Wir sahen einander traurig in die Augen / und mir preßte eine solche

Pein das Herz zusammen / daß Kaspar es wohl merken mußte: »Ich

hab wirklich geglaubt / es sei nur so einer... von den spanischen

Windhunden...« Und weil ich schwieg / setzte er hinzu: »Die wollen

immer nur die Gäule schinden...«

»Wirf Dich zu des Kaisers Füßen / Kaspar...« rief ich und fühlte wohl /

wie meine Lippen dabei zitterten.

»Ach nein« / sagte Kaspar mit sanftem Trotz in den Augen. »Nun ist es

getan / nun sollen sie mir auch den Strick drehen...«

»Bitt um Dein Leben / Bursche!« Ich wollte streng sein / wollte daß

es ein Befehl werde / aber es klang wie ein angstvolles Bitten und es

schauten alle erstaunt zu mir her.

»Dem Kaiser ist sehr übel...« sagte einer von den spanischen Rittern /

die nach und nach herbeigekommen waren. Ich sah hinüber / den Kaiser

von den Seinigen umringt / halb im Sattel sich wieder aufrichtend.

Seine Augen waren noch verdreht und wie gebrochen und sein Kopf

wackelte hin und her.

»Was gibts da / was war da?« rief eine schmetternde Stimme vor mir /

die ich kannte. Es war der Hauptmann Rosenzwick / der um sein Fuhrwerk

bekümmert / an den Kreis sprengte.

»Der Knecht da... hat den Kaiser ins Gesicht gehaut...«

»Mit der Peitschen...«

»Nein / mit der Faust...«

Die Leute schrien durcheinander.

»Er soll gehenkt werden / hat der Kaiser befohlen.«

»Sogleich an den nächsten Baum..«

Der Rosenzwick schielte von der Seite her zu der Gruppe hinüber / wo

der Kaiser war / und ich meinte zu bemerken / wie ein leises Schmunzeln

unter seinem weißen Schnurrbart zuckte.

»So! So!« knurrte er. »Dann henkt ihn nur gleich auf.«

Schon ward Kaspar wieder an der Schulter ergriffen.

Aber ich warf mich dazwischen: »Herr Hauptmann vergönnt mir ein

Wort...« Ich ritt ganz nah an seine Seite. »Der Bursch da ist ohne

Schuld. Hat den Kaiser nicht erkannt. Ich bitt Euch / Herr / laßt ihm

Zeit / und ich werfe mich dem Kaiser zu Füßen. Ich bitt Euch / ich bitt

Euch / ich bitt Euch!« Halb von Sinnen schrie ich ihm das zu. Er sah

mich an.

»Was wollt Ihr junger Mann?«

»Laßt mir den Burschen... ich steh mit meinem Kopf für ihn. Gebt eine

Stunde Frist...« Und die Frage in seinem Auge erspähend / antwortete

ich vorweg: »Ich bin der Junker Wenzel auf Rehberg / stehe bei dem

Markgrafen von Kulmbach... und ich bitt Euch... ich bin in das

Schicksal dieses Burschen verstrickt...«

»Es ist viel gewagt / Herr Junker.«

»Ich wage alles« / schrie ich auf. »Alles wage ich.«

»Nehmt ihn also auf eine Stunde..«

»Ich danke Euch / Herr Hauptmann ...« Und eilig befahl ich / daß Kaspar

hinweggeführt werde / zu meinen Reitern.

»Erst bindet ihn« / befahl der Rosenzwick / »er muß gebunden werden ...«

»Ich mags nicht leiden...« rief der Bursche wie toll. »Bin mein Lebtag

nicht gebunden worden... sollen mich lieber gleich aufhängen...«

»Kaspar...« redete ich ihn an. Da bot er willig seine Hände dar und

lächelte noch nach mir zurück / als sie ihn fortbrachten.

»Zum Kaiser jetzt« / sagte ich mir / riß mein Pferd herum und lenkte

es ins Gras / wo seitab vom Wege das Gefolge noch immer um den

Herrn bemüht war. Sie hatten seinen Gaul gewendet / daß er nun mit

dem Rücken gegen die Straße stand / auf der die Truppen langsam

vorbeizogen.

