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Kulturhistorische
Charakterbilder
Für die Jugend
herausgegeben von
J. E. Poritzky
Volksausgabe
Mit 20 Textbildern
[Illustration]
Stuttgart
Loewes Verlag Ferdinand Carl
Druck von Carl Grüninger, K. Hofbuchdruckerei Zu Gutenberg
(Klett & Hartmann), Stuttgart.
Inhaltsvereichnis.
Seite
Christoph Kolumbus 1
Michelangelos Leben 41
Galilei 67
Die Jungfrau von Orleans 90
Der Doktor Faust 121
Goethe der Botaniker 148
Goethe in Venedig 164
Beethoven 176
Der Erfinder Edison 204
[Illustration: David von Michelangelo]
Christoph Kolumbus.
Ich entsinne mich eines alten Stiches, auf dem man Kolumbus rank
dastehen sieht, eine Papierrolle -- wahrscheinlich eine Erdkarte Andrea
Biancas oder Martin Behaims oder eine Seekarte Toscanellis -- in der
Hand haltend. Er schaut nachsinnend und melancholisch ins Weite, und
seine Begleiter scharen sich kniend um ihn, heben die Hände zu ihm
empor wie zu einem Gott und küssen den Saum seines Gewandes. Es muß
eine große Bewegung gewesen sein, die durch sein Herz ging, als der
Matrose Rodrigo »Land« gerufen hatte. Dachte der kühne Entdecker
in diesem Augenblick daran, daß er nun Vizekönig würde, Träger der
höchsten spanischen Würden, unermeßlich reich, unumschränkt mächtig?
Hing seine Seele in diesem Augenblick wirklich am Golde? Oder fühlte
er, daß die Erweiterung des ~räumlichen~ Horizonts unabweisbar
auch die Erweiterung des ~geistigen~ Gesichtsfeldes nach sich
ziehen mußte? Daß dem Volke, das diesen Sieg errang, der Stempel
geistiger Reife aufgedrückt wurde? Daß seine Machtsphäre ein größeres
Gebiet gewinnen, und demgemäß auch seine politische Bedeutung wachsen
würde?
In der Tat fällt mit der Entdeckung des neuen Weltteiles auch die
Entdeckung des Menschen, die Vertiefung seines Seelenlebens und die
Entdeckung des himmlischen Firmaments zusammen. Man erinnere sich, daß
Kolumbus der Zeitgenosse der größten Renaissancemenschen war, der
Raffael, Leonardo da Vinci, Tizian, Michelangelo, Vasco da Gama --,
und daß dies nur einige von jenen Gestirnen waren, die in den Tagen
des Kolumbus den Erdball erleuchteten. Ariost, Tasso, Dürer, Luther,
Savonarola, Macchiavelli, Kopernikus und viele andere wären noch zu
nennen. Sie bestätigen den Satz, daß das Genie nur unter Gleichgenialen
sich auswachsen und zu seiner vollen Höhe emporrecken kann.
Sich ein neues und großes Weltbild zu schaffen, alle Schranken des
Geistes niederzureißen, ist die eigentliche Leitidee der kolumbischen
Zeit. Die Erde ist plötzlich fast zu klein für die erwachten Kräfte,
die sich betätigen wollen.
Anderseits darf man nicht vergessen, daß unser Denken von dem des
Mittelalters durch vier Jahrhunderte getrennt ist. Das Mittelalter ist
zwar nicht ganz so finster und wüst, wie man vielfach glaubt, aber
es ist doch noch reich genug an abergläubischen Vorstellungen und
aufreizenden Phantastereien. Feurige Kometen werden als Fingerzeige
Gottes betrachtet; man will gesehen haben, daß es Blut regnet, und
das bedeutet Krieg oder Pest. Es ereigneten sich im Volke plötzliche
Ausbrüche von Angst vor diesen überall eingreifenden jenseitigen
Kräften. In den Kirchen gab es blutschwitzende Hostien, am Himmel
blutige Kreuze und Lanzen, in Stadt und Land eine unermeßliche
Zahl von Wallfahrern, Flagellanten und Propheten, wundertätigen
Muttergottesbildern und Bußpredigern. Man muß sich daran erinnern, daß
selbst Luther steif und fest an den Teufel geglaubt hat, mit dem er
manchen harten Strauß auszufechten hatte. Sonderbare Stubengelehrte
sind als Hexenmeister verschrien, Goldmacher sind Zauberer, und
Kräutersammler gelten als Teufelsknechte. Jede Nebelbank ist ein
unbekanntes Land.
Ich sage: nur in einer Zeit, wo jeder Kopf voll kräftiger Phantasien
steckt; wo man bereit ist, an die Wunder von Tausend und eine Nacht zu
glauben, und wo die biblischen Propheten zu Führern werden, die nach
neuen Welten locken; wo die Vernunft fast gänzlich von Faustischem
Sehnen gepackt ist und durchtränkt scheint; wo der Mensch mehr denn je
an seine Gottähnlichkeit glaubt --, nur in einer solchen Zeit ist die
Gestalt eines Kolumbus denkbar.
