VI.

An einem Spätnovembermorgen sah ich zum ersten Male die Straßen von Berlin

unter einem regnerischen Himmel tropfnaß und düster vor mir liegen, und

musterte mit enttäuschten, übernächtigen Augen ihre graue, geradlinige

Nüchternheit.

Auf meiner Fahrt vom Anhalter Bahnhof zum Potsdamer Platz war es zugleich

das einzige Mal, daß ich in Berlin dazu kam, mich über Berlin zu besinnen.

Ich weiß nicht, welch verzehrende Neugierde dort alsbald von mir Besitz

ergriff und mich in eine Art von Gummiball verwandelte, der ohne Unterlaß

von einem Ende Berlins zum anderen flog.

Die meisten Dinge natürlich sah ich nur im Fluge.

Im Fluge machte ich dort übrigens eine, wenigstens für mich, endgültige

Erfahrung: wie sehr nämlich die Wirkung, welche die Plastik auf den

künstlerischen Laien ausübt, eine von der Malerei nicht nur verschiedene,

sondern ihr entgegengesetzte ist. Allerdings haben wir bis jetzt nur

Glyptotheken, welche organisatorische Probleme auf siegreiche Weise lösen.

Vergleichen wir aber den Zustand von Beglückung und Rast, den wir im

Pergamon finden, mit der Nervosität, dem Unbehagen, das uns bei längerem

Verweilen in einer Bildergalerie befällt, so will uns dabei der Maler von

allen Künstlern als der glücklichste erscheinen, weil von allen Kunstwerken

Bilder am rückhaltlosesten zu einer Charakteristik ihres Schöpfers, im

vollsten Sinne zu »Individualitäten« sich gestalten. Je bedeutender zwar,

desto bestimmter natürlich, desto mehr Aufmerksamkeit und Spielraum

beanspruchend, auch nach außen hin, desto mehr Perspektive gebietend. Wer

hätte im Louvre nicht die fast schmerzliche Empfindung einer Gioconda, fast

hätte ich gesagt eines Lionardo, der hier in einem licht- und luftlosen

Kerker gefangen liegt? -- Ich für meinen Teil kann nicht an den Giorgione

im Kaiser Friedrich-Museum denken, ohne daß mir ein kaum einen Meter davon

entferntes Bild durch seine schreiende Unverträglichkeit mit dem Giorgione

dazwischenfährt. Aber scheinen nicht alle Wände dieses selben Saales von

laut aufbegehrenden und unzufriedenen Leuten erfüllt, deren Heterogenität

uns peinigt und verfolgt, und die alle zusammen das große Tizianbild

umlärmen? Auf meinem Wege zu den Botticellis fesselte mich ein Gemälde

durch den klangvollen, durchdringenden Reiz des Kolorits. Als ich aber auf

dem Rückwege an diesem Bilde wieder vorbeiging, zog sich bei seinem Anblick

-- ich übertreibe nicht -- wie ein eiserner Ring um meine Schläfen, von

nahezu unerträglicher Erschöpfung und Qual. Wahrlich! dachte ich, die Musik

ist eine stillere Kunst als die Malerei.

Um aber auf Berlin zurückzukommen: als am siebenten Tage der Zweck meines

Aufenthaltes erreicht schien, reiste ich am nächsten Morgen wieder ab. Zwar

wurde mir von allen Seiten, und überall auf Grund meines außerordentlichen

Behagens an Berlin lebhaft davon abgeraten. Aber hierüber schien mir, mußte

ich doch selbst am besten Bescheid wissen, und packte unbeirrt meine

Sachen. Zwar fand ich Berlin nicht mehr so häßlich, wie bei meiner Ankunft,

eine »jolie laide« vielmehr, mit sehr grandiosen und fesselnden

Einzelheiten.

