Allein

Am nächsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und

Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hörte

sie durch einen Strom herandrängender Erinnerungen Jörgens Stimme. Er

sang am Klavier bei offenem Fenster in den frühen Morgen hinein. Sein

heller, jubelnder Tenor trug Festesklänge zu ihr hinauf.

Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst

kam sie zu spät, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen

Hantieren wurde sie ganz wach, und mächtiger stürmten ihre Gedanken ihm

und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und

Sinne durchströmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nähe

genießen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die

Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveränität hatte sie ihm des

Lebens höchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt für seine lange

Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch;

sie wußte bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen würde,

wenn er sie hineinführte in sein Glück. Deshalb schwoll ihre Brust dem

Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!

Durch das kleine holländische Kabinett kam sie in ihrem blauen

Morgenkleide und legte die Hand auf den Türgriff des großen Musikzimmers

nach der See hinaus, mußte aber stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, so

gespannt war sie. Dabei genoß sie seinen Triumph da drinnen. So

hingerissen war er von seiner eigenen Musik, daß sie ihm ganz nahe kam,

ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und

still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstören; er

breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, küßte sie ehrbar aufs

Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er

wollte zudecken und verbergen, ihr mit männlicher Güte über die Scham

weghelfen, die sie naturgemäß empfinden mußte. Er war ganz zart und

beruhigend.--

"Wir müssen jetzt wohl schnell essen", flüsterte er freundlich zu ihr

hinunter, küßte noch einmal ihr schönes Haar und atmete seinen Duft.

Dann faßte er sie sanft, aber gleichsam führend, um die Taille. An der

Tür fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, daß Du so spät

kommst?" Er öffnete mit der freien Hand väterlich die Tür und blickte

sie mitfühlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blaß und

ganz verwirrt. "Mein süßes Mädchen", flüsterte er tröstend.

Bei Tisch war des Rücksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts

essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mußte für sich selbst sorgen,

so daß nicht viel darüber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges

Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz

neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er

sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflößen. Nach dem, was gestern

geschehen war. Sie hätte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen

und ihm ins Gesicht schleudern mögen!

Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem

eigenen Verdienst!

Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank

langsam ein ganzes, großes Glas, wischte sich den Mund und stand mit

einem würdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tür: "Ich muß

nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."

Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er

schloß die Tür hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am

Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie

Küssen...

"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveränität

und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine

Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mädchen half, wählte einen Hut,

sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mädchen

öffnete ihr die Haustür, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem

tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewußt.

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in

ihr, daß sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen hätte, als sie ihn

schließlich aufspannen wollte. Er sah es.

"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme

bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine

Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte

auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn

auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja,

dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."

Als sei es damit noch nicht genug, fügte sie hinzu: "Du bist wohl

übrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei

verloren."

Er hätte sie schlagen mögen.

Zum Überfluß mußte nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an

der Brücke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jörgen

gewahr, da fing das Konzert an. Es nützte alles nichts, soviel seine

Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.

Alle wandten sich nach den Ankömmlingen um. Jörgen hatte sich sofort

nach einem kleinen Stein gebückt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es

nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine

Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf

diesen Augenblick hatte Jörgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den

Leib zu werfen, daß er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich

zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lächeln und mit

tausend Dank für die genossene Gastfreundschaft.

Sie mußte anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mußte

ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lächelnd und triumphierend

grüßte Jörgen mit mächtigem Hutschwenken vom Dampfer herüber.

Wütend war sie! Aber er kaum weniger.

* * * * *

"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten

Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung.

Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr

aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List

anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine

krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit

geworden war.

Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in

dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das

von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war

hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum.

Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich.

Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und

verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl,

sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt

angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern

Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde

mich nicht heraus.

Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das

nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.

Ihm wollte sie nicht gehören.

Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet

lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren.

Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor

ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie

ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte.

Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,--und wer

er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie

hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte

sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin

aus?----

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal

darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte;

das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war

sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch

vorbereitete, hingehalten werden mußte--vor allem um der beiden Alten

willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder

aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins

Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit

aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen

Mut zu schöpfen.