* * * * *
Führt euch eine Reise einmal nach Genua, so ist das erste, was
euch auf dem schönen freien Platz vor dem Bahnhofe ins Auge fällt:
Christoph Kolumbus, der Entdecker der Neuen Welt, der um die Mitte des
fünfzehnten Jahrhunderts in Italien geboren ist. Vierzehn Ortschaften
streiten sich um die Ehre, ihn als ihren Sohn zu beanspruchen; indessen
kommen ernsthaft nur Genua oder Savona in Frage.
Er stammte von braven kleinbürgerlichen Eltern ab, die das Gewerbe der
Wollweber betrieben, das auch Christoph in der Jugend erlernte. Die
Eltern ließen ihm eine sorgfältige, wenn auch beschränkte Erziehung
zuteil werden; daß sie ihn aber auf kurze Zeit an die Universität nach
Pavia geschickt haben sollen, wo er Lateinisch gelernt hätte, wird
neuerdings bezweifelt. Sehr viel mehr als dieser Erziehung verdankt
er indessen sich selber und seiner eigenen Energie, die ihn stets von
neuem zu seinen Studien trieb. Schon im vierzehnten Jahre hing er mit
Lust und Liebe am Seemannsberufe, und die damalige Schiffahrt auf dem
Mittelländischen Meere, die einem wilden Freibeutertum gleichkam, nahm
den künftigen Seehelden in ihre rauhe und harte Schule. Und wir wollen
es uns einprägen, daß nicht das Allergeringste im Leben ohne Kampf
gewonnen werden kann, daß eine eiserne Energie und eine unbeugsame
Willenskraft dazu gehören, wenn man ein großes Ziel erreichen will.
Wahrscheinlich nahm der junge Kolumbus Anteil an dem Erobererzuge
Johanns von Anjou, der gegen Neapel gerichtet war. Kühn und
furchtlos soll Kolumbus die feindlichen Galeeren angegriffen und
von ihnen Besitz genommen haben, in nichts seinem Onkel und seinem
Neffen nachstehend, die durch ihre glücklichen Kapereien gegen
die Ungläubigen berühmt waren. Aber erst als Christoph Kolumbus
auf seinem Abenteurerzuge auch nach Portugal kam, wurden alle
Geisteskräfte geweckt, die in ihm schlummerten. Denn gerade in den
Portugiesen war seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ein
kühner Unternehmungssinn und ein toller Wagemut erwacht. Sie erhofften
märchenhafte Schätze von der Auffindung neuer Seewege, die zu neuen
Erdteilen führten.
Noch war die Erde ja zum größten Teile ein jungfräuliches Gebiet. Die
Reisebeschreibungen jener entdeckungslustigen Epoche lesen sich wie
ungeheuer übertriebene Märchen, wie phantastische Geschichten von
Jules Verne, die ja auch ein Körnchen Wirklichkeit in sich tragen.
Aus den neuentdeckten Ländern brachte man rote Menschen, seltsame
Tiere, die Kunde von einer ganz fremdartigen Tier- und Pflanzenwelt.
Zwar hatten schon in vorchristlicher Zeit Eudoxos und Aristoteles die
Vermutung ausgesprochen, daß die Erde Kugelgestalt haben müsse, aber
im großen und ganzen glaubten die alten Völker, die Griechen, Römer
und Araber, daß die Erde eine flache oder eckige Scheibe sei, die auf
dem Wasser schwimme. Erst in der Zeit des Kolumbus hatten Kopernikus
und Galilei unerschütterliche Beweise für die Kugelgestalt der Erde
gegeben -- was übrigens sogar jetzt noch die wenigsten und selbst
Kolumbus nicht glauben wollten -- und daß sie als ein kleiner Stern
wie viele, viele andere Sterne um die Sonne kreiste. Der Weltenraum
hatte sich unermeßlich geweitet; die Erde war ein unbekanntes Land.
Die seltsamsten Wesen und Dinge waren auf ihr möglich. Die Reisenden
erzählten von Ländern, wo Menschen ohne Kopf geboren werden, mit Augen
und Mund in ihrer Brust; von Menschen, die den Kopf unter ihren Armen
trugen, die Augen in den Schultern hatten usw.
Es sind eben diese plumpen Märchen der Reisenden und der Matrosen, von
denen Kolumbus die Anregungen zu seinen Entdeckungsreisen empfängt.
