Ich begab mich geradewegs zu Aljoscha. Er lebte bei seinem Vater in der
Kleinen Mosskaja. Der Fürst bewohnte ein ganzes Stockwerk, obgleich er
ganz allein lebte. Aljoscha hatte zwei schöne große Zimmer dieser
Wohnung inne. Ich war sehr selten bei ihm gewesen, ich glaube, nur ein
einziges Mal. Er dagegen besuchte mich öfter, besonders zu Anfang seiner
Verbindung mit Natascha.
Er war nicht zu Haus. Ich trat in sein Zimmer und schrieb ihm folgenden
Brief:
„Ich glaube, Aljoscha, Sie sind von Sinnen. Als Ihr Vater Dienstag abend
selbst Natascha bat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden,
waren Sie über diese Bitte sehr erfreut, wovon ich Zeuge war. Sie werden
zugeben, daß Ihr Benehmen jetzt äußerst seltsam erscheint. Wissen Sie
auch, was Sie Natascha gegenüber tun? Jedenfalls wird mein Brief Sie
daran erinnern, daß Ihr Betragen Ihrer zukünftigen Frau gegenüber höchst
merkwürdig und leichtsinnig erscheint. Ich weiß sehr wohl, daß ich kein
Recht habe, Ihnen Vorstellungen zu machen, doch ist mir das ganz
gleichgültig.“
„P. S. Von diesem Briefe weiß Natascha nichts und hat überhaupt nicht
mit mir von Ihnen gesprochen.“
Ich schloß den Brief und ließ ihn auf Aljoschas Tisch. Auf meine Frage
antwortete der Diener, daß Alexei Petrowitsch jetzt fast nie zu Hause
sei und nur in der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, zurückkehre.
Mit Mühe schleppte ich mich bis nach Haus. Der Kopf schwindelte mir, die
Füße waren schwach und zitterten; die Tür zu meiner Wohnung war offen.
Bei mir saß Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff und wartete auf mich. Er
saß am Tisch und sah schweigend mit Verwunderung Helene an, die
ihrerseits ihn nicht weniger erstaunt und mißtrauisch betrachtete. „Wie
muß sie ihm wohl sonderbar erscheinen,“ dachte ich.
„Siehst du, mein Lieber, eine ganze Stunde erwarte ich dich schon, ich
hätte nicht gedacht, dich so zu finden ...“ Er sah sich im Zimmer um,
und wies mit den Augen zwinkernd kaum merklich auf Helene.
In seinen Augen lag Verwunderung. Als ich ihn näher ansah, bemerkte ich,
daß sein Gesicht erdfahl war und Kummer und Unruhe in ihm lag.
„Setze dich, setze dich,“ forderte er mich mit besorgter Miene auf. „Ich
beeilte mich, zu dir zu kommen, habe eine Angelegenheit mit dir zu
besprechen, doch was fehlt dir? Wie siehst du aus?“
„Ich fühle mich unwohl. Seit dem Morgen schwindelt mir der Kopf.“
„Sieh mal an, sei doch vorsichtiger. Hast du dich nicht erkältet?“
„Nein, das ist wohl nur so ein Nervenanfall. Das habe ich des öfteren.
Und Sie, wie fühlen Sie sich?“
„Nichts, nichts! Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich zu
mir.“
Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch.
Der Alte beugte sich vor und begann mit halblauter Stimme:
„Sieh sie nicht an, damit sie nicht bemerkt, daß wir über sie sprechen.
Was ist das für ein Gast, den du da hast?“
„Nachher davon, Nikolai Ssergejewitsch. Das ist ein armes Mädchen, eine
Waise, Enkelin desselben Smitt, der hier lebte und der in der Konditorei
gestorben ist.“
„Also, er besaß eine Enkelin! Nun, mein Freund, ist das aber ein
sonderbares Geschöpf! Die sieht einen so an, so! Wirklich, ich sage dir,
wenn du in fünf Minuten nicht gekommen wärst, so hätte ich es hier nicht
mehr ausgehalten. Mit Mühe konnte ich sie nur dazu bringen, daß sie mir
die Tür öffnete; sie spricht kein Wort mit mir, es wird einem einfach
unheimlich, mit ihr allein. Sie ist ja gar nicht einem Menschenkinde
ähnlich. Wie ist sie denn zu dir gekommen? Ach, ich verstehe, sie ist
wohl zum Großvater gekommen, hat es nicht gewußt, daß er gestorben ist?“
„Ja, es ist ein unglückliches Kind. Der Alte erinnerte sich ihrer noch,
bevor er starb.“
„Hm! Wie der Großvater, so die Enkelin. Nachher erzählst du mir alles.