Arbeit und Pflichttreue! Sie stützte sich auf die Ellbogen, als wolle

sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im

nächsten Augenblick auf den Füßen, um sich fertig zu machen.--

Die fünfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus

gegeben, und die sie in den Büchern nicht gefunden hatte,--deuteten die

nicht darauf hin, daß ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--außer

dem brüderlichen Geschäft? Daß die Zinsen, die er nicht aufgebraucht

hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kürzlich 50 000 Kronen frei und

hierhergeschickt waren?

Seit Jörgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzählt hatte, hatten

die ihr in all den ändern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie

mußte die amerikanische Korrespondenz des Vaters prüfen; darin würde es

stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe

öffnete, die unten in dem Bücherregal stand, zu dem der Schlüssel in

seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber

sie hatte nie gewußt, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze

amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte

den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermögen

und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mußte aber

ein recht beträchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der

Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber.

Ihr Vater mußte den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer

Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefaßt, und die

andern gleichfalls.

Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm

alles umständlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika,

um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit

ein und fügte sich.

Frau Dawes war nicht so leichtgläubig. Sie vermutete, es müsse etwas

geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und

in ihrem Bericht über ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das

keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschränkte sich daher auf einige

schüchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so

viele Stürme.

Drei Tage später war Mary mit einem englisch sprechenden Mädchen auf dem

Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr

wertvolle Hilfe leisten würde. Sie kenne so viele.

Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder

daheim. Es war hohe Zeit gewesen, daß sie hinüberkam. Denn es sollte

gerade darüber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen

Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, während er es doch nur

mit der Summe war, die im Geschäft steckte.

Das konnte sie beweisen.

Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie

Kapital zur Verfügung, und sie hatte große Lust, etwas zu beginnen. Auch

einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere?

Die doppelte Buchführung? War die so schwer? Sie fing gleich an.

Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die

Gewißheit, daß das Vermögen, das außerhalb der Konkursmasse des Bruders

stand, gerettet war, war für ihn eine große Freude. Marys Zukunft lag

ihm so sehr am Herzen.

Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses tätige,

rastlose Menschenkind seine Kräfte aufgebraucht. Selbst nach Jörgen

fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben.

Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete

das Vermögen gemeinsam mit einem Geschäftsmanne. Nebenbei nahm sie

Unterricht und lernte. Zweimal wöchentlich war sie in der Stadt.

So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus

Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen

einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit möge doch zu

den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden großen Familien

deren mehrere stattfinden.

Mary war selbst erstaunt, wie große Lust sie plötzlich bekam. Der alte

Adam war nicht tot. Sie trällerte auf den Fluren und in den Stuben vor

sich hin, während sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich

nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte

Genugtuung darin! Das mußte sie sich selbst zugeben.

Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem

Marys Lob in den höchsten Tönen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie

sei der Mittelpunkt aller Bälle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde

bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre

einzigartige Schönheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr

Taktgefühl würden sie ihnen allen unvergeßlich machen. Sie möchten sie

so gern noch eine Zeitlang dabehalten.

Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn

bald zurückzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,--

Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei

ihrem Vater in die Tür, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank

geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht

nur blaß, sie war grau, mit übernächtigen Augen und matter Stimme. Sie

gab ihrem Vater einen langen, zärtlichen Kuß, wollte aber den Brief, den

er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in

Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu

Bett und ausruhen.

Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in großer

Besorgnis zurückließ.

Mary schlief den ganzen Tag, aß zu Abend eine Kleinigkeit und schlief

wieder die ganze Nacht.

Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der

Prokurist, der Gärtner und die Haushälterin kamen zu ihr und legten

Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam

sie lächelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glücklich war, als er

sie wieder so vor sich sah.

Sie kam, um ihm zu sagen, daß jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im

Wege stehe. Jetzt hätten sie ja Vermögen. Der Vater brachte unter großen

Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und

die eine Hand sagten das übrige; daß er nämlich nichts lieber sehe.

Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufügte, sie habe

eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu

machen (Jörgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte

Geistesschärfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu

weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich über das Bett und

flüsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Tränen

ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer größer wurde,

hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hören!"--Sie dämpften

ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Tränen, dies

sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt

habe, sei ihr klar geworden, was für ein erbärmlicher Kerl er war; "aber

da mußten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen

sind; wir werden nie klug."--

"Oh daß Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mußtet!" jammerte

Mary. "Ich fühlte es instinktmäßig, daß ich ihn mir fernhalten müsse;

aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so

mußt Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwürfe.

Was nützt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit

geschlossenen Augen hineinstürzen."

Darin stimmte ihr Frau Dawes völlig bei. "Dann machst Du es wie ich:

wenn die Ehre gerettet ist, läßt Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das

tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott,

o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und

erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes saß

hilflos da und stützte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob

Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden,

hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und

verzweifelt über das Bett. Zwischen den Ausbrüchen oder vielmehr als

einen Teil dieser Ausbrüche hörte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg!

Es gibt keinen Ausweg!"

Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach

Worten zu suchen.

Es mußte sich austoben. Bis die Empörung sich abkühlte. Frau Dawes

merkte, wie allmählich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den

Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Haß: "Ich dachte, ich hätte mich

einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit

stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem

Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir müssen

heiraten."

* * * * *

Drei Tage darauf wurde Jörgen Thiis im Ministerium des Auswärtigen ein

Brief überbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hôtel und erwarte

Dich Punkt zwei Uhr draußen auf dem Trottoir."

Er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die

Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, daß er sie

"draußen auf dem Trottoir" treffen solle.

Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein.

Das änderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erlöste einen

kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier,

das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch.

Auf der Straße war richtiges Tauwetter, so daß der Hund gleich Weisung

bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar

lustigen Seitensprüngen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor

Jörgens dünnem Stock.

Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Rücken

nach ihm, gegen das Schloß gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch

sonst vor dem Hôtel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er

nicht.

Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten

alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte

sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so

hübsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, daß sie sich

unwillkürlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie

Jörgen. Sie richtete sich sofort in die Höhe: "Ist das Dein Hund?"

fragte sie, als hätten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der

Straße getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog.

Da bückte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn.

"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!"

--"Nicht anspringen!" klang es verstärkt von Jörgen her. Sie

richtete sich wieder in die Höhe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin

noch nie hier gewesen."--"Wir können ja geradeaus gehen und dann um die

Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das möchte ich

gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung.

"Wirst Du herkommen?" rief Jörgen dem Hunde zu und hob den Stock. Jörgen

fühlte sich verletzt, daß sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte.

Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnügt, denn Mary

sprach mit ihm und streichelte ihn.

"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte

sie.--"Ja, das hab' ich gehört."--

"Die fünfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den

Büchern, und ich dachte mir, es müsse noch eine Abrechnung da sein, die

das Vermögen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es

nötig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme

war verloren."

"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen

in all den Jahren nicht aufgebraucht war."

--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa

möglich gewesen wäre."--

Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir

heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empörte Mary. "Herrgott,

der Hund weiß das doch nicht."--"Oh, er weiß es recht gut. Aber er hat

nicht gehorchen gelernt."

Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzählst Du mir das?" fragte

Jörgen. "Weil wir jetzt heiraten können."--"Ja, wieviel ist es

denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch

die Fünfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was

wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu

nichts ein. Das weißt Du doch."

Mary begann sich elend zu fühlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie

sagte:

"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der frühestens in drei Jahren

abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fünf? Es kommt auf das

Wachstum an."--Mary sah ein, daß, er recht hatte; warum hatte sie dies

erwähnt?

"Aber zehn, zwölftausend Kronen jährlich ...?"--"In unserer Stellung

will das nicht viel sagen."

Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein großer,

freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen.

Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub

mit ein paar Matrosen, die die Straße entlangschlenderten. Diesem

willkommenen Kameraden hatte Jörgens Hund sich angeschlossen. Er wurde

mit Not und Mühe zurückgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary

auch rief, kam er freudig und glückselig an, bekam aber einen Schlag mit

der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwürdig," sagte Mary, "daß

Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an

den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch

so häßlich gewesen war. Jörgen antwortete nicht. Der Hund aber lief

demütig hinterher, und als Jörgen sich davon überzeugt hatte, sagte er:

"Weiß Onkel Klaus etwas von dem Vermögen?"--"Ich glaube, außer uns weiß

kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit

Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?"

