Eine Sage
Erzählt vom Küster an der --Kirche zu ***
Foma Grigorjewitsch hatte eine merkwürdige Eigentümlichkeit: Er konnte
es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals
erzählen zu müssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und
erzählte etwas zum zweiten Male, dann fügte er entweder hier eine neue
Wendung hinzu, oder änderte dort etwas, so daß man die Geschichte kaum
wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren -- wir einfachen
Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder
dergleichen, so was ähnliches wie die Makler auf unseren Jahrmärkten;
sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden
dann jeden Monat oder gar jede Woche ein Büchelchen so dick wie eine
Fibel in die Welt hinaus, -- einmal also hatte einer jener Herren
unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und
der hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen
im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und
von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, -- er kommt
also, bringt ein kleines Büchelchen mit, schlägt's in der Mitte auf und
zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine
Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, daß er vergessen
hatte, ein Stück Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und
so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs
Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte
noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm
und unterbrach.
»Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?«
Ich muß gestehen, diese Frage verblüffte mich ein wenig.
»Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure
Geschichte, es sind Eure eigenen Worte!«
»Wer hat Euch das erzählt, daß das meine Worte sind?«
»Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht's doch gedruckt. Erzählt von dem
Küster Soundso.«
»Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er lügt,
der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als hätte
der Satan einen Sparren! Hört zu, die muß ich Euch selbst erzählen!«
Wir rückten am Tische zusammen, und er begann.
* * * * *
Mein Großvater (Gott hab' ihn selig! Möge er in jener Welt nur
Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!) mein Großvater
verstand es wunderbar zu erzählen. Wenn der erst einmal damit anfing, so
mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze
rühren und nur immer zuhören. Und er redete nicht etwa wie einer von den
heutigen Faselhänsen; wenn so einer anfängt, sein Garn herunter zu
spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als hätte er drei Tage lang
nichts zu essen gekriegt, dann möchte man am liebsten nach der Mütze
greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute wäre,
-- meine Mutter selig war noch am Leben, -- an die langen Winterabende,
wenn draußen heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen
unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken saß,
mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fuß die Wiege schaukelte und
ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lämpchen
beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die
Spindel surrte; und wir Kinder hörten alle, zu einem Haufen
zusammengedrängt, dem Großvater zu, der vor Alter schon über fünf Jahre
nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen
Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den
Polen, von den kühnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des
Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte über eine alte,
sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer über den Leib lief und
das Haar sich sträubte. Manchmal kam eine solche Angst über einen, daß
man abends Gott weiß was für Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal
nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du
sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt,
um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft
meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes für einen zusammengekauerten
Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzählungen des Großvaters war,
daß er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er's sagte, genau so war es
auch.
Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erzählen.
Ich weiß wohl, es werden sich schon etliche Klüglinge finden, die
Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, -- welche
zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand
drückt, -- aber dafür um so besser die Zähne zu fletschen wissen. Was
man denen auch erzählen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt
für ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte
Jungfrau mögen mir beistehen -- ihr werdet's vielleicht nicht glauben:
als ich einmal von Hexen sprach -- da fand sich doch wahrhaftig so ein
Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich
lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche
Heiden waren, daß es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu lügen, als
unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe
das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... na, ich will's gar nicht erst
über die Zunge bringen .... was soll man über sowas noch Redens machen.
Vor vielen vielen Jahren, 's werden wohl sicher über hundert sein, --
erzählte mein Großvater selig -- war unser Dorf noch etwas ganz anderes
als jetzt! Da war's noch ein Weiler, der allerärmste Weiler! Zehn
ungetünchte und ungedeckte Hütten lagen mitten im Felde verstreut, und
es gab weder einen Zaun, noch einen anständigen Schuppen, in dem man
Vieh oder einen Wagen hätte unterstellen können. Und die, die so lebten,
das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der
Brüderschaft der Habenichtse für ein Leben hatte, das läßt sich kaum
beschreiben! Ein Loch in der Erde -- das war das ganze Haus! Nur an dem
Rauch konnte man merken, daß da ein Menschenkind unseres lieben
Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut
allein war's nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und
hatte sich in fremden Ländern nicht wenig Reichtümer erbeutet; nein, man
sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich
damals nicht allerorts für Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen,
Litauer usw. Oft geschah es auch, daß man von den eigenen Landsleuten
geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor.
In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz plötzlich ein Mensch oder
richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu
welchem Zwecke -- das wußte niemand. Er soff, vergnügte sich, -- und auf
einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken wäre. Dann
kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Straßen des
Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr übrig ist, und das
vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war,
sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und
Singen an: das Geld wurde nur so ausgeschüttet, und der Schnaps rann
dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mädchen und schenkte ihnen Bänder,
Ohrringe und Perlen -- in vollen Haufen! Freilich, so manches Mädel
wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Weiß Gott, am Ende waren sie in
der Tat durch unreine Hände gegangen. Die leibliche Tante meines
Großvaters, die damals auf der heutigen Landstraße von Oposchnjani einen
Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hieß dieser Teufelskerl) oft
zechte, pflegte zu sagen, sie würde um keinen Preis in der Welt ein
Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas
zurückweisen? -- Jedem wurde gruselig zumute, wenn _er_ seine borstigen
Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, daß man am
liebsten ausgerissen wäre; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man
schon in der nächsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hörnern
auf dem Kopfe, erwarten. Und der würgte einen, wenn man Perlen am Halse
trug, biß einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder riß
einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte.
Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war
es, sie los zu werden: Man wirft sie ins Wasser -- aber der teuflische
Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen einem wieder in die
Hand zurück.
Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem
heiligen Pantelej angehörte. Damals nun waltete in ihr ein Priester
namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, daß
Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn
ausschelten und ihm eine Kirchenbuße auferlegen; aber sieh da, er kam
kaum mit heiler Haut davon. »Hör mal, _Herr_!« brüllte ihn jener an,
»kümmere dich lieber um deine Geschäfte, anstatt dich in fremde zu
mischen, wenn du nicht willst, daß dir dein Ziegenhals mit einem heißen
Sterbekuchen verkleistert wird!« Was konnte man mit diesem
Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erklärte nun jeden, der mit
Bassawrjuk verkehren würde, für einen Römling, und für einen Feind der
Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts.
In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter,
den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder
seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar
gesagt, die wären schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest
gestorben; aber die Tante meines Großvaters wollte es nicht wahrhaben
und war aus aller Kraft bemüht, ihm Eltern aufzudrängen, obgleich der
arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kümmerte, wie wir um den
vorjährigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch
in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Türken gewesen,
habe Gott weiß welche Qualen erdulden müssen, und habe nur durch ein
Wunder, als Eunuch verkleidet, Reißaus nehmen können. Die
schwarzbrauigen Mädels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um
seine Verwandtschaft. Sie äußerten nur, wenn man ihm einen feinen Rock
-- etwa einen neuen Schupan -- anzöge, einen roten Gürtel umlegte, eine
neue Mütze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken blauen Kappe
aufsetzte, ihm einen türkischen Säbel an die Seite schnallte, und in die
eine Hand einen langen Degen und in die andere eine hübsch eingefaßte
Pfeife gäbe -- dann würde er alle andern Burschen in die Tasche stecken.
Aber der arme Petrusj besaß alles in allem nur einen einzigen grauen
Kittel, der mehr Löcher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche.
Doch das wäre noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr
dies: der alte Korsch hatte ein Töchterchen, eine Schönheit, wie ihr sie
wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Großvaters pflegte zu
erzählen, -- und ihr wißt ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher
den Teufel küssen, als eine andere schön nennen, -- daß die runden
Bäckchen des Kosakenmädchens so frisch und glänzend waren wie die
allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun
aufleuchtet, ihre Blättchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden
Sonne putzt. Wie schwarze Schnürchen, die die Mädchen heutzutage bei den
Hausierern in den Dörfern für ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so
zart schwangen sich die Brauen über ihren Augen, als spiegelten sie sich
in ihrem klaren Kristall. Ihr Mündchen, nach dem der ganzen jungen Welt
von damals der Mund wässerte, schien wie geschaffen für die Gesänge
einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie
junger Flachs (denn damals flochten es die jungen Mädchen noch nicht zu
kleinen Zöpfchen, durch die sie sich jetzt hübsche bunte Bänderchen
ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten Überwurf herab. Ei,
da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen
lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen möchte, und wenn auch
der alte Wald auf meinem Schädel schon so ziemlich grau ist, und meine
Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein
Bursch und ein Mädel nah beieinander wohnen .... ja, da wißt ihr schon,
was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfrühe den Abdruck der
Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj
gestanden hatte. Korsch hätte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber
einst, -- und das kam durch nichts anderes als durch die List eines
Teufels -- da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen,
sozusagen von ganzer Seele einen Kuß auf die rosigen Lippen des
Kosakenmädchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel, -- mag doch der
Hundesohn vom heiligen Kreuz träumen! -- ritt den alten Knasterbart, daß
er gerade zu dieser Zeit die Tür öffnete. Korsch stand da wie ein
Holzklotz, sperrte den Mund auf und mußte sich an die Tür lehnen. Der
verdammte Kuß schien ihn vollkommen betäubt zu haben. Er kam ihm lauter
vor als der Schlag eines Mörserstößels auf ein Brett, mit dem zu unserer
Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu
Ehren Johannes des Täufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen
war, nahm er seine Nagaika aus Urväter Zeiten von der Wand und wollte
sie schon auf den Rücken des armen Peter niedersausen lassen, da
erschien auf einmal Pidorkas sechsjähriges Brüderchen Iwasj, kam
erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den Händchen und
schrie: »Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!« Was war da zu machen?
Ein Vaterherz ist nicht von Stein: er hing die Nagaika an die Wand und
führte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. »Wenn du dich jemals wieder hier
im Hause sehen läßt oder auch nur am Fenster, so höre, Petrusj: Bei
Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke,
die du dir doppelt ums Ohr wickelst, -- ich will nicht Terenti Korsch
sein, wenn sie nicht von deinem Schädel Abschied nimmt!« Bei diesen
Worten versetzte er ihm einen leichten Stoß in den Nacken, so daß
Petrusj Hals über Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem Küssen
gebracht. Ein schwerer Kummer überfiel unser Täubchen; dazu ging noch im
Dorfe das Gerücht um, zu Korsch ins Haus käme ein goldbeladener Pole mit
Schnurrbart, Säbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der
Klingelbeutel, den unser Meßner Taras täglich in der Kirche umgehen
läßt. Nun man weiß ja, wozu man einen Vater besucht, der eine
schwarzäugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren
Bruder Iwasj: »Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein
goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erzähl ihm
alles: ich möchte seine grauen Augen liebkosen und sein weißes Antlitz
küssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit
meinen heißen Tränen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz.
Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen
in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch
es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die Küster
werden plärren, statt daß Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde
ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man
mich aus dem Hause. Dunkel und düster wird mein enges Haus sein -- aus
Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein
Kreuz auf dem Dache stehn!«
Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rühren zu können, hörte
Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. »Dacht' ich
Unglücklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins Türkenland zu
ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gütern beladen zu dir
zurückzukehren, du meine Schönste? Doch es sollte nicht sein. Ein böser
Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures
Fischlein du, aber kein Küster wird auf unserer Hochzeit singen -- statt
eines Popen krächzt mir zu Häupten ein schwarzer Rabe, das weite Feld
wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen
hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich
waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem
klag' ich was vor? Gott hat's wohl so angeordnet! Verloren ist
verloren!« -- Und stracks zog er in die Schenke.
Die Tante meines seligen Großvaters war nicht wenig erstaunt, als sie
Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver
Mensch zur Frühmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn
sie noch im Schlafe läge, als er einen Krug -- oder richtiger fast einen
halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der
Ärmste seinen Kummer zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge
wie Nesseln und dünkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er
den Krug zu Boden. Da dröhnte es im Baß über seinem Kopfe: »Laß doch das
Trauern, Kosak!« Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze!
Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! »Ich weiß,
was dir fehlt: das da!« rief er und klirrte teuflisch grinsend mit
seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Gürtel hing. Petrusj erbebte.
»Hehe, wie die glühen!« brüllte er und schüttete sich die Dukaten auf
die Hand. »Hehe, die klimpern! Und doch heißt's nur eine einzige Tat
vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!« -- »Satan!« schrie
da Petrusj. »Her damit! Ich bin zu allem bereit!« Beide gaben sich den
Handschlag und waren einig. »Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten
Zeit: morgen ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des Jahres
treibt das Farnkraut Blüten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte
dich um Mitternacht in der Bärenschlucht.«
Ich glaube, die Hühner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die
Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerwährend
blickte er aus, ob die Baumschatten nicht länger würden, ob nicht die
tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglömme, und je länger er wartete,
um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag
konnte wohl kein Ende finden. -- Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf
einer Seite rötet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird
kälter im Felde; dunkler und dunkler wird's, und alles liegt in
nächtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der
Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch
den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der Bärenschlucht
genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, daß
man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch
die Sümpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestrüpp und
strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen
Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch
Bassawrjuk blieb stehen.
»Siehst du: da vor dir liegen drei Hügel. Viel mannigfache Blumen
wachsen dort; doch alle Mächte der Welt mögen dich bewahren, auch nur
eine zu pflücken. Kaum aber erblüht der Farn, so greif nach ihm und
blick dich nicht um, was du auch hinter dir dünken magst.«
Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener war verschwunden. Er
ging auf die Hügel zu: wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen.
Schwarz lag das wilde Steppengras da und überwucherte alles mit seinem
Gestrüpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein
ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er
auch die einfachen Blätter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte
Petrusj beide Hände in die Hüften und stellte sich nachdenklich vor sie
hin.
»Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches
Kraut: was ist denn das für ein Mirakel? Am Ende macht sich die
Teufelsfratze nur über mich lustig!«
Auf einmal aber glüht ein kleines Knöspchen rot auf und rührt sich wie
wenn es lebendig wäre. Seltsam fürwahr! Rührt sich, wird immer größer
und größer und glüht heiß wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen
auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die
Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und überstrahlt alles rings
herum.
»Jetzt ist's Zeit,« dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber
siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige Hände nach der Blume
aus, und hinter ihm läuft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drückte die
Augen zu, riß am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles
verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor:
ganz bläulich wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger, seine Augen
waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein
Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum rührte sich
nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm Petrusj
ein Pfeifen, daß ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor,
als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit dünnen Stimmchen
unterhielten, die wie silberne Glöcklein klangen. Die Bäume donnerten
grollend durcheinander .... Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal
lebendig. Seine Augen funkelten. »Endlich ist sie da, die Hexe,« grunzte
er durch die Zähne. »Petrusj schau, bald wird dir eine schöne Frau
erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig
verloren!« Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor
ihnen erschien ein Häuschen, das auf Hühnerfüßchen stand, wie es im
Märchen heißt. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand
wankte. Ein großer, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen,
verwandelte sich plötzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen.
»Tobe nicht, wüte nicht, alte Teufelin,« rief Bassawrjuk und würzte
seine Rede mit so einem Wörtlein, daß sich ein rechtschaffener Mensch
dabei die Ohren zugestopft hätte. Da wurde die Katze zu einem alten
Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und
krümmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn glichen einem Nußknacker.
»Welch herrliche Schönheit!« dachte Petrusj, und es überlief ihn kalt.
Die Hexe riß ihm die Blume aus der Hand, beugte sich über sie, flüsterte
einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer
unbekannten Flüssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat
ihr auf die Lippen. »Wirf sie hin«, rief sie, indem sie ihm die Blume
reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber -- o Wunder: die Blume fiel
nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel
mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann
sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, daß das
Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht größer erschien, denn ein
Mohnkorn. »Hier!« krächzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm
einen Spaten hin und rief: »Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so
viel Gold finden, als weder du noch Korsch je geträumt haben!« --
Petrusj spie sich in die Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß
darauf und wühlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal,
noch einmal .... Da stieß er auf etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte
und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen
plötzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste
wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste
begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich
vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. »Nie sollst
du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst!« rief
die Hexe und führte auf einmal ein etwa sechsjähriges Kind vor ihn hin,
das mit einem weißen Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an,
er müsse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist's denn eine
Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf
abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Wütend riß er das
Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand
mit gekreuzten Händchen und gesenktem Köpfchen da .... Wie ein Rasender
sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand ....
»Was versprachst du, für das Mädchen zu tun?« donnerte ihn Bassawrjuk
an, und versetzte ihm einen Schlag in den Rücken, der ihn traf wie ein
Schuß. Die Hexe stampfte mit dem Fuße, und eine blaue Flamme sprang aus
dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und
alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als läge es auf der
flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine
haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen.
Des Petrusj Augen brannten, .... sein Verstand verfinsterte sich ....
wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte
ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelächter toste auf allen Seiten. --
Widerwärtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein
Wolf, die Hände in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das
Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten
Kräfte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle
Bäume brannten in rotem Blut und stöhnten. In Rotglut getaucht wankte
der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen
auf. Entkräftet lief er bis in seine Hütte, sank dort zu Boden wie eine
Ähre und ein totenähnlicher Schlaf umfing ihn.
Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am
dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und
Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten
der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedächtnis glich der Tasche eines
alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem
er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er plötzlich zu seinen Füßen
ein Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Säcke voll Gold. Erst jetzt
erinnerte er sich wie in einem Träume, daß er einen Schatz gesucht
hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war .... Aber um welchen
Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr
besinnen.
Sowie Korsch die Säcke erblickte, da wurde er seidenweich. »Petrusj, so
ein Herzensjung', den sollt' ich nicht lieben? Der war mir doch stets
wie mein eigner Sohn!« Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln,
daß dem Petrusj die Tränen in die Augen kamen. Da lief Pidorka bestürzt
herbei und begann zu erzählen, Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern
gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn
besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun
war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die Tür gesetzt,
und man feierte Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wäsche genäht, man
rollte ein Fäßchen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch
gesetzt, das Hochzeitsgebäck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und
die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern
summten -- und die Lustbarkeit begann ....
Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu
vergleichen. Die Tante meines Großvaters erzählte -- hei juchhei! Ei wie
da die Mädels im prächtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa
Bändern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine
Hemden an, deren Nähte mit roter Seide bestickt waren und die kleine
silberne Blümchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen
beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind
rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen
hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat
gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene Häubchen
mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell
hervorguckte, in ihren blauen Ueberwürfen aus herrlichstem Seidenstoff
mit roten Aufschlägen -- ei wie sie da gar würdig, die Hände auf die
Hüften gestützt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren
Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenmützen, in
feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem Gürtel, und die Pfeife zwischen
den Zähnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht
unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des
jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten
Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied
vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem
Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter
zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon
wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab's da nicht
alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen
Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als
Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete
sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst küßte man sich, und
dann packte man einander beim Schopf .... Ich bitt' euch, das gab ein
Lachen, daß man sich den Bauch halten mußte. Oder man legte türkische
und tatarische Gewänder an, die da glühten wie das reine Feuer .... Und
wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben ....
das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen
Großvaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige
Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit
dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mußte
einen der Teufel reiten, daß er sie von hinten mit Branntwein begoß, ein
anderer mußte gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten
sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf:
die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die
Kleider vom Leibe zu reißen .... Was sich da für ein Lärm, Gelächter und
ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die
ältesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen.
Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten
Herrschaften. Alles war in Hülle und Fülle vorhanden, alles blinkte und
funkelte nur so .... Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand
mitansahen, schüttelten nur den Kopf. »Vom Teufel kommt nichts Gutes!«
sagten sie alle einstimmig. »Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht
vom Versucher aller rechtgläubigen Christen? Wo hätte er einen solchen
Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben
Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam?« -- Und was die
Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat
vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm
geschehen war, das weiß Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben
Stelle fest und redet kein Wort; er grübelt nur immer, als wollte er
sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm
herauszupressen, sodaß er sich vergaß, ins Gespräch kam und sogar ganz
heiter wurde, dann brauchte er nur wie zufällig auf die Geldsäcke zu
blicken, und sofort schrie er los: »Halt, halt, ich hab's vergessen!«
Und wieder verfiel er in Sinnen und quälte sich ab, eine Erinnerung
heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke saß,
kam es ihm so vor, als ob etwas Längstvergangenes wieder in sein
Gedächtnis zurückkehrte .... aber gleich darauf verschwand alles wieder.
Es dünkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der
Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm
-- schlägt ihm auf die Schulter, und er .... Aber dann schien alles vor
ihm in einen Nebel zu sinken, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, und er
sank erschöpft wieder auf seinen Platz zurück.
Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser
besprechen -- nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein
Kosak hatte schon sein Korn abgemäht und sein Heu geschnitten; manch
kühnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwärme von Enten drängten sich
auf unseren Weihern, und der Zaunkönig war schon längst verschwunden.
Die Steppen färbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut
wie Kosakenmützen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen
begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart,
und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel
herab, und die Zweige der Bäume waren mit Rauhreif verziert wie mit
Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbrüstige
Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher
und suchte sich Körner, und die Kinder trieben mit Riesenstäben hölzerne
Bälle übers Eis, während ihre Väter ruhig hinter den Öfen lagen und nur
ab und zu mit der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um tüchtig
auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszulüften, oder
weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten.
Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem
Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so
düsterer geworden, je weiter die Zeit vorrückte. Wie angeschmiedet saß
er mitten im Zimmer, die Säcke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er
verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres
Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins
Gedächtnis zurückrufen, grollt mit sich und wütet, daß es ihm nicht
gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, fährt mit den Händen
umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte;
seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein längst vergessenes Wort
aussprechen und -- erstarren ...... Tobsucht packt ihn; wie toll nagt
und beißt er an seinen Händen, und voll Grimm reißt er sich ganze
Büschel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewußtlos hinsinkt,
wieder zu sinnen anfängt; und dann wieder dieselbe Wut, und dieselbe
Qual ..... Was für eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen
mußte, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie's, allein im Hause zu
bleiben, aber dann gewöhnte sich die Ärmste an ihr Unglück. Die Pidorka
von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe
noch ein Lächeln mehr; abgehärmt und abgezehrt war's, ausgeweint waren
die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle
zu der Zauberin gehen, die in der Bärenschlucht hauste, und von der der
Ruf ausging, sie könne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschloß, dies
letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her überredete sie
endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor
Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen
Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten
und um sich zu blicken. Plötzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein
Haar sträubte sich .... und er brach in ein solches Lachen aus, daß die
Angst Pidorka ins Herz schnitt. »Ich hab's, ich hab's!« schrie er in
fürchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und ließ es aus
aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in
die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube
stand ein Kind von sieben Jahren in weißem Hemdchen mit verhülltem
Haupte .... Das Tuch flog herunter. »Iwasj!« schrie Pidorka und stürzte
auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf bis zu Füßen mit Blut bedeckt
und erglühte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot
tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu
sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die Tür war so
fest hinter ihr zugeschlagen, daß man nicht imstande war, sie wieder zu
öffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür
ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der
Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und
da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den Säcken, darin lagen statt der
Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten
Mäulern, und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie
angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt.
Was weiter geschah, das weiß ich nicht. Pidorka legte das Gelübde ab,
eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr
vom Vater übrig geblieben war, und war in der Tat einige Tage später aus
dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wußte niemand
zu sagen. Geschwätzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch
Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzählte, er habe im
Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerwährend
betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka
wiedererkannt hätten. Bis jetzt, hieß es, habe noch niemand von ihr ein
einzig Wörtlein gehört, sie solle allein zu Fuß gekommen sein und habe
eine Fassung für das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine
Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, daß allen
die Augen flimmerten, wenn sie sie ansähen.
Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage,
als der Böse Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk
wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wußte jetzt, was das
für ein Vogel war: niemand anders als der Satan war's, der
Menschengestalt angenommen hatte, um Schätze zu heben; und da unreine
Hände nicht Schätze heben können, so lockte er brave Burschen an sich.
Noch in demselben Jahre ließen alle ihre Lehmhütten stehen und liegen
und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem
verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Großvaters
erzählte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte
Schenke auf der Landstraße nach Oposchnjany aufgegeben hatte, und er
habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst
waren die Dorfältesten in der Schenke beieinander; sie saßen und
unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und Würden am Tisch, auf
dessen Mitte ein gewiß nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man
schwatzte über dies und jenes, auch über mannigfache Wunder und
Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien's, und nicht nur einem, -- was ja
nichts bedeuten würde, -- sondern allen, als ob der Hammel den Kopf
erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob
plötzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden
zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze
Bassawrjuks, und die Tante meines Großvaters dachte schon, er würde
gleich Schnaps bestellen! .... Die guten Leutchen griffen nach ihren
Mützen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in
eigener Person, der es liebte, ab und zu ein Stündchen bei Großvaters
Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert
hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis
zur Erde zu verneigen. »Hol' dich der Teufel!« rief er und begann sich
zu bekreuzigen ..... Aber da widerfuhr seiner Ehehälfte gleichfalls ein
Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig in einem mächtigen Trog zu
kneten, da sprang der Trog auf einmal in die Höhe. »Halt! Halt! Wohin
willst du?« rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die Hüften
gestemmt, ehrwürdig in der Stube umherzutänzeln ..... Ja lacht nur! Aber
unserem Großvater war's nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater
Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel
durch Besprengen aller Straßen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange
klagte die Tante meines verstorbenen Großvaters darüber, daß, sobald es
Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den Wänden kratzte.
Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser
Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch garnicht so lange her,
-- mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt -- daß kein
ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit
danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne
Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem rußigen Schlot schlugen Säulen Qualms
empor, die so hoch in die Luft stiegen, daß einem beim Hinaufsehen die
Mütze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen glühende Kohlen über die
ganze Steppe. Und der Teufel -- gar nicht nennen dürft' man den
Hundesohn -- schluchzte so jämmerlich in seiner Kammer, daß die Aasgeier
erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen Eichenwäldchen emporstießen
und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen.
Mainacht
oder
Die Ertrunkene
Der Teufel mag wissen wie's kommt! Machen sich
ehrliche getaufte Leute an irgend etwas, so müssen
sie sich abrackern, wie der Windhund hinterm Hasen,
und kriegen's doch nie zu fassen. Kommt aber der
Böse und wackelt bloß mit dem Schwänzchen -- da
geht's auf einmal wie vom Himmel gefallen.
I.
Hanna
Hell wie ein leuchtender Strom ergoß sich ein Lied durch die Straßen des
Dorfes ***. Es war die Stunde, da Burschen und Mädchen, matt von des
Tages Müh und Sorge, sich lärmend im Kreise versammeln, um im Glanz des
reinen Abends ihre Lust in Klängen hinauszujubeln, in denen stets etwas
wie eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken umschlang
der Abend träumerisch den blauen Himmel und wandelte alles in
Ungewißheit und Ferne. Schon begann es zu dämmern, aber die Lieder
verstummten dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand zieht Lewko einher.
Er hat sich von den Sängern weggeschlichen, der junge Kosak, des
Dorfamtmanns Sohn. Mit seiner hohen Kosakenmütz' auf dem Kopfe zieht der
Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die Saiten und tänzelt dazu.
Doch nun blieb er vor der Tür eines Häuschens stehen, das niedrige
Kirschbäume umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tür? Nach kurzem
Verweilen spielte er und sang:
Sonne sinkt, Abend winkt,
Komm zu mir, mein Herzenskind!
»Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon fest,« sprach der
Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. »Halja, Halja!
Schläfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es
könnt' uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weißes
Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen? Fürcht' dich nicht, niemand
ist in der Nähe; der Abend ist warm. Ja, käm' auch jemand, ich deck'
dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden, mit
meinen Händen bedecken, -- und niemand wird uns sehen. Und wehte es
selbst eisig kalt, ich drück' dich noch näher an mein Herz, ich wärm'
dich mit Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen. Mein
Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus.
Steck nur dein weißes Händchen durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst
nicht, stolzes Mädchen!« rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl
jemand findet, der sich über einen Augenblick der Erniedrigung schämt.
»Dir gefällt's, mich zu verhöhnen. Leb' wohl!«
Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr und zog stolz davon,
leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tür,
knarrend öffnete sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn
Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über die Schwelle; scheu sah
sie sich um, ohne den hölzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre
hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein;
die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen
blieb nicht einmal die Röte verborgen, die ihr schamhaft über die Wangen
flammte.
»Wie ungeduldig du bist!« sprach sie halblaut zu ihm. »Gleich bist du
böse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewählt? Eine Unmenge von
Leuten lungert auf den Straßen umher .... ich zittere am ganzen Leibe.«
»O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht fest an mich!« sprach
der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen
Riemen um den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe nieder.
»Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter für
mich!«
»Weißt du, was ich glaube?« unterbrach ihn das Mädchen und richtete
sinnend die Augen auf ihn. »Mir ist's, als raunte mir jemand ins Ohr,
daß wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen
sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich so neidvoll an, und die
Burschen .... Fühl' ich's doch gar, daß mich die Mutter seit einiger
Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir's gestehen, fröhlicher war's in
der Fremde!«
Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht.
»Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir's zu lang;
bin ich dir vielleicht auch schon zuwider?«
»O nein, du bist mit nicht zuwider!« sagte sie lächelnd, »ich liebe dich
doch, du schöner Kosak! Ich liebe dich um deiner klaren Augen willen,
und wenn du mit ihnen auf mich blickst, so lächelt alles in meiner
Seele, und ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du so
freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil du auf der Straße
singst und spielst, und lieblich ist's, dir zuzuhören.«
»O meine Halja!« rief der Bursch, und drückte sie unter Küssen noch
fester an seine Brust.
»Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem Vater gesprochen?«
»Was?« rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, »daß wir uns heiraten
wollen? Ich habe mit ihm gesprochen.« Doch das Wort »gesprochen« klang
voller Bitterkeit in seinem Munde.
»Und nun?«
»Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf stellt sich nach seiner
Gewohnheit taub, will nichts hören, und schilt noch, daß ich mich, weiß
Gott wo, umhertreibe und mich mit den Burschen in den Straßen vergnüge.
Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du mein Kosakenwort drauf, daß
ich ihn doch beuge!«
»Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wörtlein zu sagen, und alles geschieht
nach deinem Willen. Weiß ich es doch von mir: Ich möchte mich dir so
manches Mal widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die
eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh --« fuhr sie fort,
indem sie den Kopf an seine Schultern lehnte und ihre Augen zur Höhe
erhob. Dort blaute der warme unermeßliche Himmel der Ukraine, der unten
von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt war. »Sieh dort, --
weit, weit, da blinken Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fünf ....
Nicht wahr, das sind doch Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen
Himmelsstübchen aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch auf unsere
Erde herab? O, wenn die Menschen doch Flügel hätten wie die Vögel, --
und so hinauffliegen könnten, hoch, hoch in die Höhe .... O, wie
schrecklich! Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber es soll
irgendwo in einem fernen Lande solch einen Baum geben, dessen Wipfel in
den Himmel hineinrauscht, und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur
Erde herabsteigen.«
»Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel bis zur Erde
reicht. Am Ostersonntag wird sie von den heiligen Erzengeln
aufgerichtet, und sowie Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren
alle unreinen Geister empor und stürzen zu Haufen herab in die Hölle.
Und darum ist zum Fest Christi kein böser Geist auf der Erde.«
»Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie ein Kind in der
Wiege,« fuhr Hanna, auf den Teich weisend, fort, der mürrisch von
dunklem Ahorngehölz umstanden war und von den Weiden beweint wurde, die
ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie ein kraftloser Greis
hielt er den ferndunklen Himmel in seinen kalten Armen, überschüttete
mit frostigen Küssen die brennenden Sterne, die trübe mitten im warmen
Meer der nächtlichen Luft glimmten, in ängstlicher Vorahnung, daß bald
der König der Nacht in blendendem Glanz aufleuchten würde. Auf dem Berge
schlummerte neben dem Walde ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen
Läden; Moos und Unkraut bedeckten sein Dach; krausgelockte Apfelbäume
wucherten vor den Fenstern, der Wald umarmte es mit seinen Schatten und
warf eine wilde Düsternis darauf, und vor ihm breitete sich ein
Nußbaumhain aus und glitt zum Teiche herab.
