XI.

Kaum war ich wieder zurückgekehrt, als ich das Bewußtsein verlor und

mitten im Zimmer hinstürzte. Ich hörte noch Helene aufschreien und

herbeistürzen, um mich zu halten ...

Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich im Bett. Helene erzählte mir

nachher, daß sie mich zusammen mit dem Hausknecht, der das Essen

gebracht hatte, auf den Diwan gelegt. Jedesmal, wenn ich aufwachte, sah

ich das besorgt über mich gebeugte Gesicht Helenens. Doch dessen

erinnere ich mich nur noch wie im Traum, wie durch Nebel. Das liebe

Gesichtchen des kleinen Mädchens tauchte wie eine Erscheinung vor mir

auf, wie ein Bild; sie reichte mir Wasser, legte mir die Bettdecke

zurecht, und saß traurig und erschrocken neben mir, hin und wieder mit

den Händchen mir über die Haare streichend. Ich erinnere mich auch,

einmal ihren leisen Kuß auf meiner Stirn gefühlt zu haben. Ein andermal,

als ich plötzlich in der Nacht erwachte, bemerkte ich beim Scheine des

herabgebrannten Lichtstumpfs, das auf dem neben den Diwan gerückten

Tisch stand, Helenes blasses und erschrockenes Gesichtchen neben mir auf

dem Kissen ruhen: sie hatte ihr Gesichtchen in ihre Hand gelegt und die

bleichen Lippen waren halb geöffnet. Doch erwachte ich erst vollständig

gegen Morgen. Das Licht war ausgebrannt; ein heller, rosafarbener

Morgensonnenstrahl spielte auf der Tapete. Helene saß auf dem Stuhl vor

dem Tisch, hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken Arm gelegt und

schlief fest. Ich sah in ihr vom Schlafe gerundetes Kindergesicht, das

auch im Schlafe seinen kindlich-traurigen Ausdruck nicht verloren hatte,

dabei von sonderbarer, krankhafter Schönheit war; die langen Wimpern

lagen wie dunkle Strahlen auf ihren blassen Wangen, die umrahmt wurden

vom dunklen Flaum ihrer Haare. Die andere Hand lag auf meinem Kissen.

Ich küßte leise, leise das magere Händchen, sie erwachte nicht davon,

doch schien im Schlaf ein leises Lächeln über ihre Lippen zu huschen.

Ich sah sie an und endlich war ich dann wieder in tiefen, gesunden

Schlaf verfallen. Diesmal schlief ich bis zum Nachmittag. Als ich

erwachte, fühlte ich mich fast ganz gesund, nur eine gewisse Schwäche

und Schwere in allen Gliedern wies auf den überstandenen Anfall hin.

Ähnliche nervöse Erscheinungen hatten sich auch schon früher bei mir

gemeldet: ich kannte sie nur zu gut. Die Krankheit selbst verließ mich

gewöhnlich in vierundzwanzig Stunden wieder, was natürlich nicht

hinderte, daß sie in diesen vierundzwanzig Stunden sehr heftig und

bedrohlich auftrat.

Es war also schon Nachmittag. Das erste, was mir in die Augen fiel,

waren die gestern von mir gekauften Vorhänge, die auf einer Schnur

aufgezogen die eine Ecke vom Zimmer abschlossen. Dort hatte Helene sich

ihren Winkel zurecht gemacht. In diesem Augenblick stand sie am Ofen und

kochte Tee. Als sie bemerkte, daß ich erwacht, lächelte sie heiter und

kam zu mir.

„Meine liebe Freundin,“ sagte ich zu ihr und ergriff ihre Hand, „du hast

die ganze Nacht an meinem Bette gewacht. Ich wußte nicht, daß du ein so

gutes Herz hast.“

„Woher wissen Sie es denn, daß ich gewacht habe; ich habe vielleicht im

Gegenteil die ganze Nacht geschlafen?“ sie sah mich schelmisch und

herausfordernd an, zu gleicher Zeit errötete sie aber bei ihren Worten.

„Ich habe alles gesehen. Erst gegen Morgen bist du eingeschlafen ...“

„Wollen Sie Tee?“ unterbrach sie mich, als wäre es ihr unangenehm, das

Gespräch fortzusetzen, wie es keuschen Menschen eigen ist, die sich

nicht loben hören können.

