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Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat
seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der
Weltgeschichte kracht.
Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.
Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.
Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt
das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am
Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor
kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten
Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den
Schlachtfeldern gefallen waren.
Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen
aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende
Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen
die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken,
Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene
Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind
die Rechtsanwälte.
Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause,
immerfort.
Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen
gebieterischen Blick über die Straße.
Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer
von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die
Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant
betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen
Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten --
oder noch Schlimmeres? -- er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste
und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird.
Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen.
Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden
geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch
setzen wird -- bald vielleicht . . .
Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit
unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens
gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an
Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert
unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage
gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber
schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und
die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken
humpeln sie in den Tiergarten hinein.
Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier,
das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer,
jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift,
und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen
Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten
kriecht er über den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich
geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?
Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick
vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm
berührt werden, gestört in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein
Berittener in Bewegung.
Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos
rauscht eine vornehme Limousine heran.
Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine,
feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in
das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und
trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln
auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen.
Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür
verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im
Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während
der Motor noch donnerte.
Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt
aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur
einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst
gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg
er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels
leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile.
Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie
war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der
konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die
Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf
das Signal des Telegraphen warteten.
Morgen -- morgen . . .
Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu
erhaschen.
»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die
dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem
Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts
wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der
Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht
allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht
vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine
Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Kürze -- Dora schonend
davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe
-- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen
einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die
Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden
. . .
Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne,
Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der
Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern.
Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war,
ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen für die
Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze
England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der
Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine
einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm.
Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu
früh einsetzte.
Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die
Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht,
sie waren mit zwei Worten erledigt.
»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu
sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?«
Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie
erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst
allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen
Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der
Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich -- wie?
-- ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras
Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann -- dieser
Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte --
diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine,
der so heftig schwitzte -- wie hieß er doch? -- was für merkwürdige
Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in
seinem Gedächtnis . . .
Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick
ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den
Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und
Köpfe streichen.
Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . .
Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an
dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den
Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre
Fingernägel. Der gütige Greis -- peinlich säuberlich gekleidet, wie für
die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem
Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände
und erhob sich.
Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.
Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .
2
Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.
Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in
einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es
bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der
herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten
in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit
einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen
hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über
der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu
betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen
Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte.
Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute
abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand
in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen
Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig,
und sie begann laut zu lachen.
Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten
gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in
köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.