1841/50 1881/90
Schweden 7,27 6,26
Norwegen 7,78 6,52
Dänemark 7,87 7,33
Finland 8,15 7,32
England 8,05 7,47
Niederlande 7,41 7,08
Belgien 6,79 7,07
Deutsches Reich 8,05 7,77
Westösterreich 7,71 7,50
Galizien 9,54 8,50
Frankreich 7,94 7,38
Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, daß sich die
Heiratsziffer überwiegend im Rückgang befindet. Umfassen die
Berechnungen kürzere Zeiträume, so sind natürlich auch die Differenzen
geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur
Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschluß, daraufhin ein
durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu
wollen[322], und es ist verkehrt, den Töchtern der Bourgeoisie dieses
Gleichbleiben gewissermaßen als Tröstung vorzuhalten. Nicht nur, daß das
Heiratsalter der Männer in bürgerlichen Kreisen sich immer weiter
hinausschiebt,--in Preußen beträgt es bei den Berufslosen
durchschnittlich 41, bei den öffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die
Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch
in ständiger Abnahme begriffen. Leider läßt sich das statistisch nicht
feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach
sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung über die
Bevölkerung Kopenhagens kommen auf 100 Männer in bürgerlichen Berufen
nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, während auf
diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; über die
Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch
hier nichts, sie läßt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der
allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo
eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, dürften sie allein auf
Rechnung der größeren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein,
während die Eheschließungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme
befinden. Und hier stoßen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied
zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der
Proletarier heiratet früh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die
Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die
Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste
Mitgift; der Mann aus bürgerlichen Kreisen heiratet spät und schwer,
weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen
Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das
Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen
würde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Maß des höheren
Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefördernd"[326], im
Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann,
scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwägungen über die
Möglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu
erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine
Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhältnissen
verzettelt hat, je unfähiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des
Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurücktreten. Der
moderne junge Mann der bürgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier,
Schriftsteller, Künstler oder Kaufmann sein--hat aber gewöhnlich nur ein
Einkommen, das kaum ihm persönlich ein standesgemäßes Leben sichert, und
es gehört mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, daß die
Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein
Junggesellenleben, das ihm besonders in der Großstadt in jeder Beziehung
bequem gemacht wird, ist für ihn angenehmer und billiger, als es das
eheliche Leben sein würde, das ihm überdies, wenn er Umschau hält unter
seinen verheirateten Bekannten, höchst selten verlockend erscheinen
wird. Auch seine Herzensbedürfnisse kann er für wenig Geld befriedigen;
setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als
eheliche kosten würden, er trägt keine Verantwortung für ihr Fortkommen
und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er überhaupt
heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den
bitteren Grund der genossenen Freuden gestoßen ist und der Ruhe und
Pflege bedarf. Doch auch für sittlich ernst denkende Männer der
bürgerlichen Kreise, die gern heiraten möchten, wird die Eheschließung
immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedürfnissen in
größtem Mißverhältnis; ihr Beruf selbst erschwert häufig die
Familiengründung, indem er Reisen und häufigen Ortswechsel nach sich
zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit
abhängig ist. Aber die Schuld,--wenn überhaupt gegenüber den Ergebnissen
wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an
dem Rückgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Männer.
In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von
fortschrittlichen Ideen am schwersten berührt wird, ist die Erziehung
der Töchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten
Männer vom Heiraten abzuschrecken: sie können weder geistig
gleichstehende Gefährtinnen, noch gute Hausfrauen und Mütter werden; sie
sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflächlichen
Schulkenntnissen und traurigen künstlerischen Betätigungen an bis in ihr
niedergetretenes Gefühlsleben hinein. Sie sind für den Mann
Luxusgegenstände, nicht viel anders als es die Haremsfrauen für die
Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu
erhöhen.
Bei den gesteigerten Ansprüchen, die die Erziehung der Söhne an den
Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit für sie,
sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein
preußischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75
bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30.
Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt für die Mitgift der
Töchter immer weniger übrig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr
und mehr, während ihre Ansprüche schon unwillkürlich durch die
Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr
Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste
Not vor der Thür. Einige Zahlen mögen zur Illustration dienen: Ein
preußischer Hauptmann erhält eine Pension von 1033 bis höchstens 4000
Mark jährlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jährlich
pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag
von--216 Mk. und dem Höchstbetrag von 3000 Mk. jährlich, den aber nur
die Witwe eines Generals erhält, die an ein Jahreseinkommen von 10 und
20000 Mk. gewöhnt war[328]; das Waisengeld beträgt 1/5 der
Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder,
entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehören, zu erziehen. In
demselben Verhältnis bewegen sich die für Beamte, deren Witwen und
Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, daß auch der
kaufmännische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage
befindet, da er mehr und mehr vom kaufmännischen Großbetrieb
zurückgedrängt wird, so erklärt sich daraus zum großen Teil die
abnehmende Verheiratbarkeit der Töchter, und ihr zunehmendes Eindringen
in die Erwerbsarbeit.
So ist vorauszusehen, daß der Rückgang der Heiratsfrequenz, der in der
Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, die Zunahme
der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft
weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung,
insbesondere der bürgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der
einzige.
Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte,
sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine
Berufsthätigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin,
wenn auch oft aus anderen Gründen als sie. Dabei will ich derer nicht
gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhöhen,
der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren
brachliegende Kräfte nach Bethätigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je
mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als
Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die
Zentralheizung, die Dampfwäschereien sind schon heute wichtige Faktoren
im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine
unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergärten, der öffentliche
Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre
hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womöglich von dem geistig und
körperlich korrumpierenden Einfluß der Städte fernhalten, geben der
Mutter ein gut Stück der freien Verfügung über ihre Zeit zurück, das
sich dadurch noch vermehrt, daß die Berufsarbeit und die politischen
Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause führen. Ueber diese
Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich
gegenüberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht
ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer
unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens.
Die unbeschäftigten Gattinnen und Mütter haben die Wahl, ihre Zeit mit
Vergnügungen totzuschlagen oder sie mit nützlicher Thätigkeit
auszufüllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunächst fanden
sie sie in Wohlthätigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis
entwickelt sich dann aus dem oft recht schädlichen Wohlthun eine
ernstere soziale Hilfsarbeit, die schließlich zu dem Wunsche nach einer
geregelten Berufsthätigkeit führt. So läßt sich mit Recht behaupten, daß
die Frauenbewegung mit der Lösung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard
von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein würde, daß vielmehr
der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der
sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer
sichert, eine um so längere, als das steigende Mißverhältnis zwischen
Bedürfnissen und Einnahmen sie schon zu nötigen anfängt, für den Erwerb
zu arbeiten.
Es hat sich gezeigt, daß die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die
Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der
Frauenbewegung in allen Ländern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden
notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in
alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres
Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum,
festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses
Tempo im Vergleich zur Männerarbeit darstellt. Sehen wir zunächst von
der Unterscheidung in bürgerliche und proletarische Arbeit ab, so
ergiebt sich für nachbenannte Staaten folgendes Verhältnis der
erwerbsthätigen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung:
Länder |Zählungs-|Gesamtbevölkerung|Erwerbsthätige |Von 100
|periode | |Bevölkerung |Männern resp.
