Der feiste Offizier knurrte wieder: »Bild' dir nichts ein... ich hab'

die langen Reden von Fürstenberg auch vernommen. Schwatzt jeder was

anderes und keiner das Rechte. Ich sag' dir / der ganze Mensch ist

von der ersten Stund an verpfuscht... glaub's mir... wenn er auch der

Kaiser ist... Sie hat ihn auf einem Abtritt geboren... weißt du das

nicht? Daran liegt alles / sag' ich dir. Seine Frau Mutter hat ihn

von sich gegeben / während sie meinte / ihr Wasser zu lassen... Das

war eine Komödie / damals in Gent / als sie den Ball abhielten / und

die Königin / wie's am schönsten war / beiseite ging. Die Hofleut'

hätten es gern vertuscht... aber das Knäblein zeterte / als sie's aus

dieser feinen / ersten Wiegen herauszogen. Das hörten die Wachen / und

brachten's aus ... Laß gut sein... er ist auf einem Abtritt geboren /

und seither scheint ihm die ganze Welt zu stinken. Er bringt den Geruch

nicht aus der Nasen.«

Der Alte lachte wieder. Ich aber faßte den Schnabel heftig an: »Wer ist

der Kerl / der solche Scherze wagt...?«

»Der?« sagte Schnabel mit seinen fröhlichen Augen. »Er hat ein grobes

Maul / sonst aber ein treuherziger Mann ... es ist der Rosenzwick / der

die Kanonen über hat...«

»Rosenzwick...« Der Name fiel in meine verwirrten Sinne. Rosenzwick ...

ich griff ihn auf / und stöberte in meinem Gedächtnis nach irgend einem

Gedanken mit diesem Namen / wie man mit einem Lichte im Finstern nach

verlorenen Dingen sucht. Rosenzwick... aber das Wort flackerte nur so

über mein Denken hin und verlosch gleich wieder.

»Er redet übrigens nur / was jeder weiß« / sagte der Schnabel / und

seine Augen jubelten wieder. »Die Kammerfrau / die dazumal der Königin

Johanna Hilfe brachte / hat sich noch kürzlich in Flandern hochberühmt

/ sie habe den Kaiser Karl aus dem Dreck gezogen...«

Eh ich mich deswegen noch besinnen konnte / fuhr ein schreiendes Lachen

auf / daß ich dem offenen Kreis mich wieder zuwandte.

Da sprang ein schlankes Weib an mir vorbei / drehte sich wie toll / und

warf die Arme / indessen ihr von den Brüsten und vom Nacken hellroter

Wein in breiten Bächen herabstürzte.

Ich tat einen Schritt vor / und sah den Bischof von Arras unfern von

mir in seinem Lehnstuhl sitzen / wie er in hocherhobener Hand ein

Kelchglas schwang und wie gerade ein anderes Mädchen an seinem Sitze

vorübertanzte. In diesem Augenblicke schleuderte der Bischof ihr den

roten Wein mitten ins Gesicht. Ich betrachtete meinen Vetter / den

Bischof. Er war viel bleicher noch als sonst / hielt die schmalen

Lippen hart zusammengepreßt und starrte mit brennenden Augen auf die

blinkenden Frauenleiber / die sich vor ihm drehten. Sein Knabe füllte

ihm aus einer hohen Kanne beständig frischen Wein in den Pokal / und im

Bogen schleuderte der Bischof dann die berauschende Flut auf jede Dirne

/ die tanzend in seine Nähe kam.

Alle die im Kreise umherstanden / stießen jenes schreiende Lachen aus

/ so oft der Weindunkel an Schultern / Armen / Stirn oder Nacken der

Mädchen klatschend aufspritzte. Der Wein funkelte in roten / dampfenden

Lachen auf dem Estrich / benetzte die nackten Füße der Tanzenden / daß

es aussah / als ob sie im Blute wateten / er rann von weiß glänzenden

Rücken / floß ihnen die blinkenden Hüften herab / alle Mädchen waren

davon mit unzähligen funkelnden Perlen besprengt. Der Wein rann ihnen

über die Augen / zog schimmernde Streifen über ihre Wangen / lief ihnen

über den Hals und betäubte sie mit seinem schweren Duft.