Es war ein dichtes Getümmel um den Kaiser / denn alle Personen von Rang

waren herbeigesprengt / weil es im Flug durch die Armada geeilt war /

der Majestät sei ein Unglück geschehen.

Den Markgrafen von Kulmbach / der auch mit dabei war / ging ich

sogleich um seine Fürsprache an. »Laßt mich zufrieden mit Eurer

Narrheit« / schrie er mir in die Augen. »Der Kerl soll baumeln!«

»Herr Markgraf« / drang ich auf ihn ein / »des Burschen Blut kommt über

mich...«

Er brüllte. »Was geht's mich an? Lamentiert nicht so um solch ein Vieh

... es wird so schad nicht sein...«

»Erlaubt Herr Markgraf« / sprach da der Rosenzwick dazwischen / »es

ist ein kreuzbraver Geselle / der den Kaiser nur in aller Unschuld

geschlagen hat... und« -- er schien wieder zu schmunzeln -- »aus Haß

gegen die Spanier...«

»Er hat nicht gewußt / daß es der Kaiser war« / begann ich wieder.

Der Markgraf wurde ruhig und nachdenklich. Das benützte ich und fing

nochmals von vorne an und stellte ihm den ganzen Hergang dar.

»Schließlich« / sagte der Rosenzwick / »was braucht er sich um mein

Fuhrwerk zu kümmern?... Was braucht er meine Kutscher schlagen... zum

Teufel mit dem ganzen Unwesen / dem spanischen!«

»Jawohl!« schrie der Markgraf plötzlich heraus / »henken... henken...

bei uns nur immer henken / spießen und rädern... Wegen solch einer

verdammten Dummheit einfach henken...!«

Indessen ward in dem Getümmel eine Gasse frei und der Kaiser kam

langsam hindurchgeritten. Er war noch sehr bleich und blickte wie im

Traum.

»Sitzt ab und kniet...« flüsterte mir der Markgraf zu.

Wie der Blitz waren wir alle von den Pferden und ich lag auf dem Boden.

Der Kaiser hielt an und hinter mir hörte ich den Markgrafen sprechen:

»Dieser Junker da / wenn es Euer Majestät nicht mißfällt / bittet um

Gnade für den armen Fuhrknecht...«

Der Kaiser verzog das Gesicht / schaute umher / als spähe er an den

Bäumen und sprach mit erwürgter Stimme: »Noch nicht gehenkt?«

»Der Junker da bittet um Gnade« / fuhr der Markgraf unbekümmert fort.

»Henken! Henken!« schrie der Kaiser.

»Es ist ein ehrlicher Mensch!« knurrte der Rosenzwick. »Schenk Euer

Majestät ihm das bißl Leben... ein braver Kerl.«

Auf den Knien liegend / das Haupt gesenkt / hörte ich über mir des

Kaisers Stimme / breitgequetscht / überschnappend / zornig: »Henken!

Henken!«

Ich sprang auf / denn ich mochte es nicht länger leiden im Staube vor

ihm zu liegen. Nun wollte ich sprechen / sann darüber nach / womit ich

ihn wohl bewegen könnte / aber wie ich ihn so vor mir erschaute / ganz

blaß und armselig und mit giftiger Miene umherlauernd / meinte ich ihn

zu ertappen / wie er sich inwendig freute / uns zu quälen / wie es ihn

nach unseren Bitten gelüstete und da ging mir eine schallende Rede im

Kopf herum / die ich nicht wegbrachte / sie ward lauter und lauter und

schlug mir beinahe zum Mund heraus: Daß dich spanischen Bösewicht Gotts

Element schänden möge! Ich wandte die Augen von ihm / sah an ihm vorbei

zur Straße hinüber / wo all die Soldaten dahinzogen. Die läßt er alle

marschieren / mußte ich denken. Das Lied sprang in mir auf. »Er macht

es wie's ihm gefällt.« Ist alles ringsumher nur für ihn / und das zwang

mich wieder / ihn anzuschauen.