Am Morgen meiner Abreise fuhr ich in einer offenen Droschke und bei dichtem

Nebel noch einmal um den Schloßplatz, durch die Linden, die Wilhelmstraße,

Leipziger- und Friedrichstraße, und dachte: »Berlin ist doch die

uneleganteste und zugleich imposanteste Stadt, die ich je gesehen habe: als

Großstadt diskutabel, aber spannend wie keine andere.« Deutlich war jetzt

der Wunsch in mir aufgestiegen, es besser kennen zu lernen und bald

wiederzusehen, als mir der bedenklich vorgerückte Zeiger einer Riesenuhr

ins Auge fiel, und zugleich an einer Straßenecke ein Zeichen trübseliger

Vorbedeutung, das, wie meiner harrend, stille stand. Nicht länger spendete

ich da mehr nach rechts und nach links halb gleichgültige, halb neugierige

Blicke des Abschieds. Was konnte es an diesem Morgen Verdrießlicheres für

mich geben, als meinen Zug zu versäumen, nachdem ich eigens deshalb so früh

aufgestanden war? Besorgt trieb ich den Kutscher zur Eile an, stürmte zehn

Minuten später die Treppen des Bahnhofs hinauf, lief zum Gepäckschalter,

flog durch den Perron. Kaum war ich eingestiegen, als der Zug sich in

Bewegung setzte, und ich in meiner glücklich eroberten Waggonecke zufrieden

einschlief.

Und dann kam das Erwachen, -- das eine unvermittelte und grenzenlose

Deprimiertheit wie mit dumpfen Stößen begleitete. Draußen starrte ein

totes, träges, grelles Mittaglicht wie ein Abglanz des riesenhaften und

unerhörten Katzenjammers, der mich bedrückte. Es war doch gestern so gut

wie ausgemacht, daß ich um diese Stunde nach Charlottenburg fahren und dann

in ein Konzert gehen würde. Und abends wollte ich die Oper von Nicolai

hören. Warum in aller Welt war ich denn fortgefahren? Ich konnte den Grund

nicht finden. Es mußte irrtümlich geschehen sein, weil ich nicht wußte, daß

ich noch bleiben wollte. Ich wußte nur, was ich _jetzt_ vergebens wollte!

Mit welchem Ungestüm ich die Lokomotive an das andere Ende des Zuges

wünschte, und daß sie mich wieder nach Berlin zurückbrächte!

Und ich erwachte ganz.

Eine dumpfe, trübe Hitze erfüllte den Waggon. Ich stand auf, um das Fenster

einen Augenblick zu öffnen. Aber mein Gegenüber, ein mächtiger,

breitschulteriger Herr, sah mir, ohne sich zu rühren, mit so unsäglicher

Empörung zu, daß ich seinen Einspruch nicht provozieren mochte, weil der

Gedanke, ihn auch noch sprechen zu hören, unerträglich war. O, wie mußte

der seinen Enkelkindern imponieren und seiner Schwiegertochter auf die

Nerven gehen! Und ich sank zurück. Aber die Reue, der leidenschaftliche

Ärger über meine unbedachte und sinnlose Übereilung, brach mit der Gewalt

jener unvorhergesehenen Stürme über mich herein, wie sie über Nacht, zur

Zeit der Äquinoktien sich entfesseln, Kamine wegreißen, und Steine und

Ziegeln von den Dächern schleudern. Wie verträumt rauschte der Zug durch

das winterliche Land, während ich unbeweglich und gramerfüllt in meiner

Ecke saß. »Komm,« sagte ich zu mir selbst, »dies ist alles nur die Reaktion

irgend einer ganz abnormen Übermüdung.« -- Meine Hände lagen mutlos

ineinander, meine Arme waren wie mit Gewichten behängt, an meinem Herzen

hing ein großer Stein, und ein anderer saß mir am Kopfe wie ein Helm. Es

war lächerlich. Es konnte nicht sein. »Trink eine Tasse Kaffee,« schlug ich

vor. »Sieh nur, wie müde du bist!« fuhr ich ermunternd zu mir fort, als ich

im Speisewagen mit zitternden Knien und mit aufgestützten Armen vor meinem

Tischchen saß, und das öde Licht, das durch die angehauchten Scheiben fiel,

meine Bitterkeit noch erhöhte. Warum hatte ich nur so eilig Reißaus

genommen? Es lohnte sich doch wahrlich, Berlin besser kennen zu lernen!