Ein starkes Weib mit zornigen Augen trat vor den Bischof. Er schwang

den Arm und der Burgunder traf sie dicht unter der Kehle. Sie hob mit

beiden Händen ihre vollen Brüste / neigte den Kopf und schlürfte mit

den Lippen den süßen Trank / der ihre Haut benetzte / indessen alle ihr

zuriefen und lachten. Dreimal schleuderte der Bischof die Fülle des

Pokals gegen sie. Dann aber fing sie an / sich feierlich zu drehen und

die von ihr absprühenden Tropfen bespritzten die andern Mädchen wie ein

feiner Regen.

Es kam auch das blonde / junge Ding / das dem kaiserlichen Beichtvater

so inbrünstig die Hand geküßt hatte. Wie ein Kind war sie noch /

mager an allen Gliedern. Als des Bischofs Wein sie traf / fuhr sie

schaudernd zusammen / und ich merkte / da ich ihr mit den Augen folgte

/ wie es sie oft noch überlief.

»Gefällt Euch die Kleine dort?« stieß mich der Schnabel an / »ich

schick' sie in Euere Stuben / wenn Ihr sie haben wollt...«

»Ja / sie gefällt mir...« sagte ich.

Uns gegenüber hatte einer von den deutschen Reitern das starke Weib

an die Wand gedrückt / hielt sie an den Brüsten fest / indessen seine

Kameraden allerlei Kurzweil mit ihr trieben. Der Bischof von Arras

schüttete mit ernsthaft zusammengepreßten Lippen einen Becher nach

dem andern über zwei üppige Dirnen / die sich vor ihm mit unzüchtigen

Gebärden umschlungen hielten.

Aus der schallenden Musik hervor / über die Musik hinweg / kam eine

heftige Stimme: »Ist der Herr Wenzel auf Rehberg im Saale...?« Und noch

einmal / den Lärm der Instrumente niederpressend: »Ist der Herr Wenzel

auf Rehberg da? In des Kaisers Namen!«

Als hätte der Burgunderwein des Bischofs mich selbst auf bloßem Leib

getroffen / zuckte ich zusammen / da mir mein Name aus diesem wüsten

Treiben plötzlich entgegenflog. Mir war nicht anders / als sei ich auf

einer Missetat ertappt worden / und ich zitterte / weil ich gewahrte /

daß des Bischofs Augen suchend umhergingen.

Der Schnabel stieß mich in die Seite: »Ihr seid ja doch der Rehberg...«

Da sah ich nun ein / daß ich mich nirgends mehr verbergen könne

/ sprang mit einem langen Schritt vor / stand beschämt und

niedergeschlagenen Blickes da und es drehte sich alles um mich herum.

»Seid Ihr der Herr Wenzel auf Rehberg...?« rief die heftige Stimme

wieder.

Ich nickte nur und schwieg.

»Dann folgt mir auf der Stelle. Denn der Kaiser begehrt Euch zu sehen.«

Jetzt war es auf einmal ganz ruhig in mir. Auch im Saale war es völlig

still geworden und die Musik hatte ausgesetzt. Ich erhob das Antlitz

und sah wie alle nach mir schauten / ernst / neugierig und mit Achtung.

Nur der Bischof / den ich grüßte / schien mich gar nicht zu bemerken.

Ich ahmte die spanische Würde nach / als ich nun quer durch den Kreis

der nackten Weiber schritt. Sie wichen vor meinem Weg zur Seite /

wie vorhin vor den Priestern. Ich sah noch die blonde Kleine neben

mir / wie sie von unten her mit geducktem Halse ehrfürchtig zu mir

aufblickte. Ich sah einen Tropfen roten Weines leuchtend wie ein Rubin

auf ihrer Brustspitze schweben. Dann stand ich an der Türe vor dem

alten Kämmerling / der meiner wartete / und war draußen.

In des Kaisers Herberge ward ich über halb dunkle Treppen / durch

dämmernde Galerien / an den schweigsam hinwandelnden Garden vorbei in

dasselbe Zimmer geführt / das ich heute Morgen betreten hatte.

Der Herr von Granvella war da und besprach sich leise mit einem der

kaiserlichen Leibärzte. Als er mich gewahrte / sagte er: »Wartet.«

Ich stand im Zwielicht des weiten Raumes / hörte nur das Flüstern der

beiden / und die tiefe Stille des kaiserlichen Hauses / in der alle

Verwirrung des Weines und der Weiber von mir abglitt.