Jörgen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter

damit", sagte Jörgen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie

verstand ihn nicht. "Für die Ehre der Familie tut er viel", sagte Jörgen

mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich

geworden, folgte ihm aber. "Müssen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?"

flüsterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demütigung nicht gehen. "Wir

tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe fröhlich; "jetzt sagt er

nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen?

Er kam näher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem

Vermögen weiß, bekommen wir mehr!"

Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr

doch. Jörgen war gewiß bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst

all seine Fähigkeiten entfaltet hatte, würde er noch andere als sie

überraschen.

Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei übermäßiger Hitze. "Willst Du

die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise

natürlich sofort mit Dir nach Hause. Du hättest nicht zu kommen

brauchen; eine Mitteilung hätte genügt."

Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe.

Seine Überlegenheit ängstigte und lahmte sie; seine Erwägungen

verursachten ihr Übelkeit. Es war, wie schon einmal, daß sie einen Fuß

nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter.

Da hörte sie Jörgen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund.

Dieser schmutzige Lümmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der

Pflicht fortgelockt. Jörgens Stimme hatte so etwas Eigentümliches, wenn

sie befahl: sie war gedämpft und scharf zugleich.

Der Hund kannte sie und ließ es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken.

Da er aber mit einem glücklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich

plötzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf,

als sei nichts geschehen.

Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John

Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie

schaute in John Ericsons große, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre

eigenen sich mit Tränen füllten. Sie war so unglücklich.

Währenddessen plagte sich Jörgen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip

war, daß der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam.

"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war

ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch,

Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Sätzen auf ihn zu, er

dachte an gute, gemütliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber

woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und

wälzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Straße.

Die Vorübergehenden standen still; sie hatten ihren Spaß an dem

Ungehorsam des Hundes. Das reizte Jörgen. Mary fühlte es, und sie wollte

dem Hunde helfen; sie stand hinter Jörgen und sagte leise auf

französisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu

schlagen." Aber da wurde Jörgen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du

nichts", antwortete er auch auf französisch und lockte den Hund wieder.

Mit der unüberlegten Leichtgläubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden

eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock

hinter sich, kam Jörgen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wütend über

das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten.

"Komm doch, Freundchen!"

"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spät.

Jörgen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte

auf, Jörgen mußte ihn gekniffen haben. Mary rief auf französisch:

"Schlag ihn nicht!" Aber Jörgen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart,

aber der Hund heulte fürchterlich; er hatte solche Angst. Jörgen schlug

ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu

ärgern. Der Hund schrie so gottsjämmerlich, daß Mary nicht hinsehen

konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, große Augen und sagte:

"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Jörgen!"

Im Nu ließ er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden

Augen, das weiße Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt.

Über ihr John Ericsons Haupt.

Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in

leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher.

Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem

Spott,--Jörgen ging hinterher.

Aber als sie merkte, daß der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als

seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da

schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Fröhlichkeit um. Das war so ihre

Art. Sie klatschte in die Hände und lief, und der Hund sprang kläffend

um sie herum.

Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Jörgen und alles,

was drum und dran ist!

"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte.

Sie sah sich nach Jörgen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so

schnell zu gehen.

"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die

Hände und lief, und der Hund lief bellend mit.

Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und

plauderte mit ihm; Jörgen war ja so weit zurück. "Eigentlich müßtest Du

'Liberator' heißen, aber der Name ist zu lang für so einen kleinen,

schwarzen Hanswurst. Du sollst John heißen,--ja, das sollst Du! Du

sollst nach dem heißen, der mich angeblickt hat, daß ich Mut bekam!"

Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm!

Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heißt.

Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit

brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Jörgen war nicht zu sehen.

--Als er nachher ins Hotel kam, ließ sie sich verleugnen; und doch hatte

er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon

wisse man nichts.

Er mußte gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren.

Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehören?

Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in

die Hände, damit er sein fröhliches Ja bellen solle. Damit war die

Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Jörgen, vermutlich

über diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen.

Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach

Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig

angefahren, ihren frischgewaschenen, gekämmten und parfümierten Hund

neben sich. Jörgen war nicht da.

