der Pächter die Aufsicht zu tragen. Man erblicket Ketten von Aufsehern, die
sich von allen Seiten die Hände reichen, am die Betrüger hindann zu halten,
und ihre Schlauigkeit zu überlisten. Es besteht das innigste Band unter den
Rotten, welche die Grenzen und die reichen Gesellschaften beschützen, die
im Mittelpunkte die Früchte ihrer Sorgen ärnten. Könnte man diese Polizei
nicht auch bei der Einrichtung, von der hier die Rede ist, sich zum Muster
nehmen?
Man bildete in den Hauptstädten Büreaux von einer Anzahl unterrichteter
Mädchen, die im * * * sich Erfahrungen gesammelt hätten. Sie wären weder
die drei Grazien, noch die neun Musen. So könnte man sie aus vierzig, wie
die Academie Française, oder aus sechzig, wie die allgemeine Pachtung,
zusammensetzen. Den Eintritt dazu hätten nur die besten Erfahrungen. Die
Geübtesten in den Geschäften des Magazins, die Vertrautesten mit den
Kennzeichen des Betrugs, und also die bei allem Scharfsinne der
Schleichhändler Geschicktesten, sie zu entdecken.
Nach Art dieses Hauptamts bildete man sonderheitliche in den Städten der
Provinz, und auf allen Strassen; welches zwischen dem Haupte und den
Gliedern eine eben so nützliche als lehrreiche Korrespondenz unterhalten
würde. Diese fruchtbaren Versammlungen hielten alle Tage des Morgens und
Abends ihre Sitzungen. Jeder Fremde, der an der Gränze ankommt, wäre
gehalten, da seinen Ausweis zu machen.
Hier würde er ohne Schonung untersuchet. Man würde ihm nach seinem
Zustande, einen Geleitsbrief ausfertigen, oder die verbotene Waare unter
Siegel verzeichnen, damit man nicht eher davon Gebrauch machen könne, bis
sie im Rekonwaleszentenhause, wohin sie abgegeben würde, ausgeräuchert
wäre.
Von dieser Zeremonie wäre das schöne Geschlecht nicht ausgenommen. Anfangs
würde sie lästig scheinen; man würde sich aber bald daran gewöhnen. Hat man
sich doch gewöhnt, vor jedem Thore grobe, und manchmal treulose Hände ins
Felleisen spazieren, alles darinn umkehren, und was da verschlossen war,
oft unwiederbringlich verderben zu sehn. Es würde nicht lange brauchen, um
sich zu gewöhnen, linke Hände zu fühlen, die eine lange Uibung abgerichtet
hätte, noch dazu ihre Berührungen angenehm zu machen.
Es ist anzumerken, daß man durch eine solche Zusammensetzung eines Amtes
von aufgeklärten, und dafür bekannten Frauenzimmern den Ungemächlichkeiten
vorbeugen würde, die aus jeder andern Administrazion entstünden. Kein
Frauenzimmer dürfte sich schämen, der Untersuchung von Personen ihres
Geschlechts zu unterliegen; und man würde keine Mannsperson finden, die
sich weigern möchte, sich vor den Augen eines von seiner Erfahrung so
berufenen Tribunals zu produziren. Es fände sich also ganz keine
Schwierigkeit. Die Schamhaftigkeit, und Gesundheit der beyden Geschlechte
wäre dadurch in Sicherheit vor den Anstössigkeiten, die das eine kühn, oder
das andere schüchtern machen könnten.
Das ist also der Entwurf meines Projektes. Ich unterziehe es den Einsichten
der Politiker, die in unserm philosophischen Jahrhunderte so zahlreich
geworden sind. Ich kann versichern, daß ich einzig das allgemeine Beste und
das Wohl der ganzen Welt, die mein Vaterland geworden ist, zum Augenmerke
hatte. Ich wünsche, daß er unter die Hände von Leuten komme, die an der
gehörigen Stelle sitzen; wünsche, daß ihr persönliches Interesse sie
bestimme, sich seiner anzunehmen, und dem allgemeinen Frommen Hand zu
bieten.
