Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft.
* * * * *
Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu
bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und öffnet den
Wagenschlag.
»Herr General!«
»Herr General?«
Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt,
steigt er aus dem Wagen.
»Frau v. Dönhoff empfängt?«
»Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.«
»Wird es lange dauern, Petersen?« fragt der Chauffeur den Zebrakittel.
»Was ist denn los bei euch?«
»Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.« Und der Zebrakittel eilt, den
Korb mit den Maiglöckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete
Entree, um Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein.
2
Frau v. Dönhoff -- die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen
Backsteinvilla in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine
Blondine, nicht mehr in der ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten
die schöne Dora genannt.
Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, zierliche
Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, große strahlende
Augen von herrlich leuchtendem, seltenem Blau -- der berühmte
Schriftsteller, der in ihrem Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem
Blau des Gebirgsenzians verglichen -- ein Paar reizender Grübchen, runde
rote Lippen -- ah, und Zähne -- schneeweiß! Sie lachte immer und bei
jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz unvermittelt ein, sie lachte
in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen. Es riß mit fort.
Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke Zigarette
zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der
Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft
brachte. Das war die schöne Dora.
Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer
Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Königlichen Hoheit
verbunden hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwärtig. Hatte die
Königliche Hoheit wirklich diese schlanken ringgeschmückten Finger an
die Lippen gedrückt? Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen
erfrischt, diesen weichen, verschwenderisch reichen blonden Haarschopf
liebkost? Ruhten die Augen der Königlichen Hoheit auf diesen Schultern?
Immer, immer war Dora von diesem Abglanz umschwebt. Die Sonne war
untergegangen -- aber der Glanz lag noch in der Luft.
Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder.
Dora aber hatte -- danach -- einen Freund der Königlichen Hoheit
geheiratet, den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter
Deutschlands, professioneller Schürzenjäger und Spieler, der in
kürzester Zeit zwei Vermögen durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines
Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien!
Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump
ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es
klingt, und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem
Kriege trennte sie sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung --
oder war sie schon geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das
Interesse an den armseligen privaten Schicksalen in den Hintergrund
gedrängt.
Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwärtig bei
seiner Batterie im Westen -- irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen,
in den Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der
Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn
vergessen, seine Damen -- nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal
war er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen,
es gab sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier -- immer die
gleiche Geschichte. Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine
Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen
kam auch ein Brief aus dem Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn
Frida, der Zofe, und flüsterte: »Von ihm!«
Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen Linien
natürlich nur, und heute hatte sie die Grippe.
Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit
Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, großen und kleinen
Treppen und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand
sich zurecht. Dora hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin
verwandelt. Es gab keinen Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich
belegt war. Es gab im Dönhoffschen Hause sogar etwas, was es nur selten
in Berlin gab, nämlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine
Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut. Infolge der vielen
Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach Staub. Dazu
hatte Dora das ganze Haus mit antiken Möbeln vollgestopft, Möbeln aller
Stilarten, mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten
Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit kleinen
Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen,
Miniaturen, Dosen derartig übersät, daß es unmöglich war, auch nur ein
Paar Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu
bringen. Es war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und
Heiligen abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das
arabische Zelt stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer
Empore, zu der eine steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt,
emporführte. Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und beständig
strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. Doras Haus
hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die Lampen. Es gab kein
Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskörper aufwies. Blaue,
grüne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Färbung,
Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen mit halb
heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst wurde
durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein
opalisierendes, bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich.
In der Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige
purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner
Kirche montiert war. Neben dieser roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie
strahlte dann wie glühender Alabaster, während die andern wie Leichen
aussahen. Sie verstand ihre Sache.
Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und
tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf,
ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora
jemals in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich.
Jedermann fühlte sich wohl bei ihr.
Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit -- ein
richtiges Treibhaus.
* * * * *
Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht
in Erschütterung.
Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche,
Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne
andere Gäste.
Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich
in Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben
ist, und der -- vielleicht, nur eine Vermutung -- an beginnender
Sklerose der Arterien leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste
sich. Es zeigte sich sogar, seht an, eine Spur von Farbe auf den breiten
Wangen, ein rötliches Violett, von feinem Geäder herrührend. Die ernsten
Gedanken, die den General einhüllten, zerflatterten, der etwas massige,
schwerbewegliche Körper schien elastisch und verjüngt.
Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als
Doras Lachen in die Garderobe drang.
Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen
Augenblick leutselig auf dem Diener. Etwas Außergewöhnliches, denn der
General pflegte seine Mitmenschen nie anzusehen. -- Dann widmeten sie
sich mit rein menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe,
die in der Garderobe standen.
»Sind auch -- Damen hier, Petersen --?«
»Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.«
Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten sie
groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen -- es
war ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige
Menschen präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei
einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur einer sehr
linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von
jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer, wo ein sehr orientalisch
aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit, getauft -- aber
trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde -- bei Dora
allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste -- machte er
eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur
zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren
Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war
indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine Art Künstlernatur.
Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete
den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . .
Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und
glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die
Ordensauszeichnungen, die langen polierten Fingernägel -- nur die Haut
des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So,
genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug
-- in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, war es ja schließlich
kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das
erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt.
Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche
Erscheinung.
Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die
Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte.
Offenbar machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins
Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden
aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter,
in Gesellschaft zu treffen. Er kam sich beobachtet vor, sie störten, mit
einem Wort.
»Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.«
»Schön« -- aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in
die Höhe -- »eine Bürste, Petersen.« Der General hatte tatsächlich ein
Härchen auf seinem Ärmel entdeckt.
»Es ist von Butzi, Herr General -- das ganze Haus ist voll von seinen
Haaren --«
»Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag --
nein, das ist unmöglich, Petersen.«
»Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare --!«
Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame,
hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit
zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug
Petersen den Teppich zurück.
Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der Unterhaltung
mit Petersen -- ob das Haar von Butzi stammte oder nicht -- straffte
sich.
»-- sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen --«
»-- es ist ja gar nicht die Grippe.«
»-- täglich sterben Hunderte --«