Drei Jahre später

Drei Jahre später fuhr Mary nach langem Regen an einem schönen

Frühlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du

Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich

in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre

wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der

alte Clerq war früher der bedeutendste Kunsthändler von New York gewesen

und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode

seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschäft. Die Tochter war mit der

Kunst aufgewachsen und hatte eine gründliche Ausbildung darin genossen.

Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar

bis nach Japan geschleppt. Ihr Hôtel in den Champs Elysées war voll von

Kunstgegenständen. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nämlich

Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kräftige, rundliche Person,

gutmütig und lustig.

Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden

Freundinnen sprachen gerade über ein Bild Marys, das aus Spanien an

Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete,

der Künstler habe es offenbar auf eine Ähnlichkeit mit Donatellos

"Heiliger Cäcilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form

der Augen, die Linie des Halses und den halb geöffneten Mund. Aber so

interessant dieser Versuch sein möge, für die Ähnlichkeit sei er von

Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust für das Bild, daß die Augen

nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei

Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Ähnlichkeit herauszubekommen,

habe sie ihm gesessen.

Nun erzählte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen

gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen

sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Porträt

verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewöhnlicher

Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewöhnliches Verliebtsein."

--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natürlich bei mir mit Dir

zusammen."--"Ist das nötig?"--"Sehr. Denn sonst muß ich es ausbaden."

--"Ist er denn gefährlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh

einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch.

Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schön?"--Alice lachte: "Nein,

er ist geradezu häßlich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das

Gedränge wurde größer; es war einer der Haupttage.--"Wie heißt er?"

--"Franz Röy."--"Röy? So heißt unsere Ärztin auch. Fräulein Röy."

--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat

eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich

mit ihm über die Straße gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn

noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den

fettgepolsterten. Nein, sehr groß und geschmeidig." --"Also gut

trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft,

und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Röy?"

--Sie lehnte sich wieder zurück, und Mary fragte nicht weiter.

Sie kamen spät draußen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei

heimwärts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren

gedrängt voll. Je näher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege

zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese

Zurschaustellung von hellen und bunten Frühjahrstoiletten an dem ersten

sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen

den neubelaubten Bäumen wirkten die Wagen wie gefüllte Blumenkörbe im

Grün, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und

ohne Ende.

Am Tor kamen sie in die Nähe der wogenden Menge von Fußgängern. Aber

kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinüber eine

unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mußten die Leute etwas

sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten

nach den Seen hinüber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in

die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein.

Schutzleute und Parkwächter rannten hin und her, die Wagen stauten sich

so dicht, daß keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald

weit hinunter frei. Alle spähten und fragten,--da kam es! Ein paar

durchgegangene Pferde mit einem großen Wagen. Auf dem Bock sah man den

Kutscher und den Groom. Es mußte sich ein Kampf abgespielt haben, so daß

man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mußten in sehr

großer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren

alle Gefährte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe

zu äußerst am linken Fußweg. Hinter sich hörten sie Geschrei; vermutlich

wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles

sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie

zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und

zurück. Ängstliche Menschen draußen vor dem Tor riefen: "Schließt das

Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen

antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen

auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde

die Fahrt toller, je näher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen

aus Leibeskräften an den Zügeln; aber das stachelte die Tiere nur an.

Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkörper aus dem Wagen, vermutlich um

festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen

mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere

andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei

oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, daß einer sich

überstürzte und überfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund

heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne.

Da löst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten

auf den Weg. Man schrie, man schwang Stöcke und Regenschirme und drohte

ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und

winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwächter, lief aber

in Todesangst wieder zurück. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten,

nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts,

dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen.

Sowie die Menge das erfaßt hatte, wurde sie still, ja, es wurde so

still, daß man die Vögel in den Bäumen singen hören konnte, hören auch

das ferne, dumpfe Getöse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde

herübergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einförmigen

Unterton. Merkwürdig, daß die Pferde genau so gespannt dastanden wie die

Menschen; sie rührten keinen Fuß. Nur die Hunde waren wieder in

Bewegung.

Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Straße erreicht. Er

drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben

ihnen her und warf sich dann dem nächsten in die Flanke ...

"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so

krampfhaft, daß sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild

kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrüll von Männerstimmen

folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloß die Augen, Mary

wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten

konnte er nicht.

Wieder einige Sekunden lang eine fürchterliche Stille, nur die Hunde und

die Hufe der Pferde hörte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann

tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentücher,

Hüte und Sonnenschirme. Die Menge strömte zu beiden Seiten wie eine

Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Straße in einem

Augenblick gedrängt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und

zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Engländer, einen

schlanken alten Herrn mit weißem Bart und im Zylinder, und sie sah eine

junge schlanke Dame an seinem Arm hängen und hörte den Alten sagen:

"Well done, young man!"

