringend auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen; ich

weigerte mich aber auf das entschiedenste, denn jetzt gefiel es mir hier

erst recht! -- Doppelt reizvoll und anheimelnd zwar, wirkte gerade in

diesen Gemächern der Kontrast hypermoderner Existenzen! Nun beruhigten und

erhellten keine herumliegenden Reisetaschen, keine neuesten Hüte und

Hutschachteln mehr die düstere Atmosphäre, die wie ein schwerer Himmel über

diesen Räumen hing, jetzt war alles so schauerlich und schön!

Allein ich besaß für Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder

»das Mädchen«, noch »der Mönch« noch der »cuddling-ghost«, noch die »alte

Dame«, die mich doch kennen mußte, bemühten sich zu mir!

* * * * *

Da -- eines Nachts -- fuhr ich aus tiefem Schlafe plötzlich empor, warf

mich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte blitzschnell

das Licht auf und stürzte dann zu Boden. Verwundert sah ich in dem hell

erleuchteten Raume um mich her. Was war geschehen? Ich konnte mich auf

nichts besinnen, und fühlte doch meinen Blick umtrauert, wie ein vom Nebel

umdüstertes Licht. Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen hatte ja in

mir gelebt! Aber welch höllisches Entsetzen hatte mich dann niedergeworfen

und jagte mich jetzt von neuem, bevor ich es faßte? -- Ach! jenes Licht,

ich hatte es entfachen _müssen_, damit ich die Erschütterung ertrug, die

mir jetzt das Bewußtsein brachte: Ich war nicht erwacht, ich war geweckt

worden!

* * * * *

Erst als Tageshelle mein Zimmer erfüllte, löschte ich und trat ans Fenster.

Wohin man von dem Schloß aus blickte, das diese weiten Parkländer, diese

offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein

alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß

je betrat, und im nächsten Umkreis Plane mit zauberhaften Bäumen,

Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und

erhalten konnte; und rechts dem Flüßchen entlang, die schattige und stets

geheimnisvolle Straße, das niedere Tor, das alle Verlassenheit und Poesie

der Erde zu atmen scheint, und den weiten Rosengarten einfriedet! Und von

hier bis zu jenem Tore drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter

Ruf. -- Aber diese Mauern, -- dieses Zimmer, -- diese Flucht qualerfüllter,

leerer Gemächer im Morgenschein! Nein! die Frühluft, die jetzt so froh zu

mir hereindrang, verscheuchte nicht, wie ich es hoffte, die Grauen dieser

Nacht. Wohl aber lehrte mich dieser zärtlich silberne Morgenhimmel mit

seinen frohlockenden Wölkchen, daß ich den Mut nicht finden konnte, ja daß

ein unheimlich seltsamer Widerwille mich erfüllte, meine untatsächlichen

Erlebnisse zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an mir selbst, weil ich

sie erfuhr! Keine Worte, die vor dem hellen Tage nicht zerflössen, konnten

mir für das trostlos Bezuglose solcher Eindrücke zu Gebote stehen. Und ich

mußte alleine damit fertig werden. -- Aber das Licht, das nunmehr die ganze

Nacht hindurch in meinem Zimmer brannte, sowie die Furcht vor einem

Erwachen, wie ich mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein

zweites Mal nicht zu ertragen, hielten Nacht für Nacht meine Wachheit rege.

Und ich saß aufrecht und horchte! -- Gerührt vernahm ich das Rauschen der

Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte! Und ich horchte entsetzt --

wie ein Scheinlebender -- auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige

Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruh! Welcher

Sinn war in mir erwacht, für die finsteren Flammen lechzend wie das Leben

reißender Tiere, vom Leben Verstoßener? Für dies Wehen wie von

Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert!

Und es schien, als dürsteten sie, mich zu erreichen! Als richte sich ihr

Sturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, einer Bresche in

meinem innersten Selbst.

Dabei hing es oft an einem Haar, daß ich über all dies nur _lachte_ und daß

ein ängstigender Wahnkreis mich wieder freigab, wie die beengende Schlucht

den Bach zur Ebene entrinnen läßt.

So drehte ich auch eines Nachts das Licht ungeduldig wieder zu und lag, vor

Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem angenehmen Gefühl

des raschen Versinkens und der Sicherheit anheimgegeben, das uns umfängt,

wenn der Schlaf, wie ein Riese, unser Bewußtsein davonträgt.

Allein, wie eine Beute ließ er jäh mich fallen! -- In der Schnelligkeit,

mit der ich nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte, hatte ich

Decken und Tücher mit fortgerissen; mein Blut, wie in Flucht geschlagen,

hämmerte in meinen Schläfen, als dränge es, den Augenhöhlen zu entströmen,

und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fühlte ich

mich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden. Und wie

gemartert umklammerte ich meine Knie, zu einer anderen Welt unwiderstehlich

hingezogen!

* * * * *

Nach Verlauf einer Woche wurden Heimat und Vergangenheit, das eigne Leben

ferne und undeutlich. Aber wer schilderte zugleich den Widerwillen vor

einem solchen Zustand und vor jener wachsenden Bangigkeit, die auch bei

Tage, unter freiem Himmel, nicht mehr von mir wich, die mir das Herz

zusammenschnürte wegen nichts, weil ein Vogel zu nahe vorüberflog, beim

Öffnen eines Gatters draußen im Walde, oder wenn ich die grauen Mauern

Ruffords, die auf düsteren Gedanken wie auf Pfeilern zu ruhen schienen, von

weitem, unversehens vor mir sah.

