VI.

Ich las ihnen meinen Roman sogleich bis zum Ende vor. Ich begann nach

dem Tee und las bis zwei Uhr nachts. Der Alte legte zuerst die Stirn in

Falten. Er hatte etwas unerfaßbar Hohes erwartet, etwas, das er

vielleicht überhaupt nicht begreifen könnte: etwas unbedingt Erhabenes

mußte es sein. Statt dessen aber war es plötzlich etwas so Alltägliches

und so längst Bekanntes, – wirklich: ganz wie alles das, was gewöhnlich

um einen herum geschah! Wenn doch der Held wenigstens ein großer oder

interessanter Mensch gewesen wäre, oder wenn ich doch etwas Historisches

geschrieben hätte ^à la^ Roßlawleff oder Jurij Miloßlawskij, aber so!

... Irgend ein kleiner, verschüchterter und sogar ziemlich einfältiger

Beamter, von dessen Uniformrock sämtliche Knöpfe abgefallen sind! – und

alles das noch dazu in einer so einfachen Sprache geschrieben, auf ein

Haar so wie wir selbst sprechen ... Sonderbar! Die Alte blickte fragend

ihren Alten an, setzte sogar eine etwas hochmütige Miene auf, als hätte

ich sie gekränkt. „Nein, lohnt es sich denn, so etwas überhaupt zu

drucken und anzuhören! Und dafür wird noch Geld gezahlt!“ stand auf

ihrem Gesicht geschrieben. Natascha dagegen hörte gierig zu, wandte

keinen Blick von meinem Gesicht; sie hing förmlich an meinen Lippen, sah

wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte hin und wieder unbewußt ihre

eigenen reizenden Lippen nach meinem Beispiel. Aber was geschah? Noch

hatte ich nicht bis zur Hälfte gelesen, da standen schon in den Augen

aller meiner Zuhörer – Tränen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig,

bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und wollte ihm in seinem

Unglück beistehen, helfen, was ich aus ihren naiven Ausrufen ersah. Der

Alte hatte bald alle Erwartungen auf hohe und erhabene Dinge fallen

lassen. „Da sieht man gleich, daß es nichts Klassisches ist, eben eine

einfache Erzählung; dafür geht sie auch allen zu Herzen,“ sagte er,

„dafür ist sie verständlich und begreiflich und erklärt einem, was um

uns geschieht, und ist gleichzeitig sozusagen ein Denkmal dieser

Geschehnisse. Dafür erkennt man, daß auch der niedrigste Mensch, mag er

noch so eingeschüchtert und heruntergekommen sein, doch auch ein Mensch

und mein Bruder ist.“

Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch krampfhaft die

Hand, natürlich nur heimlich. Ich hatte den Roman zu Ende gelesen. Sie

erhob sich; ihre Wangen glühten und Tränen glänzten noch an ihren

Wimpern; plötzlich ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem

Zimmer. Die beiden Alten tauschten einen Blick aus.

„Hm! Da sieh mal an, wie begeisterungsfähig sie ist,“ sagte der Alte,

doch etwas verdutzt. „Übrigens hat das nichts zu sagen, es ist sogar

gut, weißt du, sogar sehr gut, ein edler Ausbruch! Sie ist ein gutes

Mädchen ...“ brummte er mit einem Seitenblick auf seine Frau, als wolle

er Natascha in Schutz nehmen und gleichzeitig auch mich rechtfertigen.

Doch Anna Andrejewna blickte jetzt bereits, obschon sie noch kurz zuvor

gerührt und aufgeregt gewesen war, mit einer Miene drein, als wollte sie

sagen: „Das ist ja alles ganz schön und gut, aber weshalb denn davon

soviel Aufsehens machen?“

Natascha kehrte bald zurück, heiter und glücklich, und im Vorübergehen

kniff sie mich heimlich. Der Alte machte sich zwar wieder daran,

„ernstlich“ meinen Roman abzuschätzen, entbehrte aber vor Freude der

nötigen Charakterfestigkeit und ließ sich hinreißen:

„Na, Freund Wanjä, kein Wort zu reden, es ist gut, sogar sehr gut! Hast

uns überrascht, das muß ich sagen! Hast uns sogar so überrascht, wie ich

es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nicht Gott weiß wie hoch und

erhaben, das sieht man ... Da habe ich zum Beispiel die ‚Befreiung

Moskaus‘ – dort auf dem Tisch – ist auch in Moskau verfaßt worden, –

nun, das ist was anderes, da merkt man, Freund, schon an der ersten

Zeile, daß man sich da, wie man so sagt, wie ein Adler emporschwingen

muß, um es zu verstehen ... Aber weißt du, Wanjä, bei dir ist es alles

viel einfacher, viel verständlicher. Sieh, und deshalb gefällt es mir

auch gerade, weil es verständlicher ist. Es ist wie ... wie vertrauter;

als hätte ich das selbst alles erlebt. Das Erhabene aber – was ist denn

das schließlich. Das begreift der Schreiber vielleicht selber nicht.