„Ich bitte,“ antwortete ich. „Hast du gestern abend gegessen?“

„Ja, ich habe zu Abend gegessen. Der Hausknecht brachte das Essen. Doch

sprechen Sie lieber nicht so viel, bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind

noch nicht gesund,“ fügte sie hinzu. Sie reichte mir den Tee und setzte

sich zu mir ans Bett.

„Liegen bleiben? Übrigens ja, bis zur Dämmerstunde bleibe ich liegen,

doch dann muß ich ausgehen. Ich muß es tun, Lenotschka.“

„Ist es denn wirklich nötig! Zu wem müssen Sie denn? Doch nicht zum

Alten von gestern?“

„Nein, nicht zu ihm.“

„Das ist gut, daß Sie nicht zu ihm müssen. Er hat Sie gestern so

aufgeregt. Dann gehen Sie wohl zu seiner Tochter?“

„Was weißt du denn von seiner Tochter?“

„Ich habe doch gestern alles gehört.“ Sie senkte den Kopf und zog

finster die Brauen zusammen.

„Er ist ein schlechter Alter,“ fügte sie darauf hinzu.

„Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein sehr guter Mensch.“

„Nein, nein, er ist böse; ich habe es gehört,“ antwortete sie gereizt.

„Ja, was hast du denn gehört?“

„Er will seiner Tochter nicht vergeben ...“

„Aber er liebt sie. Sie hat ihn gekränkt, er aber sorgt für sie, quält

sich um sie.“

„Warum verzeiht er ihr aber nicht? Wenn er ihr später verzeihen sollte,

so wird die Tochter nicht mehr zu ihm gehen.“

„Wieso? Warum nicht?“

„Weil er es nicht wert ist, daß seine Tochter ihn lieb hat,“ antwortete

sie erregt. „Soll sie ihn lieber auf immer verlassen, soll sie lieber

betteln gehen, als zu ihm zurückkehren; er soll nur allein bleiben und

sich quälen.“

Ihre Augen funkelten, ihre Wangen brannten. „Sicher hat sie einen Grund,

wenn sie so spricht,“ dachte ich bei mir.

„Und Sie wollten mich zu ihm ins Haus geben?“ fügte sie hinzu und

verstummte.

„Ja, Lenotschka.“

„Nein, lieber werde ich dienen gehen.“

„Wie kannst du nur so etwas sagen, Lenotschka! Welch ein Unsinn; wer

würde denn dich engagieren?“

„Jeder Bauer,“ antwortete sie ungeduldig und immer erboster.

Sie schien sehr heftig zu sein.

„Eine solche Arbeiterin kann der Bauer nicht brauchen,“ sagte ich

lachend.

„Nun, dann gehe ich zu einer Herrschaft.“

„Mit deinem Charakter?“

„Mit meinem, jawohl.“

Je mehr sie sich aufregte, desto abgebrochener antwortete sie.

„Du wirst es nicht aushalten.“

„Ich werde es wohl! Man wird mich schimpfen, ich aber werde schweigen.

Man wird mich schlagen, ich aber werde schweigen, schweigen, mögen sie

mich schlagen, ich werde nicht weinen. Sie werden platzen vor Wut, ich

aber werde schweigen.“

„Wie du bist, Helene! Wieviel Verbitterung in dir steckt, und wie stolz

du bist! Viel Leid mußt du erfahren haben ...“

Ich erhob mich und ging an meinen Arbeitstisch. Helene blieb auf dem

Diwan sitzen, sah zu Boden und spielte mit ihren Fingern. Sie schwieg.

„Ob sie sich durch meine Worte gekränkt fühlt?“ dachte ich bei mir.

Mechanisch öffnete ich das Bücherpaket, das ich mir gestern zur Arbeit

mitgebracht hatte, und vertiefte mich allmählich ins Lesen. Das

geschieht bei mir oft so: ich öffne irgendein Buch nur auf einen

Augenblick, fange an zu lesen und vergesse alles.

„Was schreiben Sie immer?“ fragte mit bescheidenem Lächeln Helene, leise

an den Tisch tretend.

„Ach, Lenotschka, allerhand, wofür man mir Geld gibt.“

„Also Bittschriften?“

„Nein, nicht Bittschriften.“

Und ich erklärte ihr, so gut ich’s konnte, daß ich Geschichten über die

Geschicke der verschiedensten Leute schreibe. Daraus entstehen Bücher,

die man Erzählungen oder Romane nennt. Sie hörte mich mit großem

Interesse an.