Warum aber denn _jetzt_ eine so ungestüme und überspannte Betrübnis? -- Es

wurde mir immer heißer, immer fiebernder zumute, und der Kaffeegeruch

machte mich vollends untröstlich. Ich kehrte also wieder auf meinen Platz

zurück, zog den Vorhang zu, den Hut tiefer ins Gesicht, und wie nach dem

Sturme der Regen einsetzt, so drängten da die ungeheuerlichen Wolken, die

mein Gemüt umlagerten, leise, langsam und unaufhörlich, nach Art der

Landregen sich zu lösen. Es war viel besser, daß ich mir's eingestand: Der

vorschnelle Abschied von Berlin machte mir eben Beschwerden. Aber wie? Was

lag mir dort so sehr am Herzen?

Ich habe jedoch schon öfters erfahren, daß persönliche Momente für unsere

Abneigung oder unsere Vorliebe für einen Ort, keine oder nur eine relative

Rolle spielen. Und ich kann mir nicht helfen: meine Eindrücke großer Städte

verdichten sich zu einem gewiß anthropomorphistischen Bilde, wie es uns in

der Karikatur etwa die Münchner Bavaria entgegenhält. Eine Stadt oder eine

Landschaft aufzusuchen, um dort Erinnerungen nachzuhängen, stelle ich mir

deshalb als ein höchst unerfreuliches Experiment von ganz besonders öder

und ausgeblasener Wirkung vor. Denn der Dämon eines Ortes ist viel zu stark

für die einzelne Psyche!

Daß ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie

der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrücken so hatte täuschen lassen,

und während die Schärfe ihrer intellektuellen »Aura« mich hinriß, immer

noch der Meinung war, daß sie mich abstieß? -- Seit einer Woche ganz von

ihr eingenommen, und mit ihr beschäftigt, wollte ich alles kennen lernen,

und mir nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn

sie mit einer anderen in Kollision geriet, um dann, wenn auch nur für einen

Akt, schnell noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber,

sobald ich allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder während einer

musikalischen Soiree, zog ich unverzüglich, wie aus einer geistigen

Schublade, die Schlußseiten eines literarischen Produktes hervor (mit

dessen Umarbeitung ich vor meiner Abreise fertig werden mußte),

korrigierte, glättete und feilte daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen

Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu

besinnen.

So war ich in meinem Element, und glücklich gewesen, ohne es zu wissen.

Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persönlicher Bezugnahme

ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.

Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nüchterne oder Geschmacklose

verdroß, welche Genugtuung mir alles Schöne, Hervorragende oder Bedeutende

gewährte. Ich wußte erst, nachdem ich Berlin verließ, mit welch

nationalster Anteilnahme ich es betrachtete!

Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefühl

der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr

auf uns selbst zurück, als das Gefühl oder das Bewußtsein, oder die Idee

unrichtig taxiert, sei es nun, überschätzt oder verkannt zu werden. Diesen

Berlinern aber, die mir ungewohnter, in mancher Hinsicht vielleicht auch

fremder waren, als Londoner oder Pariser, schien ich eine längst bekannte

Nummer, und so half alles zusammen, daß ich mir selbst gänzlich in

Vergessenheit geriet.

Allein derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermögen mit so ungewohnter

Schärfe nach außen wandte, währenddem er mein Bewußtsein gewissermaßen

suspendierte, stürzte mich zuletzt, so unwahrscheinlich dies auch klingen

mag, vor lauter Elastizität blindlings in diesen Zug.

Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.

L'Âme aux deux patries: Sieben Studien · 第 9 / 13 题