Vielleicht kann ihr geholfen werden, wenn sie doch so unglücklich ist
... Doch jetzt, mein Lieber, könnte man ihr nicht sagen, daß sie
fortgeht, denn ich muß ernstlich mit dir reden.“
„Ich kann sie nirgendwo hinschicken. Sie lebt hier bei mir.“
Ich erklärte dem Alten alles so schnell als möglich in ein paar Worten
und fügte hinzu, daß man ruhig alles in ihrer Gegenwart sprechen könne,
da sie ein Kind sei ...
„Nun, ja ... freilich ein Kind. Doch du hältst mich wohl zum besten,
mein Freund. Sie lebt bei dir, sagst du? Gott im Himmel!“
Und der Alte sah sie noch einmal verwundert an. Helene fühlte, daß man
von ihr sprach, sie saß schweigend da, den Kopf auf die Brust gesenkt
und spielte mit ihren Fingerchen an der Diwanschnur. Sie hatte bereits
ihr neues Kleidchen angezogen, das ihr sehr gut stand. Die Haare waren
sorgfältig gekämmt, sorgfältiger als früher, vielleicht aus Anlaß des
neuen Kleides. Wäre sie nicht von dieser sonderbaren scheuen Art
gewesen, so hätte man sie für ein allerliebstes Kind halten müssen.
„Also, kurz und bündig, die Sache ist die,“ begann der Alte von neuem
...
Er saß in sich versunken, mit strenger und wichtiger Miene da und
ungeachtet seines „kurz und bündig“ konnte er den Anfang nicht finden.
„Was kann er wohl haben?“ dachte ich.
„Siehst du, Wanjä, ich bin mit einer großen Bitte zu dir gekommen. Doch
bevor ich sie ausspreche – ich sehe es jetzt selbst ein – muß ich dir
erst die näheren Umstände erklären ... Umstände, sehr peinlicher Art
...“
Er hüstelte und sah mich forschend an, darauf errötete er; errötete und
ärgerte sich über seine Ungeschicklichkeit, ärgerte sich und fuhr fort:
„Doch wozu da noch alles erklären wollen! Du wirst es von selbst
verstehen! Kurz, ich will den Fürsten fordern, und dich bitte ich, diese
Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.“
Ich sprang fast von meinem Stuhl auf und starrte ihn außer mir vor
Verwunderung an.
„Nun, was starrst du mich an? Ich habe noch nicht den Verstand
verloren.“
„Doch erlauben Sie, Nikolai Ssergejewitsch! Unter welchem Vorwand, zu
welchem Zweck? Und schließlich, ist es denn möglich? ...“
„Vorwand! Zweck!“ schrie der Alte. „Das ist ’mal schön! ...“
„Gut, schon gut, ich weiß, was Sie sagen werden; doch was werden Sie
damit erreichen? Welch einen Ausgang kann das Duell nehmen? Ich gestehe,
daß ich nichts davon begreife.“
„Ich dachte es mir, daß du nichts davon begreifen würdest. Höre: unser
Prozeß ist zu Ende, d. h., wird in diesen Tagen zu Ende sein; es bleiben
nur noch die Formalitäten. Ich bin verurteilt. Ich muß an zehntausend
Rubel zahlen; so hat man beschlossen. Für sie wird Ichmenjeffka in
Beschlag genommen. Folglich hat dieser gemeine Mensch das Geld bekommen
und ich, der ich mit Ichmenjeffka bezahlt habe, bin aller
Verpflichtungen ledig. Jetzt kann ich wieder meinen Kopf hoch heben.