Indessen huschte der Arzt aus dem Zimmer und Granvella redete mich

an: »Der Kaiser findet keinen Schlaf... es ist Gelegenheit / Euch

vorzustellen... habt Ihr Euch eine besondere Truppe gewählt / dann sagt

es mir jetzt...«

Ich überwand die Scheu / die mich bei seiner kalten Stimme befiel

/ und brachte unter Räuspern und Schlucken heraus: »Wenn ich beim

Regiment des Markgrafen Kulmbach eintreten könnte...«

Granvella stand ohne zu antworten auf / schritt zu einer niederen /

verborgenen Türe und winkte mir. Während wir durch ein paar hohe /

spärlich erhellte Gemächer gingen / redeten wir keiner ein Wort. Vor

einer hohen Pforte blieb er stehen und sprach mich kurz an: »Beugt ein

Knie vor dem Kaiser / und tretet nicht allzu nah an ihn heran. Redet

nicht / es sei denn / er fragt Euch. Und vor allem / schaut ihm nicht

zu dreist in das Antlitz.«

Da ging eben die Türe sachte auf / der andere Leibarzt kam heraus und

ließ uns den Weg frei.

Mich schüttelte ein Fieber der Ehrfurcht / als ich in der Tiefe des

großen Saales beim schwachen ruhelosen Schein einer Kerze des Kaisers

ansichtig wurde.

Bleich und verfallen tauchte sein Angesicht vom dämmernden Zwielicht

umwoben aus der Finsternis des Gemaches. Er stand hinter einem kleinen

Tisch / hatte beide Hände auf die weiße Marmorplatte gestemmt und wie

seine dünnen Arme aus dem dunklen Samt der Schaube hervorkamen / waren

sie so weiß wie der Stein / worauf sie sich stützten.

Kniend vergaß ich Granvellas Befehl und schaute ergriffen zum Kaiser

empor. Ihm hob und senkte sich das Kinn / wie er mit der klaffenden /

vorgeschobenen Unterlippe nach Atem schnappte. Wirr stand sein kurzer

Bart aus den Wangenhöhlen und seine Augen blickten erschöpft ins Leere.

Ich vernahm wie Granvella sprach / aber er hatte jetzt eine gedämpfte

/ liebreiche und demütige Stimme: »Dieses ist der Junker Wenzel auf

Rehberg / der sich der kaiserlichen Gnade empfiehlt. Er stammt aus

einem alten böhmischen Hause / ist mir verwandt und bittet / unter

Eurer Majestät Fahnen eingestellt zu werden.«

Der Kaiser sah mich an / mit einer unermeßlichen Gleichgültigkeit und

wie aus der Ferne. Dann glitten wieder seine Blicke über mich hinweg

ins Leere. Granvella redete weiter: »Geruhen Eure Majestät Erlaubnis zu

geben / daß der Junker bei dem Markgrafen von Kulmbach sich melde...«

Weil keine Antwort kam / blickte ich wieder auf und merkte / daß der

Kaiser zitterte. Ein Beben ging durch seinen schmalen Leib. Er riß die

Hände vom Tisch und starrte mit Entsetzen darauf nieder / als drohe

ihm von da her eine Gefahr. Ich sprang schnell auf / da verfärbte sich

der Kaiser noch mehr und war wie von einem kalten Grausen an allen

Gliedern geschüttelt. Ich spähte rasch / was seine Augen gebannt halte

/ und gewahrte eine kleine graue Spinne / die / vom Scheine des Lichtes

angelockt / mit hochgehobenen Beinen langsam ihren Weg über den Marmor

nahm.

Herzuspringend / schlug ich das Tier mit der flachen Hand und wischte

es hinweg.

»So« / entfuhr es mir leise und ich lächelte dem Kaiser zu.

Seine Brust keuchte und er sah mich verstört an. Gleich darauf winkte

er heftig mit der Hand gegen mich / drohend / seine Mienen krochen

zusammen / wurden spitz und böse und Granvella herrschte mir zu:

»Entfernt Euch / Junker! Entfernt Euch!«

Gescheucht verließ ich das Gemach / ereilte die Treppe und wollte heim

/ als mich der Kämmerling anrief und mir von Granvella meldete / es sei

alles in Richtigkeit /ich solle mich morgen früh nur zum Markgrafen

begeben.