Was Sie betrifft, mein Fräulein, wenn man ihn je annimmt, so wird man nie
vergessen, daß es Ihr Namen war, unter welchem er zum erstenmal erschien.
Ganz Paris wird Sie laut zur Annahme einer Stelle auffodern, deren Ihre
Bemühungen sie schon so würdig machten. Mit einer unnennbaren Freude werde
ich an der Spitze des erlauchten Senats, wovon ich den Plan entwarf, Sie
glänzen sehn. Sie werden die Aufseherinn von den Waffen Zylherens, und die
Wegweiserinn des Amors werden. Sie werden die Jugend lehren, ohne Gefahr
auf dem stürmischen Ozean der Vergnügungen zu segeln, indem Sie ihr mit der
Geschicklichkeit, die ihnen die Erfahrung giebt, das Steuerruder lenken.
Sie werden ihr zeigen den Klippen auszuweichen, die Ihres Gleichen, wie ein
großer Mann sagt, oft durch ihre Schiffbrüche bezeichnet haben.
Ein Brief als ein Supplement zu diesem Werke.
An M. L. A * * *.
Uiber die Ursachen, die zu der schrecklichen Vermehrung der Kakomonade
beitragen.
Bisher, lieber Freund, hab ich nur gescherzet. Lachend schrieb ich die
Geschichte von einer der größten Geißeln des menschlichen Geschlechtes. Es
ist sehr seltsam, daß die Gewohnheit es nur den Aerzten erlaubt, davon
ernsthaft zu reden, und daß, in der feineren Welt, die üble Laune nicht die
Wirkung einer Ursache sein kann, die doch so sehr dazu gemacht ist, sie
hervor zubringen.
Sehr zuverlässig ist dieß die Folge jenes seltsamen Durcheinanders, den man
in unsern Sitten und Gewohnheiten wahrnimmt. Sobald Jemanden das Fieber
befällt, sobald er schlecht geschlafen hat, oder einen Abend nicht mit der
gewöhnlichen Leichtigkeit ausspuckt; gleich sind mit dem nächsten Morgen
die Bedienten von allen vier Winden in Bewegung; sein Thürepocher kommt
nimmer zur Ruhe, und sein Portier hat nicht Worte genug, für all die
höflichen Bothen, die aus ganz Paris ihn zu fragen kommen, wie der Herr
diese Nacht sich befunden habe.
Ward nun aber der nämliche Mensch das Spiel einer jungen Spitzbübinn, --
und ach! wie viel giebt es ihrer! -- Bleiben ihm nagende Erinnerungen eines
zärtlichen Rendezvous; sieht er sich bei dem Abschiede aus den Armen der
Venus gezwungen, einen Gott um Hilfe zu flehen, der bei den Alten die
Gnaden der Göttinn austheilte, der aber bei uns zu nichts weiter dient, als
sie uns aus dem Gedächtnisse zu bringen; da sieht man ihn ohne alle Unruhe
erbleichen, abzehren, und versiechen. Er muß die Sorgfalt, die er für seine
Gesundheit trägt, verbergen, gerade als ob es eine böse Handlung wäre; und
wenn irgend ein besonderer Freund ihn von Zeit zu Zeit befragt, so
geschieht dieß immer mit einem spöttischen Mitleid, das ihn noch mehr
demüthigt, als selbst sein Zustand.
Ja, wird man sagen, das ist eine Frucht der Ausgelassenheit. Die Schande
ist ein heilsamer Wermuth, den die Wohlanständigkeit in dieselbe gießt, um
sie den Unvorsichtigen, die versucht werden, sie zu pflücken, zu verleiden.
Dieser scheinbare Widerspruch ist ein Zug der Weisheit. Man hat große
Ursache, Krankheiten, die eine unzertrennliche Folge der Schwachheiten der
Natur sind, zu bemitleiden; aber auch nur Verachtung gegen diejenigen
blicken zu lassen, die einen Mißbrauch ihrer Gutthaten verkünden.