Ein schallendes Gelächter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die

Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nüstern gepackt hatte,

ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Händen, jetzt aber das

schweißbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Engländer zuwandte.

Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer

auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zögern ließ er Pferde und Wagen mitsamt

dem Engländer stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste,

bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner

breiten ostländischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom

Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock

herabschwingen konnte, hatte er die Wagentür geöffnet und war bei ihnen

im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin.

Darauf sagte er auf französisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach

Hause, so schnell Sie loskommen können. Sie wissen die Adresse

wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem

Gruß und bewundernden Blicken. Als Franz Röy sich hinsetzen wollte,

verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuß faßte: "Au,

Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In

diesem Augenblick begegnete er Marys großen, verwunderten Augen; er

hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz

heruntergeholfen hatte. Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck war

so gewaltig und so überwältigend komisch, daß die beiden Damen in lautes

Lachen ausbrachen. Er faßte mit der blutigen Hand an seinen Hut--und

merkte, daß er keinen aufhatte. Da lachte er auch.

Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwärts

bugsiert, nun versuchte er zu wenden.

"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice.

"Nein!" sagte er und starrte Mary an, daß sie rot wurde.

"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme

war's.--"Ach, das ist nicht so gefährlich, wie es aussieht", antwortete

er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloß ein Kniff. Ich habe

es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah

ich gleich, daß bloß das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das

andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor.

Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, daß seine

Weste zerrissen, daß seine Uhr weg war, und daß seine blutende Hand ihn

beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine,

gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnädiges Fräulein, das wäre,

als wollte man Baumrinde mit Seide flicken."

Gleich draußen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es

keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand

darzubieten, stieg er aus.

Als er schlank und riesig über den Fußweg von dannen hinkte und der

Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben

könnte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, läßt sich denn das

nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurück:

"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich

dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren

Augen mit einem schelmischen Lachen.

Mary lehnte sich zurück und starrte vor sich hin.

* * * * *

Franz Röy mußte sich wegen seines Fußes einige Tage Schonung auferlegen.

Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaßen Mary

benachrichtigt. Aber es überkam sie eine solche Unruhe, daß sie sich

nicht hinzugehen getraute. Beim nächsten Mal trieb die Neugier, oder was

es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spät, und kaum stand sie ihm

gegenüber, da wünschte sie, sie wäre nie gekommen. Er hatte etwas so

Intensives, daß die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als

Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den

Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es

muß doch mal vorübergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall.

Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhöhte das

Schwindelgefühl. War er eigentlich so häßlich? Diese breite, steile

Stirn, diese kleinen, sprühenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das

vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewöhnlich

Kraftvolles, aber es wurde spaßhaft, weil er beinahe gar keine Nase

hatte. Spaßhaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt

und lustig, daß um ihn her beständig Heiterkeit war, so unerschöpflich

voller Einfälle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im

Gegenteil die Höflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar

galant. Es lag nur an dem Überwältigenden in ihm. Seine Sprache und

seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat

das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuß, der fast nur Spann

war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit,

wirkte erdrückend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los.

Und seine Rede floß unaufhaltsam.

Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft.

Eine leichte Konversation über Wind und Wetter, über die

Tagesereignisse, über Literatur und Kunst, über Zufälligkeiten auf

Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen

Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fühlte sie,

daß sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und

immer übermütiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie

anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und

eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche

Versprechen, nie wiederzukommen.

Erst später am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein.

Sie erwähnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal

auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte

ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Jörgen Thiis? Ist denn der

hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst

erfahren, daß wir angekommen sind."--"Er bat um Grüße an Dich", warf der

Vater ein, der wie gewöhnlich saß und las.

Es war wirklich eine Erholung, an Jörgen Thiis zu denken. Im vorigen

Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen.

Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den

offiziellen Bällen im Elysée und im Hôtel de Ville. Ein Kavalier, mit

dem sie in allen Stücken Ehre einlegte. Hübsch, elegant, zuvorkommend.

Der Vater erzählte, Jörgen wolle zur Diplomatie übergehen. "Dazu gehört

doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben",

antwortete Frau Dawes. "Weißt Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist

es denn wahr, daß Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt

hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon

sein."--"Ja, unterstützt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich

nicht finden, daß Jörgens Aussichten so glänzend sind", sagte sie

abschließend.--

Franz Röy war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen

oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so daß Mary sich sicher

fühlte. Aber als sie eines Morgens früh zu Alice kam,--sie wollten

zusammen in die Stadt,--saß er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen.

Seine Augen überschütteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre

Hand in seine beiden Hände. Etwas strahlend Glücklicheres hatte sie nie

gesehen. Mary fühlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache

noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst für

seine Verhältnisse außergewöhnlich war, half ihnen darüber weg. Jetzt

stürzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt

herkam, und riß sie mit. Die halbnackten Männer mit ihren Haken an dem

Strom des siedenden, rotglühenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der

Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem

Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu

erklären. Es gelang völlig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die

beiden Freundinnen fort mußten.