Wie ich aus dem Palaste trat / stand der Vollmond am Himmel und

beschien den weiten Platz mit den schlafenden Häusern. Nur wenig

Schritte hatte ich getan / da flog das eiserne Klirren rasenden

Hufschlags durch die Stille. In dem tiefen Schatten einer engen Gasse

kam es heran. Ich sah nichts als die Funken aus den Steinen spritzen /

näher und näher / als liefe das Pferd dort auf einer schmalen Feuerspur

durch die Finsternis. Und ehe ich mich noch besinnen konnte / brach es

auch schon aus der Dunkelheit der Seitengasse in das freie Mondlicht:

ein Rappe / vom Dampf seines Schweißes wie von einem Geisternebel

umwallt / ein schwarzgepanzerter Mann darauf / dem der schwarze Mantel

um die Schultern flatterte / und nur die goldene Mantelspange blitzte

hell / als trage er seine glühend gewordene Seele mitten auf der

Brust. Den Platz querüber sauste er dahin / und es war / da er vor dem

Haus des Kaisers anhielt / nur ein einziger Augenblick: das letzte

Aufsprühen der Funken unter dem dröhnenden Eisen / das Niederschmettern

des Pferdes / das wie von einem Streich gefällt hinschlug / als

wollte es die Flammen / die seine Hufe aus dem Boden gestampft hatten

/ mit dem eigenen Leib ersticken / und der jähe Sprung des Reiters

auf die oberste Stufe des Tores. Aufgerichtet stand er als ein dünner

schwarzer Streif vor der weißbeschienenen Mauer / dann glitt er wie

ein Schatten in den Flur. Mir zuckte es / wie ich so völlig erstarrt

da stand / durch die Glieder: Da ist der Satan um Mitternacht zu dem

Kaiser gekommen... Dann zwang es mich gleich zu dem gestürzten Tier /

aber wie ich mich darüber beugte / war es in Blut und Schaum verendet

/ und von dem Mondlicht / das in seinen gebrochenen Augen schimmerte /

kam ein solches Grauen in mein Gemüt / daß ich erschreckt entfloh. Auf

dem raschen Weg zur Herberge ward ich gepeinigt von einem Elend / das

ich nicht kannte / dessen Nähe aber ich beklommen fühlte und ein Ahnen

öffnete sich in mir wie eine frische Wunde / die schmerzhaft ist und

blutet.

In meiner Stube aber war das kleine blonde Mädchen / das der Schnabel

mir gesendet hatte. Die sparte mir das Alleinsein. Ich schloß sie

erlöst in meine Arme / wie sie / als ich kam / nackend im Bette sich

aufrichtete. Und ich ergötzte mich an ihr bis zum Morgen.

Der Schnabel weckte mich frühe.

»Heraus mit Euch!« schrie er und seine Augen lachten über mir. »Die

ganze Armada ist auf den Beinen / wir marschieren!«

Schnell war ich vom Lager auf und nach und nach fiel mir erst wieder

ein / daß ich in Augsburg sei / und was mir seit gestern alles begegnet

war.

»Der Markgraf hat schon Botschaft von Granvella« / erzählte mir der

Schnabel / unterdessen ich mich rüstete. »Er soll Euch aufnehmen. Na /

Euch kann's nicht fehlen / wenn der Granvella Euer Gönner ist...«

»Er ist mein Anverwandter...« sagte ich stolz.

Mir fiel der schwarze Reiter wieder ein und ich erzählte dem Schnabel

von dieser Erscheinung.

»Das ist der Alba gewesen...« sagte er. »Der steht jetzt in Ungarn im

Felde. Er hat ein junges Weib daheim in Spanien / und nun reitet er /

wenn's der Krieg erlaubt / vierzehn Tage lang / um eine Nacht bei ihr

zu schlafen.«

Wir ritten durch enge Gassen und hatten Mühe genug / rasch vorwärts zu

kommen. Von überall her liefen Soldaten zusammen / die Hörner wurden

geblasen / die Trommeln allenthalben gerührt / und es war ein Rufen und

Schreien und Waffendröhnen / welches mich mit Lust erfüllte.