‚Sie, verehrter Fürst, haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben
meinen Namen beschimpft und die Ehre meines Hauses mit Füßen getreten,
und ich habe alles von Ihnen ertragen müssen! Ich habe Sie dazumal nicht
fordern können. Sie hätten mir sagen können: Schlauer Mensch, du willst
mich erschießen, um das Geld nicht herausgeben zu müssen, zu dem du
früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, erst wollen wir den
Prozeß beenden und dann kannst du mich fordern. Jetzt, verehrter Fürst,
ist der Prozeß zu Ende, jetzt, bitte, hier an die Barriere.‘ Siehst du,
so ist die Sache. Und deiner Meinung nach soll ich nicht im Recht sein,
endlich mich für alles, alles rächen zu wollen!“
Seine Augen blitzten. Ich sah ihn lange schweigend an. Ich wollte gern
seine geheimsten Gedanken erraten.
„Hören Sie mich an, Nikolai Ssergejewitsch,“ wandte ich mich an ihn. Ich
hatte mich entschlossen, ihm gegenüber grenzenlos aufrichtig zu sein,
denn sonst wären wir beide keinen Schritt weiter gekommen. „Können Sie
gegen mich vollkommen aufrichtig sein?“
„Gewiß kann ich’s,“ antwortete er mit Festigkeit.
„Sagen Sie mir ehrlich: ist es nur das Gefühl der Rache, was Sie dazu
treibt, oder verfolgen Sie dabei auch noch andere Ziele?“
„Wanjä,“ erwiderte er, „du weißt, daß ich es niemanden erlaube, im
Gespräch mit mir an gewisse Punkte zu rühren; doch dieses Mal sei eine
Ausnahme gemacht, da du mit deinem hellen Verstand sofort erraten hast,
daß es unmöglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, du hast recht, ich
verfolge dabei noch ein Ziel: meine verlorene Tochter zu retten und sie
von dem unheilvollen Wege abzuhalten, auf den sie durch die letzten
Verhältnisse getrieben worden ist.“
„Wie wollen Sie denn Ihre Tochter durch dieses Duell retten, das ist die
Frage?“
„Indem ich dadurch alles vernichte, was sie dort planen. Höre mich an:
glaube nicht, daß irgendeine väterliche Zärtlichkeit oder irgendeine
andere Schwäche aus mir spricht. Das ist alles Unsinn. Das Innerste
meines Herzens zeige ich niemanden. Auch du kennst es nicht. Meine
Tochter hat mich verlassen, hat das Elternhaus mit ihrem Liebhaber
verlassen und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, an demselben
Abend – du erinnerst dich? Wenn du mich auch damals über ihrem Bilde
weinen sahst, so folgt daraus noch nicht, daß ich ihr vergeben habe. Ich
habe es auch damals nicht getan. Ich weinte über mein verlorenes Glück,
doch nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich habe vielleicht jetzt oft
geweint und schäme mich nicht, es einzugestehen, ebenso wie ich
eingestehe, daß ich mein Kind früher über alles in der Welt liebte.
Alles das scheint offenbar mit meinem Vorhaben in einem gewissen
Widerspruch zu stehen. Du kannst mir sagen: wenn dem so ist, daß Sie
sich zum Schicksal Ihrer Tochter gleichgültig verhalten und Ihre Tochter
als solche schon nicht mehr anerkennen, warum mischen Sie sich dann
jetzt in ihre Angelegenheiten? Ich tue es: erstens, weil ich diesem
niedrigen und gemeinen Menschen den Triumph lassen will und zweitens,
einfach aus Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist,
so ist sie doch ein schwaches, schutzloses und betrogenes Wesen, das man
noch mehr zu betrügen beabsichtigt, um sie schließlich gänzlich zu
vernichten. In die Sache selbst kann ich mich nicht einmischen, doch
mittelbar, durch das Duell, kann ich es tun. Wenn man mich totschießt
und mein Blut vergossen wird, wird sie dann wirklich über meine Leiche
schreiten und mit dem Sohne meines Mörders zum Altare gehen, wie jene
Zarentochter über die Leiche ihres Vaters schritt? Ja, und schließlich,
wenn es zum Duell kommen wird, so werden unsere Fürsten die Ehe selbst
nicht mehr wünschen. Kurz, ich wünsche diese Ehe auf keinen Fall und
werde alles tun, um sie zu verhindern. Hast du mich jetzt verstanden?“
„Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, warum wollen Sie dann ihre Ehe
verhindern, nur sie allein kann ihren guten Namen wieder herstellen. Sie
hat noch ein langes Leben vor sich. Sie braucht ihren guten Namen
wieder.“
„Auf die Meinung der Welt sollte sie spucken, das müßte ihre Gesinnung
sein! Sie sollte erkennen, daß die größte Schmach für sie diese Ehe
wäre, die Verbindung mit diesem gemeinen Menschen und dieser
jämmerlichen Gesellschaft. Stolz – das müßte ihre Antwort an die
Gesellschaft sein! Dann würde auch ich ihr wieder meine Hand reichen und
dann wollen wir sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!“
Dieser maßlose Idealismus machte mich staunen. Doch ich erriet, daß der
Alte in diesem Augenblick außer sich war und jeder kühlen Berechnung
unfähig.