Wenn Schiffersagen aber schon solch ein Zündstoff für seine Seele
sind, wird Pierre d'Allys Reisebeschreibung vom Jahre 1410 ohne
Zweifel sein Katechismus. Denn Kolumbus ist ebenso autoritätsgläubig
wie enthusiastisch, ebenso phantasievoll wie abenteuerlich. In der
»Erdbeschreibung« des Pierre d'Ally, die diesen Namen allerdings kaum
verdient, findet er alle fabelhaften Vorstellungen, die Aristoteles
und Seneca, Plinius und Ptolemäus, Osorius und Isidorus, Averroës und
Augustin und eine Menge anderer Philosophen, Sterngucker, Mystiker und
Heiligen von der Welt hegen, getreu aufgezeichnet. Die Anschauungen
des Plinius, der behauptet hatte, man könne von Spanien ~in
wenigen Tagen~ nach Indien reisen, und die Anschauungen seines
Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend.
Nach diesen gab es jenseits des heiligen Indus die Inseln Chryse
und Argyre, die ganz aus Gold und Silber bestanden. Isidorus wußte
sogar von goldenen Bergen zu berichten, die von Drachen, Greifen und
menschlichen Ungeheuern bewacht würden. Bei d'Ally liest Kolumbus,
daß die Erde so und so schmal sei und daß das Paradies irgendwo im
Osten liege, wo Erde und Mond zusammengrenzen. Sollte es ein gläubiger
Entdecker nicht finden? In den heißen Zonen -- heißt es da ferner --
leben unbeschreibbare Untiere. Die Welt geht wahrscheinlich 1658 unter,
ganz bestimmt aber 1801. In Senecas Tragödie »Medea« liest Kolumbus:
»Einst wird die Zeit anbrechen, wo der Ozean seine Fesseln sprengen,
der Erdkreis weit und breit sich ausdehnen, das Meer neue Länder
entschleiern und Thule nicht mehr das erdenfernste Land sein wird«.
Ist man nicht geradezu ein Narr, wenn man sich auf Grund solcher
Prophezeiungen nicht aufmacht, um neue Welten zu suchen? Übrigens
spricht schon Jesaias Kapitel 60, Vers 9 und Kapitel 65, Vers 17 von
neuen Weltteilen, von Gold- und Silberinseln.
Auch Aristoteles, der weiseste der griechischen Philosophen und
im Mittelalter als unantastbare Autorität hoch verehrt, hatte
z. B. eine Insel Antilla erwähnt, die Insel der sieben Städte
und andere phantastische Inseln und Weltteile, die auf allen
Landkarten eingezeichnet waren. Und es gab genug abenteuerliche
Wagehälse, die hinauszogen, um diese Inseln zu suchen, und die an
die unwahrscheinlichsten Legenden glaubten, so wie wir einst an das
Schlaraffenland geglaubt haben oder an das Land der Antipoden, wo die
Menschen auf den Köpfen gehen.
Gewiß, das alles waren Märchen. ~Aber Kolumbus hat an sie
geglaubt~, und ich finde nichts Lächerliches darin. Gerade weil
er an sie geglaubt hat, gehörte die doppelte Kühnheit dazu, auf die
unbekannten Meere hinauszusegeln und es -- wie ein würdiger Märchenheld
-- mit den vermeintlichen Drachen und Unholden aufzunehmen. Seine
ehrliche Absicht war es, sie zu töten; daß er sie nicht gefunden hat,
kann ihn nicht verkleinern. Nachdem er die neuen Lande entdeckt hat,
schreibt er sehr bescheiden und hübsch: »Zur Ausführung einer Fahrt
nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu
nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet
Jesaias vorhergesagt hat.«
Die Namen jener vorhin genannten Philosophen, Propheten und Dichter,
und die Resultate d'Allys waren dem spanischen Monarchen tatsächlich
Garantien genug, das kostspielige Unternehmen des durch seine
außergewöhnliche Beredsamkeit bestrickenden Entdeckungsreisenden
zu billigen, obwohl die kosmographischen Vorstellungen unseres
waghalsigen Weltumseglers sehr seltsam, seine mathematischen und
geographischen Vorkenntnisse sehr ungenügend und sein nautisches
Wissen gleich Null waren. Denn er gibt später beispielsweise den
Breitegrad der kubanischen Küste auf zweiundvierzig Grad an, anstatt
auf einundzwanzig Grad. Er hält die Gestalt der Erde für birnenförmig,
glaubt in der Nähe Haitis das biblische Paradies wiedergefunden
zu haben usw. Die astronomischen Vorstellungen seiner verirrten
Einbildungskraft sind die der wilden Naturvölker.
[Illustration: Die Weltkarte des Italieners Toscanelli, die dieser dem
Kolumbus vor seiner ersten Reise zugänglich machte.]
Portugal war eine ausgezeichnete Schule für Christoph Kolumbus oder
Cristobal Colon, wie er sich seit seiner spanischen Anstellung mit
Vorliebe nennt und unterzeichnet. Hier konnte er etwas Tüchtiges
lernen oder sein Wissen sehr vorteilhaft erweitern und verwerten.