Wie wir aufs freie Feld kamen / sah ich weithin überall Truppen / die

sich sammelten und formierten. Die bunten Feldzeichen und Fahnen

wimpelten hoch im Morgenwind. Der Himmel aber war tief von dunklen

Wolken verhängt und die Luft rauh. Doch das kümmerte mich nur wenig /

denn ich war dem kriegerischen Getümmel ganz dahingegeben.

»Dort stehen die Kulmbachschen Reiter!« meinte der Schnabel. Wir

sprengten herzu und trafen gleich den Markgrafen / der sein Roß

tummelte und nach allen Seiten Befehle erteilte.

»Herr Markgraf / hier ist der Rehberg!« rief der Schnabel.

Ich verhielt mein Pferd und zog den Hut.

»'s ist gut Herr / 's ist gut...« rief mir der Markgraf kollernd zu.

Ich wollte meinen Gruß und Einstand nach Gebühr hersagen und tat den

Mund auf.

»'s ist gut / Herr!« brüllte mich der Markgraf an / »haltet das Maul /

ich werd' schon selber sehen / was Ihr könnt...« damit warf er sein

Pferd herum / und ließ mich verdutzt / wie ich war / zurück.

Die Schwadronen stellten sich in Ordnung. Ich nahm meinen Platz vor der

Front neben dem Schnabel. Wir sahen jetzt nichts vor uns als freies

Ackerfeld / das sich bis zu den Mauern von Augsburg hinzog / und rechts

und links von uns die anderen Truppen zu Fuß und zu Pferd in einigen

Treffen aufgestellt. Ich war fröhlich / weil ja nun alles für mich erst

seinen rechten Anfang nehmen sollte.

Auf einmal vernahmen wir von weit her Zurufe wie ein Brausen / die

Trompeter fingen alle zu blasen an / die Trommeln und Pauken schlugen

Wirbel.

»Der Kaiser!« sagte der Schnabel.

Und da kam er herangeritten / in großem Abstand hinter ihm sein

Gefolge. Er ritt auf einem schlanken / braunen Tier / das unter ihm wie

im Tanzschritt ging und seinen Reiter sanft zu wiegen schien. Indem er

näher kam / sah ich die Blässe seines Gesichtes von einem ganz feinen

Rosa-Hauch überflogen. Die Unterlippe klaffte freilich wiederum herab

/ so daß man seinen offenen Mund von weitem schon wahrnahm. Als er an

unserer Front vorbeisprengte / ging ein leiser Regen an und ich sah /

wie der Kaiser sein Barett abnahm / es unter dem Mantel verbarg und

barhaupt weiter ritt. Ich verwunderte mich dessen / aber der Schnabel

rief mir voll Munterkeit zu: »Seht / was für ein Filz! Da hat ihm der

Fugger vor zwei Tagen das neue Barett aus Lyoner Samt verehrt und jetzt

fürchtet er / es verdirbt / steckt's ein / als könne er sich keinen

neuen Hut kaufen...«

»Was redet Ihr da für Unsinn?« fuhr ich den Schnabel heimlich an.

»Unsinn?« gab er lachend zurück / »fragt wen Ihr wollt / er ist ein

Filz / und macht's immer so...«

Indessen war der Kaiser vorüber und nach einer Weile rückten wir ab.

Der Regen hörte bald auf / aber der Boden war aufgeweicht und der

Straßenkot spritzte uns bis an die Hüften. Das schwere Fuhrwerk /

darauf die neuen Kanonen waren / zog dem Heere ganz voran. Dahinter kam

das Fußvolk / zwölf Fahnen stark / das der Baron Madrizzi befehligte /

nachher ritten wir von des Kulmbachs Kürassieren / uns folgten dann die

übrigen Soldaten / der Kaiser mit Troß und Wagen und die Nachhut.

Ich ward gleich beim Ausmarschieren an des Markgrafen Seite befohlen.

Er schien mir jetzt recht gnädig und meinte: »Wenn Ihr gehorsam seid

und tapfer / Freund / dann will ich dem Herrn Granvella gern die Liebe

tun und Euch befördern...«

Ich dachte nun freilich bei mir / wenn ich gehorsam bin und tapfer /

sollte ich wohl ohne Granvellas Fürsprache zu Ehren kommen / unterfing

mich aber nicht / dergleichen laut werden zu lassen und sagte nur:

»Ich werd' mich schon zusammennehmen.«

»Wenn wir abends rasten« / sprach der Markgraf / »will ich Euch in Eid

und Pflicht nehmen... 's ist gut / Herr!«

Ich wußte jetzt schon / was dieses »'s ist gut / Herr« bedeute / wollte

mirs nicht noch einmal so schön erklären lassen / wie vordem / zog den

Hut / und ritt an meinen Platz / zur Seite des Zuges.

