So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in
Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran,
einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie
alle drei in einem Konfektionsgeschäft in Wien. Frau Dawes und Marit
sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren
herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte
sich um Sommerkleider.
"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mußt jetzt lange Kleider
haben. Du bist schon so groß." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber
die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest.
Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit
ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde
unruhig; selbst das Fräulein hinter dem Ladentisch merkte, daß ein
Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah
die drei Gesichter. Schließlich hörte der Vater Marit mit einer fremden,
aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben,
weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes
sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder
Marit: "Tante Eva, Du warst doch natürlich mit Mutter zusammen, als sie
damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?"
Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde
überhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort.
Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, daß sie am nächsten
Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die
Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, daß sie sich von dort in
die Museen begaben. Sie setzten diese täglichen Ausfahrten bis zur
Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts
vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die
Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb,
ausnutzen.
In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie
ein Brief von Onkel Klaus. Jörgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant
geworden; Klaus wolle draußen in seinem Landhause einen Frühlingsball
geben, aber er warte damit, bis sie heimkämen. Wann sie kämen?
Darauf freute sich Marit sehr. Den schönen, schlanken Jörgen kannte sie.
Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs
Schwester.
Also mußte jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwägungen waren
sehr kurz, keiner sagte vorläufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob
dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloß jeder in seiner Brust. Als
der große Augenblick des Maßnehmens kam, fragte die Dame, die es tat:
"Das gnädige Fräulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu
Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst
wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Maß, das Marit
anhatte.
Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwüler Tag ohne
Sonne. Die Gäste standen im Garten vor dem großen Landhause, als das
Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten.
Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und dürr und mit
ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker
Glatze und feuchtglänzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine
Handbewegung zurück, während er zu Anders Krog im Boot hinuntersah:
"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot
stieß ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen
Brief als die größte Schönheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er
starrte sie an, verbeugte sich und kam näher; er roch nach Tabak und
schmunzelte mit seinem großen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot
ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen ärmellosen Mantel tat, als
bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und
dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkönigin." Das verletzte sie und
verletzte alle, so daß der Anfang nicht vielversprechend war. Jörgen,
der Held des Abends, drängte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und
Mantel abzunehmen. Sie aber grüßte obenhin und ging weiter. Es lag Stil
darin. Unter den Zurückbleibenden entstand sofort ein Geflüster. Die
Art, wie sie vorüberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die
blendend schöne Haut, die leuchtenden Augen, die Wölbung darüber, die
feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guß und alles vollendet.
Jörgen Thiis war hin. Er selbst war ein großer, schlanker Mensch vom
Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie
festgenagelt an der Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf
der Treppe.
Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den
andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem,
wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strümpfen von derselben
Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein
Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem
gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hörte es noch nicht auf; es
gab Gesprächsstoff für die ganze Stadt. Daß ein so klassisch
geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weißen, weißen
Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das
Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden
Schultern und einer Büste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer
Freiheit und Unabhängigkeit war, als könne sie losgelöst werden. Die
Arme, die Handgelenke, die Hüftbildung, die Füße ... es wurde beinahe
komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem größten Eifer die
Behauptung auf, die Knöchel seien das Allerschönste. Sie hätten nicht
ihresgleichen. So dünn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach
oben--? Nein, nirgends!
Jörgen Thiis vergaß das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm
sonst doch das Schönste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler
mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her.
Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in
der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem
Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schließlich gar männlichen und
weiblichen Hurrarufen; die Ballgäste hatten Marit nach Hause begleitet.
Am ändern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die
älteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklärten Marit für die
Schönste, die sie seit Menschengedenken gesehen hätten. Der alte Klaus
war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden
gepilgert, bloß weil sie kommen und sehen sollten.
Am Nachmittag präsentierte sich Jörgen in Uniform und mit neuen
Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnädigen
Fräuleins zu fragen. Das gnädige Fräulein habe noch nichts von sich
hören lassen.
Als sie schließlich kam, war sie von etwas ganz andrem erfüllt als von
dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzählte die
Ballkönigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschränkte sich
darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann aß sie. Als sie
fertig war und wieder hereinkam, erzählte ihr Vater, Jörgen sei
dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lächelte. Frau Dawes:
"Findest Du Jörgen nicht nett?"--"Doch."--"Worüber lächelst Du
denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein:
"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmäßig sucht er
sich die besten Stücke aus."--"Freilich."
Frau Dawes saß und wartete auf das, was jetzt kommen würde; denn es kam
etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und
Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit
stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir
Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten
gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr
verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hübsch
gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefällt mir nicht mehr, meine
ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn
er gar nicht mehr zu mir gehört,--meine ich."--"Marit gefällt Dir
nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name
Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fühlte die entsetzten
Augen des Vaters.--"Wie möchtest Du denn heißen, Kind?" Das war wieder
Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das paßt besser,--meine
ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrückte sie augenscheinlich.
Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man
Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schließlich
zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem
Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es
vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an.
"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit
nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter.
Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary
genannt. Das weiß ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch
gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah
sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem
Papier: "Mary Krog."
Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie
dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er.
"Es tut mir leid, Vater, daß Du es so auffaßt."--Anders Krog wiederholte
leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner
Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er paßt aber nicht für
mich."
Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster saß, blickte ihr
die Straße entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte
nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trösten. "Es ist was Wahres
dran", sagte sie. "Marit paßt nicht mehr für sie."
"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Tränen liefen
ihm über das Gesicht.
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