Darum zögerte er auch nicht lange, sich in Portugal niederzulassen, wo
sich bereits viele seiner Landsleute angesiedelt hatten. Er trug seine
Hand der Tochter eines italienischen Edelmannes an, dem Befehlshaber
der Insel Porto Santo, der ein tüchtiger Seemann war und der seiner
Tochter Felipa Perestrello hauptsächlich Reisetagebücher und Seekarten
zur Mitgift gab. Kolumbus war's zufrieden, und obwohl er seinen
eigenen Unterhalt nur durch Zeichnungen von sehr geschätzten See-
und Landkarten bestreiten konnte, war er schon glücklich genug, sich
eifrig dem Studium der Reisebücher und Karten hingeben zu können.
Aber er begnügte sich nicht damit, die Welt nur auf der Landkarte zu
bereisen oder sie aus den ungenügenden Reiseberichten kennen zu lernen.
Die goldenen Fernen lockten ihn und die unendlichen Weiten riefen ihn
hinaus. Er wollte die Wunder sehen, von denen die Reisenden in ihren
fabelhaften Beschreibungen erzählten. Und so bereist er Madeira, die
Kanarischen Inseln, die Azoren und sogar die Küste von Guinea.
Jede neue Ausfahrt konnte ins Wunderland führen. Die Luft war erfüllt
von den unglaublichsten Legenden, die fremde Reisende berichtet
hatten. Das Seeleben war voller Aufregung, neugieriger Erwartung und
überschwenglicher Hoffnung. Das Entdecken fremder Länder war ein
Geschäft und wurde wie ein Glücksgewerbe betrieben.
Aber damals, vor vierhundert Jahren, war es ganz natürlich, an
Schiffermärchen zu glauben. Dazu kam noch, daß das Meer seltsame
Dinge angeschwemmt hatte, klobig geschnitzte Hölzer, Zedernstämme
von unbekannter Herkunft, riesenhaftes Schilfrohr, Leichen fremder
Menschenrassen von sonderbarer Hautfarbe, lauter Dinge, die auf das
Vorhandensein unbekannter seltsamer Erdteile schließen ließen.
Aber so viel Unternehmungsgeist und Mut Kolumbus auch hatte, er war
jeglicher Mittel entblößt und ganz außerstande, seinen Plan ohne
fremde Hilfe und Unterstützung auszuführen. Von Johann II., der
eben den portugiesischen Thron bestiegen hatte, erhoffte Kolumbus
um so eher rege Förderung seiner Absichten, als Johann selber von
dem Entdeckungsfieber ergriffen war. Und als Kolumbus 1483 in einer
Audienz, die ihm der König gewährt hatte, seinen großen Plan, den
direkten Seeweg nach Indien aufzufinden, entwickelt hatte, war der
König trotz seiner anfänglichen Abneigung umgestimmt und bereit,
auf die Ideen des Kolumbus einzugehen. Er wollte die Vorschläge
nur noch von seinen gelehrten Ratgebern prüfen lassen. Diese hörten
sie kopfschüttelnd an; sie erklärten sie für die Ausgeburten eines
überspannten kranken Gehirns und meinten, es wäre eine unverzeihliche
Torheit, den bisher verfolgten Weg um Afrika herum, um ihretwillen
aufzugeben.
Diese Entscheidung hinderte freilich den König nicht, trotzdem
an die Ausführbarkeit des Kolumbusschen Planes zu glauben. Er
hoffte nur billiger und bequemer dazu zu kommen, wenn er einen
~einheimischen~ Seemann mit einem gut ausgerüsteten Schiffe im
geheimen in die westliche Richtung absandte, um zu versuchen, ob
die Theorie des Genuesers sich bewähren würde. Anekdoten erzählen,
Kolumbus sei aufgefordert worden, seine Absichten in ausführlicher
Weise schriftlich darzustellen, und mit ebendieser Darstellung habe
man den neugeworbenen Seemann in den westlichen Ozean geschickt. Aber
diesem gemieteten Kapitän habe die kühne Seele des Kolumbus gefehlt;
nach wenigen Tagen sei schon sein Eifer ermattet, und im Glauben, die
uferlose Meereswüste nehme kein Ende, habe er seiner Entdeckungsfahrt
ein rasches Ende gemacht und sei zum Tajo zurückgekehrt, Kolumbus einen
Wahnsinnigen schimpfend, der diese sonderbare Idee ausgebrütet hatte.
Dieser Verrat und Schimpf, der ihm angetan worden sei, hätte Kolumbus
aufs höchste empört, und entrüstet hätte er diesem Lande den Rücken
gekehrt.