Ach! lassen Sie uns, mein lieber Freund, diesem Gegenstande nicht ins Innre
dringen. Diese Frucht ist eine Geburt der Ausgelassenheit, ich wills
glauben, aber sie muß dem Hundszahne gleichen, und überall ohne Unterschied
wachsen, wie dieses Kraut, in einem bösen Erdreich sowohl, als in einem
guten. Man ärntet sie an so vielen Orten, die das Wappen der Tugend führen,
daß man wahrhaftig auf nichts schwören darf; und vorzüglich an derlei
Plätzen sind die Schilde betrügerisch. La Fontaine sagte:
Unterm Jungfern-Unterröckchen kann
Eben so viel Schönheit wohnen,
Als so mancher gute Ehemann
Findet unterm Hemde bei Madonnen.
Aber gestehn Sie es nur ein, daß es, wenigstens in unsern Tagen, nicht die
Schönheit allein ist, die da allenthalben so gleich ausgetheilt wohnt; und
daß die Ungemächlichkeiten, die sie furchtbar machen, mit nicht weniger
Gleichheit ausgetheilet sind.
Doch, das befremdet mich nicht, sondern, worüber ich mich wundere, was ich
nicht begreife, ist die Sicherheit, mit welcher wir mitten unter so vielen
Gefahren leben. Offenbar sehn wir die Kakomonade mit den nämlichen Augen
an, wie die angesteckten Dünste zu Paris, die man daüberall einathmet, und
an die man sich, trotz ihrer Anpestung, gewöhnet: allein zwischen ihnen
beiden herrscht ein himmelweiter Unterschied.
Wenigstens trägt die Polizei doch einige Sorge, um das letztere zu mindern:
Man kehrt die Gassen: man schafft den Mist weg; die Arbeit eines Tages
macht das verschwinden, was die Verzehrung eines Tages von Unreinigkeiten
hinterlassen hat. Aber ists mit dem andern Gegenstande auch so? Leider!
nein. In Rücksicht desselben trägt man entweder gar keine Sorge, oder die,
die man dafür hat, ist so schwach, daß sie, anstatt dem Uibel abzuhelfen,
nicht einmal im Stande ist, seinen weitern Umsichgriffen Einhalt zu thun.
Unterdessen ist es hohe Zeit, daß die Regierungen aus der Lethargie, worinn
sie über diesen Artikel zu liegen scheinen, erwachen. Mit welcher Ruhe sehn
sie nicht das Uibel sich reißend um sie her verbreiten! Die Bevölkerung,
von dieser Pest bis auf die Wurzeln angegriffen, verwelkt und vertrocknet.
Man kann es merken, wie das menschliche Geschlecht an Anzahl und Stärke
abnimmt, Uiberall findet man unzählige Menschen, mit denen es soweit kam,
daß sie die traurigen Gedenkzeichen von den Graden ihrer Prüfung, die sie
seit ihrer Kindheit gleich den Metallen durchwandelten, welche die Chemie,
so bald sie aus dem Schmelztigel kommen, durch gewaltsame Operazionen
entnaturt, ihr ganzes Leben hindurch behalten.
So lange die Krankheit nur in den Städten herumgieng, war diese
Nachlässigkeit noch einiger Maaßen zu entschuldigen. Aufgeklärte Politiker
konnten weniger davor erschrecken, so lange sie nur müssigen
Güterbesitzern, oder unarbeitsamen Bürgern drohte. Vieleicht dürfte man
sich noch itzt nicht sehr entrüsten, wenn sie sich inner die Mauern der
Städte beschränkte, wenn sie sich begnügte, daselbst die Ausschweifungen
einer herabgewürdigten Jugend, oder eines schwärmerischen Alters zu
strafen. Sie griffe dann nur Menschen an, die dieses Namens nicht werth
sind, und dieß wäre für das menschliche Geschlecht ein kleiner Verlust.