Aber weißt du, den Stil würde ich an deiner Stelle doch etwas schleifen;

das Buch ist ja gut so, wie es ist, aber sag’ du, was du willst – es ist

eigentlich doch wenig Erhabenes darin ... Na, aber was! – jetzt ist es

zu spät: ist schon gedruckt. Doch in der zweiten Auflage, ginge es da

nicht? Was, Freund, eine zweite Auflage wird’s doch geben? Und dann gibt

es wieder Geld ... Hm!“

„Und Sie haben wirklich so viel Geld bekommen, Iwan Petrowitsch?“ fragte

mich Anna Andrejewna. „Ich muß sagen – ich sehe Sie an und kann’s immer

noch nicht glauben. Ach, du mein Gott, wofür man jetzt alles Geld

zahlt!“

„Weißt du, Wanjä,“ fuhr der Alte fort, indem er und seine Phantasie

immer lebhafter wurden, „das ist zwar kein Staatsdienst, dafür aber doch

eine Laufbahn! Auch hochstehende Persönlichkeiten werden es lesen. Du

sagtest doch, Gogol erhalte eine jährliche Unterstützung und sei ins

Ausland geschickt worden. Was, wenn du nun auch so etwas erhieltest?

Wie? Was meinst du? Oder ist es noch zu früh? Muß dazu noch mehr

geschrieben werden? Nun, dann schreib nur, Freund, schreib nur! Ruh dich

noch nicht auf deinen Lorbeeren aus. Wozu da Zeit versäumen!“

Und er sagte das alles mit so überzeugter Miene, mit einer so gutmütigen

Offenherzigkeit, daß ich mich nicht entschließen konnte, seiner

Phantasie einen Dämpfer aufzusetzen: ich hatte nicht das Herz dazu.

„Oder es wird dir zum Beispiel eine Schnupftabaksdose übersandt ... Was!

Man kann eben auf verschiedene Art seine Anerkennung bezeugen.

Vielleicht will man dir behilflich sein ... Wer weiß, vielleicht wirst

du sogar bei Hofe empfangen werden?“ fragte er fast flüsternd und sah

mich dabei bedeutsam an und zwinkerte mit dem linken Auge, „oder nicht?

Dazu ist’s wohl noch zu früh?“

„Was nicht noch! Nun schon bei Hofe!“ sagte Anna Andrejewna, wie es

schien, für den Hof fast gekränkt.

„Es fehlt nicht viel und Sie erheben mich zum General,“ versetzte ich

von Herzen lachend.

Da begann auch der Alte zu lachen. Er war gut gelaunt.

„Wünschen Exzellenz nichts zu genießen?“ fragte Natascha schelmisch vom

Eßtische her. Dann lachte sie auf, lief zum Vater und umarmte ihn

krampfhaft.

„Du guter, lieber Papa!“

Der Alte war ganz gerührt.

„Nun, nun, schon gut, schon gut! Ich rede ja nur so. General hin oder

General her – aber gehen wir mal jetzt zu Tisch und essen wir etwas. Ach

du, Kleine, sieh mal an, wie leicht du dich rühren läßt!“ sagte er

zärtlich, indem er seiner Natascha die rosige Wange klopfte, was er gern

bei jeder Gelegenheit tat. „Ich habe ja nur aus Liebe zu dir gesprochen,

Wanjä ... Nun, wenn du auch nicht ein General wirst – bis zum General

ist es weit! – aber du bist doch immer eine bekannte Persönlichkeit: ein

Verfasser.“

„Papa, jetzt sagt man Schriftsteller.“

„So? Nicht Verfasser? Das wußt’ ich nicht. Nun, dann meinethalben

Schriftsteller, aber ich wollte nur sagen: zum Kammerherr wird er dafür,

daß er einen Roman geschrieben hat, doch nicht ernannt werden; daran ist

nicht zu denken; aber schließlich kann er auch so auf die Staffel

kommen, zum Beispiel: kann irgend so etwas wie ein Attaché werden, wird

vielleicht ins Ausland geschickt, nach Italien, zur Kräftigung der

Gesundheit, oder sonstwie – zur Vervollkommnung in der Wissenschaft etwa

... dazu kann man ihn mit Geld unterstützen. Versteht sich: das darf nur

in anständiger Weise geschehen, so, daß er auch wirklich etwas dafür

leistet, für das Geld und die Ehrungen, nicht aber so irgendwie durch

Protektion ...“

„Du, werd’ aber dann nur nicht zu stolz, Iwan Petrowitsch,“ unterbrach

ihn lachend Anna Andrejewna.