| | | |Frauen sind
| | | |erwerbsthätig
| |-----------------+----------------+------+------
| |Männer |Frauen |Männer |Frauen |Männer|Frauen
-----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------
Vereinigte | | | | | | |
Staaten | 1880 |25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74
Vereinigte | | | | | | |
Staaten | 1890 |32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81
England u. | | | | | | |
Wales | 1881 |12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53
England u. | | | | | | |
Wales | 1891 |14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87
Frankreich | 1881 |18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84
Frankreich | 1891 |18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03
Deutschland| 1882 |22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02
Deutschland| 1895 |25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94
Oesterreich| 1880 |10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40
Oesterreich| 1890 |11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16
Die Zunahme der Männer- und der Frauenarbeit für den Zeitraum von
1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:
Länder | Männer | Frauen
|---------------------+---------------------
|absolute|Zunahme |absolute|Zunahme
|Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten
------------------+--------+------------+--------+------------
Vereinigte Staaten| 4076148| 27,64 | 1267414| 47,88
England und Wales | 1099598| 12,38 | 612312| 15,22
Frankreich | 640413| 6,10 | 157480| 3,11
Deutschland | 2116426| 15,78 | 1036833| 18,71
Oesterreich | 956600| 14,02 | 1556386| 33,19
Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir
feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthätigen zu der der
männlichen in den bezüglichen Zählungsperioden stellt, so kommen wir zu
folgendem Resultat:
Länder |Zählungs-|Die erwerbstätige |Von 100
|periode |Bevölkerung |Erwerbstätigen
| | |waren
| |--------------------------+--------------
| |im ganzen|Männer |Frauen |Männer|Frauen
------------------+---------+---------+--------+-------+------+-------
Vereinigte Staaten| 1880 | 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22
" " | 1890 | 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90
England u. Wales | 1881 | 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41
" " " | 1891 | 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91
Frankreich | 1881 | 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41
" | 1891 | 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80
Deutschland | 1882 | 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76
" | 1895 | 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75
Oesterreich | 1880 | 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67
" | 1890 | 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53
Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich
folgende Schlüsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, daß die Frauenarbeit
im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung durchschnittlich um
2,86 Proz., die Männerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist.
Betrachten wir diese Tabelle näher, so ergiebt sich jedoch, daß der
Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat
Oesterreichs zurückzuführen ist, wo die weibliche Erwerbsthätigkeit um
9,76 Proz. zugenommen haben soll, während die betreffende Zahl für
Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07
Proz., für England 1,34 Proz., für Frankreich 0,19 Proz. und für
Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der
österreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen
werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen
zurückführen läßt, so müssen wir annehmen, daß entweder die Zahlung von
1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthätigen umfaßt hat, oder die von 1890
bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung,
enthält. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu
gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der
Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung auf 1,13
Proz., und die Zunahme der Männerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis,
das zunächst die Gegner der Erwerbsthätigkeit der Frau sehr beruhigen
dürfte, ist jedoch im wesentlichen auf den großen Frauenüberschuß
zurückzuführen. Als Beweis dafür dient Amerika, dessen weibliche
Bevölkerung an Zahl hinter der männlichen zurückbleibt und wo die
weiblichen Erwerbsthätigen im Verhältnis zu ihr um 2,07 Proz., die
männlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.
Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der
nächsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen
eigentümliches Bild im Stillstand der Bevölkerung seine Ursache hat und
dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den
größeren Wohlstand der Bevölkerung zurückzuführen ist,--wenn nicht die
Unvollkommenheit der Zählung einen Teil der Schuld trägt,--zeigt es
sich, daß die Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts in den
betreffenden Ländern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des
männlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevölkerung, so
zeigt sich, daß, während die männliche Bevölkerung durchschnittlich um
13,77 Proz., die männlichen Erwerbsthätigen um 15,18 Proz. zunahmen, die
weibliche Bevölkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthätigen
um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der
Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es
in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies
Verhältnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in
welchem Verhältnis die Geschlechter an der Erwerbsthätigkeit beteiligt
sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenüber den hohen
Zahlen anderer Länder wenig ins Gewicht fällt, wächst der Anteil der
Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der
alleinstehenden Frauen abhängig ist: in Amerika ist er außerordentlich
gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da
nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden
stetig wächst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur
Arbeit genötigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die
etwa gar durch äußere Maßregeln herbeigeführt werden soll, überhaupt
nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit
in den anderen gedrängt werden, ihre Entwicklung aber ist eine
gesetzmäßige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.