Als sie im Wagen saßen, war Alice äußerst aufgeräumt. Es war nämlich

ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.--

Am Tage darauf verließ Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im

Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie

wieder zurückkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Röy war da. Er

und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und

umarmte und küßte sie: "Du Ausreißer, Du Ausreißer!" rief sie. Daß Franz

Röys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen förmlich Salut.

Von dem Augenblick an, da sie ihn begrüßte, stand sein Mund nicht mehr

still. Er benahm sich so töricht verliebt, daß es Alice ganz angst

wurde. Glücklicherweise mußte er ein Ende machen; er hatte eine

Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgerührt; die See wollte sich

nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen,

ängstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklären. Aber das verwirrte nur noch

mehr; Mary ging.

Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein

wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hörte sie Klavierspiel. Sie wußte

sofort, daß es Jörgen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft

leistete. Er war wirklich ein Künstler, und er hatte eine Vorliebe für

den Flügel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen.

Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, daß er so aufmerksam gegen

ihren Vater und Tante Eva sei; leider müßten die beiden so oft allein

bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, daß sie seine

Musik schätzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten

Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei

zusammenstimmten; sie war entbehrlich.

Sie war wirklich dankbar dafür, so daß es ein gemütlicher Abend wurde.

Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten

Sehnsucht hatten.

Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Jörgen doch für ein

gemütlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an

und lächelte. "Worüber lachst Du, Vater?"--"Über nichts", er lachte

noch mehr. "Du möchtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja,

wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so

gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefällt er mir

gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt lächelte sie. "Ich mag

nicht, daß seine Augen sich förmlich an mir festsaugen." Der Vater

lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann,

siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch

viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte

Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot

ihm die Stirn zum Kuß.----

Ein paar Tage später, ganz früh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem

Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes

chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber

Alices guter Rat war hierzu von größter Wichtigkeit. Mary war überzeugt,

sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell.

Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pförtner zu sprechen. Alice öffnete

ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Hände waren

schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?"

flüsterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit

einem seltsamen Lächeln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm

nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund,

warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Röy saß in diesem

Zimmer. So früh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht

einmal, daß sie hereinkamen. Es war das erstemal, daß Mary ihn ernst

sah. Das stand der männlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht

ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da

kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.----

Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrückter Stimmung.

Mary konnte unschwer erraten, daß die anderen von ihr gesprochen hatten.

Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der

Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine

geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschüttert, besonders Franz

Röy. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den

romanischen Völkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war

und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum

sei freilich später der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierüber

entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, daß

keiner der Eheleute dem ändern gehöre. Sie seien freie Individuen und

könnten über sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die

Liebe sei entscheidend. Höre die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch

beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei

Begründung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen,

der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine

andere Richtung gebe, dann müsse der Verlassene resignieren. Nicht

verdammen oder töten. Aber ihre Meinung und Franz Röys Ansicht gingen

auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen

scheiden dürfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurückhalten

müsse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor,

sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu

lassen; aber sie dürfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor,

er solle sagen: "Eheleute müssen in der Regel geschieden werden; haben

sie keinen wirklichen Grund, müssen sie sich einen pumpen."

Sie kamen in diesem Gespräch tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte

ihn wie eine neue Art von Schönheit an ihr, wie souverän sie war. Das

gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht

darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die höchste. Ihr ganzes Wesen

war darin konzentriert. Ein "Rühr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und

Haltung. Vielleicht, wenn es sein mußte, bereit zur Märtyrerglorie. Sie

wurde viel größer. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu

hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu

fallen.

Er starrte sie an und vergaß zu antworten, vergaß, wo er war. Ihm war,

als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit

gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein.

Sie sah, wie er sich dem Gespräch fernhielt; aber das hinderte sie

nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hörte

er, wie sie ihr Innerstes enthüllte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie

sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar

machen können. Es war ihr so natürlich, wie das Kleid zu heben, wenn es

schmutzig war, oder draußen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuß keinen

festen Boden mehr fand. Die Individualität muß frei werden, muß wachsen,

darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das

Letzte.

Aber gleichzeitig fühlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen,

der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange

nicht mehr getan. Sie wußte nicht, daß die Persönlichkeit, die unsere

Gedanken erlöst, selbstverständlich Macht über uns hat. Sie fühlte nur,

daß sie sprechen mußte--und sich mit sich selbst beschäftigen. Eine

wundersüße Empfindung, die sie zum erstenmal hatte.

Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und

weiter in sie selbst hineinschlüpften und schließlich sich in einer

Stille von Blicken und Atemzügen verloren. Alice war zu ihrem Modell

hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, daß sie allein

waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus.