* * * * *

Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke.

Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein

die Verantwortung.

Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen

engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Jörgen zu verheiraten, auf

einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins

Unendliche auszuhalten.

Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur

um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverständlich ihr das jetzt

geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so

dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen

Fleck auf dem Festgewande.

Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort

aufblickte, fügte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir

sagen! Der Abschluß meiner 'Hundegeschichte'!"

Aber was nun?

Sie wußte, was man noch tun konnte. Aber dann mußte man zwei Mitwisser

haben, Jörgen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht

stolz und frei dahinschreiten,--und das mußte sie können.

Ja, was nun?

Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl

erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgänglich Notwendiges,

hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstätte nicht im

Ernst gedacht.

Jetzt war es ernst.

Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch

hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfälschtesten Lebenslust und

Anhänglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie

war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben.

Zum erstenmal weinte sie über sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte

nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich

nicht klar werden, wie es gekommen war.

Der Hund merkte, daß sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Hände und

guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie

trösten.

Da nahm sie ihn auf und beugte sich über ihn, was er als Spiel auffaßte.

Er schnappte nach ihren Händen. Darauf ging sie ein. Die fröhlichste

Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen,

weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhörte, fing er

wieder an.

Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst

mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, daß Dein Name die Neger

befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in

die Sklaverei zu kommen.

"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weißt Du, wenn ich nicht mit Dir

weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie

wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von

einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah

keinen Bekannten. Aber wenn die wüßten--?

Oh, diese gerichtete und getötete Krähe, die Jörgen aufheben wollte, und

vor der sie weglief,--sie wußte gar nicht, daß sie die so genau gesehen

hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren

Augenhöhlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam während dieser

ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los.

Hier draußen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter

mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber

nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Verödung mit dem

allerweißesten Weiß zudeckt und in Wald und Feld willkürlich

Veränderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte

schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein

Ungeheuer, das nach Kampf dürstet.

Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgerührt, die jetzt in

die Gewalt der Naturkräfte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer

fühlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen,

bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie mußte sich vorher ins Wasser

stürzen.

Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor

sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie

konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, daß es mit

Jörgen aus sei. Er würde das nicht ertragen können.

Wenn sie statt zu reden--verschwände?! Du ewiger Himmel; das würde ihn

auf der Stelle töten.

Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein

bißchen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.--

--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, daß sie zu weinen

anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl

nicht viele gegangen. Selbst die Freudensprünge des Hundes, als er

festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach

oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man möge ihren Vater

und Frau Dawes benachrichtigen, daß sie wieder da sei. Das kleine

Mädchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht

angenehm, daß Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte;

aber sie sagte nichts.

Sie sah sehr angegriffen aus. Daß sie geweint hatte, war deutlich zu

sehen.

Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, daß es

nicht gut stehe. Wenn er es nur überstände! Sie mußte ihm dann schnell

auseinandersetzen, daß die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und

daß Jörgen das Vermögen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um

sich daraufhin zu verheiraten. Sie müßten auf Onkel Klaus warten.

Wenn sie weinen mußte, und das mußte sie sicher, so müde und verzagt,

wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung für das nächste Mal.

Wenn er es nur überstände.

Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er

Unheil und ängstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen.

Sie zitterte, als sie vor der Tür stand. Nicht bloß aus Angst vor ihm,

nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und

sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.--

Aber das Leben ist manchmal barmherzig.

Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief.

Die Pflegerin stand draußen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen,

wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tür

zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam,

stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das

Mädchen brachte nämlich das Mittagessen für den Kranken; das holte die

Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, daß sie es heute nicht hatte

tun können, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf

der Treppe abnehmen.

Gerade in diesem Augenblick öffnete Mary die Tür zu ihres Vaters Zimmer.

Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie

zukam und flüsterte: "Er schläft, gnädiges Fräulein!"

Der Hund aber kümmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die

Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz

des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze

ihm in die Augen starrte. Sie öffneten sich weit und schweiften voll

Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand

bleich und wie gelähmt vor Schreck in der Tür. Er wandte den Kopf nach

ihr hin, seine Augen blieben an ihr hängen, es kam ein Seherblick in

sie. Dann sank der Kopf zurück.