„Das ist zu ideal, und einfach grausam. Sie verlangen von ihr Kräfte,
die Sie ihr als Vater bei ihrer Geburt vielleicht nicht gegeben haben.
Und willigt sie denn in diese Ehe ein, nur um Gräfin zu werden? Sie
liebt doch; es ist Leidenschaft; es ist ihr Verhängnis. Und schließlich
verlangen Sie von ihr Verachtung der gesellschaftlichen Meinung und
beugen sich selbst vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie öffentlich
verdächtigt, durch Betrug zu seinem fürstlichen Hause in Beziehung
treten zu wollen und Sie denken: wenn sie jetzt diesen formellen Antrag
ausschlägt, so ist das die beste Widerlegung aller früheren
Klatschereien. Das ist es, was Sie wollen, Sie wollen dem Fürsten
beweisen, daß er sich geirrt hat. Sie wollen ihn in eine lächerliche
Lage bringen, wollen sich an ihm rächen und opfern dafür das Glück Ihrer
Tochter. Ist denn das kein Egoismus?“
Der Alte saß lange finster und mürrisch da und sagte kein Wort.
„Du bist gegen mich ungerecht, Wanjä,“ sagte er endlich langsam, und
Tränen glänzten in seinen Augen – „ich schwöre es dir, daß du gegen mich
ungerecht bist, doch lassen wir das! Ich kann vor dir nicht mein Herz
umkehren und ausschütteln,“ fügte er hinzu und griff nach seinem Hut,
„ich sage dir nur eines: du hast soeben vom Glück meiner Tochter
gesprochen. Ich glaube nicht an dieses Glück, außerdem wird diese Ehe
auch ohne mein Zutun niemals zustande kommen.“
„Wieso! Warum glauben Sie das? Haben Sie etwas Besonderes darüber
erfahren?“ rief ich begierig aus.
„Nein, ich weiß nichts Besonderes darüber. Doch dieser verfluchte Fuchs
wird sich niemals dazu entschließen können. Das ist alles Unsinn, das
sind Fallen. Ich bin fest davon überzeugt, denke an meine Worte! Und
zweitens, wenn diese Ehe gegen seinen Willen zustande kommen sollte,
oder wenn dieser Schuft irgendeinen mir unbekannten Vorteil aus dieser
Ehe zu ziehen glaubt – so sage dir doch selbst, frage dein eigenes Herz:
kann sie denn in dieser Ehe glücklich werden? Diese Vorwürfe und
Erniedrigungen, als Freundin des Jungen, der bereits ihre Liebe als
einen Zwang zu empfinden anfängt, und wenn er sie heiratet sie nicht
mehr achten noch hochhalten wird, bei ihr dagegen wird die Leidenschaft
in dem Maße wachsen, in dem seine Liebe abnimmt. Eifersucht, Qualen,
Hölle, vielleicht noch Verbrechen ... nein, Wanjä! Wenn du dabei noch
mithilfst, so wirst du vor Gott verantwortlich werden, und dann wird es
zu spät sein! Lebe wohl!“
Ich hielt ihn zurück.
„Hören Sie, Nikolai Ssergejewitsch, halten wir’s vorläufig so: warten
wir ab. Seien Sie überzeugt, nicht meine Augen allein verfolgen die
Entwicklung dieser Dinge, und vielleicht wird sich alles von selbst zum
besten kehren, ohne künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell.