Aber zum Unglücke bindet sie sich hieran nicht; und fällt sehr oft in die
Dörfer hinaus. Da greift sie unsern armen Stamm unter dem Strohdach an, das
doch noch etwas seinen Adel, und seine Kraft erhält. Sie findet keine
Schwierigkeit, sich da niederzulassen. Die Unwissenheit, und vor allen die
Armuth erleichtern die Gefälligkeiten, durch die sie sich fortpflanzt, und
verbannen hiemit die Mittel, die sie unterdrücken könnten.
Die Zeit ist vorbei, wo man das Land als den Freiort der Unschuld, als die
Zufluchtsstätte schuldloser Ergötzungen ansehn konnte. Mit Rechte lobten
unsre alten Dichter seine Schönheiten, und Annehmlichkeiten; sie rühmten
die Sicherheit der Wälder, die es umgeben; das Grün der Matten, die es
schmücken; die Klarheit der Gewässer, die es befeuchten, die Blüthe der
Nymphen, die es verschönern. Die unsrigen sieht man so was nicht mehr thun.
Nicht, als ob wir nicht auch noch Wälder, Gewässer, Matten, und Nymphen
hätten: aber bei uns ists keine Diana mehr, die in unsern Wäldern jaget;
keine Venus mehr, die sich in unsern Bächen bespiegelt; keine Flora, die in
ihrem Laufe auf dem Grase ausglitscht. Die Stelle dieser Göttinnen hat die
Kakomonade eingenommen. Alles, was vormals diente, die Vergnügungen, zu
umschleiern, und zu vergrößern, dient nun unter ihren Händen zu nichts
mehr, als nur die Gelegenheiten zur Reue zu vermehren; und wenn noch ein
kühner Faun es wagt, die Schäferinnen ins Gehölze zu verfolgen, so fühlt er
sich bald mit einer ganz andern Wunde geschlagen, als wie sie Amors Pfeile
schlugen.
Welche Macht könnte doch eine so traurige Metamorphose in Gegenden
verursachen, die von dem Verderbnisse so entfernt sind? Wie kann da jenes
der Schein der Tugend verhüllen, was anderswo nur die Folge der
Ausgelassenheit ist? Wie geht es doch zu, daß oft die Simplizität selber
denen gefährlich wird, die sich schmeicheln, sie zu mißbrauchen? Man kann
hiervon drei sehr dunkle, aber sehr wirksame Ursachen angeben, welche die
Hauptbeweggründe der Verwüstung sind, welche die Kakomonade auf dem Lande
hervorbringt.
Die erste davon ist jene ungeheure Anzahl Kinder, die mit jedem Tage aus
den großen Städten fortziehn, um sich auf viele Meilen in die Runde,
auszubreiten. Sie begehren da von ihnen gemietheten Nährmüttern jenen
Beistand, den ihnen die Eltern, von denen sie das Leben haben, versagen.
Dieß ist oft ein Glück für sie. Sie würden das Leben, das sie erst
empfiengen, bald verlieren, wenn man sie nicht hurtig aus dem angepesteten
Schoosse entfernte, in welchem sie es schöpften: aber dieses Glück wird
sehr traurig für den mitleidigen Schooß derjenigen, die sich würdigen, sie
zu sich aufzunehmen.
Für die Milch, die sie daraus saugen, strömen sie das Gift darein, vor dem
sie ihre Unschuld nicht retten konnte. Mit diesem Augenblicke wird die
eheliche Zärtlichkeit ein Netz, worinn der Gatte sehr bald sich fängt. Er
wird zum Zeitvertreibe mit einer Seuche behaftet, die er nicht fürchten
konnte, da sie für ihn mitten in den Armen der Weisheit, und der
Fruchtbarkeit entsproß. Wenn sich die Merkmaale davon sehen lassen, so hält
die Schamhaftigkeit öfters ihre Entdeckung zurück, und fast immer steht die
Dürftigkeit der Abhilfe derselben im Wege. Die Nothwendigkeit einer
mühsamen Arbeit vermehret und verschlimmert die Symptomen derselben. Die
Schwachheit, die die Einen mit sich bringen, macht, daß die Früchte der
andern nicht hinreichen werden. Die Bedürfnisse vervielfältigen sich nach
dem Maaße, nach welchem die Kräfte sich verlieren; endlich, wenn die
armselige Familie eine Zeitlang in Elend und Verzweiflung geschmachtet hat,
erwartet sie in irgend einem Siechenhause ihre Vernichtung.