Diese Anekdote, die Kolumbus zum Märtyrer macht, wird aber von der
neueren Forschung als unverbürgt abgelehnt; man nimmt vielmehr an,
daß Kolumbus Portugal verlassen habe, weil der König nicht auf seine
unerhört hohen Forderungen eingehen wollte, im Falle das Unternehmen
gelingen würde. Er beanspruchte nämlich ~erstens~ die Erhebung
in den Adelstand für sich und seine Familie; ~zweitens~ den
Titel »Admiral des Weltmeers«; ~drittens~ Amt und Würde eines
Vizekönigs und lebenslänglichen Statthalters aller entdeckten Inseln
und Festländer; ~viertens~ den zehnten Teil aller königlichen
Einkünfte an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Metallen, Gewürzen
usw., sowie von allen Handelserträgnissen in jenen Gebieten;
~fünftens~ nahm er das Recht für sich in Anspruch, bei allem
Handel sich auf jedem Schiffe mit einem Achtel des Wertes beteiligen zu
dürfen.
Kolumbus richtete seine Blicke nach Spanien. Während Portugal seine
Pläne nur als ein Geschäftsunternehmen auffaßte und ablehnte, konnte
Kolumbus von Spanien hoffen, daß es die Entdeckung neuer Erdteile
zu einer Sache des ~Glaubens~ machen würde. Denn noch immer
kämpfte Spanien mit dem Islam und befolgte infolgedessen mehr eine
Glaubenspolitik als eine geschäftliche. Aber die spanischen Räte
waren für die Ideen des Kolumbus noch nicht reif. Zwar nahm man ihm
nicht alle Hoffnung; man wollte sich aber im Augenblick auf diese
abenteuerlichen Pläne nicht einlassen, da man in zu viel kriegerische
Verwicklungen hineingezogen war. Zu seiner Existenz erhielt Kolumbus
eine kleine Unterstützung vom Hofe, eine Art Wartegeld, durch das er an
die spanische Krone gebunden war.
Es begannen Jahre voll peinlichen Wartens. Voller Angst sieht Kolumbus
ein Jahr ums andere verrinnen, ohne daß er seinem Ziele näher käme.
Deshalb faßt er zur Verwirklichung seiner Pläne jetzt Frankreich ins
Auge und schickt zugleich seinen Bruder nach England, damit er dort
ebenfalls wirke. Aber beides ist erfolglos. So lebt Kolumbus sieben
Jahre einsam, unbekannt und fast vergessen in Cordova und Sevilla, bis
er sich 1491 gewaltsam losreißt, um in anderen Ländern sein Glück zu
erjagen.
Aber bevor er sich die Krone des Erfolges aufs Haupt setzen kann, muß
er noch harte Prüfungen bestehen. Die Vasallen des Hungers gesellen
sich zu ihm und geleiten ihn durch die dornenvollen Lande der Bitternis
und der Enttäuschung; der Kummer wird sein treuester Freund. Es tun
sich Abgründe in ihm auf und schwere Verzweiflung kommt heran und
erwürgt alle seine Hoffnungen. Der Gottgesandte bricht zusammen, ehe er
seine ruhmvollen Reisen beginnt.
Als Bettler finden wir ihn wieder an der Pforte des Klosters St. Maria
de la Rabida, das unfern von dem andalusischen Seehafen Palos sich
auf einem Hügel erstreckt. Dort erfleht er für sich und seinen Knaben
eine Stärkung. Der fremde Dialekt des Bittenden und die eigentümliche
Erscheinung erregen die Neugier des Pförtners. Der ruft den Prior
Juan Perez de Marchena, dem Kolumbus in seiner Drangsal und Not seine
Entwürfe und Hoffnungen vertraulich mitteilt. Der Prior aber erkennt,
daß er hier keinen gewöhnlichen Bettler vor sich hat; er erkennt
den Wert des Kopfes, der diese verwegenen Entdeckerpläne hegt, und
beschließt auch sofort, Kolumbus nicht aus dem Lande ziehen zu lassen,
ohne die Königin Isabella von seiner Absicht vorher in Kenntnis zu
setzen. Aber trotz der warmen Empfehlungsschreiben des Priors gelingt
es dem Fremdling nicht, vor die Königin vorgelassen zu werden.
Kolumbus, der sich selber in ärmlichem Gewand nach dem königlichen
Kriegslager begibt, wird mit verwundertem Erstaunen von dem königlichen
Beichtvater betrachtet, der es auch verhindert, daß Kolumbus vor der
Königin erscheint. Wieder ist er zurückgewiesen. Dennoch glaubt er
unerschütterlich an sich und seine Sache und ernährt sich inzwischen
kümmerlich durch Kartenzeichnen.
Aber der Schmerz veredelt ihn nicht, sondern macht ihn habgierig und
rachsüchtig. Er wird sich an all denen rächen, die ihm wehgetan haben.
Wenn er das Franziskanerkloster La Rabida verlassen wird, wo man den
Umherirrenden vom Hungertode errettet hat, wird er fordern, daß man
ihm jede bittere Stunde durch zehnfache Ehrungen und zehnfaches Gold
aufwiege.