„Ach, Papa, heften wir ihm doch schnell einen Orden an den Rock, denn

sonst – was ist denn ein Attaché!“

Und wieder kniff sie heimlich meinen Arm.

„Da macht sich der Racker wieder mal über mich lustig!“ rief der Alte

lachend, während seine Augen liebkosend auf seiner Tochter lagen, deren

glänzender Blick und lachende Lippen Glück verrieten. „Ja, wißt ihr,

jetzt merk’ ich selbst, daß ich zu weit gegangen bin, Kinderchen, das

ist nun einmal mein alter Fehler ... Nun weißt du, Wanjä, es wundert

mich doch: du bist ja eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch, wenn man

dich so ansieht ...“

„Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?“

„Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich meine ja nur, Wanjä, daß du

eben ein Gesicht hast ... das heißt so, so ... eben gar kein poetisches

... So, weißt du, ich meine – man sagt doch immer, sie seien so bleich,

die Dichter, so – na ja, mit solchem Haar und in den Augen so was ...

Na, du weißt schon, so wie Goethe etwa oder sonst einer von diesen ...

ich hab’s vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen ... Wie? Was? Habe ich

wieder was Falsches gesagt? Da hat der Racker wieder gut lachen über

mich! Worüber lachst du denn? Ich, wißt ihr, ich bin kein Gelehrter, ich

verstehe nur zu – zu fühlen. Na, Gesicht hin, Gesicht her – was ist

schließlich an solch einem Gesicht gelegen! Für mich ist auch dein

Gesicht schon lange gut genug, es gefällt mir sogar sehr ... Das war es

nicht, was ich sagen wollte ... Nur sei du immer ehrlich, Wanjä, sei ein

Ehrenmann, das ist die Hauptsache. Lebe anständig, denke nicht an das

glänzende Äußere, nicht darauf kommt es an! Vor dir liegt ein breiter

Weg. Diene ehrlich deiner Sache; sieh, nur das wollte ich dir sagen,

gerade dieses eine wollte ich dir nur sagen!“

Wundervoll war die Zeit! Alle freien Stunden, alle Abende verbrachte ich

bei ihnen. Dem Alten erzählte ich Neues aus der literarischen Welt und

von der Literatur, für die er sich plötzlich, ich weiß nicht warum, sehr

zu interessieren begann; er las sogar die kritischen Abhandlungen B.s,

von denen ich ihm viel erzählt hatte und die er doch fast überhaupt

nicht verstand, nichtsdestoweniger aber bis zur Begeisterung lobte,

indessen sich bitter über die Feinde B.s beklagte. Die Alte pflegte

eifrig auf mich und Natascha aufzupassen, aber es half doch nichts!

Zwischen uns war schon das entscheidende Wort gefallen, denn Natascha

hatte mit gesenktem Köpfchen und halbgeöffneten Lippen flüsternd „Ja“

gesagt. Dann hatten es die Alten erfahren, sich darüber beraten,

nachgedacht; Anna Andrejewna hatte lange ungläubig den Kopf geschüttelt.

Sonderbar bange war ihr. Sie glaubte nicht an mich.

„Solange Sie Erfolge haben, Iwan Petrowitsch, ist ja alles gut,“ sagte

sie zu mir, „aber wenn der Erfolg ausbleibt – was dann? Wäre es nicht

besser, wenn Sie doch irgendwo in Stellung träten!“

„Hör mal an, Wanjä, was ich dir sagen werde,“ entschied der Alte nach

langem Nachdenken, „ich habe es ja selbst kommen sehen, längst bemerkt

und muß gestehen, daß es mich gefreut hat, du und Natascha ... nun, was

ist denn dabei! Siehst du, Wanjä; beide seid ihr aber noch sehr jung und

meine Anna Andrejewna hat recht. Warten wir. Du, nehmen wir an, hast

vielleicht Talent, bedeutendes Talent ... nun gerade kein Genie, wie sie

da anfangs über dich schrieben, sondern so, einfach ein Talent ... (ich

habe heute eine Kritik über dich in der ‚Biene‘ gelesen; gar zu schlecht

haben sie dich da behandelt; doch was ist denn das auch für eine

Zeitschrift!) Ja! Siehst du: das heißt noch kein Geld auf der Sparkasse

haben, wenn man Talent hat: ihr seid aber beide arm. Warten wir ein

Jährchen oder ein halbes: kommst du inzwischen gut auf deinem Wege

vorwärts – so sollst du sie haben; wenn nicht – so sage dir doch selbst

... du bist ein anständiger Mensch, überlege es dir doch einmal! ...“

Und dabei blieb es! Was aber geschah nach einem Jahr:

Ja, gerade nach einem Jahr! An einem hellen Septembertage, kurz vor

Abend war es, da erschien ich bei meinen Alten, krank, den Tod in Seele

und Körper und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl nieder, so – daß die

beiden, als sie sahen in welchem Zustande ich mich befand, sehr

erschrocken waren. Nicht etwa deshalb schwindelte mir der Kopf und

quälte mich mein Herz, nachdem ich zehnmal an ihre Tür getreten war und

zehnmal mich fortgeschlichen hatte, ohne einzutreten, – nicht deshalb

weil meine literarische Tätigkeit mir keinen Ruhm gebracht und ich kein

Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch kein „Attaché“ geworden und

niemand daran dachte, mich der Gesundheit wegen nach Italien zu

schicken; sondern deshalb, weil man in einem Jahr zehn Jahre durchleben

konnte, und weil auch meine Natascha zehn Jahr in einem Jahr durchlebt

hatte. Eine Ewigkeit lag zwischen uns ... Und ich erinnere mich, wie ich

dasaß vor meinem Alten und schweigend meinen vertragenen Hut zwischen

den Fingern drehte, dasaß und wartete – worauf? Wohl daß Natascha käme?!

Meine Kleidung war vertragen, mein Rock saß mir schlecht, mein Gesicht

war bleich und eingefallen – und doch war ich noch längst nicht einem

Dichter ähnlich und aus meinen Augen flammte kein großer Genius, wie ihn

damals der gute Nikolai Ssergejewitsch geschildert hatte. Die Alte sah

auf mich mit allzu aufrichtigem, allzu bereitwilligem Mitleid und dachte

wohl bei sich:

„Und dieser wäre beinahe Nataschas Verlobter geworden! Gott erhalte und

beschütze uns davor!“

„Iwan Petrowitsch, wünschen Sie vielleicht Tee?“ (Der Samowar kochte auf

dem Tisch.) „Wie geht es Ihnen denn, Väterchen? Ganz krank sehen sie

aus!“ Mir ist, als hörte ich ihre klagende Stimme.

Und vor mir sehe ich sie jetzt noch, wie sie zu mir spricht, eine andere

Sorge auf dem Herzen, die auch ihrem Manne am Herzen nagt, der über

seiner stehengebliebenen Teetasse seinen Gedanken nachging. Ich wußte,

daß sie in diesem Augenblick der Prozeß mit dem Fürsten, der für sie

keine günstige Wendung genommen, sehr beschäftigte, dazu kamen noch

andere Unannehmlichkeiten, die Nikolai Ssergejewitsch tief im Innersten

erregten. Der junge Fürst, der die Ursache der ganzen Geschichte

gewesen, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, Ichmenjeffs

aufzusuchen. Der Alte, der seinen lieben Aljoscha wie seinen eigenen

Sohn gern hatte und sich täglich seiner erinnerte, nahm ihn mit Freuden

auf. Anna Andrejewna wurde an Wassiljewskoje erinnert und brach in

Tränen aus. Aljoscha kam nun immer öfter und öfter, während er seine

Besuche vor dem Vater verheimlichte. Nikolai Ssergejewitsch

wiederum, offen und anständig wie er war, wies alle Bedenken und

Vorsichtsmaßregeln mit Unwillen zurück. Aus Stolz mochte er gar nicht

daran denken, was der Fürst dazu sagen würde, wenn er es erführe, daß

sein Sohn wieder Gast des Hauses Ichmenjeff sei und verachtete innerlich

jeglichen unsinnigen Verdacht. Der Alte überlegte gar nicht, ob er auch

stark genug sein würde, neue Beleidigungen zu ertragen. Der junge Fürst

erschien jetzt jeden Tag und erheiterte durch seine Gegenwart die Alten.