„Ist das alles Wahrheit, was Sie schreiben?“

„Nein, ich denke es mir aus.“

„Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?“

„Lies doch, dann wirst du sehen, lies dieses Buch; du hast doch schon

einmal in ihm gelesen. Du verstehst doch zu lesen?“

„Ja.“

„Nun, so sieh es dir doch an. Dieses Buch habe ich geschrieben.“

„Sie? Ich werde es lesen ...“

Sie schien mir etwas sagen zu wollen, doch wagte sie es offenbar nicht.

Sie war in großer Erregung. Hinter ihren Fragen steckte etwas.

„Und zahlt man Ihnen viel dafür?“ fragte sie endlich.

„So wie es kommt. Einmal viel, ein andermal – gar nichts, je nachdem. Es

ist eine mühsame Arbeit, Lenotschka.“

„Sie sind also nicht reich?“

„Nein, ich bin nicht reich.“

„Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen ...“

Sie blickte flüchtig zu mir auf, errötete, und schlug wieder schnell die

Augen nieder. Plötzlich trat sie auf mich zu und schlang ihre beiden

Ärmchen um mich und preßte ihr Köpfchen fest, fest an meine Brust.

„Ich habe Sie lieb ... ich bin nicht stolz, Sie sagten gestern, daß ich

stolz sei. Nein, nein ... ich bin nicht so ... ich liebe Sie, und Sie

allein lieben mich ...“

Die Tränen erstickten sie. Ein Schluchzen entriß sich ihrer Brust und

durchschüttelte sie mit solcher Gewalt, wie bei ihrem letzten Anfall.

Sie fiel vor mir auf die Kniee, küßte meine Hände, meine Füße ...

„Nur Sie lieben mich! ...“ wiederholte sie, „nur Sie allein, allein!

...“

Sie preßte meine Kniee an sich. Alle ihre Gefühle, die sie lange

zurückgehalten, überwältigten sie in diesem Augenblick und ich begriff,

wie sie durch die Hartnäckigkeit ihres Herzens bis jetzt alles

niedergekämpft hatte, und zwar, je stürmischer das Verlangen ihres

Herzens gewesen, desto hartnäckiger, bis dann endlich der Augenblick

gekommen war, wo sich ihr ganzes Wesen bis zur Selbstvergessenheit der

Liebe, der Dankbarkeit, der Zärtlichkeit und dieser Erlösung in Tränen

hingab.

Sie schluchzte so heftig, daß sie schließlich in einen richtigen

Weinkrampf verfiel. Mit Mühe löste ich ihre Hände von meinen Knien und

trug sie auf den Diwan. Sie begrub ihren Kopf in die Kissen, als schäme

sie sich, mich anzusehen und schluchzte still weiter; meine Hand aber

hielt sie noch lange mit ihren kleinen Händchen und preßte sie an ihr

Herz.

Endlich beruhigte sie sich allmählich, doch ihr Gesicht hielt sie noch

immer versteckt. Hin und wieder streifte mich nur ein flüchtiger Blick,

in dem so viel Weichheit und ein ängstlich verhaltenes Gefühl lag, und

plötzlich lächelte sie wieder.

„Ist es dir nun leichter, mein liebes, krankes Kind, meine kleine

Lenotschka!“

„Nicht Lenotschka ...“ flüsterte sie und versteckte wieder ihr

Gesichtchen.

„Nicht Lenotschka? Wie denn?“

„Nelly.“

„Nelly? Warum denn gerade Nelly? Das ist ja ein sehr netter Name. Wenn

du willst, kann ich dich so rufen.“

„So rief mich meine Mutter ... Niemand sonst nannte mich so, nur sie ...

und ich würde es auch niemand erlauben, außer Mama ... nur Sie sollen

mich so nennen, ich will es ... Ich werde Sie immer lieben, immer lieben

...“

„Was für ein kleines stolzes Herz,“ dachte ich, „wie lange mußte ich

mich darum mühen, bis es mich lieb gewann.“

Doch jetzt wußte ich, daß dieses Herz mir auf immer ergeben war.

„Höre, Nelly,“ fragte ich sie, als sie sich gänzlich beruhigt hatte, „du

sagst, daß dich außer deiner Mama niemand lieb gehabt hat. Und dein

Großpapa, liebte er dich denn gar nicht?“

„Nein, er liebte mich nicht ...“

„Du hast aber doch hier über ihn geweint, hier, auf der Treppe,

erinnerst du dich?“

Sie dachte einen Augenblick nach.

„Nein, er liebte mich nicht ... Er war böse.“

Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.