»Er hat des Kaisers hohe Person nicht gekannt« / sagte eben der

Markgraf. Aber es kam kein Bescheid. Wir standen umher / wußten nichts

zu sagen und mir fiel plötzlich wieder ein / was ich tags zuvor hatte

denken müssen: Daß wir alle um ihn herumstanden / wie um ein fremdartig

Tier. Jetzt war es mir genau wiederum so. Dort saß er zu Pferd /

blickte spähend / mit Angst und Wut / mit Haß und Schadenfreude auf

uns. Hier standen wir und schauten mit Angst und Neugierde auf ihn /

und lag eine unermeßliche Weite zwischen uns wie von Ufer zu Ufer des

Meeres / wie von einer Welt zur anderen.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen / aber als ich zu reden anfing /

ward ich staunend gewahr / daß ich gar keinen Mut mehr nötig hatte.

Alle Scheu war von mir gewichen und ich sagte laut: »Ich biete mein

eigenes Leben für das des Knechtes...« in mir selbst aber ging eine

andere Rede weiter: Daß dich spanischen Bösewicht Gott's Element

schänden möge!

Der Kaiser blinzelte mich an. Ich schwieg. Zwei- / dreimal wollte ich

anheben und weiter reden / er aber blinzelte mich wißbegierig an /

wie man einen Menschen betrachtet / der den Veitstanz hat / oder dem

sonst sehr übel ist. Und ich schwieg unter diesen blinzelnden Augen.

Ich haschte in meinem Herzen nach der Courage / die mir entgleiten

wollte; es half nichts / sie schwand mir dahin und hätt' ich mich

gleich zu Tode geschämt / sie war mit einem Male fort / irgendwo in

mir verkrochen / von den Blicken des Kaisers verscheucht und kam erst

langsam wieder hervor / als nun ein anderer zu reden begann.

Das war der Markgraf. Indessen schaute ich auf den Striemen in des

Kaisers Antlitz. Er lief aus dem Haar hervor / die Stirne abwärts

/ sprang von den Brauen zur Wange und stürzte sich / ein dünner

brandroter Faden / in den schütteren Bart.

Plötzlich hörte ich den Rosenzwick sagen: »Es ist mein Kutscher /

gnädiger Herr / laßt ihn mir / ich will ihn schon strafen. Nur gehenkt

soll er nicht werden / denn er ist brav und hat's nicht verdient.«

Der Kaiser wandte seinen Blick zu mir / als wollte er mich auffordern /

weiter zu bitten. Von beiden Seiten stießen mich der Markgraf und der

Rosenzwick an: »Ich flehe um Eurer Majestät Gnade. Es ist ein so lieber

Bursche / ich wollt' ihn in meine Dienste nehmen / Majestät / ich bin

schuld daran / Majestät ... mein Herz hängt an dem Gesellen.«

Der Kaiser lächelte. So überraschend war dieses Lächeln / daß ich

fassungslos zu sprechen aufhörte. Da stieß mich der Rosenzwick an / daß

ich erwachte: »Kniet nieder und dankt dem Kaiser... Euer Bursche ist

begnadigt...«

Ich warf mich flüchtig zur Erde / hielt die Hand vor den Mund / damit

das Jauchzen in mir nicht laut hervorschmettern solle /und dann

murmelte ich irgend ein Zeug ohne Sinn / stotternd ... Majestät... und

wieder... Majestät. Wie ich aber zu Pferde sprang / fing ich einen

seltsamen Blick auf / den mir der Kaiser nachsandte. Es war wie ein

kaltes Staunen / und als ob er mir's nicht gönnen wolle / daß ich nun

meinen Willen hatte. Im Abreiten spürte ich ihn noch im Rücken hinter

mir herstechen / diesen Blick / und alle meine Freude war davon wie

verschüchtert. Da ich jedoch nach kurzem Traben dem Kaspar begegnete /

den sie gefesselt hinter unserer Schwadron einherführten / war ich doch

des Glückes voll / weil nun alles so gut abgelaufen schien. Ich winkte

ihm zu / lächelte / und schrie: »Gebt ihn los / Ihr Leute / der Mann

ist frei!«

Kaspar schwieg still. Doch während sie ihm dann abseits des Weges im

Grase die Stricke lösten / schauten wir einander an / und mir war so

warm zu Mute / als hätte ich einem verlassenen Kinde Gutes erwiesen.

