Erstes Buch

1

Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat

seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der

Weltgeschichte kracht.

Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.

Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.

Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt

das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am

Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor

kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten

Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den

Schlachtfeldern gefallen waren.

Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen

aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende

Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen

die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken,

Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene

Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind

die Rechtsanwälte.

Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause,

immerfort.

Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen

gebieterischen Blick über die Straße.

Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer

von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die

Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant

betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen

Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten --

oder noch Schlimmeres? -- er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste

und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird.

Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen.

Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden

geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch

setzen wird -- bald vielleicht . . .

Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit

unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens

gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an

Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert

unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage

gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber

schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und

die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken

humpeln sie in den Tiergarten hinein.

Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier,

das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer,

jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift,

und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen

Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten

kriecht er über den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich

geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?

Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick

vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm

berührt werden, gestört in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein

Berittener in Bewegung.

Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos

rauscht eine vornehme Limousine heran.

Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine,

feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in

das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und

trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln

auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen.

Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür

verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im

Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während

der Motor noch donnerte.

Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt

aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur

einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst

gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg

er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels

leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile.

Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie

war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der

konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die

Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf

das Signal des Telegraphen warteten.

Morgen -- morgen . . .

Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu

erhaschen.

»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die

dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem

Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts

wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der

Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht

allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht

vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine

Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Kürze -- Dora schonend

davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe

-- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen

einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die

Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden

. . .

Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne,

Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der

Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern.

Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war,

ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen für die

Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze

England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der

Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine

einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm.

Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu

früh einsetzte.

Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die

Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht,

sie waren mit zwei Worten erledigt.

»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu

sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?«

Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie

erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst

allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen

Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der

Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich -- wie?

-- ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras

Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann -- dieser

Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte --

diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine,

der so heftig schwitzte -- wie hieß er doch? -- was für merkwürdige

Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in

seinem Gedächtnis . . .

Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick

ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den

Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und

Köpfe streichen.

Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . .

Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an

dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den

Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre

Fingernägel. Der gütige Greis -- peinlich säuberlich gekleidet, wie für

die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem

Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände

und erhob sich.

Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.

Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .

2

Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.

Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in

einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es

bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der

herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten

in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit

einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen

hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über

der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu

betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen

Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte.

Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute

abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand

in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen

Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig,

und sie begann laut zu lachen.

Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten

gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in

köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.

Der 9. November: Roman · 第 35 / 74 题