Sie hielt ihren Hut in der Hand und legte ihn auf das Klavier; darauf
kam sie zu mir und reichte mir schweigend die Hand. Die Lippen zitterten
leise: es schien, als hätte sie mir etwas sagen wollen, doch – sagte sie
nichts.
Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Erschrocken sah ich sie an.
Wie hatte sie sich in diesen drei Wochen verändert! Mein Herz krampfte
sich zusammen, als ich diese bleichen Wangen, diese wie im Fieber
zuckenden Lippen sah, und diese Augen, die unter den langen dunklen
Wimpern in leidenschaftlicher Entschlossenheit loderten.
Gott! wie war sie schön! Niemals, weder vorher, noch nachher, habe ich
sie so gesehen wie an diesem verhängnisvollen Abend. War es wirklich
dieselbe Natascha, dasselbe junge Mädchen, das noch vor einem Jahr, als
sie meinem Roman zuhörte, mich mit ihren Augen verschlang und kaum zu
atmen wagte. Und wie konnte sie damals fröhlich sein, wie scherzte und
lachte sie damals mit ihrem Vater und mit mir beim Abendessen!
Dumpfer Glockenklang ertönte zum Abendgottesdienst. Natascha fuhr
zusammen; die Alten bekreuzten sich.
„Du wolltest zum Abendgottesdienst gehen, Natascha, man läutet schon,“
sagte Anna Andrejewna. „Gehe Nataschenka, gehe, das Heil ist nahe! Ja,
gehe an die Luft, was sitzt du so eingeschlossen im Zimmer! Sieh, ganz
bleich bist du!“
„Ich ... gehe vielleicht ... heute nicht,“ sagte Natascha leise, fast
flüsternd. „Ich ... fühle mich nicht wohl,“ fügte sie hinzu und
erbleichte. Sie war weiß wie ein Tuch.
„Besser, du gehst, Natascha, du hast doch die Absicht gehabt, zu gehen,
brachtest deinen Hut mit. Bete zu Gott, Nataschenka, daß er dir
Gesundheit verleihe ...“ beredete sie Anna Andrejewna und sah schüchtern
ihre Tochter an, als fürchtete sie sich vor ihr.
„Ja, ja, gehe, gehe an die frische Luft,“ fügte jetzt auch der Alte
hinzu, der unruhig das Gesicht seiner Tochter betrachtete. „Die Mutter
hat recht. Wanjä wird dich begleiten.“
Mir schien, als glitt ein bitteres Lächeln über Nataschas Lippen. Sie
ging ans Klavier, nahm ihren Hut und setzte ihn auf. Ihre Hände
zitterten, alle ihre Bewegungen schienen ganz unbewußt – ganz als
begriffe sie selbst nicht, was sie tat. Vater und Mutter beobachteten
sie aufmerksam.
„Lebt wohl!“ sagte sie kaum hörbar.
„Mein Engel, wozu sich verabschieden, als wäre der Weg so weit! Sieh,
daß du keinen Zug bekommst; gib acht, wie du bleich bist. Ach! Und ich
habe vergessen (immer vergesse ich alles), ich habe ein kleines Amulett
für dich, mein Engel, habe ein Gebet darin eingenäht. Eine Nonne aus
Kiew hat es mich gelehrt, im vorigen Jahr. Es ist ein Gebet für alles;
erst neulich habe ich es eingenäht. Nimm es, Natascha. Möge Gott dir
Gesundheit schenken. Unser Einziges bist du.“
Und die Alte kramte im Arbeitskästchen und zog das goldene Kreuzchen von
Natascha hervor, an dessen Kettchen sie auch das Amulett gehangen.
„Trage es zu deinem Glück!“ fügte sie hinzu, und hängte das Kreuz der
Tochter um den Hals, sich und sie bekreuzigend. „Es gab eine Zeit, da
bekreuzte ich dich jeden Abend zur Nacht und du sprachst dein Gebet.
Doch jetzt bist du nicht mehr dieselbe und Gott schenkt dir keine Ruh.
Ach, Natascha, Natascha! Auch meine mütterlichen Gebete können dir nicht
helfen.“
Und die Alte fing an zu weinen.
Natascha küßte schweigend ihre Hand; wandte sich dann zur Tür; doch
plötzlich kehrte sie um und ging schnell auf den Vater zu.
„Väterchen, segne auch du ... deine Tochter!“ rief sie mit vor
Schluchzen erstickter Stimme, und kniete vor ihm nieder.
Vor diesem unerwarteten und feierlichen Kniefall standen wir ganz
bestürzt da. Der Vater sah seine Tochter einen Augenblick wie verloren
an.
„Nataschenka, mein Kind, meine Tochter, mein Liebes, was ist mit dir?“
rief er endlich aus und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen. „Was
bedrückt dich? Warum weinst du Tag und Nacht? Ich weiß doch alles, ich
schlafe die Nächte nicht und steh vor deiner Zimmertür und horche! ...
Sage mir alles, Natascha, vertraue mir, deinem alten Vater und wir ...“
Er brach ab, hob sie hoch und umarmte sie. Sie preßte sich krampfhaft an
seine Brust und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter.
„Nichts, nichts, das ist nur so ... ich bin nicht ganz wohl ...“
bestätigte sie, schluchzend von verhaltenen Tränen.
„Ja, segne dich Gott, wie ich dich segne, mein liebes, mein einziges
Kind!“ sagte der Alte. „Er schenke Frieden deiner Seele und befreie dich
von allem Kummer. Bete zu Gott, mein Kind, damit er mein sündhaft Gebet
erhöre.“
„Und meinen Segen, meinen Segen, über dich!“ fügte die Alte in Tränen
aufgelöst hinzu.
„Lebt wohl!“ flüsterte Natascha.
An der Tür blieb sie noch einmal stehen, sah noch einmal auf beide,
wollte noch etwas sagen, konnte jedoch nichts über die Lippen bringen
und ging rasch aus dem Zimmer. Ich stürzte ihr nach, das Böse ahnend.