Fürcht dich nicht, lieb Mütterchen,
Zieh die roten Schühchen an.
Tritt mit Füßen
Deine Feinde.
Wenn die Schuh'
Von Eisen klirren,
werden alle Feinde schweigen.
Hochzeitslied.
Das liebliche Kinn auf die Hand gestützt saß Paraßka sinnend allein im
Zimmer. Mancherlei Träume umschwirrten ihr blondes Köpfchen. Manchmal
berührte plötzlich ein leichtes Lächeln ihre rosigen Lippen, und ein
freudiges Gefühl ließ sie die dunklen Brauen emporheben, bald aber
senkte sich wieder ein Sinnen wie eine Wolke auf ihre grauen klaren
Augen.
»Wie wenn es nun doch nicht so käme, wie er gesagt hat!« flüsterte sie
mit einem Ausdruck des Zweifels. »Wenn er mich nun aber doch nicht
bekommt? Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut
alles, was sie will! Kann ich nicht auch tun, was _ich_ will? Mein Trotz
ist groß genug! Wie schön ist er doch! Wie wunderbar glühen seine
schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: >_Paraßja, mein Täubchen!_< --
Wie gut steht ihm der weiße Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen
Gürtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn wir zusammen in die neue
Wohnung ziehen. O wie ich mich darauf freue!« fuhr sie fort, indem sie
ein kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem Busen zog,
das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, und in das sie mit geheimem
Vergnügen hineinschaute. »Wenn ich ihr später begegne, so grüße ich sie
nicht, und wenn sie platzt! Nein, Stiefmütterchen, du hast deine
Stieftochter genug geprügelt! Eher wächst Sand auf Steinen, und neigt
sich die Eiche wie eine Weide zum Wasser herab, als daß ich mich vor
_dir_ neige! Aber ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das
Häubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn's auch der Stiefmutter
gehört.«
Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den Kopf über ihn geneigt,
und ging behutsam durch die Stube, als fürchtete sie sich hinzufallen;
denn statt des Fußbodens sah sie die Decke mit den Brettern, von denen
neulich der Popensohn heruntergefallen war, und die Wandborde mit den
Töpfen drauf vor sich.
»Ich bin doch wirklich wie ein Kind!« rief sie lachend aus, »ich hab
Angst, einen Fuß vor den andern zu setzen!«
Und sie begann laut mit den Füßen aufzustampfen, immer mutiger und
mutiger. Endlich sank ihre linke Hand herab und stemmte sich auf die
Hüfte, und sie tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf
los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen:
Grüne Gräser, grüne Auen,
Wachset nicht zu sehr!
Liebster mit den schwarzen Brauen,
Schmieg dich zu mir her!
Grüne Gräser, grüne Auen,
Wachset nimmermehr!
Liebster mit den schwarzen Brauen,
Schmieg dich näher her!
In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die Türöffnung, und als
er seine Tochter vor dem Spiegel tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah
er ihr zu, über die seltsame Laune des Mädchens lachend, das ganz in
Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken schien; als er aber
die bekannten Laute des Liedes hörte, da wurde es ihm heiß ums Herz;
stolz die Hände auf die Hüften gestemmt, sprang er vor und begann so zu
hopsen, daß er all seine andern Geschäfte vergaß. Das laute Lachen des
Gevatters ließ beide auffahren.
»Großartig! Vater und Tochter feiern hier selber Hochzeit! Kommt! kommt!
der Bräutigam ist da!«
Bei den letzten Worten glühte Paraßka in einem Rot auf, das tiefer war
als das, welches das leuchtende Band auf ihrem Kopfe färbte. Dem
sorglosen Vater fiel es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher
gekommen war.
»Töchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, daß ich die Stute
verkauft habe, fortgelaufen, um sich feine Tücher und allerhand
Schmucksachen zu kaufen!« sprach er und sah sich dabei ängstlich nach
allen Seiten um. »Bis zu ihrer Rückkehr wollen wir alles erledigt
haben!«
Kaum hatte Paraßka die Schwelle des Hauses überschritten, da fühlte sie
sich schon in den Armen des Burschen im weißen Kittel, der sie inmitten
einer Menge von Leuten auf der Straße erwartete.
»Gott segne euch!« sagte Tscherewik, ihre Hände vereinend. »In Glück und
Glanz haltet fest wie ein Kranz!«
Da gab's plötzlich einen Lärm.
»Eher will ich zerspringen, als daß ich das zulasse!« schrie Tscherewiks
Ehehälfte, die von der lachenden Menge zurückgedrängt wurde.
»Wüt nicht so, wüte doch nicht!« sprach Tscherewik kaltblütig, als er
sah, wie ein paar handfeste Zigeuner sich ihrer Arme bemächtigten.
»Geschehen ist geschehen! Ich bin nicht für Änderungen!«
»Nein, nein, das darf nicht sein!« schrie Chiwrja, aber niemand hörte
auf sie; ein paar lustige Leute umringten das junge Paar und bildeten
eine undurchdringliche, tanzende Mauer um sie.
Ein sonderbares unsagbares Gefühl mußte einen Zuschauer ergreifen, der
mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich des Fiedelmanns in dem groben
Rock, mit dem langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkürlich ein
einiges Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht überging. Leute,
deren mürrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals ein Lächeln
erhellt hatte, stampften mit den Füßen und warfen die Schultern empor.
Alles wirbelte im Tanze durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch
unsagbareres Gefühl mußte in der Tiefe der Seele beim Anblick jener
Greisinnen erwachen, über deren uralten Gesichtern schon die
Gleichgültigkeit des Grabes wehte -- und die sich unter die neuen
Menschen drängten, die dem Leben angehörten und dem Lachen. Die
Sorglosen! Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen Funken des
Mitgefühls kannten, die erst der Rausch, wie ein Mechaniker seine
leblosen Automaten, zu einer menschlichen Äußerung zwingt, -- selbst
_sie_ nickten leise mit den berauschten Köpfen und hüpften ein wenig
hinter der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu achten.
Das Lärmen, Lachen, Singen verklang zu einem leisen und immer leiseren
Summen. Die Fiedel erstarb, ertönte schwächer und schwächer und ließ nur
noch ein paar undeutliche Töne durch die leere Luft zittern. Noch hörte
man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen des fernen Meeres, aber
bald lag alles wieder öde und stumm da.
Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die schöne und flatterhafte
Freundin? Vergeblich sucht ein einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu
singen. Im eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer und
Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. Stieben nicht so auch
die ausgelassenen Freunde der freien stürmischen Jugend einer nach dem
andern in alle Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang
wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit ist sein Herz,
doch für ihn gibt es keine Hilfe!