„Von ihm konnte man es auch nicht mehr verlangen, Nelly. Er hatte

bereits sein Gedächtnis verloren. Ich habe dir doch erzählt, wie er

starb.“

„Ja; doch war er nur im letzten Monat so vergeßlich. Er saß hier den

ganzen Tag, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, so würde er noch

den dritten Tag so gesessen haben, ohne zu trinken, ohne zu essen. Doch

früher war er viel besser.“

„Wann war das?“

„Als Mama noch lebte.“

„Also warst du es, die ihm zu trinken und zu essen brachte, Nelly?“

„Ja, ich brachte ihm ...“

„Wo nahmst du es denn, von der Bubnowa?“

„Nein, ich habe niemals etwas von der Bubnowa genommen,“ ihre Stimme

hatte plötzlich einen harten, gesprungenen Klang.

„Woher hast du es denn genommen, du besaßest doch nichts?“

Nelly schwieg und erbleichte; sie sah mich darauf mit langem, fragendem

Blick an.

„Ich habe auf der Straße gebettelt ... Hatte ich fünf Kopeken, so kaufte

ich ihm Brot und Schnupftabak ...“

„Und er ließ es zu ... Nelly, Nelly!“

„Zuerst tat ich es, ohne ihm etwas davon zu sagen. Als er es aber

erfuhr, schickte er selbst mich betteln. Ich bettelte auf der Brücke und

er wartete auf mich in der Nähe; sowie er es sah, daß man mir Geld gab,

stürzte er sich auf mich und nahm mir das Geld fort, als hätte ich es

vor ihm verstecken wollen, oder als bettelte ich nicht für ihn.“

Um ihren Mund spielte ein bitteres Lächeln.

„Das geschah alles erst, als Mama starb,“ fügte sie hinzu. „Erst nach

ihrem Tode wurde er so – sonderbar.“

„Folglich muß er deine Mutter sehr geliebt haben? Warum lebtet ihr denn

nicht alle zusammen?“

„Nein, er liebte sie nicht ... Er war böse und hat ihr nicht verziehen

... ganz wie der böse Alte von gestern,“ sagte sie leise, fast flüsternd

und erblaßte.

Ich fuhr zusammen: Die verwickelten Fäden eines ganzen Romans lösten

sich in meiner Phantasie. Diese arme Frau, die bei einem Sargmacher im

Keller gestorben: die Tochter, eine Waise, die den Alten, der ihre

Mutter verfluchte, teilweise unterhielt; und der geistesabwesende alte

Sonderling, der auf dem Wege von der Konditorei gleich nach seinem Hunde

gestorben war! ...

„Asorka gehörte ja früher Mama,“ sagte sie plötzlich, wie in Erinnerung

lächelnd. „Großpapa liebte Mama früher sehr und als Mama ihn verließ,

blieb Asorka bei ihm. Deshalb liebte er Asorka so sehr ... Mama verzieh

er nicht, als aber Asorka starb, ist er auch gestorben,“ fügte Nelly

hart hinzu und das Lächeln in ihrem Gesicht verschwand.

„Was war er eigentlich früher gewesen?“ fragte ich sie, nach einer

längeren Pause.

„Er war sehr reich ... Ich weiß nicht, wer er war,“ antwortete sie. „Er

hatte eine Fabrik ... So sagte Mama. Anfangs glaubte sie, ich sei so

klein und verstünde von alledem nichts. Sie küßte mich immer und sagte

zu mir: wenn die Zeit kommt, wirst du alles erfahren, mein armes, mein

unglückliches Kind! Immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und in

der Nacht, wenn sie glaubte, daß ich schliefe (ich stellte mich so an,

als ob ich schliefe) weinte sie über mich, küßte mich leise und sagte

immer Armes, Unglückliches!“

„Woran ist deine Mutter gestorben?“

„An der Schwindsucht; vor sechs Wochen etwa.“

„Erinnerst du dich noch der Zeit, da dein Großvater reich war?“

„Damals war ich doch noch gar nicht geboren. Mama hatte doch schon vor

meiner Geburt Großpapa verlassen.“

„Mit wem war sie denn fortgegangen?“

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Nelly leise und nachdenklich. „Sie ging

ins Ausland, dort wurde ich geboren.“

„Im Auslande? Wo?“

„In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, in Italien war ich, in Paris.“

Ich staunte.