Nach flüchtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der

vielen Kunstgegenstände, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen

Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen über dieses Stück alter

Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus

welcher Zeit er stamme? Er sei gewiß sehr teuer gewesen. Sie sprachen in

gedämpften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher.

Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Füßen. Sie fühlten sich

leichter, wie wenn sie sich in höheren Luftschichten befänden. Dabei die

Empfindung, daß alles, was sie dachten, offen daliege, und daß sie

selbst durchsichtig seien.

Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden

aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie

hatten ja über die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war.

--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz

Röy erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen

fort, durch den Hofraum, durch das Vestibül und die Tür auf den Wagen

zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen

deshalb nicht.

Den Hut in der Hand, öffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne

aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte,

harrten ihrer die heißesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll

Leidenschaft und voll Ehrerbietung.

Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Länger hatte er mit seinen

himmelstürmenden Hoffnungen nicht allein sein können.

Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguß

von Donatellos Heiliger Cäcilia zu kaufen. Er müsse vergleichen. Aber

Alice könne sich im voraus denken, daß Donatellos Cäcilia kläglich

durchgefallen sei.

Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch

alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe

mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht

hätte."--"Das glaube ich gern. Sie können arbeiten, Sie können

Hindernisse überwinden, Sie können auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber

Sie können sich nicht beherrschen, Sie können nicht abwarten, daß sie zu

Ihnen kommt."--"Was soll das heißen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll

Sie daran erinnern, lieber Freund, daß Sie Mary nicht kennen. Sie kennen

die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbär."--"Kann sein, daß

ich ein Waldbär bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude

an einem Waldbären hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht täuschen."

Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trüben lassen. Darum kam

er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit

dem Umarmen.

"Nein, seien Sie artig, Franz! Übrigens stören Sie mich schon zum

zweitenmal."--"Sie sollen auch gestört werden, Sie sollen nicht die da

drin in Ihrem Gefängnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger

Freund, Sie sollen mir mein Glück modellieren!"--"Ja, was kann ich

weiter für Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie können mir den Zutritt zu

ihrem Hause verschaffen." Alice überlegte. "Das ist nicht so

leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie müssen, Sie

müssen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie

nachgab und es ihm versprach.

Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich

meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht

vorgestellt ist, muß er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das

ohne weiteres zu. Sie war wütend auf sich selbst, daß sie daran nicht

gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu überlegen, ob sich die Sache nicht

anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch ärgerlich, als

sie Franz Röy das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefühl, sagte sie,

Mary wünsche keinen Vermittler. Sie schärfte ihm wieder ein, vorsichtig

zu sein.

Franz Röy war ganz unglücklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu

trösten.

Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich

kann auch an nichts anderes denken."

Solange saß er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen

Tonarten, und so unglücklich war er, daß er der gutmütigen Alice leid

tat. "Hören Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann

kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf.

"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht

gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir müssen warten." Er starrte sie

enttäuscht an. "Aber können Sie uns beide nicht mal wieder

zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie

möglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie möglich!"

Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit.

Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den

Champs-Elysées zu fahren.

Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespräch ohne Worte. Die

wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber

die werden nicht ausgesprochen. Der eine fühlt durch den andern, oder

glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen

wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser

kennen als sonst in Wochen. Alice führte sie von Bild zu Bild; aber sie

selbst war mit sich beschäftigt,--je länger, je vollständiger. Sie sah

alles mit Künstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern

anfingen, gingen immer mehr dazu über, durch die Bilder einander zu

erforschen. Es wurde ein Flüsterspiel mit schnellen Blicken, knappen

Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen

Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermeßliche Freude

daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei

Vögeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um

dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glück der Stunde wurde erhöht

durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten.

Unten bei den Skulpturen führte Alice sie ganz nach vorn in den

Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an

den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnädiges

Fräulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal

schief gegangen?"--"Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein." Alice erklärte

Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein

Athlet?" fragte Franz Röy, der etwas abseits stand und jetzt eilig

herzukam. Die beiden andern lächelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht

von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu

lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten

die beiden Damen erst recht. Franz Röy war höchlichst erstaunt. "Ich

kann Ihnen versichern, er ist der prächtigste Mensch, den ich kenne. Und

so erstaunlich tüchtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich

zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worüber zum Teufel

lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als

im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem

Ausgang zu. Er mußte ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife

nicht, worüber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen saßen,

lachte aber mit.

Das kleine Mißverständnis hatte die Folge, daß sie alle in der besten

Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten.

Alice und Franz Röy fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich überglücklich

zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob

er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affäre" nicht brillant

stände? Er ließ sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hören, er lachte

und schwatzte und wollte sie schließlich nach oben begleiten. Hiervon

wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er

es sein lasse, daß Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de

Boulogne mitnehmen solle, nach Schloß Bagatelle hinaus. Die Fahrt müsse

morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am stärksten, da

sei der Gesang der Vögel am schönsten und da seien sie noch allein. Sie

versprach es ihm.