Inzwischen gewann er durch seine imponierende Ausdauer und sein
würdevolles Betragen einen neuen Freund in Alonzo de Quintanilla, dem
kastilianischen Finanzkontrolleur, der ihn bei mehreren Personen vom
Hofe einführte und sich warm für ihn ins Zeug legte, so daß ihm endlich
eine Audienz erwirkt wurde. Endlich konnte Kolumbus seine Gedanken
mitteilen und er war als ein glänzender Sprecher berühmt. Der König
Ferdinand maß den kolumbischen Plänen eine so hohe Bedeutung bei, daß
er sie einer Versammlung der gelehrten Geistlichen zur Entscheidung
vorlegte. Die stellten, da ihr Wissen von der Erde nicht weit her
war, der Ausführung der Ideen die größten Hindernisse in den Weg.
Die einen meinten, es gebe überhaupt keine neuen Erdteile mehr zu
entdecken; die ganze unbekannte Welt sei vom Ozean ausgefüllt; die
anderen sagten, wenn die Erde Kugelgestalt habe, so könne man zwar
die Erdkugel herunterfahren; es sei aber doch dann unmöglich, wieder
~hinaufzukommen~; die dritten glaubten, wenn es etwas zu entdecken
gäbe, so müsse in den neuen Ländern so eine furchtbare Hitze sein, daß
sie sofort alles Lebendige töten würde. Kurz, obwohl nur Dummheiten
vorgebracht wurden, und obwohl Kolumbus sie den seeunkundigen
Geistlichen geschickt widerlegte, wurden seine Pläne doch wieder, wenn
auch nicht verworfen, so doch aufgeschoben und vernachlässigt. Die
Hoffnung, die Kolumbus blieb, war gering; aber so gering sie war, sie
vermochte ihn doch wieder aufrecht zu erhalten. Er blieb also dem Hofe
nahe und ließ sich die Verachtung und den Spott der Höflinge, die ihn
als einen lächerlichen Projektenmacher betrachteten, still gefallen.
Nur wenige Freunde schürten dann und wann den Glauben an eine spätere
Aussicht in ihm wach und bestärkten ihn in seinem Selbstvertrauen.
Und die Monate gingen hin. Inzwischen empfing er wieder ein Schreiben
vom portugiesischen König Johann, der ihn einlud, nach Lissabon
zurückzukehren; aber Kolumbus schlug das Anerbieten aus. Auch der
König von England, Heinrich VII., fing an, sich ermunternd gegen
Kolumbus zu äußern, nachdem es dessen Bruder, der auf dem Wege nach
England von Seeräubern ausgeplündert worden war, nach langer Gefahr
und entmutigender Not gelungen war, sich dem Könige zu nähern. Aber
Kolumbus ließ sich auch von diesen Hoffnungen nicht blenden, um so
weniger, als nun auch Ferdinand und Isabella von Spanien sich wieder
des vernachlässigten »Projektenmachers« erinnerten. Aber da war die
noch immer währende Belagerung von Granada, die die Tatkraft der
Regenten vollkommen in Anspruch nahm, ein neues Hemmnis. Und als die
Spanier endlich die maurische Herrschaft gebrochen hatten, verdrängten
die lärmenden Siegesfeste und die Turniere wieder von neuem die
Erinnerung an den unverzagt hoffenden Genueser. Aber nun begann er in
seinen Bitten dringlicher zu werden und drängender. Er forderte ein
energisches und unzweideutiges Ja oder Nein. Wieder traten die früheren
geistlichen Räte zusammen, wieder beratschlagten sie und wieder
bekundeten sie: der Antrag des Bittstellers sei in seinen Grundsätzen
gehaltlos, in seiner Ausführung untunlich und deshalb der Förderung und
Beachtung der königlichen Herrscher unwürdig.
Jetzt erst schien es, als hätte das Schicksal Kolumbus, nach all dem
vergeblichen Warten und Hoffen, den Becher der Verzweiflung zum Trunke
gereicht. Jetzt erst sah er sich von seinem Ziele weiter entfernt denn
je; er fühlte sich grenzenlos unglücklich und erschüttert. Jetzt erst
wollte er Spanien verlassen und wollte nach England oder Frankreich.
Er kehrte nach dem Kloster La Rabida zurück, wo er seinen Sohn in der
Obhut des Priesters zurückgelassen hatte, um ihn nun zu sich zu nehmen.
Aber der Prior, tief bekümmert über das Mißgeschick des Freundes, gab
die Sache des Kolumbus trotzdem noch nicht verloren. Er hielt Kolumbus
zunächst im Kloster zurück und schickte einen Piloten mit einem warmen
Empfehlungsbrief zur Königin. Und die Entscheidung lautete günstig.
Der Prior wurde zur Königin befohlen und hier führte er die Sache des
Kolumbus so beredsam, daß sie beschloß, wieder von neuem zu verhandeln.