Oft saß er bei ihnen bis in die Mitternacht. Natürlich erfuhr es der

Vater. Es liefen wieder die schrecklichsten Gerüchte um. Der Fürst

schrieb wieder Nikolai Ssergejewitsch wie früher einen schrecklich

beleidigenden Brief über dieses Thema und verbot dem Sohn endgültig den

Besuch bei Ichmenjeffs. Das war ungefähr vor zwei Wochen geschehen. Der

Alte war wieder aufs tiefste erschüttert. Wie! Seine unschuldige edle

Natascha wagte man von neuem in diese schmutzige Geschichte zu

verwickeln! Dieser Mensch wagte es, wie früher ihren Namen in

schimpfliche Verbindung zu bringen ... Und alles das, ohne irgend eine

Genugtuung zu erhalten! In den ersten Tagen erkrankte er vor

Verzweiflung und mußte das Bett hüten. Alles das hatte ich erfahren, die

ganze Geschichte bis in alle ihre Einzelheiten, obgleich ich krank und

gequält in meiner Wohnung lag und drei Wochen lang bei ihnen nicht

erschienen war. Auch wußte ich schon damals ... nein, ich fühlte es

voraus, daß außer dieser Geschichte, sie etwas anderes auf der Welt noch

viel mehr beunruhigen, ja quälen mußte, und sie taten mir leid. Vielmehr

ich quälte mich, fürchtete alles zu erraten und wünschte aus meiner

ganzen Kraft, diese verhängnisvolle Minute aufhalten zu können. Und doch

war ich nur deshalb zu ihnen gekommen. Mich hatte heute etwas geradezu

gezwungen, hinzugehen!

„Ja, Wanjä,“ wandte sich, wie sich plötzlich besinnend, der Alte an

mich, „bist du nicht krank gewesen? Warst lange nicht mehr hier? Ich

wollte mich nach dir erkundigen, aber ich kam nicht dazu ...“

Und er verfiel wieder in Nachdenken.

„Ich war nicht recht gesund,“ antwortete ich.

„Hm! Nicht recht gesund,“ wiederholte er fünf Minuten nachher. „Also

nicht gesund! Habe ich dir damals nicht gesagt, dich gewarnt – du

wolltest nicht hören! Hm! Nein, mein lieber Wanjä: die Muse, die hat

doch immer im Dachstübchen gehungert und da wird sie auch sitzen

bleiben. So ist’s!“

Ja, der Alte war wahrlich nicht bei Laune! Aber wäre er nicht selbst so

tief in seinem Herzen verwundet gewesen, dann hätte er wohl nicht so

hart von der hungernden Muse gesprochen! Ich betrachtete ihn näher:

seine Gesichtsfarbe hatte einen gelben Ton und in seinen Augen lag eine

quälende Frage, die zu beantworten er keine Kraft mehr zu haben schien.

Er war zerstreut, unruhig, und offenbar sehr verbittert. Seine Frau

betrachtete ihn mit Unruhe und schüttelte über ihn heimlich den Kopf.

Als er sich umwandte, machte sie mir ein Zeichen.

„Wie geht es Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Haus?“ fragte ich die

besorgte Anna Andrejewna.

„Zu Haus, mein Lieber, zu Haus,“ bestätigte sie, doch ganz, als fiele es

ihr schwer, diese Frage zu beantworten. „Sie wird gleich kommen, um dich

zu begrüßen. Ist es denn ein Spaß, dich drei Wochen nicht zu sehen! Hat

sie sich darum etwa so verändert, man weiß wirklich nicht, ist auch sie

krank oder ist sie gesund! Gott mit ihr!“

Und sie warf einen scheuen Blick auf ihren Mann.

„Wieso? Was soll ihr fehlen?“ warf Nikolai Ssergejewitsch kurz und

abgebrochen ein, „sie ist gesund. Das Mädchen kommt in die Jahre, wo man

die Kinderschuhe auszieht, das ist alles. Wer kann aus diesen

Mädchenlaunen klug werden?“

„Nun ja, jetzt sind’s schon Launen!“ griff Anna Andrejewna in gekränktem

Tone die Bemerkung auf.

Der Alte schwieg und trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch.

„Mein Gott, sollte wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen

sein?“ dachte ich mit Schrecken.

„Nun, und wie steht es denn da mit euch?“ begann er von neuem. „Schreibt

B. immer noch seine Kritiken?“

„Ja, er schreibt,“ antwortete ich.

„Ach, Wanjä, Wanjä!“ rief er aus, mit der Hand abwinkend, „was sollen

uns hier die Kritiken!“

Die Tür öffnete sich und herein trat Natascha.

Sämtliche Werke 19 · 第 14 / 59 题