Am nächsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann

fuhren sie weiter zu Franz Röy.

Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fußweg auf und ab wandern. Aus

Gang und Haltung ahnte ihr Böses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie

hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf

ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice

suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht

gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was für ein herrlicher

Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts

ist schöner als ein gedämpfter Ton über einer so farbenfrohen Landschaft

wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hörte nicht, er faßte

nichts außer Mary. Der weiße Schleier, der von ihrem roten Haar

zurückgeschlagen war, der halbgeöffnete, frische Mund brachte ihn um den

Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel stärker, seit die

japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Bäume

berauschende Wellen in den hergebrachten europäischen Waldduft

hineingössen, sei's, als flögen fremde Vögel mit fremdartigem Schrei

zwischen den Bäumen auf. Sofort behauptete Franz Röy energisch, die

heimischen Vögel des Waldes hätten davon einen anderen Gesang bekommen.

So wunderbar schön, wie sie diesen Morgen sängen, meinte er, hätten sie

noch nie gesungen.

Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem

sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht

aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich

daran. Aber Franz Röy saß rückwärts und mußte sich jedesmal erst

umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte

ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespräch

unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stück

gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was für

Gedanken konnte er da nicht kommen?!

"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die

Farben hier Chöre singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen

Sie doch bloß das verschiedene Grün in demselben Wald! Sehen Sie doch

nur! Und daneben wieder das Grün der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran,

das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und

lachte. "Wäre es nicht doch besser, auszusteigen?" bestürmte er sie

wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn

anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist

verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstraße und

besehen uns alles. Das ist viel schöner, als in dem engen Wagen zu

sitzen!" Mary stimmte ihm zu.

"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir

wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle genießen und

den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten

wir doch soweit wie möglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir

gehen."

Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens

mußte doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch

übermütig geworden. Ihre Augen, die gewöhnlich etwas Nachdenkliches

hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie über seine vielen

drolligen Einfälle; sie lachte über das Geringfügigste. Sie wollte in

einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal mußte angehalten

werden, um Blumen und Laub zu pflücken. Sie packte den Wagen voll, so

daß Alice schließlich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus

und verlangte energisch, selbst auch hinauszukönnen.

Sie hielten und stiegen aus.

Sie waren jetzt weit über Bagatelle hinaus und ließen den Wagen

umkehren. Er solle langsam ein Stück zurückfahren, sie kämen nach.

Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Röy anfing, Rad zu

schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Händen herum, um wieder

auf die Füße zu fallen, dann wieder auf die Hände und so weiter,

schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe

Weise zurück. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststücken", sagte er

strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und

kam wieder auf die Füße genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen

war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er

triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fünfmal vor.

Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der große, starke

Mann das mit einer Leichtigkeit ausführte, daß es wirklich schön aussah.

Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit

herumzuwirbeln, daß den andern beim bloßen Zusehen schlecht wurde. Schön

war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm

furchtbaren Spaß. Ärgerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein

Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte

Mary. "Über dreißig." Da lachten sie aus vollem Halse.

Das hätten sie nicht tun sollen. Dafür mußte er sie strafen. Ehe Alice

es ahnen konnte, faßte er sie um die Taille und tanzte mit ihr im

rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, daß der Staub aufwirbelte. Die

schwerfällige Alice wehrte sich aus Leibeskräften und schrie. Aber es

half nichts; es machte ihm nur Spaß. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal

flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie krümmte sich

vor Lachen. Denn diese plumpen, völlig nutzlosen Widerstandsversuche

waren nicht mitanzusehen. Schließlich machte er Kehrt, und sie kamen in

dem gleichen rasenden Trab wieder zurück und machten bei Mary Halt.

Alices Gesicht ganz verstört, schweißtriefend und rot. Ihre kurzatmige

Wut, die keine Worte fand, ließ Mary kreischen vor Lachen. Franz sang

ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tüchtig

ausschelten konnte. Da lachte er.

"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Röy, "hat es Sie gar nicht

angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich könnte gleich mit Ihnen dieselbe

Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und

stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen

hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstände

hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der

Wagen hielt.

Keinen Augenblick war es Franz Röy in den Sinn gekommen, seine Drohung

auszuführen. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und

zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch überhaupt einer

Dame zugetraut hätte, war das für sein Offiziersherz wie eine

Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!"

Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, daß er zweifelnd

stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Straße in dem weißen Kleide und

dem roten Haar darüber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der

Füße, daß allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die

Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wußte.

Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's

nicht!"

Der helle Streifen da vorn über dem Straßenstaub fiel wie Sonne in seine

Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewußtlos

weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang

mich!" Er lief, als gelte es des Lebens höchsten Preis, sie einzuholen.

Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze

Kraft bis zum äußersten an. Ein Wettlauf ums Glück mit einer, die

gefangen werden möchte. Siedend heiß brauste ihm das Blut in den Ohren,

die Begierde wallte auf. Die stürmische Sehnsucht all dieser Tage und

Nächte trieb vorwärts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder

richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er würde sie in seinen Armen

haben!

Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stieß einen Schrei aus, raffte das

Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Füße wahrhaftig noch schneller! Er

war wie toll. Er hielt ihren Schrei für einen Lockruf. Er sah sie nach

vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben

wolle und frei sein. Es hieß also sie einzuholen, bis sie dahin kam.

Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in

ihre Nähe. Er meinte, ihren Duft zu spüren, bald mußte er ihren Atem

hören. Er war so erregt, daß er gar nicht wußte, er berühre sie, bis sie

sich umsah. Sie ließ sofort das Kleid los und nach ein paar Sätzen stand

sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er glühte und zog sie

leidenschaftlich an sich,--da hörte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie

mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt,

dachte aber, er müsse sie stützen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei,

und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schärfe

der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er ließ sie los.

Man hörte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock

mußten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In

seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen.

Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors

Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und öffnete ihr den

Schlag.

Er ließ sie stehen, trostlos, wie gelähmt in seinem Denken. Da kam

Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt

auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte

sie ihm ab.

* * * * *

Am dritten Tage nach diesem Ereignis ließ er sich bei Alice melden. Sie

sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann

mußte er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurückkam, meldete er

sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob

er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein.

Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von

Kunstgegenständen, die auf Tischen und Stühlen lagen oder standen. "Aber

Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er

gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als

habe er nichts gesagt, und trat näher.

Die Kunstgegenstände wurden beiseite gestellt; Franz Röy half dabei. Der

Vater verließ das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Röy nun

vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschließen? Und

gerade, wo ich so unglücklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch

immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie

stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm

benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als daß es uns trennen

könnte?"--"Es muß doch Grenzen geben", hörte er sie sagen.--Er bedachte

sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hören Sie mal, Alice, zwischen

uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein:

"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war

feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte

sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergänzte sie.

"Was muß Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, daß er sich

auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die

ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schämte er sich. Schämte sich ganz

entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice,

ich war so froh, daß ich nichts überlegt habe. Erst jetzt kommt mir das

zum Bewußtsein. Verzeihen Sie mir armem Sünder! Nein, sehen Sie mich

an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglücklich und

standen voll Tränen; sie begegneten den seinen, die auch unglücklich,

aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins

waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie küssen; aber

das durfte er nicht. "Alice, liebe, süße Alice, Sie wollen mir doch

wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstören alles."--"Ich will

fortan jedes bißchen tun, was Sie wünschen."--"Das haben Sie früher auch

schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es.

Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn

Sie haben eben kein Verständnis."--"Kein Verständnis?"--"Nein, Sie ahnen

ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, daß ich mich getäuscht haben muß;

denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worüber sie so böse

wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und

fortlief, glaubte ich tatsächlich, sie tue es, damit ich

hinterherlaufe."--"Hörten Sie denn nicht, daß ich zweimal rief: 'Tun

Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte

sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er

nahm ihr gegenüber Platz: "Erklären Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht

gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie

noch nicht begriffen, was für ein kolossaler Abstand zwischen ihr und

uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht

übermütig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie

verstehen mich schon wieder falsch. Während wir andern gewöhnliche

Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefaßt werden können, lebt sie in

einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter

nähergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein,

nein!"--"So ist sie eben. Wäre sie nicht so, dann wäre sie längst

gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, daß es ihr an

Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das laßt sich denken."--"Fragen Sie

Frau Dawes! Sie führt in ihren tausend Briefen Buch darüber. Sie

schreibt jetzt von nichts anderem."

"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu

verstehen. Sie ist freundlich und umgänglich und gefällig, was sie

wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf.

Darüber wacht sie mit der unverbrüchlichsten Sorgfalt und dem feinsten

Takt!"--"Also unberührbar?"--"Absolut! Daß Sie das noch nicht einmal

gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergaß es."

Franz Röy saß da, als lausche er in die Ferne. Er hörte wieder diesen

hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr näher kam; er

sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fühlte ihren zitternden

Körper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch

hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit

einemmal begriff er! Was für ein dummer, brutaler Verbrecher er doch

war!

Er blieb sitzen, stumm und tief unglücklich.

Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich

sein Gesicht. "Schließlich war es doch nur ein Spiel, liebe

Alice."--"Für sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht

mehr?"--"Ihr ist schon öfter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf

alle mögliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr

durch?"--"Natürlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hören Sie

mal, lieber Franz,--war es für Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es

nicht das Entscheidende?"