Die Zeit ist der beste Richter! Und außerdem, erlauben Sie mir, daß ich
Ihnen sage, daß Ihr Projekt sowieso aussichtslos ist. Haben Sie wirklich
auch nur einen Augenblick daran glauben können, daß der Fürst Ihre
Herausforderung annehmen wird?“
„Wieso nicht? Bedenke, was du sagst!“
„Ich schwöre es Ihnen – er würde es nicht tun; und seien Sie überzeugt,
er würde schon ein Mittel finden, es zu rechtfertigen, und Sie werden
der Blamierte sein ...“
„Aber, Wanjä, besinne dich doch, was du sagst! Wie kann er es denn
überhaupt – nicht annehmen? Nein Wanjä, du bist einfach ein Dichter: ein
echter Dichter! Du glaubst doch nicht etwa, daß ich nicht
satisfaktionsfähig bin? Ich bin doch nicht schlechter als er! Ich bin
fast ein Greis, bin der beleidigte Vater; du, mein Sekundant, ein
russischer Schriftsteller, der Anspruch auf höhere Achtung erheben kann,
und ... und ... Ich wüßte nicht, was noch nötig wäre ...“
„Nun, Sie werden sehen. Er wird mit solchen Gründen kommen, daß Sie
selbst, Sie zuerst Ihre Forderung zurückziehen werden.“
„Hm! ... nun gut, mein Freund, mag es so sein, wie du es denkst. Ich
werde warten, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, versteht sich. Wollen wir
abwarten. Doch noch eines: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort,
noch Anna Andrejewna ein Wort von unserem Gespräch mitteilst.“
„Selbstverständlich.“
„Zweitens, tue mir den Gefallen, Wanjä, niemals mehr darüber mit mir zu
sprechen.“
„Gut, ich gebe Ihnen mein Wort.“
„Und schließlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, daß du es bei
uns vielleicht langweilig hast, doch besuche uns trotzdem des öfteren.
Meine arme Anna Andrejewna hat dich so lieb und ... und ... ohne dich
grämt sie sich ... du verstehst, Wanjä?“
Er drückte mir fest die Hand. Ich gab ihm von ganzem Herzen das
Versprechen.
„Und jetzt, Wanjä, noch eine peinliche Frage: hast du Geld?“
„Geld!“ wiederholte ich voll Verwunderung.
„Ja,“ der Alte errötete und schlug die Augen nieder, „für deine Wohnung
... und für deine Bedürfnisse ... und dann, denke ich, daß du noch
besondere Ausgaben haben könntest (besonders zu dieser Zeit) ... siehst
du, da dachte ich – hundertfünfzig Rubel auf alle Fälle ...“
„Hundertfünfzig Rubel, jetzt, wo Sie den Prozeß verloren haben!“
„Wanjä, ich sehe, daß du mich gar nicht verstehen willst! Auf alle
Fälle, verstehe doch. In manchem Falle bedeutet Geld haben,
Unabhängigkeit der Lage, Unabhängigkeit des Entschlusses. Vielleicht
hast du in diesem Augenblick kein Geld nötig, bewahre es auf für den
Fall, wo du es nötig haben könntest! Wenigstens behalte es bei dir. Das
ist alles, was ich dir geben kann. Wenn du es nicht brauchen wirst,
kannst du es mir zurückgeben. Und jetzt lebe wohl! Mein Gott, wie du
erschöpft bist! Ja, du bist ja ganz krank ...“
Ich erwiderte nichts und nahm das Geld. Es war ja nur zu deutlich, wozu
er es mir überließ.
„Ich kann mich kaum auf den Füßen halten,“ antwortete ich ihm.
„Nimm dich in acht, Wanjä, mein Lieber, nimm dich in acht! Gehe heute
nicht mehr aus. Ich werde Anna Andrejewna sagen, wie du dich befindest.
Hast du nicht den Doktor nötig? Ich werde mich morgen nach dir
erkundigen; wenigstens werde ich mich bemühen, es zu tun, wenn ich mich
nur selbst noch auf den Füßen halten kann. Lege dich jetzt hin ... Lebe
wohl. Adieu Kleine! Hörst du, Wanjä, hier sind noch fünf Rubel für das
Kind. Sage ihr nicht, daß ich sie dir gegeben habe. Gib sie für sie aus.
Kaufe ihr Stiefelchen, Wäsche, was sie brauchen kann! Leb’ wohl, mein
Lieber ...“
Ich begleitete ihn bis zur Tür. Ich mußte den Hausknecht nach Essen
schicken. Helene hatte noch nichts genossen.