Oft verbarg ich mich nun tagsüber in dem langen Saal, ganz der

verwunschenen Stimmung hingegeben, die von Norden her eine gewaltige Front

finsterer Bäume über die Beauvais-Tapisserien und die Wände ergoß, und

zwischen einem Watteau und einem Greuze schlief ich in einer

Mauervertiefung am Fenster ein.

* * * * *

Das Wetter blieb den ganzen August hindurch heiter und schön. Vor der

Ostfront des Hauses verbrachten wir einen großen Teil des Tages in

Korbstühlen, unter paradiesischen Bäumen, lasen, nahmen Tee, sprachen oder

schwiegen uns aus und rührten uns oft stundenlang nicht von der Stelle.

Eines Nachmittags saßen wir wieder so tief in unseren Korbstühlen

vergraben, daß wir einander kaum sahen. Und willkommen war es mir! Denn

meine Sinne, nach außen hin, ja mir selbst entfremdet, zogen sich, wie die

Fühlhörner einer Schnecke, in ein dunkles Gehäuse immer mehr zurück.

Tod und Leben, sie konnten ja nur _einer_ Welt gehören! Wie Raum und Zeit,

war unsere Trennung von dem Geisterreiche einzig durch die

unübersteigliche, aber illusorische Schranke unserer Sinne bedingt. --

Schaudernd sah ich zu einer gewissen Fensterreihe empor und gedachte der

vergangenen Nacht und der Gedanken, welche da auf mich eindrangen, bis ich,

unfähig, mein Alleinsein länger zu ertragen, nach einem anderen Teil des

Schlosses fliehen wollte, aber alsbald die Türe wieder zuwarf, wie vor

einem Sturm, als sei das Dunkel dieser Gänge eine wilde Flut, vor deren

Toben der hellere Raum meines Zimmers noch einzig mich beschützte! -- Zum

Greifen nahe war ich in dieser letzten Nacht bis zu des Todes Schranken

lauschend vorgetreten. Denn des Todes Sicherheit entsendet einen Lockruf,

vor welchem des Lebens unsicheres Licht in dunkler Müdigkeit erschauert.

Aber ich lebte ja! Um mich her war der Tag! Aus undurchdringlich seligem

Gezweige drang der süße Ruf der Turteltauben durch die laue Luft! Wie

sicher fühlte ich mich hier unten, inmitten der anderen, in dem still

verweilenden Sommerlicht! Und ermüdet schloß ich die Augen, in dem

schwindligen Doppelleben, das ich jetzt führte, versonnen, wie der an

steilem Bergesabhang Träumende.

* * * * *

Als ich erwachte, war ich allein. Die Blumen, die in hohen Rabatten nach

Art der Klostergärten alle Mauern des Schlosses umwuchsen, umschlossen sie

jetzt wie entseelt, mit einem fahlen Ring. Im unteren Stockwerk und links

über der Kapelle waren schon alle Fenster beleuchtet, der Schatten einer

Zofe huschte geschäftig vorüber und der Prozeß des Ankleidens schien

überall in Schwung. Ich eilte nun über den Vorplatz, Gänge und Stiegen

hinauf; aber im Laufen fühlte ich die Angst gleich einem Riesenschatten

wieder dicht an meiner Seite, als habe sie es gar nötig, mich in mein

Zimmer zu begleiten. Zum ersten Male versagte dort das Licht; wie ein

entlegener und vergessener Raum lag es in der Dunkelheit vor mir. In dem

verlöschenden Tagesschein, der durch das Fenster fiel, sah ich jetzt die

Draperien des Bettes heruntergerissen, und daß der Balken, der sie hielt,

schräg an der Mauer herabhing. Halb tastete, halb suchte ich nach den

Kerzen, fand aber nichts mehr zur Hand, und wandte mich erschrocken der

Türe zu, um das Zimmer wieder zu verlassen; allein sie widerstand und die

Klinke war von außen gehalten. Noch ehe ich mich besinnen konnte, drang

jedoch ein Schrei durch die Türe zu mir und zugleich hing die Klinke wieder

locker in meiner Hand.

Auf den Gang hinausstürzend sah ich einen Diener, der wie besessen nach der

Richtung der Freitreppe rannte. (Offenbar hatte der mich für einen Geist

gehalten.) Flugs holte ich ihn ein, und zwang ihn, mich zu erkennen. Als

hätte ich ihn erwartet, nahm ich dann den Brief, den er mir entgegenhielt.

Er enthielt eine Menge Gründe für meinen, ohne mein Wissen, schleunigst

vollzogenen Umzug. Aber ich las ihn nicht zu Ende! Ob diese Gründe wahr

oder erfunden, oder auch nur wahrscheinlich waren, kümmerte mich nicht.

Nach meinem neuen Zimmer, das in einem anderen Stockwerk, nach einer

anderen Himmelsrichtung lag, flog ich mehr, als ich ging. Dort standen

wohlgeordnet alle meine Sachen; die Kerzen brannten vor dem hohen Spiegel

und das Kleid, das ich für den Abend anziehen wollte, lag ausgebreitet auf

dem Bett. Eine Grille zirpte vor dem Fenster, der warme Rasen duftete so

sommerlich herein. Wie schön war alles, was atmete, war diese Erde, war

dies Leben! Und wie am Tage meiner Ankunft, als ich im hellen Abendlicht

durch die Wälder nach Rufford fuhr, war es da wieder nur ein Bild, das mein

Geist begierig greifen und erfassen wollte: des Lebens, der Natur ewig

tröstliches Erstehen.

Und doch sind es die schauerlichen Nächte in jenem anderen Zimmer, deren

Erinnerung ich heute nicht vermissen möchte.

L'Âme aux deux patries: Sieben Studien · 第 10 / 13 题