Sowie Kaspar der Bande ledig war / hob er mit einem singenden Schrei

die Arme hoch in die Luft / warf die Hände / und trieb es fröhlich

genug. Alle lachten. Ich lachte auch / und am meisten der Kaspar.

Dann trat er zu mir / und den Hals des Pferdes streichelnd / sagte er:

»Es ist derselbe Fuchs / den Ihr gestern hattet...«

»Und von heut' ab sollst du ihn pflegen« / meinte ich.

Kaspar schaute lachend zu mir auf: »Jetzt muß ich schon Euch gehören /

gnädiger Herr / denn Ihr habt mich ja gradaus vom Galgen geholt.«

»Was bist du auch so dreist?« schalt ich ihn.

Er aber meinte: »Ich bin gar nicht dreist / Herr Junker / mich hat's

nur wegen der Pferde verdrossen...«

Indessen sprengte einer von den spanischen Offizieren heran. Er hielt

am Wegsaum / wie er uns auf der Wiesen erspähte / kam dann zu uns / und

an sein Hütchen greifend / fragte er mich: »Ist das dort der Schuft /

der dem Kaiser mit der Peitschen ins Gesicht gefahren ist?« Und ohne

meine Antwort zu erwarten / rief er die Soldaten an: »Heda! Hole einer

von Euch den Profosen. Aber schnell!«

»Was wollt Ihr?« rief ich zornig. »Der Kaiser hat ihm gerade das Leben

geschenkt.«

Da meinte der Spanier höhnisch: »Das Leben freilich. Das will ich ihm

auch nicht nehmen. Aber seine Nase und seine Ohren wird er mir schon

hergeben müssen.«

Kaspar sah mich erstaunt an und ich wurde zornig: »Kein Haar werdet Ihr

dem Burschen da krümmen...« schrie ich dem Spanischen ins Gesicht.

»Ihr werdets nicht hindern...« erwiderte er mir langsam.

»Herr!« ich hob mich dabei in den Bügeln / »ich rat Euch / treibt Eure

Possen anderswo...«

»Ich treibe keine Possen. Ich komme vom Kaiser.« Er sprach immer

langsam und wie mir schien verächtlich.

»Er ist begnadigt... in Teufels Namen...« / sagte ich erbost.

»Da habt Ihr recht« / rief in diesem Augenblick der Leutnant Schnabel

/ der eben herangaloppiert kam. »Da habt Ihr recht... in des Teufels

Namen begnadigt. Gebt Euch zufrieden Rehberg / es ist wie der Hauptmann

sagt.«

Nun wurde mir plötzlich Angst. »Was meint Ihr denn?« fragte ich den

Schnabel / »der Kaiser...«

Der Schnabel lachte verlegen: »Den Galgen hat ihm der Kaiser

geschenkt... ja... freilich... aber ungestraft läßt er seine Keckheit

nicht.«

Weil er nun merkte / wie's mich angriff / redete er mir im Ernste zu /

und berichtete mir genau / was des Kaisers Wille sei: »Ihr habt Euch

zu rasch davon gemacht / Junker Rehberg. Der Kaiser folgte Euch lange

mit den Augen / ward dann nachdenklich und befahl zuletzt / was Ihr

vom Spanier gehört habt. Es soll ein Signum sein / sagte der Kaiser /

daß der Bursch sich an kaiserlich römischer Majestät Person vergriffen

hat. Schaut nicht so wild und faßt Euch. Es ist nichts mehr dran zu

ändern...«

»Und hat niemand« / fragte ich verzagt / »hat niemand von Euch ein Wort

darüber gered't?«

»Das hat der Rosenzwick sich erlaubt.« Schnabel lachte wieder. »Der hat

ja immer ein loses Maul.«

»Und was sagte er dem Kaiser?« drängte ich.