Für den gegenwärtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus
dem Bereich der weiblichen Erwerbsthätigkeit den Kreis herauszuschälen,
der die bürgerlichen Berufe umfaßt. Dabei kann man nicht bei den
liberalen Berufen stehen bleiben und stößt deshalb auf große
Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptsächlich darum, die Zahl von
erwerbsthätigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie
hervorgegangen sind und hierfür fehlen, da an eine Feststellung der
sozialen Herkunft der Erwerbsthätigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher
so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen
Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, daß
Lehrerinnen, höhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte
aller Art aus bürgerlichen Kreisen stammen, so steht das für
Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen,
Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese
Berufe aus Gliedern bürgerlicher und proletarischer Schichten zusammen.
Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner
Hilfsverein für weibliche Angestellte zur Verfügung steht, angestellt
wurde[329], verbreitet einiges Licht über diese Frage, soweit sie den
kaufmännischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, daß 84 Proz.
des kaufmännisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals,
und 66 Proz. der Verkäuferinnen bürgerlichen Kreisen entstammen. Dieses
Resultat läßt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der
Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite
umfaßt und das Verhältnis in den Provinzstädten und unter den
Nichtorganisierten ein anderes sein dürfte. Wir glauben der Wahrheit
nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zählungen der verschiedenen Länder
das zulassen,--die Verkäuferinnen aus dem Kreis der bürgerlichen
Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmännisch gebildete
Personal vollständig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa
aus proletarischen Schichten stammt, dürfte durch den der Verkäuferinnen
ersetzt werden können, der ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen
darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbständigen
erwerbsthätigen Frauen. Ein großer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu
denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und
wirklich selbständige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind
vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs
die leitenden Kräfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt
der Frauenfrage völlig belanglos. Um so bedeutsamer wäre es jedoch,
ließe es sich ermöglichen, diejenigen unter ihnen statistisch
festzustellen, die als selbständig Erwerbsthätige in unserem Sinne
gelten können. Das ist aber beinahe unmöglich: nur Künstler,
Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker können ohne weiteres
berechnet und in die Kategorie der bürgerlichen Erwerbsthätigen
einbezogen werden; im allgemeinen vermögen wir nur, und zwar wesentlich
auf Grund der amerikanischen und englischen Verhältnisse, anzunehmen,
daß die Zahl der selbständigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme
begriffen ist. Leichter schon wäre es, wenn dabei die Betriebszählungen
zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den
Selbständigen von den bürgerlichen zu sondern.
Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Länder gestaltet
sich die Feststellung der in bürgerlichen Berufen thätigen Frauen für
eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die
Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in
Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug
auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der
Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgeführt werden müßten.
Nach alledem steht es fest, daß die statistische Umgrenzung der
bürgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit
machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr
geben dürfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich
nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszählungen
entnommen habe, folgendermaßen dar.