Nicht ein Zug ist hier übertrieben, sondern es ist dieß ein sehr wahres,
ein sehr lebhaftes Gemälde von dem, was sich alle Tage um uns herum
zuträgt. Man findet keinen Dorfpriester, keinen Landjunker in den
Provinzen, der nicht die Wahrheit davon erkennte. Dieß ist die Gestalt der
ersten Quelle der Entvölkerung der Dörfer, welche die Krankheit, von der
hier die Rede ist, verursacht.
Doch, es sind es nicht die Kinder in der Wiege allein, durch die sie sich
da einschleicht. Auch jene parfümirten Puppen, jene fünf und
zwanzigjährigen Greise, welche ein grausames Loos bei Zeiten reich, und zu
müssigen Herren gemacht hat, müssen ihr mittelbar zu ihren Absichten
dienen. Sie führen öfters die Langeweile, die sie aufzehrt, die
Eckelhaftigkeit, die ihnen das Herz abdrückt, auf ihren Landgütern mit sich
spazieren. Aus Furcht, sie möchten in diesem neuen Aufenthalte sich selbst
gelassen sein, sind sie sehr besorgt, all den Prunk, und Firlefanz des
Luxus, der sie in den Städten, aus denen sie sich flüchten, tödtet, mit
sich dahin nachzuschleppen.
Ein zahlreicher Hofstaat, eine prächtige Equipage ist ihr Geleite bis in
die Mitte der ländlichen Einfalt. Es gefällt ihnen, ihre groben, und
verbordirten Bedienten, die sie schlecht bedienen, mitten unter demüthigen,
und mit Kütteln angethanen Landleuten, die sich nur von ferne sie
anzublicken, getrauen, glänzen zu sehn. Es ist ihnen lieb, in den
Vorzimmern ihrer Lustschlösser mehr unnütze Thunichtse zu zählen, als sie
arbeitsame Unterthanen auf dem Felde haben.
Dieses lächerliche Großthun, dieser unerträgliche Stolz wäre doch noch ein
leidliches Uibel, wenn es nichts weiter schadete, als die Kleingeistigteit
des Ortsherrn zu nähren. Aber was ihn erst wirklich schrecklich macht, ist
dieß, daß er die Zügellosigkeit der Bedienten begünstigt, und die Folgen
davon ins Unendliche vermehret. Die Kakomonade macht sie zu neuen
Prometheussen, die sie mit ihrer Fackel bewaffnet; auf ihren Befehl ziehn
sie aus, die Bildsäulen, womit das Land erfüllet ist, mit einer
verderblichen Flamme zu beleben, die sie nicht von den Strahlen der Sonne
entwendet haben.
Die drei Viertheile der Menschen, die sich bei uns zur Dienstbarkeit
verschreiben, sind durch ihren Stand Müssiggänger, und aus Noth Hagestolze.
Eine vollkommene Unabhänglichkeit ist das erste Bedingniß, welches der
Luxus fordert, um sie zu den Würden der Livree zuzulassen, und er macht
diese Forderung nur, um sie sich selbst zum Opfer zu bringen. Er will die
Herrschaft über seine Unterthanen mit Niemandem theilen. Er macht Ansprüche
über Sklaven zu gebieten, die außer ihm keinen Herrn haben sollen. Er meint
sich hierdurch Unruhen zu ersparen. Er bildet sich ein, sich dadurch eines
hurtigern Dienstes, einer genaueren Treue zu versichern.