»Er meinte / nun habe der Junker Rehberg sich vergeblich gefreut / und

es sei doch nur eine halbe Gnade.«

»Weiter nichts!« fuhr ich empört heraus / »weiter hat er ihm nichts

gesagt ...«

Schnabel war erstaunt: »Noch mehr? Wißt Ihr denn / was der Kaiser

darauf erwidert hat? Wer hieß den Junker sich freuen / meinte er. Und

dann: wenn ihm der Bursch gar so lieb ist / wird er ihn auch ohne Nase

und Ohren behalten...«

»Gewiß« / rief ich aus / »ich will ihn halten und pflegen und er soll

mir nicht geringer sein / weil ihn der Henker geschändet hat.«

Und plötzlich / ich wußte selbst gar nicht warum / brach ich los: »Was

hab ich denn dem Kaiser getan / daß ihn meine Freude verdrießt?«

»Besinnt Euch« / meinte der Schnabel scharf / »der Kaiser weiß nichts

von Euch / er kennt Euch nicht...«

In diesem Augenblick sprach mich Kaspar an. Er hatte während dieser

Wechselreden immer nur mich voll Zuversicht angeschaut. Jetzt stand er

neben meinem Bügel und redete zu mir: »Ist es wahr / gnädiger Herr /

daß ich solchen Gräuel erleiden soll?«

»Es ist wahr / mein armer Kaspar ... leider Gottes...« Ich vermochte

seinen Blick nicht auszuhalten.

Da faltete er die Hände / und seine Stimme klang seltsam verändert /

wie aus einem Abgrund zu mir herauf: »Gnädiger Herr / das nicht...

um mein Leben hätte ich nie gebeten... aber laßt das nicht an mir

geschehen... ich bitte Euch.«

»Kaspar« / antwortete ich ihm / »bei Gott / ich kann dir nicht helfen.

Ich will gern alles für dich tun / was du nur verlangst / aber...«

Er fiel mir ins Wort: »Ist das Euer Ernst / daß Ihr alles für mich tun

wollt?« Und seine Augen trafen mich mitten ins Gesicht / als suchten

sie nach meinem guten Willen.

»Ich schwöre es dir / Kaspar« / sagte ich in diesen Blick hinein / »was

du verlangst / will ich tun.«

Er spähte rasch zur Seite nach dem Spanischen und dem Schnabel / die

sich miteinander unterhielten. Dann flüsterte er auf die Pistole in

meinem Sattel deutend: »Da habt Ihr etwas / was mir helfen kann.«

»Kaspar« / rief ich leise. »Du bist ein Mann / wirst es verschmerzen

und noch lange leben... bei mir leben.«

»Nicht bei Euch und nicht anderswo. Ich ertrag's nicht / gnädiger Herr.

Verzeiht mir / aber das leid ich nicht. Haltet Euer Wort / und alles

wird sein / als hätt' mir der Kaiser nicht das Leben geschenkt...

besser noch / denn der Henker wird mich nicht angerührt haben...«

Ich schaute / während er mit festem Tone also redete / in sein helles

Gesicht / darauf die Jugend blühte / und auch mir war's unerträglich

/ daß er von Blut und Wunden sollte entstellt / unkenntlich und

verstümmelt werden. Ich war auf einmal beinah froh und wie getröstet /

weil der Kaiser damit um seinen Willen kam und ganz sachte flüsterte

ich ihm zu: »Nimm dir / was du willst...«

»Nein« / entgegnete er mit einem unbeschreiblichen Lächeln. »Ich selbst

darf es nicht tun / um meiner Seele Willen« / und dabei drang er mit

seinen Augen in mich ein.

»Kaspar...« / sprach ich / »... Freund...«

»Macht schnell...« flüsterte er mir zu / »jene werden nicht mehr lange

warten / und der Spanier soll mich nicht haben.«

»Nein« / gab ich zurück / als lenke er meine Worte in mir / »der

Spanier soll dich nicht haben...«

Er lachte frisch auf und trat näher heran.