Ein paar gute Stunden ging es nun vorwärts. Ich ließ meinem Pferd die

Zügel / es ging im langsamen Trott mit den anderen / ich gab mich

meinen Gedanken hin und lauschte auch wohl den Liedern / die unsere

Reiter angestimmt hatten.

Die Kürassiere sangen:

»Der Kaiser hat viele Soldaten /

Er gibt ihnen Gut und Geld /

Er macht es wie's ihm gefällt /

Und läßt sie brav lustig marschieren /

Wohl durch die weite Welt.«

Dann wieder sangen die Reiter:

»Ich weiß nicht / bin ich arm oder reich /

Oder geht es mit mir zum Verderben /

Oder komm ich noch einmal gesund nach Haus /

Oder muß ich vor dem Feinde sterben.«

Es war eine nachdenkliche und milde Melodie und doch wie verhaltener

Sturm darinnen. Hell und dunkel erschien mir das Lied / hob mein Gemüt

hoch empor und umfing es doch wieder mit Beklommenheit.

Da plötzlich kam von hinten her ein Reiter vorbeigeprescht / ganz dicht

am Straßenrand und fuhr wie das böse Wetter dahin / daß mein Tier

erschreckt in die Hinterfüße stampfte. Und im Blitz des Vorbeisausens

erkannte ich / daß es der Kaiser sei. Bis auf den heutigen Tag

weiß ich nicht / was mich antrieb. War es die Erinnerung an den

Schwarzgepanzerten von heute Nacht / der seinen Gaul zu Tode gejagt /

die mich jetzt befiel / war es die Wut / die ich im vorübersausenden

Kaiser verspürte und die mich mitriß / oder all die in mir angesammelte

Erwartung / die jetzt mit einem Mal in mir zu sieden begann... ich

hackte die Sporen ein und galoppierte dem Kaiser nach. Hinter mir

fegte das Lied her / das die Reiter sangen / vor mir stob der Kaiser

dahin und es war / als müsse ich ihn erjagen. Ich wußte von nichts

mehr. Mir klangs nur in die Ohren: »Ich weiß nicht / bin ich arm oder

reich. Oder geht es mit mir zum Verderben.« Und sonst konnte ich weiter

nichts denken. Den Kaiser einzuholen / war ich nicht imstande / aber

wie wir beim Fußvolk vorübersprengten / hörte ich ihn zu dem Obristen

hinüberrufen: »Es geht all zu langsam. Das Fuhrwerk muß rascher fahren.«

Jetzt waren wir bei den schweren Wagen / die in langer Reihe bedächtig

dahinzogen und Mühe hatten im tiefen Kot nicht stecken zu bleiben.

Jetzt sah ich / wie der Kaiser über einen Kutscher herfuhr / der

neben seinen Gäulen fürbaß schritt. Jetzt sah ich des Kutschers Hand /

wie sie auf dem Hinterteil des einen Zugpferdes auflag / diese breite

/ rote / große Hand... ich erkannte sie in der Sekunde: Das war der

Kaspar Dinckel / den ich vergessen hatte. Wie ein Feuer gings mir jetzt

auf / und zugleich auch / daß ein Unheil bevorstehe. Eine furchtbare

Beschämtheit und eine eiskalte Angst schnürten mir im Nu die Kehle. Ich

spornte mein Pferd wie rasend. Jetzt hatte ich Eile / jetzt auf einmal

hatte ich Beflissenheit und Drang und Begier / dem Kaspar Dinckel mein

Wort zu halten.

Aber ehe ich ihn noch erreichen konnte / war alles schon vorüber.

Ich hörte das breite vlämisch gequetschte Deutsch / womit der Kaiser

ihn anschrie: »Treib Deine Gäule an / Bursch / es geht all zu

langsam...«

Er rührte sich nicht / zog seine Hand nicht vom Schenkel des Pferdes

/ ließ sie breit darauf liegen wie vorher. Unbekümmert schritt er

dahin / den blonden Kopf zwischen die breiten Schultern geduckt / mit

schleppenden Schritten. Ich sah / daß er widerspenstig war. Ich trieb

mein Pferd / daß es schnaubte. Ich stellte mich in den Bügeln auf.

