Entscheidung

Am nächsten Tage ging sie zu den Gräbern hinunter. Ihr Schmerz wurde

durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.

Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres,

da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl

die Gräber geschmückt zu werden. Da das rechte Nachbargehöft früher zu

Krogskog gehört hatte, hatten die Leute hier ihren Begräbnisplatz. Die

Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmücken, und der alte

Wolfshund hatte sie begleitet. Natürlich flog Marys kleiner Pudel

treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte

Hund nach einer umständlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen

Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde

leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, daß er ihn an den Ohren

zerrte und ihn in die Beine biß, ja, er legte sich vor ihm nieder und

spielte den Überwundenen. Mary machte das solche Freude, daß sie die

Frau ein Stück begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafür

belohnt; denn sie hörte warme Lobesworte über ihren Vater und einen

Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen

worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.

Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause

ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter ähnlich? Ist irgend etwas in

mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?

Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.

Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes,

liebes Patenkind, Fräulein Mary Krog."

Daß er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie

gesagt; wahrscheinlich wußte er es gar nicht.

Onkel Klaus schrieb:

"Es gibt Gefühle, die zu stark für Worte sind, zumal für geschriebene.

Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir

schriftlich mitzuteilen,--weil ich es mündlich nicht konnte,--daß ich an

demselben Tage, da mein unvergeßlicher Freund, Dein Vater, starb, und

Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein

zurückbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt

habe.

Mein Vermögen ist bei weitem nicht so groß, wie allgemein angenommen

wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist

schließlich doch genug für uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und

nicht Jörgen. Ich gehe nämlich davon aus, daß Ihr jetzt heiratet.

Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie

ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das

Testament geöffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind

wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso

bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trägt zurzeit so gut wie

keine Zinsen.

Mary, Erzählung · 第 9 / 13 题