»Kaspar...« fing ich an / »vergib mir die Schuld / die ich um dich

trage...«

Er streichelte die Mähne meines Pferdes: »Gnädiger Herr / ich hab

nichts zu vergeben / vielmehr müßt Ihr mir verzeihen /... und laßt Euch

danken / weil Ihr so barmherzig zu mir seid.«

»Kaspar« / sagte ich noch einmal / aber er hatte seine Wange auf den

Hals meines Pferdes gelegt. So stand er vor mir und sah zu mir herauf /

und ich hörte / wie seine Hand die Brust des Tieres klopfte / damit es

ruhig bleibe.

Da zog ich das Pistol hervor und während wir uns in die Augen schauten

/ setzte ich ihm den Lauf an die Schläfe. Wie dann der Schuß fiel

und der erschrockene Gaul ein paar Schritte tat / sah ich Kaspars

lächelndes Antlitz unter mir versinken und sah noch / wie es im

Abgleiten von der ersten Blässe des Todes überflogen ward.

Jetzt gab ich meinem Tier die Sporen und sprengte im Bogen auf die

Straße zurück. Rascher als vor kurzer Frist der Kaiser an mir

vorbeigesaust war / galoppierte ich die Reihen entlang bis ich den

Markgrafen ersah / inmitten seiner Offiziere. Stracks redete ich ihn

an: »Herr Markgraf / vergönnt mir / daß ich Abschied nehme.«

Der wilde Kulmbach sah mich verdutzt an und die an seiner Seite waren /

horchten auf.

»Was gibts / was wollt Ihr?« fragte der Markgraf.

»Abschied von Euch nehmen / Exzellenz« / sagte ich ruhig.

»Ihr seid wohl toll geworden?« brüllte er los.

»Das bin ich keineswegs / Herr Markgraf. Ich war es gestern und heut

vielleicht / aber in dieser Stunde bin ich wieder bei Sinnen.«

»Ich versteh Euch nicht!« schrie der Markgraf erbost. »Laßt mich in

Frieden / ich mag das Geschwätze nicht. Macht / daß Ihr auf Eueren

Platz kommt!«

»Mein Platz / edler Herr / ist nicht hier / und deshalb will ich Urlaub

nehmen.«

Ein junger Leutnant mengte sich ein. »Gewiß ist es die Sache mit dem

Fuhrknecht / die Euch verdrießt. Macht doch nicht so viel Wesens um

solch einen Kerl.«

Bevor ich ihm aber antworten konnte / wetterte mich der Markgraf an:

»Ich weiß es schon! Da habt Ihr wider des Kaisers Mandat verfahren /

Herr. Seid froh / daß ich Euch nicht schwer drum büße.«

»Ihr könnt mich gar nicht büßen / Herr Markgraf / denn noch habt Ihr

mich nicht in Eid genommen. Ich aber will auch gar nicht mehr zu des

Kaisers Fahnen schwören.«

»Habt Ihr gestern so gewollt und heute so? Seid Ihr ein kleines Kind /

oder habt Ihr mich zum besten? Wißt Ihr / daß es gradaus in den Krieg

geht / und macht Euch unterwegs davon?«

Der Junge lachte höhnisch.

»Herr Leutnant« / antwortete ich seinem Lächeln / »wenn Ihr mit mir

dort auf die Wiesen wollt / da möcht ich Euch schon zeigen...«

»Der Teufel wird mit Euch auf die Wiesen!« tobte der Markgraf / »wer

die Sache des Kaisers verläßt / ist ein Schelm und mit Schelmen ficht

kein ehrlicher Soldat!... Macht / daß Ihr fortkommt!« fuhr er mich an /

als ich ihm entgegnen wollte.

Langsam wandte ich mein Pferd und langsam ritt ich querfeldein / bei

Tag und bei Nacht / bis ich wieder zu Hause war / in Böhmen.