Berufe |Deutsch- |Oester- |Frankreich|England |Vereinigte
|land | reich | | u. Wales |Staaten
-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
1. Beamte und | \ | | | |\
Bureauangestellte | } | | | | }
im Staatsdienst | } | 865 | 445 | 8546 | }
2. Beamte und | } 1852 | | | | } 4875
Bureauangestellte | } | | | | }
im Gemeinde- | } | | | | }
und Kommunaldienst | / | 357 | 387 | 5165 |/
3. Polizeibeamte, | | | | |
Gendarmerie | | | | |
und Wachtdienst | -- | 10 | -- | -- | 279
4. Post-, Telegraphen-| | | | |
und Telephonbeamte | 2499 | 2703 | 5211 | 4356 | 8474
5. Eisenbahnbeamte | 382 | 605 | 3767 | 849 | 1438
6. Geistliche | -- | -- | -- | 4194[335]| 1143
7. Kirchen- und | | | | |
Anstaltsbeamte | 430 | 2715 | -- | -- | --
8. Aerzte, Chirurgen |\ | | | |
und Zahnärzte | } | 37 | 870 | 446 | 4894
9. Krankenpflegerinnen| }72837 | | | |
und Hebammen |/ [330] | 14623 |13475[333]| 53057 | 41396
10. Tierärzte | -- | -- | -- | 2 | 2
11. Advokaten | -- | 6[332]| -- | -- | 208
12. Bureaubeamte | | | | |
bei Advokaten | -- | | | |
und Notaren | [331] | 102 | 389 | -- | --
13. Professoren | | |\ |\ |
an Universitäten | | | } | } |
und Lyceen | -- | -- | }68448 | }144393 | 695
14. Lehrer | 66181 | 21417 |/ |/ | 245371
15. Privatgelehrte |\ |\ |\ | 42 |\
16. Schriftsteller | } | } | } |\ | } 2725
und Redakteure | } 410 | } | } 391 | } 660 |/
17. Journalisten |/ | } 332 |/ |/ | 888
18. Stenographen und | | } | | |
Maschinenschreiber | 436 |/ | -- | 127 | 21270
19. Bibliotheks-, | | | | |
Museums- | | | | |
und Privatbeamte | 865 | 572 | -- | 240 | --
20. Architekten | -- | 20 | -- | 19 | 22
21. Ingenieure | -- | -- | -- | -- | 124
22. Maler und Bildhauer| 839 | 337 | \ 3818 | 3032 | 10815
23. Musiker |\ |\ | / | \ 19111 |\ 34519
24. Musiklehrer | } | } | 4888 | / |/
25. Schauspieler | } 8976 | }2586 | | |
und Sänger |/ |/ | 5301 | 3696 | 3949
26. Theaterbeamte | 195 | 1074 | -- | -- | --
27. Chemiker | 92 | 42 | \ 657 | 27 | 39
28. Apotheker | 60 | 134 | / | 160 | 734
29. Photographen | 208 |\ | -- | 2496 | 2201
30. Zeichner, | | } | | |
Musterzeichner, | | } 156 | | |
Graveure, | | } | | |
Modelleure | 114 |/ | -- | -- | 346
31. Agenten | 195 |\ 1809 | 91 | 765 | 4875
32. Handelsreisende |\ |/ | -- | 165 | 611
33. Buchhalter | } |\ | \94003 | 50 | 27772
34. Handelskommis | }11987 | }8138 | / [334] | 17859 | 64219
35. Bankbeamte |/ |/ | 1135 | 249 | 217
36. Verwalter, | | | | |
Wirtschaftsbeamte | | | | |
und Rechnungsführer| | | | |
in landschaftlichen| | | | |
Betrieben | 17170 | 1001 | 16766 | -- | --[336]
37. Technisch gebildete| | | | |
Beamte in | | | | |
industriellen | | | | |
Betrieben | 5099 | 2094 | -- | 748 | --[337]
38. Andere freie Berufe| -- | 177 | -- | -- | 479
-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
Summa: | 190827 | 61382 | 220042 | 269454 | 484580
Wir sehen aus dieser Tabelle, daß die relativ größte Anzahl bürgerlicher
Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen
thätig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen
Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der
Theologie zuzuführen. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprünglichsten
und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres
Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen
Frau ruhende Mütterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin,
die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und
Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn für
Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an geübte
Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts für
den kaufmännischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung
entsprechen auch die öffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in
immer erweitertem Maße zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen über
die Befähigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In
England und Amerika werden Frauen hauptsächlich im Bureaudienst, als
Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitäts- und Gewerbe-Inspektoren
verwendet.
Um aber zu einer richtigen Würdigung der Zahl bürgerlich erwerbsthätiger
Frauen zu kommen, muß sie mit der Zahl der in denselben Berufen thätigen
Männer verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zählung
für die betreffenden Länder als Resultat:
Länder Von 100 Erwerbstätigen
in bürgerlichen Berufen sind