Ich weis nicht, ob er es damit wohl macht; was ich gewiß weis, ist, daß
dieser Haufen arbeitloser, einsamer Bedienten, überall, wo er sie nur zu
finden glaubt, Gesellschaften aufsucht. Ihr Temperament treibt sie zu
lebhaften Vergnügungen, und ihr Anzug bringt sie in Gesellschaften, wo
ihnen diese leicht gemacht werden. Von dieser Seite der Wonnen des
Ehestandes beraubt, von der andern zur Ausübung seiner Geschäffte
eingeladen, überlassen sie sich einem Umgange, der ihnen seine Vergnügungen
gewährt, ohne seine Beschwerden zu haben. In diesem schändlichen Mißbrauche
der Kräfte der Natur folgen sie den Absichten, und oft dem Beispiele ihrer
Herren.
Ihr gegenwärtiges Bedürfnis macht sie taub für die Folgen der Zukunft. Man
weis, was man, von der Gattung Weibsleute, auf die sie sich beschränken
müssen, zu erwarten hat, und in kurzer Seit erlangen sie die Erfahrung
davon. Dadurch werden sie kecker, so, wie ein Mensch, dessen Kleid schon
einmal durchnäßt ist, sich desto weniger gegen den Regen sperret. Die Kraft
ihrer Jugend erhält sie eine Zeitlang. Die Schuldigkeit, vor der Herrschaft
zu erscheinen, oder gar die Mittellosigkeit, wehrt es ihnen, auf ihre
Heilung zu denken. Sie müssen ihrem Herrn überall, wo es seine Kaprize
immer hin will, folgen, und man stellt sich auf seinen Wink, es mag um den
Körper stehn, wie es wolle. So ist indessen der Trupp beschaffen, mit
welchem der Reiche sich brüstet, auf seiner Herrschaft zu erscheinen, wenn
er sich würdigt, sie mit seiner Gegenwart zu beehren.
Ist er nun einmal auf dem Dorfe, so sind seine Bedienten, in der Kleidung
oft besser bestellt, als er, Leute von Wichtigkeit. Ihre Borden werden nun
ein Ehrenzeichen. Sie behaupten unter diesen Leuten ohne Widerspruch den
vornehmsten Rang, und ziehen alle Augen auf sich. Das Prächtige ihres
Anzugs, ihr Bau, der Vorrang, den sie über die Landleute affektiren,
unterwirft ihnen sehr bald die Mädchen auf dem Lande, die auf alles
aufmerksam sind.
Und dann wehe der Tugend, die sich mit einem Bißchen Reiz, und Anmuth
waffnet; wehe der Unschuld, welche die Jugend schmücket, und welche die
Grazien dieses Alters vielmehr schwächen, als beschützen! Wie bald ist sie
verführt, und vergiftet! Die ihrer genoß, -- nichts bleibt der
Unglücklichen, außer ein unaustilgbarer Jammer, und schändliche Schmerzen.
Ihr Ende ist -- sie bringt, oft ohne es selbst zu wissen, dem Hymen Blumen
zu, die auf ihrem Erdreiche nicht wachsen sollten, und die die Liebe auf
ewig verbannen, und es ist noch ein Glück; wenn sie der Versuchung nicht
nachgiebt, in die Stadt zu ziehn, um mit den Reizen, die sie zu Grunde
gerichtet haben, ein Gewerbe zu treiben, und die Folgen ihrer Schwachheit
mit dem Publikum zu theilen!
So arbeiten denn ungeheure Armeen, unter der Uniforme der Sklaverei, daran,
in den Schlund der Hauptstädte das Gift, das darinnen gähret, zurück zu
gießen, und in diesem Geschäfte muß man ihnen noch eine andere Klasse von
Sklaven beigesellen, die an sich selbst edler, obgleich in der Sache selbst
sehr wenig in Betrachtung gezogen sind; jene Automaten muß man ihnen
zugesellen, die mit zu dem Machwerk eines so genannten Regimentes gehören,
und derer Ressorts, wenn sie einmal zugenommen haben, ihnen eine ziemliche
Geschicklichkeit geben, eine gewisse Anzahl Bewegungen zu machen, die unter
dem Namen Exercizien bekannt sind.