Und es sind viele Jahre verflossen seit jenem Tag. Kaspar / dachte

ich damals... Er war gerechter gegen das liebe Vieh und milder / als

der Kaiser gegen ihn gewesen. Der Kaiser / dachte ich weiter. So ist

dies alles geschehen: Weil ich nur in seine Nähe kam / hat mich die

Hoffahrt ergriffen / daß ich dem armen Burschen / der mir am Platz

zu Augsburg die Zügel hielt / gleich meinen Dienst verhieß. Und dann

hat mich dies Treiben so weit von meinem Worte fortgerissen / daß ich

seiner nicht mehr gedachte. Wie geht das zu / dachte ich / was für eine

Luft weht da / daß ich so schlecht werden mochte / solch ein Prahler

/ und so von Eitelkeit und von Untreue ergriffen? Neben mir stand der

Rosenzwick in jenem Saale / wo die nackten Dirnen tanzten. Hätte ich

ihn angeredet / mit wenig Worten nur gebeten / dann wär der Kaspar

nicht mehr beim Fuhrwerk gewesen / sondern bei mir / der Kaiser hätte

ihn nicht angeschrien und mit dem Stecken geschlagen / und er hätte

dem Kaiser nicht die Peitschen ins Gesicht geschmitzt. Dann läge er

jetzt nicht dort / als ein Toter auf dem Anger bei Augsburg / sondern

könnte sich seines Lebens und seiner Jugend freuen noch viele Jahre.

Ein Wort damals von mir / nur eines. Nicht einmal den Fuß hätte ich

rühren brauchen / nicht einmal den Kopf wenden / nur den Mund auftun /

so dicht stand der Rosenzwick an meiner Seite. Aber ich war in Völlerei

/ war in Wollust versunken / in schnöder Gier nach Rang und Ehre und

hab' des armen / aufrichtigen Burschen vergessen. Und weiter ist es

geschehen / weil diese Schuld auf mir lag / daß mein Herz jauchzte /

als ich den Peitschenhieb gegen des Kaisers Antlitz erblickte. Es ist

geschehen / daß dieser geringe Bursche / dem ich die Treue gebrochen

/ vor mir den Arm erhob und gleichsam den Schleier von des Kaisers

Angesicht herabriß / also daß er mir als ein kleiner und elender Mensch

plötzlich enthüllt ward. Es ist geschehen / daß ich ihn keuchend

boshaft / mit Schaum vor dem Mund in all seinem Jammer erschaute / daß

ich den feigen Blick aus seinen Augen ertappte und daß ich in meinem

Gemüte vergeblich suchte nach der frommen Ehrfurcht vor dem Gesalbten

des Herrn. Was war aus mir geworden von einem Tag auf den andern seit

ich in Augsburg eingeritten voll Andacht und Achtung und voll Begier

/ dem Kaiser mein Schwert zu weihen? Es hatte sich also gewendet /

daß ich ihn / wie ein Verräter / heimlich einen spanischen Bösewicht

gescholten / und daß mein Arm als Rebell nach dem Schwert gezuckt hatte

/ um es gegen meinen Herrn zu ziehen. Es hatte sich also gewendet /

daß mir jener niedere Knecht / der unter meines Pferdes Hufen veratmet

hatte / teuerer war / als Kaiser Karls Majestät.

Und es sind viele Jahre verflossen seit jenem Tag. Nun aber ist mir die

Kunde geworden / Kaiser Karl habe vor wenig Monden all seine Kronen von

sich abgetan / sei in ein spanisch Kloster gegangen / und ein Mönch

geworden. Ist ihm doch auch nicht wohl gewesen / und ich hab ihn am

Ende doch nicht gekannt. Was wußte der Kulmbach von mir / und was

konnte er denken / da ich ihm so davonging. Und was weiß ich vom Kaiser

/ als daß er in jener Unglücksstunde zornig gewesen. Einen Schelm hat

mich der Markgraf geheißen / aber das ist leicht gesagt. Die Menschen

reden und wissen nichts voneinander / und man kann es ihnen auf keine

Art beweisen / wie sie Unrecht tun. Und die Welt ist so geworden / daß

der Kaiser des Kaisers Sache verläßt. Ich bin kein Schelm. In Gottes

Namen.

[Illustration: Ende]

Druck von W. Drugulin in Leipzig.

Anmerkungen des Bearbeiters

Der Text des Originals wurde unverändert übernommen. Dies betrifft auch

unterschiedliche Schreibweisen.

Herr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel · 第 3 / 3 段