Er ließ beschämt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab

und kam zu ihr zurück. "Sie ist souverän. Sie will nicht erobert sein.

Ich hätte stehen bleiben sollen--?"--"Sie hätten ihr überhaupt nicht

folgen sollen. Und sie wäre jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie

mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin.

"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er hätte

lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei

kein Kavalier."

Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas

gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf

Sie. Tüchtig."--"Sie hat auch später nicht mehr davon gesprochen?"

--Alice schüttelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Wörterbuch

gestrichen, mein Freund."----

* * * * *

Einige Tage später bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile

davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der

Ausstellung der Champs Elysées. Als er das Billet bekam, war die Uhr

schon elf.

Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle

ihr Urteil über eine holländische Küstenlandschaft abgeben, die ihr

Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch,

möglicherweise könne Alice günstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen

hielt unten. Alice ließ sie allein, schrieb eilig an Franz Röy und

machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit

in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und

gingen ins Bureau, wo sie warten mußten, machten dann ihr Angebot, gaben

ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten

den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen männlichen

Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--"

hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von

allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade

das, was an Franz Röy auffiel, daß seine Kraft nicht äußerlich in

Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem

wohlgeformtesten, geschmeidigen Körper lag, fand sich hier wieder. Das

war Franz Röys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schräg

ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kräftiger Fuß,--alles war

hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie

ein Wort dafür, wie Franz Röy wirkte. Dies hier riß sie mit wie der

Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn

sie Franz Röy gehen sah. War diese Ähnlichkeit ein sonderbarer Zufall,

oder hatte wirklich Franz Röy ... ihr wurde heiß, und sie mußte ein

Stück von der Statue fort--zu einer andern hin.

Mary hatte sich die Zeit über hinter Alice gehalten, die sie ganz

vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkürlich die

Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht?

Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt

lange unbeweglich vor der Statue mit dem Rücken nach Alice. Alice wurde

neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch

nach drüben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren

halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die

Statue herum, trat etwas zurück, kam wieder näher und blieb halb

seitlich davor stehen.

Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade

auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu

sehen. Man konnte sich nicht täuschen: Alices Gesicht war ein einziges

Schelmenlachen.

Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, daß eine andere sie versteht:

Marys Blut geriet in Wallung; geärgert und gekränkt, empfand sie Alices

Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde französisch gedacht. Sie drehte

schnell dem Athleten den Rücken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie

blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte

sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu

werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht

um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da

weiter.

Aber gerade, als sie draußen stand, kam Franz Röy dahergestürmt. So

eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspätet. Franz Röy riß den

Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kühle

Augen. "Aber nein, jetzt müssen Sie auch nicht mehr böse sein!" sagte er

gutmütig und knabenhaft in seinem breitesten Ostländisch. Sie taute auf,

ja, sie konnte nicht anders, sie lächelte sogar und war tatsächlich nahe

daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen

blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen

Triumph wieder zurückkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete

Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude.

Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie

von der höchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden

hinunter--und ließ sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung;

sie winkte, und er kam in großem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem

Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz

Röy hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von

ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Röy vorbei. Die

korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu

sehen, daß sie einen harten Kampf mit unterdrücktem Lachen zu bestehen

hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den

Kopf nach der andern Seite gewandt, während auf dieser Seite Franz Röy,

der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht

länger halten, sie brach in ein Gelächter aus, das ihre ganze behäbige

Person von Grund auf erschütterte. Sie lachte, daß ihr die Tränen über

die Backen liefen. Sie lachte so, daß sie nur mit Not und Mühe und nicht

ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend

neben Mary auf den Sitz, daß der Wagen wackelte. Sie hielt das

Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes

Beleidigtsein und Franz Röys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer

mehr. Sogar der Kutscher mußte mitlachen; er wußte den Teufel warum. So

fuhren sie ab.

Wieder eine mißglückte Expedition nach den kühnsten Hoffnungen! Es

dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natürlich fing sie damit

an, Franz Röy zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie

unglücklich er aussah!" Und wieder überkam sie das Lachen. Mary aber,

die die ganze Zeit über dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet

hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protégé an?" Und als sei das

nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein.

"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst

Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr müßt ja selbst am besten

wissen, in was für einem Verhältnis Ihr zueinander steht. Mich geht es

nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein

Deckmantel?"

Alices Lachen erstarb. Sie wurde blaß, so blaß, daß Mary erschrak. Mary

wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen

hielten sie während des schmerzlichen Überganges fest, bis sie

erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer

hintenüber. Wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres.

Mary saß daneben, erschrocken über den eigenen Schuß.

Aber es war geschehen.

Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und ließ den Kutscher halten.

"Ich muß in dies Hôtel." Der Wagen hielt, sie öffnete die Tür, stieg aus

und schloß sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:

"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort.