Diese, begabt mit der ausschließenden Befugniß, eine Flinte, oder eine
Bajonette zu führen, haben noch in einem höheren Grade jene, überall die
traurigen Geschenke, von denen wir sprechen, anzunehmen, und mitzutheilen
Durch ihre Mitwirkung dringet sich die Kakomonade in die entlegensten
Provinzen ein. Sie eröffnen ihr einen Weg in Gegenden, wohin selbst das
Gold kaum einen Eingang findet.
Offenbar sind dieses Laster, die sie gegen das menschliche Geschlecht
begehn; doch läßt es sich schwer entscheiden, ob sie dabei mehr strafbar,
als unglücklich sind. Gewiß ists, daß der Ehestand für den Soldaten sich
nicht schicke. Noch gewisser, daß der Zölibat ihm die Ausschweifung
nothwendig macht. Nicht weniger gewiß ists, daß diese Ausschweifung für
ihn, und für alle Länder, die er durchzieht, die schrecklichsten Folgen
habe. Um sich davon zu überzeugen, darf man nur den Zustand der Plätze, wo
Krieg ist, und ihre Gegenden umher betrachten.
Täglich schleicht sich da, trotz aller Wachen, die ihn beobachten, ein
verkappter Feind hinein. Er herrscht da mit größerer Macht, als die
Statthalter des Königs. Die Wachsamkeit derselben, ihn hindanzuhalten, ist
unnütz. Er ist sogar mit den Offizieren, die man dahin beordern könnte,
verstanden. Uiber dieß, wie wollte man junge Leute hindern, sich einem
Gelüste zu ergeben, das der Müssigang, aus dem sie sich eine Ehre machen,
bei ihnen genährt hat? Wie wollte man Begierden unterdrücken, die ein,
lange Zeit, bezähmtes Temperament, oder die Gewohnheit der Ausschweifung
wüthig gemacht hat? Weder die Bestrafung so einer Unglücklichen, die sie
anpestet, noch die langwierigen Peinen, womit sie die Schwachheit eines
Augenblicks abbüssen müssen, werden sie je vor dem Rückfalle bewahren. Ein
Soldat glaubt, er sei da, um des Gegenwärtigen zu genießen: seine
Bestimmung ist, den Gefahren Trotz zu bieten, und er rechnet sichs zum
Verdienste an, ihnen in jeder Gestalt zu trotzen.
Was noch trauriger ist: da sich der Soldat so selbst verderbt, verderbt er
auch andere mit. Er erhält, wie Midas, die Eigenschaft, allem, was er
berührt, die Kraft, die er empfangen hat, mitzutheilen. Und so wird eine
Armee selbst in Feindes Lande dadurch viel verderblicher, als die
schrecklichste Verwüstung des Krieges. Nicht das, was sie daraus fortträgt,
sondern das, was sie darinnen läßt, schlägt ihm eine unheilbare Wunde.
Wahr ists; sie empfängt dafür bald ihre Strafe. Das Weibervolk dieses
Landes bewaffnen sich ihrerseits gleichfalls mit der Plage, die sie
verletzet hat, wie Montesquieus Präsident vom Despotismus sagt, daß er sich
mit seinen eigenen Ketten bewaffnet, und dadurch desto schreckbarer wird.
Damit, schlagen, sie bei ihrem Durchmarsche die Soldaten, die sich davor
verwahrt, oder davon entlediget haben. Dieser mörderische Kriegslauf
unterhält unter den Truppen eine weit furchtbarere Pest, als die best
eingerichtete Artillerie.
Auch dieses wissen alle, die die letzten Feldzüge mitgemacht haben. Die
deutschen Bauerndirnen waren, wie die römischen Frauen, die sicherste
Vormauer ihres Vaterlandes geworden. Die Gefälligkeit der kirre gewordenen
Hessinnen war mehr zu fürchten, als das Schwert ihrer vaterländischen
Helden. Eine einzige Westphälerinn brachte mehr Unordnungen aus, und füllte
die Spitäler mehr an, als die Armee von einem ganzen Detachement
Hanovrianer.