"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett

hin und eilte zu ihm.

Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie

sich mit einem herzzerreißenden Schrei über ihn. Der fand im Zimmer

nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie

ohne Bewußtsein. Sie kam nachher so weit zu sich, daß sie die Zunge

bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das

keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiß auch bald

aus. Der Vater war tot.

Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren

Händen. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht

schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getötet! Es hieß:

fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag

beistimmen, daß ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt,

ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der

Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "daß ich

nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht

getötet,--oder doch?"

Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschläge und verließ sie

nicht. Auch er versicherte, es gelte!

Erst als die kleine Nanna am andern Morgen früh mit dem Hunde zu ihr kam

und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen.

Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon strömte eine

so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so

herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrückt, daß ihre

Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefühl, diese Bewunderung für ihren

Vater und der innige Wunsch, sie zu trösten und zu stärken, halfen ihr.

Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen

erfuhr sie, daß auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut,

es ihr zu sagen. Aber die große allgemeine Teilnahme half ihr auch

darüber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle außer

ihr hatten gewußt, daß sie die beiden verloren hatte, und daß sie nun

ganz allein stand.

Am meisten erschütterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden

Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem großen Schmerz

das Bewußtsein trösten kann, daß Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme

über mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du

wünschst! Treulich Deine Alice."

Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte.

Auch Jörgen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nützlich sein

oder Dich trösten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und

verzweifelt."

Die gleiche rührende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim

Begräbnis, das drei Tage später stattfand. Man hatte es um Marys willen

möglichst früh angesetzt.

Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice.

Frische norwegische Blumen.

Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus

war von Blumenduft erfüllt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe

breitete sich über die Schlummernden.

Sie war nicht unten; sie mochte die Särge und die Blumen und die

Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die

weither kamen, Erfrischungen gereicht.

Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und

unten an der Kapelle war ein noch größerer Andrang.

Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnädigen Fräulein hinaufkommen dürfe.

Sie ließ ihm danken, sagte aber nein.

Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begrüßen

dürfe. Er hatte ein rührendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er

ihr irgendwie behilflich sein könne. Außerdem war der Kranz von ihm so

großartig,--wie die Dienstboten versicherten--daß man auch den nach oben

gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle.

Sie sagte ja. Und herein kam der große Mann im schwarzen Anzug,

schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und

sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem

Bett stehen, da setzte er sich auf den nächsten Stuhl und brach in

Tränen aus. Es klang, als wenn in einer großen Uhr die Feder springt und

das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner

Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich über sich selbst

entsetzte. Er sah nicht auf.

Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er

ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch

schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt

ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tür machte er

nicht hinter sich zu. Sie hörte ihn schluchzen den Flur entlang und die

Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf.

Mary war ergriffen. Sie wußte, ihr Vater war sein bester, vielleicht

sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, daß das Weinen nicht nur

ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue.

Sonst wäre er unten am Sarge geblieben.

Die schöne Glocke der Kapelle begann zu läuten. Der Hund, der den ganzen

Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben müssen und sehr unruhig gewesen war,

stürzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die

Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm.

Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber

wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Särge

wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank

Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah

sie nichts.

Sie lag auf dem Bett, das Glockengeläute schnitt ihr ins Herz; sie hatte

das Gefühl, es müsse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne

verwirrten sich immer mehr; sie war überzeugt, ihr Vater habe, als sie

in der Tür stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau

Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, große Liebe ihres

Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem

weißen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die

Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darüber

schlief sie ein.

Aber als sie aufwachte und draußen und drinnen keinen Laut hörte,--das

Haus war leer ... da faltete sie die Hände und sagte halblaut: "Es war

das beste für uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns."

Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner

mußte ihn hinausgelassen haben, während sie schlief.

Das genügte, um wieder in Tränen auszubrechen. Perle auf Perle aus der

unerschöpflichen Schmerzensquelle rann ihr über Wangen und Hände, wie

sie so dalag und den schweren Kopf stützte.

"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich

allein."

* * * * *

Mary, Erzählung · 第 8 / 13 题