Vorläufig schickte sie ihm dreiundfünfzig Dukaten, damit er anständig
vor ihr erscheinen könne.
Um diese Zeit sah sich auch Spanien auf dem Gipfel seiner Größe. In
König Ferdinand wurden Hochsinn und Ehrgeiz wach, und er hoffte durch
Kolumbus zu unberechenbarem, neuem Glanze zu kommen. Man verhandelte
nun ernstlicher mit ihm und stellte ihm für seine Fahrt drei gut
ausgerüstete Schiffe in Aussicht. Nach seinen Ansprüchen befragt,
gab er dieselben maßlosen Forderungen an, wie ehedem dem Könige von
Portugal. Er will die höchsten spanischen Würden und die Macht des
Vizekönigs in den neu zu entdeckenden Ländern. Er ist außerdem ein
tüchtiger Geschäftsmann. Von allen Perlen und Edelsteinen, von Gold
und Spezereien, von allem, was Handelswert hat, will er zehn Prozent.
Er will das Amt des höchsten Richters üben und alle Handelsprozesse
führen, die zwischen Spanien und dem Lande seiner Phantasie entstehen
werden. Anfangs findet man diese Forderungen unangemessen, übermütig,
ausschweifend; endlich aber, nach Befürwortung und Anfeuerung durch den
Schatzmeister, bewilligt man ihm -- zu seinem Unglück -- alles. Welch
eine Meinung hat er nun von sich! »Gott machte mich zum Gesandten eines
neuen Himmels und einer neuen Erde.«
Und jetzt gehen die Dämonen in ihm auf Raub aus. Eine unersättliche
Geldgier und eine kleinliche Habsucht erfüllen ihn; er wird
doppelzüngig und grausam; er wird anmaßend und prahlerisch.
Man hatte ihn nun zum Admiral ernannt und sofort in den Adelstand
erhoben. Die Ausrüstung der Schiffe wurde eilig betrieben; der nahe
Hafen von Palos war als Ausfahrtspunkt gedacht. Die Schiffsmannschaft
sollte in königlichen Sold genommen werden, aber genügend wackere
Matrosen und Steuerleute zu beschaffen war nicht so leicht. Die
kühnsten Seeleute schreckten bei dem Gedanken zurück, eine Fahrt ins
Ungewisse, Grenzenlose, Ziellose zu tun. In den Märchen war ja erzählt
worden, daß manche Kaufleute fünfzig Jahre und länger auf dem Meere
geradeaus fuhren, ohne je eine Insel erreicht zu haben. Eine solche
Fahrt ~mußte~ sie ins Verderben führen, und daher war die Angst
davor so groß, daß selbst scharfe Strafbefehle nicht die Wirkung
hatten, genügende Seeleute anwerben zu können. Niemand wollte sein
Leben dem fremden italienischen Pläneschmied anvertrauen, der mit weiß
Gott was für Teufelskünsten den König beredet hatte.
Erst als ein gewisser Pinzon und sein Bruder, deren Erfahrungen auf dem
Meere man sehr hochschätzte, versprochen hatten, die ungeheuerliche
Fahrt mitzumachen, wirkte deren Beispiel so ermutigend, daß die Schiffe
schließlich doch segelfertig gemacht werden konnten.
Die gesamte Ausrüstung der drei Schiffe zählte mit Inbegriff der
Steuerleute, der königlichen Beamten, Ärzte, einiger Freiwilliger vom
Kriegshandwerk und neunzig Matrosen, alles in allem hundertzwanzig
Köpfe. Mehr waren an der ganzen andalusischen Küste für dieses
Unternehmen, trotz guter Beispiele, gutem Sold und großer Überredung,
nicht zu gewinnen. Und selbst unter diesen hundertzwanzig Leuten kamen
weitaus die meisten nur sehr widerwillig mit und nur, weil man Gewalt
angewendet hatte.
Die Hafenstadt Palos mußte die Schiffe stellen und ausrüsten, Sevilla
hatte den Auftrag, Waffen und Proviant zu liefern. Das Flaggschiff,
die Santa Maria, wollte Kolumbus selbst führen; das zweite Schiff,
die Pinta, stand unter dem Befehl der beiden Brüder Pinzon; das
dritte Schiffchen, die Nina, wurde von einem anderen Pinzon
kommandiert. Die Santa Maria maß etwa zweihundertundachtzig, die Pinta
hundertundvierzig, die Nina höchstens hundert Tonnen.
Endlich, nachdem Kolumbus und die gesamte Mannschaft in der Kirche
den Segen Gottes erfleht hatten, und jeder die heiligen Sakramente
empfangen hatte, wurden am Freitag, dem 3. August 1492, morgens acht
Uhr, die Anker gelichtet und unter Herzklopfen der Scheidenden und der
Zurückbleibenden verließen die Schiffe die vaterländische Küste, um
einer ungewissen Zukunft entgegenzusegeln.