Beide fühlten, es war für immer.

Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den

Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draußen vor der Tür

hörte sie Klavierspiel und wußte, daß Jörgen Thiis da war. Aber das

hielt sie nicht zurück. In Hut und Sommermantel stand sie plötzlich

unerwartet im Zimmer. Jörgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr

entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glühte nämlich vor

Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln

bewirkte, daß er es aufgab, sich ihr zu nähern. Da bekamen seine Augen

das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruß

ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er saß wie gewöhnlich in einem

großen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du,

wollen wir jetzt nach Hause reisen?"

Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jörgen

Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary

wandte sich nicht zu Jörgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das

Schiff fährt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr

Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden

wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will

mit Vergnügen helfen", sagte Jörgen Thiis. Dafür bekam er einen

freundlichen Blick von Mary, ehe sie über den Preis Bericht erstattete,

den Alice für die holländische Küstenlandschaft, die ihr Vater haben

wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen

einzupacken.

Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand

sich, etwas abgespannt, auch ein; Jörgen Thiis ging ihr entgegen und

sagte: "Gnädiges Fräulein haben doch diesmal Franz Röy kennen

gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie

verrieten dadurch, daß Jörgen soeben mit ihnen darüber gesprochen haben

mußte. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen

nämlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fühlte es, und daher

vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn

bei Miß Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miß Clerqs Mutter und sie sind

mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Röys Familie

zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere

Aufklärungen geben?" Jörgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an.

Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes

gesagt, daß unter uns jüngeren Offizieren Franz Röy als der beste gilt,

den wir überhaupt haben. Ich habe es also nicht böse gemeint."--"Das

habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser

Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem

Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Jörgen

Thiis, daß ... daß ... daß er keine andere Absicht dabei gehabt habe

als, als, als ... "Das weiß ich", schnitt sie ihm das Wort ab.

Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen für sich

allein--nahm Jörgen Thiis das Thema natürlich wieder auf. Das könne

nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, daß Franz

Röy zum Geniekorps übergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege.

Ihre Übungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, hätten ihm

Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jörgen führte Beispiele an, die

sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten über Franz Röy

auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten

beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie

bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jörgen trat also den Rückzug an:

er habe es nur erzählen hören; Franz Röy sei ja älter als er. "Wie

finden Sie ihn denn?" fragte er plötzlich sehr unschuldig. Mary zögerte,

die ändern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Jörgen lachte. "Ja,

was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muß die sich an uns andern

auslassen?" Darüber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelöst,

in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fühlten sich

sicher vor Franz Röy. Auch Jörgen Thiis.

Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie

sei müde. Von ihrem Zimmer aus hörte sie Jörgen Thiis spielen. Sie lag

und weinte.

* * * * *

Der nächste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dämmerte leise der

Sommernacht entgegen; zwei Rauchsäulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein

ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die

Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war

der einzige Laut.

Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach

oben gegangen. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu

diesem inhaltlosen Ausblick. Überall Wolken als Grenze.

Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen

Sonne.

Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam?

War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war

jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es

fortsetzen; das wußte sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein

Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein

Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie

war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle

herauswächst und mit allem verknüpft ist, was daran hängt. Wo sie

hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das

ihr angepaßt war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit

ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und

Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch

über Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein

einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam,

konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachübung oder ein

zweckloses, müßiges Geschwätz.

Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen

Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es für

Spiel ansah. Später war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren

eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in

Aufregung gebracht hatte, ein paar Fälle, die weh getan hatten, waren

längst vergessen; das ganze war jetzt Alltäglichkeit ohne Ernst. Sie

stand einsam und mit leeren Händen da.

Es ging ein Zucken durch ihren Körper, als ihr Franz Röys riesige

Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten,

daß ihr war, als könne sie sich nicht vom Fleck rühren.

Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?

Bei dem bloßen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne daß sie es wollte,

stand Alice neben ihm in ihrer üppigen Lüsternheit, mit frivolen Augen

... In was für einem Verhältnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel

vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.

Sie hörte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach

der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so

ungeheuer groß, daß sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus

ohne Warnungssignal. Er schoß in rasender Fahrt auf sie zu, wurde größer

und immer größer, ein Feuerberg von großen und kleinen Lichtern. Unter

schäumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und

er war ein Bild in der Ferne.

Wie das sie ergriff!

Dies vorüberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll

Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.

Während sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen

des Weltkolosses geschaukelt wurde, daß man sich festhalten mußte.

Sie stand wieder allein in der großen Wüste. Wie verraten. Es war doch

wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehört

hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an

Kunstwerken und an Musik,--gewissermaßen zurückblieb, wo sie es gesehen

und gehört hatte, während sie einsam in einer unheimlichen,

bewegungslosen Einöde stand.

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Mary, Erzählung · 第 6 / 13 题