Wenn ich dazu komme / wenn er mich erkennt / dann ist alles gewonnen.

Rascher als ein Funken aufstiebt / jagte die Angst mir solches Erwägen

hervor.

»Hörst nicht / Kerl!« schrie der Kaiser und seine Stimme schnappte. Der

aber ging / die Hand auf dem Pferde liegend / als höre er nichts / als

sähe er niemanden.

»Kaspar...!« wollte ich rufen / denn nun war ich nahe.

Aber der Kaiser hatte seinen Stecken erhoben und schlug zu. Ich sah

den Streich auf die breite Schulter herabzucken / ein kleiner /

schwächlicher / boshafter / rasch hinschnalzender Streich: »Da hast...«

kreischte der Kaiser / »da hast...!«

Da reckte sich der Fuhrknecht auf. Mir stockte der Atem wie er's tat.

Wie er dastand / das gute Angesicht von einem jähen Zorn lodernd und

bös zusammengefaßt / wie er ausholte mit dem Arm ... Und im weiten

Bogen pfiff seine Peitsche / pfiff und schmitzte dem Kaiser übers Haar

/ über die Stirn / mitten über das kleine / blasse / entsetzte Antlitz.

»Daß dich spanischen Bösewicht Gotts Element schänden möge!« rief er

mit seiner schweren / langsamen Stimme. Und stand noch aufrecht mit

freier wutbrennender Stirn und schimpfierte den Kaiser noch mit den

funkelnden Augen.

Er kennt ihn nicht / durchfuhrs mich / kennt den Kaiser nicht und dabei

durchfuhr mich die unerklärliche Zuneigung / die ich für den Burschen

hatte / durchfuhr mich der Jammer über sein Elend / durchfuhr mich

die Pracht seiner Gebärde / die frische Kraft seines ausschwingenden

Armes und zugleich auch durchfuhr mich Geringschätzung gegen den

schwächlichen /kleinen Mann /der da verkauert im Sattel hing und von

dem jungen Kutscher gepeitscht worden war.

Mit Gewalt riß ich mich aus dem Zwang dieses Augenblicks / ließ mein

Pferd noch ein paar Sprünge tun und befand mich an des Kaisers Seite.

Jetzt erst ersah mich der Kaspar Dinckel. Zu spät. Wäre er auch nur um

zwei Atemzüge früher meiner gewahr geworden / ich hätte ihn noch retten

können. Seine grimmig gestrafften Züge lösten sich im Nu. Das Gesicht

wurde ihm gleich ganz hell. Er lächelte mir entgegen und senkte doch

wieder rasch in Beschämung die Augen. Ich wollte ihn anreden / aber da

hörte ich den Kaiser zischen und pfauchen und wie ich mich gegen ihn

wandte / deutete er nur immer mit fuchtelndem Arm wie rasend auf den

Kaspar / indessen sein Mund keuchend offen stand und ihm der Schaum

über die Lippen trat. Seine Stimme war von Wut / von Schmerz und

Krampf völlig verhängt / jeder Ton zugeschnürt / und vom Schnappen des

Atems zerpreßt. »Henken...!« kreischte er »... Henken...! stracks... an

den nächsten Baum!« Seine Augäpfel verdrehten sich / er stieß nur ein

kurzes Heulen noch heraus / das umkippte ehe die Zunge es erwischen und

ein Wort daraus machen konnte. Dann sank er nach hinten über / als sei

er von einem Lanzenstoß aus dem Sattel gerannt.

Es hatten sich etliche Leute schon herumgesammelt / von denen einige

den Kaiser auffingen. Andere legten allbereits Hand an / um Kaspar zu

fahen.

»Das ist der Kaiser gewesen / dem Du so mitgespielt hast...« rief ich

nun laut. »Laßt ihn los / er hat den Kaiser nicht gekannt...«

Die Männer gaben ihn frei und Kaspar Dinckel bekreuzte sich. »Dann sei

Gott meiner Seele gnädig...« sagte er.

Herr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel · 第 2 / 3 段