»Ich erinnere mich wie im Traume,« sagte Hanna, ohne die Augen von ihm
abzuwenden. »Vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war und bei
meiner Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem Hause
gesprochen. Lewko, du weißt es sicher, erzähle!«
»Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummköpfe nicht alles
erzählen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen
und nachher nicht gut schlafen!«
»Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!« rief sie, preßte ihr
Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. »Nein, du liebst mich
nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch
nicht -- ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du mir's nicht
erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich werde mich quälen und
werde grübeln .... erzähle, Lewko!«
»Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, daß ein Teufel in
den Mädchen sitzt und beständig ihre Neugier reizt. So höre denn. Vor
langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser
Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein, so weiß wie
Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon
lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu
nehmen. >Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen, wenn du dir
eine andere Frau nimmst?< -- Freilich, mein liebes Töchterchen, noch
fester als früher werd' ich dich an mein Herze drücken! Glänzendere
Ohrringe noch und Perlen werd' ich dir schenken!«
»Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schön war das junge
Weib, rosig und weiß war das junge Weib, und doch blickte sie so
furchtbar auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick,
die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag über kein Wort. So
kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe
ins Schlafgemach; und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich in ihre
Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Plötzlich
sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell
glüht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst
springt sie auf die Bank, -- die Katze ihr nach; sie springt auf die
Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt
sie dem Mädchen an den Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei
riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und
wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfaßt das
Mädchen. An der Wand hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und
sausend fiel der Hieb, -- die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und
die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag über
verließ die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien
sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Fräulein eine
Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine Hexe war, und daß sie ihr die Hand
abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter,
Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und
verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemächern zu zeigen. Der
Ärmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte ja
den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage jagte der Hauptmann
seine Tochter barfuß aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein
Stückchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das
Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. >O mein Vater, in Verderben
gestürzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sündige Seele
ins Verderben gestürzt! Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht
länger zu leben beschieden ....< -- Siehst du da ....?« wandte sich
Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, »schau hin: dort
hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich
das Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen ....«
»Und die Hexe?« unterbrach ihn Hanna ängstlich und richtete ihre
tränenschweren Augen auf ihn.
»Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen, daß seit jener Zeit
in mondhellen Nächten alle ertrunkenen Mädchen in den Garten des
Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des Hauptmanns
Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre
Stiefmutter neben dem Teich, fiel über sie her und schleppte sie mit
Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der
Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den
Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grünem Schilf, mit der die
Ertrunkenen sie schlagen wollten.
Glaub' einer den Weibern! -- Man erzählt auch noch, daß das Fräulein
seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins
Gesicht blickt, und sich abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe
sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen
_Menschen_ in die Hände bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen,
und droht ihm, ihn sonst zu ertränken. So erzählen die alten Leute,
liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine
Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister
hergeschickt .... Doch ich höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen
zurück. Leb' wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese
Weibermärchen.« --
Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, küßte sie und ging.
»Leb' wohl, Lewko!« sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den
dunklen Wald.
In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majestätisch
aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hälfte unter der Erde, aber
schon erfüllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der
Teich sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich scharf vom
dunklen Grün.
»Leb' wohl, Hanna!« tönt es hinter ihr, und ein Kuß begleitete diese
Worte.
»Du bist wieder zurückgekehrt?« sagte sie und schaute sich um. Aber als
sie einen unbekannten Burschen sah, wandte sie sich zur Seite.
»Leb' wohl, Hanna!« ertönte es da wieder, und wieder küßte sie jemand
auf die Wange.
»Hat der Teufel noch einen hierhergeführt!« rief sie voller Zorn.
»Leb' wohl, liebe Hanna!«
»Ein Dritter!«
»Leb' wohl, leb' wohl, leb' wohl, Hanna!« Und von allen Seiten regneten
Küsse auf sie herab.
»Das ist ja eine ganze Horde!« schrie Hanna und mußte sich gewaltsam aus
einem großen Haufen von Burschen losreißen, die sie um die Wette
umarmten. »Wie ist ihnen nur das ewige Küssen nicht zuwider! Bei Gott,
bald darf man sich nicht mehr auf der Straße zeigen!«
Nach diesen Worten schlug die Türe zu, und man hörte nur noch, wie der
eiserne Riegel sich klirrend vorschob.
II.
Der Dorfamtmann
Kennt Ihr die Nächte der Ukraine? O Ihr kennt die Nächte der Ukraine
nicht. Blickt nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer in ihre
Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der Mond; noch gewaltiger als
sonst ist die unermeßliche Wölbung des Himmels, dehnt sich noch weiter
in unermeßlichen Fernen und scheint brennend und lohend zu atmen. Die
ganze Erde liegt in silbernem Lichte da, die wundersame Luft ist von
einer schwülen Kühle und Wonne erfüllt, und strömt einen Ozean von
Wohlgerüchen aus. Göttliche Nacht! Berückende Nacht! Regungslos und wie
begeistert stehen die Wälder in tiefer Finsternis und werfen ungeheure
Schatten. Still liegen die Teiche ruhend da; die Kälte und die
Finsternis sind düster verkerkert in die dunkelgrünen Mauern der Gärten.
Die jungfräulichen Hecken aus Faulbeer und Kirschbäumen strecken scheu
ihre Wurzeln in die kühle Flut der Quellen, und ihre Blätter lispeln ab
und zu, als ob sie zürnten oder sich empörten, wenn der schöne,
flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen kommt und sie küßt. Die
ganze Natur schläft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher Feier.
Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins Unermeßliche, und
Reigen silberner Visionen steigen aus ihrer Tiefe auf. Göttliche Nacht!
Berückende Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wälder, Teiche
und Steppen. Majestätisch rollt das Schmettern der ukrainischen
Nachtigall dahin, und man meint, selbst der Mond lausche ihr aus der
Mitte des Himmels .... Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der
Anhöhe. Noch weißer und prächtiger strahlen die Haufen der Häuschen im
Mondlichte, noch blendender heben sich ihre niederen Mauern von der
Dunkelheit ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen
Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen
auf. Auf den Schwellen einzelner Hütten sitzt noch eine Familie und
verzehrt ihr spätes Nachtmahl.
»I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also darum ging's nicht vom
Fleck! -- Was erzählt der Gevatter da? .... Nun also: Hop, trala! --
hop, trala! -- hop, hop, hop!« So sprach ein angeheiterter Bauer
mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten auf der Straße zu
tanzen. »Bei Gott, so wird kein Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln?
Bei Gott! So nicht! Nun also: Hop trala! -- Hop trala! -- hop, hop,
hop!«
»Der Mensch ist ja ganz närrisch. Wenn's noch ein junger Kerl wäre, aber
so ein alter Bär .... der tanzt bloß den Kindern zum Spott hier nachts
auf der Straße!« rief eine ältere Frau im Vorübergehen, die Stroh in der
Hand trug. »Geh nach Haus! Es ist schon längst Schlafenszeit!«
»Ich gehe ja schon,« sagte der Bauer und blieb stehen. »Ich geh' ja
schon. Ich pfeife auf den Amtmann. Was denkt er sich denn. Der Teufel
soll seinen Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei stärkstem
Frostwetter noch mit kaltem Wasser begießt, hat er darum etwa das Recht,
so hochnäsig und wichtig zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin
mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen -- ich bin mein eigner
Amtmann! Jawohl,« fuhr er fort, »und nicht etwa ....« Er trat ans erste
beste Häuschen heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemühte sich,
mit den Fingern über die Scheibe gleitend, den hölzernen Griff zu
finden. »Weib, mach auf! Schnell, Weib, ich sage dir, mach auf! Der
Kosak will schlafen!«
»Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein fremdes Haus geraten!«
schrien lachend die Mädchen hinter ihm her, die vom fröhlichen Sang
heimkehrten. »Sollen wir dir dein Haus zeigen?«
»Zeigt mir's, meine lieben jungen Damen!«
»Damen? Hört ihr's?« rief die eine, »wie artig Kalenik ist! Dafür müssen
wir ihm sein Haus zeigen ....! Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!«
»Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mädel!« rief Kalenik gedehnt lachend, mit
dem Finger drohend und stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den
Beinen. »Laßt Ihr euch auch küssen? Ich will euch alle küssen -- alle
.... alle!« Und mit wankenden Schritten jagte er hinter ihnen her. Die
Mädchen schrieen alle durcheinander; aber bald faßten sie Mut und liefen
auf die andere Seite der Straße, als sie merkten, daß Kalenik nicht
allzu flink auf den Beinen war.
»Da ist dein Haus!« schrien sie ihm beim Fortgehen zu und zeigten auf
ein Haus, das größer war als die übrigen und dem Dorfamtmann gehörte.
Kalenik wankte gehorsam auf jene Seite hinüber und begann dann von neuem
auf den Amtmann zu schimpfen.
Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der so böses Gerede über
sich erregt? O, dieser Amtmann ist eine wichtige Person auf dem Lande.
Bis Kalenik das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl Zeit
finden, einiges über ihn zu sagen. Alle im Dorfe greifen bei seinem
Anblick an die Mütze, und selbst die allerjüngsten Mädchen sagen ihm
Guten Tag. Wer im Dorfe möchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann ist der
Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der kräftige Bauer steht die ganze
Zeit über ehrfurchtsvoll mit der Mütze in der Hand da, solange jener
seine dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast steckt. Im
Gemeinderat hat der Amtmann immer die Oberhand, obgleich seine Macht
noch durch andere Stimmen beschränkt wird, und er heißt fast ganz nach
seiner Willkür jeden, der ihm gerade paßt, den Weg ebnen oder einen
Graben anlegen. Der Amtmann ist mürrisch, von plumpem Äußeren und redet
nicht gern. Vor langer, langer Zeit, als noch die große Zarin Katharina
seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war er auserwählt worden,
an ihrem Gefolge teilzunehmen; er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage
und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin
sitzen zu dürfen. Seit dieser Zeit weiß der Amtmann würdevoll und
sinnend den Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas
krausen Schnurrbart zu glätten und drohende Falkenblicke um sich zu
werfen. Seit dieser Zeit weiß er auch, worüber man immer mit ihm
sprechen mag, stets die Rede darauf zu bringen, daß er die Zarin
begleitet und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen habe.
Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich taub zu stellen, besonders wenn
er etwas hören muß, was er nicht gerne hört. Er liebt es nicht, Staat zu
machen, trägt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, umgürtet sich
mit einem bunten Wollgürtel, und noch _nie_ hat ihn jemand in einem
anderen Kostüm gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die Zarin
in die Krim reiste, und wo er einen blauen Kosakenrock, den Schupan,
trug. Aber auf diese Zeit kann sich wohl kaum jemand aus dem ganzen
Dorfe besinnen; den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter Schloß
und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber in seinem hause lebt eine
Schwägerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die
Stube weißt, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen leitet. Im
Dorfe heißt es, sie sei nicht richtig mit ihm verwandt; aber wir haben
ja schon gesehen, daß der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern ein
wenig verleumden. Übrigens hat vielleicht der Umstand Anlaß dazu
gegeben, daß es der Schwägerin immer mißfiel, wenn der Amtmann aufs Feld
ging, wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu einem Kosaken,
der ein junges Töchterchen hatte. Der Amtmann ist einäugig, dafür aber
ist sein einsames Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hübsches
Bauernmädchen erkennen. Doch bevor er sein Auge auf ein niedliches
Gesichtchen richtet, sieht er sich erst sorgfältig um, ob ihm die
Schwägerin auch nicht zuschaut.
Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom Amtmann erzählt, und der
betrunkene Kalenik hat noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt.
Noch lange traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten Worten, die
ihm auf seine faule und zusammenhangloses Zeug lallende Zunge kamen.
III.
Ein unerwarteter Nebenbuhler
Die Verschwörung
»Nein, Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll diese Ausgelassenheit?
Wie, wird euch das Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin schon für
Gott weiß was für Raufbolde. Geht lieber schlafen!« So sprach Lewko zu
seinen fröhlichen Kumpanen, die ihn zu neuen Streichen überreden
wollten. »Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!« Und schnellen Schrittes eilte
er davon.
»Schläft meine helläugige Hanna?« dachte er, als er an das uns schon
bekannte, von Kirschbäumen umstandene Häuschen trat. Mitten in der
Stille vernahm er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Durch die
Bäume schimmerte ein weißes Frauengewand .... »Was soll das?« dachte er,
schlich näher heran und versteckte sich hinter einem Baum. Der
Mondschein erhellte das Gesicht des vor ihm stehenden Mädchens.
»Hanna?« Aber wer war der hochgewachsene Mann, der mit dem Rücken zu ihm
stand? Vergeblich blickte er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den
Füßen in Schatten gehüllt. Nur von vorn fiel etwas Licht auf ihn, aber
schon der kleinste und leiseste Schritt setzte Lewko der
Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Still an einen Baum gelehnt,
blieb er stehen. Das Mädchen hatte ganz deutlich seinen Namen
ausgesprochen.
»Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart!« rief der große Mann. »Wenn ich
ihn bei dir treffe, reiße ich ihm den Schopf aus ....«
»Ich möchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, er werde mir meinen
Schopf ausreißen!« sagte sich Lewko still und reckte den Hals empor, um
ja kein Wort zu verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, daß
man nichts mehr hören konnte.
»Schämst du dich denn gar nicht!« sprach Hanna, als er zu Ende geredet
hatte. »Du lügst, du willst mich betrügen. Du liebst mich nicht, ich
werde dir nie glauben, daß du mich liebst!«
»Ich weiß,« erwiderte der große Mann, »Lewko hat dir viel unsinniges
Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf verdreht!« (Hier kam es dem Burschen
so vor, als sei die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, und als
habe er sie schon einmal gehört.) »Aber ich werd' es dem Lewko schon
zeigen!« fuhr der Unbekannte fort. »Er glaubt, ich sehe alle seine
Streiche nicht, er soll meine Fäuste schon zu kosten bekommen, der
Hundesohn!«
Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht länger unterdrücken. Er
schlich bis auf drei Schritte an ihn heran und holte aus aller Kraft
aus, um ihm einen Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner
offenbaren Stämmigkeit vielleicht nicht standgehalten hätte; aber in
diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten Antlitz, und Lewko
erstarrte -- er sah seinen eigenen Vater vor sich. Nur ein
unwillkürliches Kopfschütteln und ein leises Pfeifen durch die Zähne
verrieten seine Verblüffung. Dann vernahm man ein feines Rascheln, Hanna
floh eiligst ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.
»Leb wohl, Hanna!« rief in diesem Augenblick einer der Burschen, der
leise herangeschlichen war, und umarmte den Amtmann, aber er prallte
entsetzt zurück, als er den struppigen Schnurrbart berührte.
»Leb wohl, mein schönes Kind!« rief ein anderer, aber dieser flog Hals
über Kopf, von einem schweren Stoß des Amtmanns getroffen, zur Erde.
»Leb wohl, leb wohl, Hanna!« riefen einige Burschen und hingen sich ihm
an den Hals.
»Fahrt doch zur Hölle, ihr verdammten Lümmel!« schrie der Amtmann, indem
er sie von sich abwehrte, und stampfte voller Wut mit den Füßen. »Bin
ich etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vätern her; an den Galgen mit
euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die fest an einem, rein wie die Bienen am
Honig! Ich will euch schon zeigen wer Hanna ist ....«
»Der Amtmann, der Amtmann! 's ist der Amtmann!« schrien die Burschen und
liefen nach allen Seiten auseinander.
»Ei, ei, Väterchen!« sprach Lewko, als er sich wieder von seinem Staunen
erholt hatte, und blickte dem schimpfend davonziehenden Amtmann nach.
»Solche Streiche machst du also? Großartig! Und ich habe mich noch
gewundert und immer gedacht, was mag das nur bedeuten, daß er sich immer
taub stellt, sobald ich mit ihm von dieser Sache zu sprechen anfange.
Halt, alter Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heißt, sich
vor den Fenstern junger Mädchen herumzudrücken; fremde Bräute abspenstig
machen? -- na, ich will dir's schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!«
schrie er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, die sich
wieder versammelt hatten und in einem Haufen zusammenstanden. »Kommt
doch her! Ich hab' euch zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab's
mir wieder überlegt und will gern die ganze Nacht mit euch verbummeln.«
»Das laß ich mir gefallen!« rief ein breitschultriger und stattlicher
Bursche, der als der erste Herumstreicher und Wildfang im Dorf galt.
»Mir ist nicht wohl zumute, wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar
Streiche zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, als fehlte
mir etwas, es kommt mir dann so vor, als hätte ich die Mütze oder die
Pfeife verloren, kurz, ich fühle mich nicht mehr als rechter Kosak!«
»Wollt ihr heute den Amtmann mal tüchtig ärgern?«
»Den Amtmann?«
»Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich denn der? Der kommandiert
bei uns herum wie ein Hetman! Nicht genug, daß er uns hin und her hetzt
wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an unsere Mädchen
heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe gibt's auch nicht _ein_ hübsches
Mädchen, mit dem der Amtmann nicht anbändelte.«
»'s ist wahr, 's ist wahr!« riefen alle Burschen wie aus einer Kehle.
»Aber, Kinder, was sind wir denn für Kerle? Sind wir nicht Männer von
altem Stamm wie er? Wir sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen
wir ihm, daß wir freie Kosaken sind!«
»Ja, ja, wir wollen's ihm zeigen!« riefen die Burschen. »Und kommt erst
der Amtmann an die Reihe, so wollen wir auch den Schreiber nicht
vergessen!«
»Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. Gerade eben
ist mir so ein hübsches Liedchen auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich
will es euch lehren,« fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die Saiten
der Harfe an. »Aber hört: jeder muß sich verkleiden wie sich's gerad
trifft!«
»Los, Kosaken!« rief der wilde, stämmige Mensch, schlug die Beine
zusammen und klatschte in die Hände. »Ist das eine Freude! Das nenn' ich
Freiheit! Wenn das Toben beginnt, so möcht' ich fast glauben, die alten
Tage erständen aufs neue. So herrlich und frei wird einem ums Herz und
die Seele fühlt sich wie im Paradies. He, Jungens! Auf, drauf los!« ....
Und die Menge zog lärmend durch die Straßen. Die frommen alten Frauen,
die vom Geschrei geweckt wurden, schoben die Fenster in die Höhe,
bekreuzigten sich mit ihren schläfrigen Händen und sprachen: »Ja, ja,
jetzt gehen die Burschen bummeln!«
IV.
Die Burschen bummeln
Nur in einem Hause, am Ende der Straße brannte noch Licht. Das war das
Haus des Amtmanns. Der Amtmann hatte schon längst sein Nachtmahl beendet
und wäre zweifellos schon lange schlafen gegangen, aber er hatte noch
einen Gast, den Branntweinbrenner, der von einem Gutsbesitzer, welcher
mitten im Kosakenlande ein kleines Gut besaß, hierher geschickt worden
war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. Obenan auf dem Ehrenplatze
unterm Heiligenbilde, saß der Gast -- ein kurzes, dickes Männchen mit
ewig lachenden Äuglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln schienen,
mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden Augenblick zur Seite
und preßte den aus der Pfeife kriechenden Tabak, der sich schon zu Asche
verwandelt hatte, mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken
türmten sich schnell über ihm auf und hüllten ihn in ein Kleid von
blauem Nebel. Es schien, als ob der breite Schlot einer Schnapsfabrik
herunterspaziert wäre, weil er es überdrüssig geworden war, ewig auf
seinem Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des Amtmanns bei
Tisch säße. Dicht unter seiner Nase befand sich ein kurzer dichter
Schnurrbart; aber dieser Schnurrbart guckte so undeutlich aus der
Tabaksluft hervor, als wäre er eine Maus, die der Branntweinbrenner
gefangen hätte und nun im Munde hielte; wie wenn jener die Absicht
hätte, das Monopol des Katers auf dem Speicher zu untergraben. Der
Amtmann saß als Hausherr in bloßem Hemd und in einer Leinwandhose da;
sein Adlerauge begann allmählich zu blinzeln und zu erlöschen wie die
Abendsonne. Am Ende des Tisches rauchte einer der Dorfbüttel, die das
Kommando des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er saß aus Respekt vor dem
Hausherrn im Kittel da.
»Gedenkt ihr,« sprach der Amtmann zum Brennmeister gewandt, indem er ein
Kreuz über seinen gähnenden Mund machte, »gedenkt ihr die Brennerei bald
zu eröffnen?«
»Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem Herbst zu
brennen anfangen. Ich wette, zu Mariä Geburt werden der Herr Amtmann
schon auf der Straße mit den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln
beschreiben!«
Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, und an
ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen bis zu den Ohren hin. Der ganze
Körper schüttelte sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten
sich für einen Augenblick von der paffenden Pfeife.
»Das gebe Gott!« sprach der Amtmann und drückte auf seinem Gesicht so
etwas wie ein Lächeln aus. »Jetzt gibt's Gottlob, wenig
Schnapsbrennereien. Aber in alten Zeiten, als ich die Zarin auf der
Landstraße von Perejaslawl geleitete, und der verstorbene Besborodko
...«
»An was für Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals konnte man auf dem
ganzen Wege von Krementschug nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei
finden. Jetzt dagegen .. hast du gehört, was sich diese verdammten
Deutschen ausgedacht haben? Bald wird man, wie es heißt, den Schnaps
nicht mehr mit Holz brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun,
sondern mit irgend einem verteufelten Dampfe!« ... Bei diesen Worten
blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, die er auf den
Tisch stützte. »Wie das mit Dampf gemacht werden soll, das weiß ich bei
Gott nicht!«
»Was für Narren doch diese Deutschen sind! Lieber Gott erbarme dich!«
sagte der Amtmann. »Die sollten den Knüppel zu kosten kriegen, diese
Hundesöhne! Wo hat man je gehört, daß man mit Dampf kocht? Auf diese Art
könnte man ja keinen Löffel Borschtschsuppe in den Mund nehmen, ohne
sich die Lippen zu verbrühen und auch kein junges Ferkel ....«
»Gevatter,« rief da die Schwägerin, die mit übereinandergeschlagenen
Beinen auf der Ofenbank saß: »Wirst du denn die ganze Zeit über ohne
deine Frau bei uns leben?«
»Wozu brauche ich _die_? Wenn's noch was Rechtes wär'!«
»Ist sie nicht nett?« fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend.
»Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! Und hat die Fratze
voller Runzeln wie ein leerer Beutel!« Und die gedrungene Gestalt des
Branntweinbrenners fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er.
In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tür; die Tür ging auf -- ein
Bauer trat über die Schwelle, ohne die Mütze abzunehmen, und pflanzte
sich mitten in der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem Munde
die Decke musternd. Es war der uns schon bekannte Kalenik.
»So, nun bin ich zu Hause!« rief er aus und setzte sich auf eine Bank
neben der Tür, ohne im geringsten auf die Anwesenden zu achten. »Wie
lang mir der Sohn des Bösen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, und
es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie zerschlagen. Weib, gib mir
doch den Schafspelz als Unterlage. Weiß Gott, ich kriech' nicht zu dir
auf den Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir her. Dort liegt
er neben dem Heiligenbilde, aber sieh zu, wirf den Topf mit dem
geriebenen Tabak nicht um. Oder nein, laß ihn lieber! Du bist heute
vielleicht betrunken .... ich hol ihn mir schon lieber selbst.«
Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unüberwindliche Macht fesselte
ihn an die Bank.
»Das gefällt mir,« sagte der Amtmann, »der kommt in fremde Stuben und
benimmt sich ganz wie zu Hause! Schafft ihn nur in Frieden wieder
hinaus! ....«
»Laßt ihn ausruhen, Gevatter,« sprach der Branntweinbrenner, den Amtmann
an der Hand zurückhaltend. »Das ist ein nützlicher Mensch: noch mehr
solche Leute -- und unsere Brennerei geht großartig!«
Es war jedoch nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen Worten veranlaßte.
Der Branntweinbrenner glaubte an allerhand üble Vorzeichen, und einen
Menschen, der sich schon gesetzt hatte, davonjagen, das hieß für ihn so
viel wie ein Unglück heraufbeschwören.
»Ach ja, das Alter rückt heran ....« brummte Kalenik und streckte sich
auf die Bank hin. »Wäre ich noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott,
nein, ich bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? Und das
will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn's sein muß! Was ist mir
denn der Amtmann? Mag er verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn.
Ein Wagen soll ihn überfahren, den einäugigen Teufel! Was hat er den
Leuten Wasser auf den Kopf zu gießen, wenn's friert! ....«
»Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen und legt auch noch
die Pfoten auf den Tisch!« sagte der Amtmann und stand zornig von seinem
Platze auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger Stein, der
die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die Füße. Der Amtmann blieb
stehen. »Wenn ich wüßte,« sagte er, und hob den Stein auf, »welcher
Galgenstrick den Stein da hereingeworfen hat, dem würde ich schon
zeigen, was das heißt, Steine werfen! Was für Streiche!« fuhr er fort,
indem er den Stein in die Hand nahm und mit brennendem Blicke musterte.
»Er soll ersticken an diesem Stein! ....«
»Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!« fiel der Branntweinbrenner mit
bleichem Gesichte ein. »Behüt dich Gott in dieser und jener Welt, jemand
mit einem solchen Fluch zu bedenken!«
»Oho, der hat ja einen schönen Beschützer gefunden! Krepieren soll er
....«
»Hör auf, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was meiner seligen
Schwiegermutter widerfahren ist?«
»Deiner Schwiegermutter?«
»Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es war ein bißchen früher als
heute, setzten sie sich zum Abendessen hin: meine verstorbenen
Schwiegereltern, der Knecht, die Magd und fünf Kinder. Die
Schwiegermutter schüttete ein paar Knödel aus dem großen Kessel in die
Schüssel, damit sie ein wenig abkühlten, denn nach der Arbeit waren alle
hungrig und wollten nicht warten, bis die Knödel kalt waren. Sie
steckten ihre langen Holzstäbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal
taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen zu lassen; wer das
war, mag Gott wissen. Nun, soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht
zu essen geben? Man reicht ihm also auch ein Stäbchen. Aber der Gast
räumt mit den Knödeln auf wie die Kuh mit dem Heu. Bis jene einen Knödel
gegessen und den Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war der
Boden der Schüssel schon so glatt wie die Diele eines Herrenhauses. Die
Schwiegermutter tat noch Klöße hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast
sich satt gegessen und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz im
Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, und leerte auch
die zweite Schüssel. »Daß du an den Knödeln ersticktest!« dachte die
hungrige Schwiegermutter; aber da drehte sich jener auf einmal um und
sank zu Boden. Man stürzte zu ihm hin -- aber sein Geist war schon
entflohen. Er war erstickt!«
»Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Freßsack!« sagte der Amtmann.
»Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener Zeit hatte die
Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum wird's Nacht, sofort kommt der
Tote angerückt. Sitzt rücklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und
hält einen Knödel zwischen den Zähnen. Am Tage ist alles ruhig, er läßt
weder etwas von sich sehen noch hören; kaum aber dämmert es, so braucht
man nur auf's Dach zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf
dem Schornstein!«
»Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?«
»Ja mit einem Knödel zwischen den Zähnen!«
»Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was Ähnliches von meiner
Seligen gehört ....«
Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster wurde Geräusch, ein
Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. Zuerst hörte man die Harfensaiten
leise klimpern und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen
stärker, mehrere Stimmen fielen ein -- und wie ein Wirbel ertönte
rauschend das Lied:
Burschen, habt ihr schon vernommen?
Sind wir wirklich solche Narren?
Unser Amtmann hat bekommen
In dem Schädel einen Sparren!
Böttcher, schlag um unsern Amtmann
Deine festen Eisenreifen!
Böttcher, laß um unsern Amtmann
Ruten, Ruten, Ruten pfeifen!
Unserm Amtmann alt und grau,
Fehlt ein Auge in dem Kopf!
Unser Amtmann ist 'ne Sau,
Schleicht zu Mädels, dieser Tropf!
Läufst du zu den jungen Leuten,
Bleib nur lieber fein zu Haus!
Denk' mal: wenn sie dich verbläuten
Und den Schopf dir rissen aus! ....
»Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter!« sagte der Branntweinbrenner, indem
er den Kopf etwas auf die Seite neigte und sich an den Amtmann wandte,
der bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden war.
»Ausgezeichnet! 's ist nur schade, daß man in nicht ganz anständigen
Worten vom Amtmann spricht ...«
Und wieder stützte er mit einer süßlichen Rührung in den Augen die Arme
auf den Tisch und bereitete sich vor, weiter zuzuhören, denn vor dem
Fenster erdröhnte ein Gelächter, und man vernahm den Ruf: »Noch einmal,
noch einmal!« Ein scharfes Auge hätte jedoch sofort bemerkt, daß nicht
das Staunen allein den Amtmann so lange auf einem Fleck festhielt. So
läßt oft ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine Maus
rings um seinen Schwanz herumlaufen, während er Pläne schmiedet, wie er
ihr am besten den Rückzug in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war
das einsame Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, aber schon lag
seine Hand, die dem Büttel ein Zeichen gegeben hatte, am Holzgriff der
Tür; auf einmal erhob sich auf der Straße ein lautes Geschrei ..... Der
Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzügen auch eine gewisse
Neugierde gehörte, stopfte rasch den Tabak wieder in seine Pfeife und
lief auf die Straße hinaus. Aber die Taugenichtse waren schon
auseinandergestoben.
»Nein, du wirst mir nicht entwischen!« schrie der Amtmann und zerrte
einen Menschen in einem schwarzen Schafspelz hinter sich her, dessen
Fell nach außen gekehrt war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit und
eilte herzu, um dem Friedensstörer ins Gesicht zu schauen; aber er wich
angstvoll zurück, als er einen langen Bart und eine schreckhaft
ausgemalte Fratze erblickte. »Nein, du wirst mir nicht entwischen!«
schrie der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den Flur; ruhig
und ohne den geringsten Widerstand zu leisten, folgte ihm der Gefangene,
als ob's sein eignes Haus wäre. »Karpo, mach' die Kammer auf!« rief der
Amtmann dem Büttel zu. »Wir sperren ihn in die dunkle Kammer! Dann
wecken wir den Schreiber, holen die Büttel herbei, fangen all diese
Raufbolde ein und urteilen sie heute noch ab!«
Der Büttel klapperte im Flur am Hängeschloß und öffnete die Kammer. In
diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit im Flur
zunutze und riß sich plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft aus den Händen,
die ihn hielten.
»Wohin?« rief der Amtmann und packte ihn noch fester am Kragen.
»Laß los, ich bin's ja!« hörte man ein dünnes Stimmchen rufen.
»Das nützt dir nichts, das nützt dir gar nichts, Brüderchen! Quiek du
nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! Mich wirst du nicht übertölpeln!«
Und der Amtmann stieß ihn in die dunkle Kammer, so daß der arme
Gefangene aufstöhnend zu Boden fiel. Er selbst begab sich in Begleitung
des Büttels ins Haus des Schreibers, und hinter ihnen kam der
Branntweinbrenner wie ein Dampfschiff dahergeraucht.
Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe dahin, doch auf
einmal stießen sie beim Einbiegen in ein dunkles Gäßchen einen Schrei
aus -- jeder hatte einen mächtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und
eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. Der Amtmann
kniff sein Auge zu und sah erstaunt den Schreiber mit zwei Bütteln vor
sich.
»Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!«
»Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!«
»Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!«
»Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!«
»Was denn?«
»Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie Unfug auf den
Straßen. Sie benennen Euer Gnaden mit solchen Worten .... Man schämt
sich, eins davon zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter würde sich
hüten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! (All diese Worte
begleitete der dürre Schreiber, der eine Hanfpluderhose und eine
hefenfarbene Weste anhatte, mit einem Vorstrecken und schleunigem
Zurückziehen des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten
mich die verdammten Lümmel mit ihren unflätigen Liedern und ihrem
Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen eine ordentliche Lehre geben,
aber bis ich die Hose und Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach
allen Seiten auseinandergelaufen. Der Rädelsführer ist uns aber nicht
entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, wo man die Häftlinge festhält.
Ich brannte darauf, zu erfahren, was das für ein Vogel sei, aber seine
Fratze ist mit Ruß beschmiert, wie bei einem Teufel, der die Nägel für
die Sünder schmiedet.«
»Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?«
»Er trägt einen schwarzen, nach außen gekehrten Pelz, der Hundesohn,
Herr Amtmann!«
»Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn nun dieser Taugenichts
_bei mir_ in der Kammer säße?«
»Nein, Herr Amtmann, sei nicht böse, aber da irrst du dich selbst ein
wenig.«
»Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!«
Man holte Licht herbei, machte die Tür auf -- und der Amtmann stieß vor
Verwunderung ein lautes »Ah!« aus, als er seine Schwägerin vor sich sah.
»Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von Sinnen!« rief sie und
ging mit diesen Worten auf ihn zu. »Wäre auch nur ein Quentchen Gehirn
in deinem einäugigen Schädel, -- hättest du mich wohl dann in die dunkle
Kammer hineingepufft? Noch ein wahres Glück, daß ich mir nicht den Kopf
an der eisernen Türangel zerschlagen habe! Hab' ich dir nicht zugerufen,
daß ich es bin? -- Muß mich dieser verfluchte Bär mit seinen eisernen
Tatzen packen und mich herumstoßen. Daß dich in jener Welt der Teufel so
stoßen möge! ....«
Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, denn sie mußte aus
gewissen Gründen hinausgehen.
»Freilich sehe ich, daß du es bist!« sagte der Amtmann, der unterdes
wieder zu sich gekommen war.
»Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser verdammte Windbeutel
nicht ein Schelm?«
»Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!«
»Wäre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal tüchtig ins Gebet zu
nehmen, damit sie an ihre Arbeit gehen?«
»Es wäre schon Zeit, höchste Zeit, Herr Amtmann!«
»Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich glaube, ich höre meine
Schwägerin auf der Straße schreien .... diese Narren haben sich in den
Kopf gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich sei nur
ein einfacher Kosak!« .... Aus dem nun folgenden Hüsteln und Blitzen des
Auges, das er im Kreise umherschweifen ließ, konnte man erraten, daß der
Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. »Im Jahre Eintausend, ....
Gott töte mich, ich kann diese verdammten Jahreszahlen nicht behalten
.... Also im Jahre .... erhielt der damalige Kommissär Ledatschi den
Befehl, einen Kosaken auszuwählen, der gescheiter sei, als die anderen.
O, (der Amtmann sprach dieses »O« mit erhobenem Finger) gescheiter als
die anderen, um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....«
»Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte schon, Herr
Amtmann! Alle wissen doch, daß du dir die Gnade der Zarin verdient hast.
Gesteh jetzt, hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas
geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz erwischt?«
»Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur Lehre für die
anderen in Ketten geschmiedet und tüchtig abgestraft werden. Sie sollen
schon merken, was das heißt, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann
eingesetzt, wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns um die anderen
Lausbuben kümmern. Ich habe noch nicht vergessen, wie diese verfluchten
Lümmel eine Schweineherde in meinen Gemüsegarten getrieben haben, die
mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfraß. Ich habe auch nicht
vergessen, wie diese Teufelskinder sich weigerten, mir mein Korn zu
dreschen; o nein, ich hab's nicht vergessen! .... Aber sie sollen
verrecken, ich muß auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!«
»Man merkt's, das ist ein flinker Vogel!« sagte der Branntweinbrenner,
der sich während dieses ganzen Gespräches fortwährend die Backen mit
Rauch vollpumpte, wie ein Belagerungsgeschütz, und dessen Lippen eine
ganze Rauchfontäne ausstießen, wenn sie sich von der kurzen Pfeife
trennten.
»Es wäre auf jeden Fall nicht übel, diesen Menschen in der Brennerei zu
haben, noch besser wär's freilich, ihn an einem Eichenwipfel
aufzuhängen, wie einen Kirchenkronleuchter.«
Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz dumm vor, und er
beschloß sofort, ohne erst die Billigung der anderen abzuwarten, sich
selbst mit einem heiseren Lachen zu belohnen.
In diesem Augenblick näherten sie sich einer kleinen, halb in die Erde
gesunkenen Hütte. Die Neugierde unserer Wanderer hatte sich noch
vergrößert; alle drängten sich vor der Türe zusammen. Der Schreiber nahm
einen Schlüssel heraus und das Schloß klirrte; aber dieser Schlüssel
gehörte zu seinem Spind. Die Ungeduld stieg. Er begann in der Tasche
herumzuwühlen, fand jedoch den Schlüssel nicht.
»Da!« sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe seiner gewaltigen
Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose befand.
Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden zu einem einzigen
Herz zu verschmelzen, und dieses Riesenherz schlug so heftig, daß sein
unregelmäßiges Hämmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses
übertönt wurde. Die Tür ging auf, und .... der Amtmann wurde bleich wie
ein Stück Leinwand; den Branntweinbrauer überlief's kalt, und sein Haar
wollte gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht des
Schreibers; die Büttel wuchsen fest an die Erde und waren nicht einmal
imstande, ihre aufgesperrten Mäuler zu schließen: vor ihnen stand die
Schwägerin.
Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, aber bald erholte sie
sich etwas und wollte gerade auf sie zugehen.
»Halt!« schrie da der Amtmann mit wilder Stimme und schlug die Türe zu.
»Leute, das ist der Satan!« rief er dann. »Feuer! Schnell Feuer her! Es
ist nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit die Satansknochen
nicht länger auf dieser Erde bleiben!«
Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tür von der
fürchterlichen Absicht vernahm.
»Was macht ihr da, Brüder?« rief der Branntweinbrenner. »Euer Haar ist
gottlob fast so weiß wie Schnee, trotzdem aber scheint's euch noch am
Verstand zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts
anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen Werwolf in Brand
stecken! Halt, ich mach gleich welches an!«
Bei diesen Worten schüttete er die Glut aus der Pfeife auf ein Heubündel
und begann zu blasen. Aber die Verzweiflung der armen Schwägerin verlieh
ihr einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu flehen und die
Männer zu beschwichtigen.
»Haltet ein, Brüder! Warum wollt ihr euch grundlos einer Sünde schuldig
machen. Vielleicht ist's wirklich nicht der Satan,« rief der Schreiber.
»Vielleicht kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, doch das
Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das bedeutet dann, daß es nicht
der Teufel ist!«
Der Vorschlag wurde angenommen.
»Packe dich, Satanas!« fuhr der Schreiber fort und legte die Lippen an
die Türspalte. »Wenn du dich nicht vom Platze rührst, machen wir dir die
Tür auf.«
Die Tür wurde aufgemacht.
»Bekreuzige dich!« rief der Amtmann, und sah sich um, wie wenn er für
den Fall des Rückzuges einen Zufluchtsort suchte.
Die Schwägerin schlug ein Kreuz.
»Was Teufel! Das ist wirklich die Schwägerin!«
»Welche unsaubere Macht hat dich bloß in diese Kammer gebracht,
Gevatterin?«
Die Schwägerin erzählte schluchzend, wie die Burschen auf der Straße sie
gepackt und sie trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster in die
Hütte hineingeschoben und die Fensterläden geschlossen hatten. Der
Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren heruntergerissen, und
der breite Laden war oben nur mit einem Holzbalken festgerammelt.
»Du bist mir ein feiner Kerl, du einäugiger Satan du,« schrie sie und
ging auf den Amtmann zu, der zurückwich und sie immer noch mit seinem
Auge maß. »Ich kenne deine Absichten schon, du hättest mich wohl am
liebsten aufgefressen, damit du dann ungestört jeder Schürze nachlaufen
kannst, und keiner mehr weiß, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren
macht. Du meinst, ich weiß nicht, was du heute abend mit Hanna
gesprochen hast? O, ich weiß alles! Mich kann keiner so leicht betrügen,
nicht einmal einer, der weniger blöd ist als du! Ich habe lange Geduld,
aber dann: nimm dich in acht ....!«
Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich rasch davon; und
ließ den Amtmann in völliger Erstarrung zurück.
»Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel!« dachte er, sich den
Kopf kratzend.
»Wir haben ihn!« riefen die eintretenden Büttel.
»Wen habt ihr?« fragte der Amtmann.
»Den Teufel im umgewendeten Pelz!«
»Bringt ihn her!« rief der Amtmann und packte den hereingeführten
Gefangenen an der Hand. »Seid ihr verrückt geworden? -- Das ist doch der
besoffene Kalenik!«
»Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr Amtmann!«
antworteten die Büttel. »In dem einen Gäßchen umringten uns die
verdammten Kerls, fingen an zu tanzen und uns hin und her zu zerren,
steckten die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Händen. .... Der
Henker soll sie holen! .... Aber wie wir statt seiner zu dieser Krähe
hier gekommen sind, das mag Gott wissen!«
»Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen Gemeinde ergeht die
Verfügung, diesen Räuber unverzüglich gefangen zu nehmen,« sprach der
Amtmann; »desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straßen antrefft,
und sie mir zur Aburteilung vorzuführen! ....«
»Erbarm dich doch, Herr Amtmann!« riefen da einige Büttel und verneigten
sich tief bis zur Erde vor ihm. »Hättest du nur gesehen, was das für
Fratzen sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und Taufe haben
wir keine so abscheulichen Larven gesehen. Wie leicht verfällt man der
Sünde, Herr Amtmann! Die können einen rechtschaffenen Menschen so
erschrecken, daß einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen
kann!«
»Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! Was? Ungehorsam? Ihr
zieht wohl mit ihnen am selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das?
.... Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr .... ihr .... Ich
werde das dem Kommissär melden! Auf der Stelle, hört ihr, auf der
Stelle! Lauft, fliegt schnell wie die Vögel! Ich werde euch schon ....
Ihr sollt mir ....!«
Alle stoben auseinander.
V.
Die Ertrunkene
Unbekümmert, und ohne auf die abgesandten Verfolger zu achten, näherte
sich der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. Ich
glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, daß es Lewko war.
Sein schwarzer Pelz war aufgeknöpft, er hielt seine Mütze in der Hand,
und der Schweiß rann ihm von der Stirn. -- Düster und hehr stand der
schwarze Ahornhain da, und nur auf der Seite, die dem Monde zugewandt
war, lag ein feiner Silberstaub über ihm ausgestreut. Vom regungslosen
Teich wehte eine kühlende Frische dem müden Fußgänger entgegen und lud
ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen
Dickicht des Waldes hörte man das Schmettern der Nachtigall. Ein
unüberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos Lider. Die
ermatteten Glieder lösten sich und erschlafften; der Kopf suchte eine
Stütze .... »Nein, auf die Art schlafe ich hier noch ein!« sprach er,
stand auf und rieb sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag
noch leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle mischte sich
in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte er etwas Ähnliches gesehen.
Silberne Nebel senkten sich aufs Land. Ein Duft von blühenden
Apfelbäumen und Nachtblüten war über die ganze Erde ausgegossen. Mit
Verwunderung blickte er in die regungslosen Wasser des Teiches; das alte
Herrenhaus spiegelte sich in ihm umgestürzt, klar und in lichter
Erhabenheit. Statt der düsteren Fensterläden blinkten einem lustige
Glasfenster und Türen entgegen und das Gold schimmerte durch die klaren
Scheiben. Auch schien es ihm, als habe sich ein Fenster geöffnet. Er
hielt den Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe des
Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein weißer Ellenbogen aus
dem Fenster, dann schaute ein liebliches Köpfchen heraus mit glänzenden
Augen, die sanft durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und
stützte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise den Kopf
schüttelte, wie sie winkte und lächelte .... Sein Herz fing plötzlich an
heftig zu pochen .... das Wasser erzitterte, und das Fenster schloß sich
wieder. Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt an:
Die düsteren Fensterläden standen weit offen, und die Scheiben funkelten
im Monde. »Wie wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen geben!«
dachte er bei sich. »Das Haus ist nagelneu, und die Farben sind frisch,
als ob sie erst heute aufgetragen wären. Hier muß doch jemand wohnen!«
Und er trat schweigend näher, aber im Hause war alles still. Mächtig und
klingend tönten die leuchtenden Lieder der Nachtigall durcheinander, und
wenn sie schmachtend wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das
Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren eines Sumpfvogels,
der mit seinem glatten Schnabel auf den weiten Wasserspiegel aufschlug.