„Und du erinnerst dich, Nelly?“

„Vieles ist mir im Gedächtnis geblieben.“

„Wie hast du denn so gut Russisch sprechen gelernt, Nelly?“

„Mama sprach auch schon dort mit mir Russisch. Sie war Russin, denn ihre

Mutter war Russin, Großpapa aber war Engländer von Geburt, doch auch

ganz Russe. Als wir dann vor anderthalb Jahren hierher zurückkehrten,

sprachen wir nur Russisch. Mama war damals schon krank. Wir wurden immer

ärmer und ärmer. Mama weinte immer. Sie suchte hier nach Großpapa und

sagte immer, sie sei vor ihm schuldig und weinte ... Sie weinte so sehr,

so sehr! Als sie erfuhr, daß Großpapa ganz verarmt war, da weinte sie

noch mehr. Sie schrieb ihm oft Briefe, er aber antwortete nicht.“

„Warum kehrte sie denn hierher zurück? Nur Großpapas wegen?“

„Ich weiß es nicht. Dort lebten wir so gut!“ und Nellys Augen glänzten.

„Mama lebte mit mir allein. Sie hatte einen Freund, der war so gut wie

Sie ... Er kannte sie schon hier. Doch er starb dort und Mama kehrte

hierher zurück ...“

„Also hatte sie seinetwegen Großpapa verlassen?“

„Nein, nicht seinetwegen. Mit einem anderen, der sie verlassen hat ...“

„Mit wem denn, Nelly?“

Nelly sah mich an und antwortete mir nichts. Offenbar wußte sie, wer ihr

Vater war. Doch fiel es ihr schwer, mir seinen Namen zu nennen.

Ich wollte sie auch nicht mehr ausfragen. Sie war ein sonderbarer

Charakter, nervös und heftig, der sich selbst immer bekämpfte,

sympathisch, doch stolz und unzugänglich. Die ganze Zeit über, seit ich

sie kannte, und trotzdem sie mich sicher von ganzem Herzen liebte, mit

einer Liebe, die fast so groß und stark war, wie die zu ihrer

verstorbenen Mutter, war sie mir gegenüber doch so verschlossen, daß sie

nicht das Bedürfnis empfand, mir von ihrer Vergangenheit zu erzählen,

sondern im Gegenteil alles vor mir zu verbergen suchte. Nur an diesem

einen Tage, in diesen Stunden teilte sie mir alles zwischen Tränen und

Schluchzen mit, was sie am meisten in ihrer Erinnerung quälte und

niemals werde ich ihre grauenvolle Erzählung vergessen. Doch ihre ganze

Lebensgeschichte steht uns noch bevor.

Wie furchtbar war diese Erzählung; die Geschichte einer verlassenen

Frau, die ihr Glück überlebt hatte; krank, gequält und von allen

verlassen; selbst von ihrem nächsten Menschen, auf den sie gehofft, von

ihrem Vater, den sie verlassen und der gequält von unendlichem Leid und

Erniedrigungen den Verstand verloren. Diese Geschichte einer Frau, die

zur Verzweiflung gebracht, mit ihrem kleinen Töchterchen, das sie noch

für ein Kind hielt, in den kalten, schmutzigen Petersburger Straßen

herumging, um Almosen zu bitten; eine Frau, die monatelang in einem

feuchten Keller mit dem Tode rang, während der Vater ihr bis zum letzten

Augenblick ihres Lebens die Vergebung nicht gewährte, und die er dann,

als er sich endlich besann und zu seinem über alles in der Welt

geliebten Kinde eilte, als Leiche vorfand. Es war eine wunderliche

Erzählung, von geheimnisvollen, fast unverständlichen Beziehungen

zwischen einem geistesabwesenden Alten und seiner kleinen Enkelin, die

ihn verstand, und trotz ihres frühen Alters vieles kannte, was andere in

langen Jahren ihres ruhig dahinfließenden sorglosen Lebens nicht kennen

lernen. Es war eine dieser dunklen und qualvollen Lebensgeschichten, die

fast unmerklich, fast geheimnisvoll unter dem schweren, trüben

Petersburger Himmel sich abspielen, in den dunklen Ecken und verborgenen

Winkeln dieser Großstadt, inmitten des Wirrsals unnatürlichen

Lebensgenusses, stumpfen Egoismus’, aufeinanderstoßender Interessen,

unheimlichen Lasters, geheimer Verbrechen, inmitten eines Höllenpfuhles

sinnlosen Lebens ...

Doch diese Geschichte steht uns noch bevor ...

Sämtliche Werke 19 · 第 35 / 59 题