Lewko empfand eine süße Stille in seinem Herzen, es schien sich zu
weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine Harfe und fing an
zu spielen und zu singen:
Du mein helles Licht der Nacht,
Du mein Mond, ach bester Mond!
Leucht mir über Haus und Hof,
Wo mein liebstes Mädchen wohnt!
Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen, dessen
Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte
aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb über die Augen
gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber
wie köstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. »Sing
mir ein Lied, junger Kosak!« sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur
Seite und senkte die dunklen Lider ganz über die Augen.
»Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Fräulein?«
Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. »Jüngling,« sprach sie,
und etwas unsäglich Rührendes klang aus ihren Worten, »Jüngling, finde
mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich will
dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit
Seide bestickte Gewänder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen
Gürtel schenken, der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling,
finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte
keine Ruh' vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ
mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ
die Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst.
Blick auf meinen weißen Hals: kein Wasser wäscht die blauen Flecke fort,
keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen!
Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf
Teppichen, auch über heißen Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende
Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie
sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir, Jüngling, find mir die
Stiefmutter! ...«
Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf
einmal. Tränenströme flossen über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes
Gefühl des Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das Herz
zusammen.
»Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches Fräulein,« rief er in
tiefster Erregung. »Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden?«
»Sieh, sieh!« rief sie schnell, »sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit
meinen Mädchen den Reigen und wärmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau
und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber
ich weiß, ich hör' es, sie ist hier! Sie macht, daß mir so drückend
schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir's verwehrt, so leicht
und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle
zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!«
Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern.
Eine Schar Mädchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten
Gewändern, die so hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese;
goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren Nacken;
allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken
gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend
und tanzend näherte sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre
Stimmen.
»Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,« säuselten alle
durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller
dämmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berührt.
»Wer soll Rabe sein?«
Das Los ward geworfen -- und ein Mädchen trat aus der Menge hervor.
Lewko betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so
wie bei allen anderen. Man merkte ihr nur an, daß sie ihre Rolle nicht
gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe und wich behend den
Angriffen des räuberischen Feindes aus.
»Nein, ich will nicht Rabe sein!« rief das Mädchen, ganz schlaff vor
Müdigkeit. »Es tut mir so leid, der armen Henne die Küken zu rauben.«
»Du bist nicht die Hexe!« dachte Lewko.
»Wer soll Rabe sein?«
Die Mädchen wollten wiederum losen.
»Ich will Rabe sein!« rief da eine aus ihrer Mitte.
Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell und kühn machte sie
Jagd auf die Schar und stürzte nach allen Seiten, um ihr Opfer zu
fangen. Da sah Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der
anderen: mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Plötzlich ertönte
ein Schrei: der Rabe stieß auf ein Mädchen herab, fing es ein, und es
deuchte Lewko, als habe sie ihre Krallen gezeigt, und als blitze in
ihrem Gesicht eine boshafte Freude auf.
»Hexe!« rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, mit dem Finger auf
sie.
Das holde Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten die, welche den
Raben gespielt hatte, schreiend mit sich fort.
»Womit soll ich's dir lohnen, Jüngling? Ich weiß, du brauchst kein Gold,
du liebst Hanna. Doch der gestrenge Vater will dir's nicht erlauben, sie
zu heiraten. Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen und
gib es ihm ...«
Sie streckte ihm ihr weißes Händchen hin, ihr Antlitz leuchtete
wundersam und erstrahlte .... Mit einem nie geahnten Schauer und
sehnsüchtigen Pochen des Herzens griff er nach dem Briefchen und ....
erwachte.
VI.
Erwachen
»Hab' ich wirklich geschlafen?« sprach Lewko zu sich selbst, als er sich
von der kleinen Böschung erhob. »Alles war doch so lebendig wie in
Wirklichkeit« .... »Seltsam, seltsam!« wiederholte er, indem er sich
umsah. Der Mond stand gerade über seinem Kopfe und wies auf Mitternacht.
Alles war still; vom Teich wehte es kühl her; über ihm stand traurig das
verfallene Haus mit den geschlossenen Läden; Moos und wildes Steppengras
ließen erkennen, daß sich die Menschen schon lange von ihm getrennt
hatten. Lewko öffnete seine Hand, die er während des Schlafes krampfhaft
geballt hatte, und stieß einen Schrei der Verwunderung aus; er hatte
einen Zettel in ihr entdeckt. »Ach, wenn ich doch lesen könnte!« dachte
er, indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. In diesem
Augenblick vernahm er hinter sich ein Geräusch.
»Fürchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt ihr Angst? Wir sind ja zu
zehn! Ich will darauf wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....«
Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern zuschrie, und
Lewko fühlte sich von mehreren Händen gepackt, von denen einige vor
Furcht zitterten. »Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche
Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre geführt!« rief der
Amtmann und packte ihn am Kragen. Aber da glotzte er ihn voller Schreck
mit seinem einzigen Auge an: »Lewko, mein Sohn!« schrie er
zurückweichend, und ließ vor Staunen die Hände herabsinken. »Du bist's?
Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hölle! Ich denke: was für ein
Schelm, was für ein verkleideter Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun
stellt sich heraus, daß du es bist. -- Der ungekochte Mehlbrei soll
deinem Vater im Halse stecken bleiben! -- Du treibst böse Streiche auf
den Straßen, du dichtest Lieder ....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich
juckt wohl der Rücken? Bindet ihn!«
»Halt Vater! Ich hab' dir einen Zettel zu geben!« sagte da Lewko.
»Jetzt ist keine Zeit für Zettel, mein Täubchen! Bindet ihn!«
»Halt ein, Herr Amtmann!« sagte der Schreiber und entfaltete den Zettel.
»Das ist ja die Handschrift des Kommissärs!«
»Des Kommissärs?«
»Des Kommissärs?« wiederholten die Büttel mechanisch.
»Des Kommissärs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher!« dachte Lewko
bei sich.
»Lies, lies!« sagte der Amtmann, »was schreibt denn der Kommissär da?«
»Hören wir, was der Kommissär schreibt,« sprach der Branntweinbrenner,
mit der Pfeife in den Zähnen, und schlug Feuer.
Der Schreiber hüstelte und begann zu lesen:
»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir haben vernommen, daß
du alter Tropf statt die alten Steuerschulden einzutreiben und die
Ordnung in dem Dorfe aufrecht zu erhalten, närrisch geworden bist und
Unzucht treibst ....«
»Bei Gott!« unterbrach der Amtmann die Verlesung, »ich kann nichts
hören!«
Der Schreiber begann von neuem.
»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir vernehmen, daß du
alter Tro....«
»Halt, halt, es ist nicht nötig,« schrie der Amtmann, »ich habe zwar
nichts gehört, aber ich weiß, daß die Hauptsache noch kommt. Lies
schnell weiter!«
»Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu wissen, deinen Sohn
Lewko Makohonenko alsogleich mit der Kosakentochter aus Eurem Dorf,
Hanna Petrytschenkowa, zu verehelichen, insgleichen auf der Landstraße
die Brücke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den Herren
vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, wenn sie von einer
Kronsitzung kommen. So ich bei meiner Ankunft obige Verfügung nicht
erfüllt finden sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen.
Kommissär und Leutnant außer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.«
»So?« meinte der Amtmann mit offenem Munde. »Hört ihr, hört ihr, für
alles macht man den Amtmann verantwortlich. Da heißt's gehorchen,
gehorchen ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... Und du,« fuhr
er, zu Lewko gewandt, fort, »sollst auf Befehl des Kommissärs
verheiratet werden -- wenn's mich auch sonderbar dünkt, wie er das wohl
erfahren haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu kosten
bekommen! Kennst du _die_, die bei mir neben dem Heiligenbilde an der
Wand hängt? Ich werde sie mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast
du diesen Zettel her?«
Trotz seines Staunens über diese unerwartete Wendung der Sache, war
Lewko so vernünftig gewesen, sich im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen
und die Wahrheit, wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen.
»Ich war gestern abend noch in der Stadt,« sagte er, »und da begegnete
ich dem Kommissär, der gerade aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, daß
ich aus unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und hieß mich,
dir mündlich ausrichten, er würde auf dem Rückwege bei uns zu Mittag
essen, Vater.«
»Hat er das gesagt?«
»Ja, das hat er gesagt!«
»Hört ihr's,« sprach der Amtmann, sich mit wichtiger Gebärde an seine
Begleiter wendend, »der Kommissär kommt in eigner Person zu unsereinem,
das heißt zu mir, zur Tafel. Oh ....« Dabei hob der Amtmann den einen
Finger in die Höhe und gab seinem Kopf eine Haltung, als ob er auf etwas
lausche. »Der Kommissär, hört ihr's, der _Kommissär_ kommt zu mir zu
Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das etwa
eine kleine Ehre, wie?«
»Noch nie hat, so viel ich mich besinne,« fiel hier der Schreiber ein,
»je ein Amtmann einem Kommissär mit einer Mahlzeit aufgewartet.«
»Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!« sprach der Amtmann mit
selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und etwas wie ein
dumpfes, heiseres Lachen, das mehr dem Grollen eines fernen Donners
glich, kam über seine Lippen.
»Wie denkst du, Herr Schreiber? Müßte man nicht eigentlich zu Ehren des
hochgestellten Gastes den Befehl erlassen, daß jedes Haus wenigstens ein
Hühnchen, ein bißchen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....«
»Ja, das müßte man eigentlich, das müßte man, Herr Amtmann!«
»Und wann ist die Hochzeit, Vater?« fragte Lewko.
»Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem
hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der
Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen, was Pünktlichkeit ist!
Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige
Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....!«
Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit würdig und
bedeutungsvoll drein.
»Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen, wie er die Zarin begleitet
hat!« sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten
Häuschen, das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. »Gott schenke
dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!« dachte er sich.
»Mögen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulächeln! Niemand soll je
aus meinem Munde von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah. Nur
dir allein, Hanna, will ich's erzählen, du allein wirst mir glauben und
wirst mit mir für die Seele der unglücklichen Ertrunkenen beten!«
Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster stand offen, die
Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf
lag auf den Arm gestützt, ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen
bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. »Schlaf, mein
schönstes Mädchen! Mögest du träumen von dem Herrlichsten, was es auf
der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein!«
Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster, entfernte sich leise,
und wenige Augenblicke später schlief alles im Dorfe. Der Mond allein
segelte voller Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des
prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Höhen dort
oben, und die Nacht, die göttliche Nacht glomm majestätisch ihrem Ende
entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem
wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genießen
konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen
für einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte
der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte
sein Haus.