* * * * *
Kolumbus schlug den Weg nach den Kanarischen Inseln ein. Aber schon
während dieser Fahrt mußte sich ihm die Besorgnis aufdrängen, daß seine
Schiffsmannschaft in einer Anwandlung von Furcht und Reue widersätzlich
werden und auf Umkehr dringen könnte. Diese Befürchtung war nicht
grundlos. Schon am dritten Tage zerbrach das Steuerruder der Pinta,
und man schöpfte Verdacht, daß die beiden Seeleute, denen das Schiff
gehörte, den Schaden absichtlich herbeigeführt hätten, um das Fahrzeug
~vor~ der gefährlichen Reise in Sicherheit zu bringen. Der
Schaden war nur schwer wieder gut zu machen, aber der Kapitän Alonso
Pinzon verlor den Mut nicht; es gelang ihm, das Schiff nach der Insel
Lanzerote zu bringen, wo die notdürftige Ausbesserung mehrere Wochen
in Anspruch nahm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes wurde ein
Vulkanausbruch auf Teneriffa beobachtet, der allgemeine Verwunderung
erregte. Das Schiffsvolk begann zu murren und über die unbequemen
Arbeiten zu klagen; sie waren der Reise schon überdrüssig, ehe sie noch
recht begonnen hatte.
Erst am 6. September konnte das kleine Geschwader die Reise fortsetzen;
es segelte an Ferro, der Eiseninsel, vorbei, den drei portugiesischen
Karavellen geschickt ausweichend, die die Schiffe des Kolumbus
aufhalten sollten, um die Expedition zu vereiteln. Ferro war die letzte
Insel der bekannten Welt, und Kolumbus fühlte sich, im Gegensatz zu
seinen zaghaften, in Tränen aufgelösten Gefährten, erst jetzt wohl. Die
Entmutigten feuerte er durch verlockende Reden von den zu erwartenden
Reichtümern an, an die er selber glaubte; den Unterbefehlshabern gab
er bestimmte Weisungen über die Richtung, die einzuhalten war. Von
jetzt ab führte der Admiral, wie er selber angibt, ~zweierlei~
Tagebücher; eins für sich, in das er die ~wirkliche~ Meilenzahl
verzeichnete, die durchsegelt worden war, und ein anderes ~offen~
liegendes, sogenanntes Schiffsjournal, worin er die zurückgelegten
Strecken kürzer angab, damit die Mannschaft durch die weite Entfernung
von der Heimat nicht den Mut verlieren sollte.
So segelten sie mehrere Tage dahin; es wurde aber schlecht gesteuert,
so daß sie ein wenig von der Richtung abwichen. Am 13. September
entdeckte Kolumbus die westliche Abweichung der Magnetnadel, die
sogenannte »Deklination der Magnetnadel«, die ihn sehr beunruhigte.
Was mußte nun aus ihnen werden, wenn der einzige sichere Führer in
der weiten Wasserwüste sich so unzuverlässig zeigte? Es gehörte
des Admirals ganze Besonnenheit und Geistesgegenwart dazu, die
beunruhigende Erscheinung seinen Matrosen als eine unwichtige Sache
hinzustellen. Am 14. September sahen die Leute von der Nina eine
Seeschwalbe und einen Tropikvogel; am 15. fiel in geringer Entfernung
von den Schiffen eine prachtvolle Feuerkugel ins Meer. Alle diese Dinge
verwirrten und betrübten das Schiffsvolk, das hierin Himmelszeichen
sah, daß die Reise schlecht ablaufen würde. Am 16. trübte sich der
Himmel, und es fiel ein starker Regen. Von nun an war das Klima völlig
umgeschlagen; die Morgen waren lieblich wie in Andalusien; es fehlte
nur noch das Singen der Nachtigall. Der Himmel war von silberumsäumten
Wolken bezogen, die Luft war mild und klar. Am selben Tage sah man auch
das Meer mit zahllosen Büscheln von treibendem Seetang bedeckt, der so
frisch und grün aussah, daß man meinte, das Kraut könne erst vor kurzem
vom Lande losgerissen sein; es müssen also -- glaubte man -- Inseln in
der Nähe sein.
Beim Anblick dieses treibenden Tanges, des Sargassun, begann das
Schiffspersonal wieder aufzubegehren; es murrte über den langen Weg,
der kein Ende nehmen wollte. Die Tage wurden länger, die Meeresflächen
erschienen wieder größer, die Ungeduld wuchs und schwoll und entlud
sich in offener Empörung gegen Kolumbus. Aber als man auch glücklich
über die schwimmenden Grasstrecken hinweggesegelt war, legte sich die
Besorgnis ein wenig.
Doch tags darauf zeigten sich neue Grasinseln; man fing eine Krabbe
zwischen den Büscheln, die Kolumbus mit dem Bemerken aufbewahrte, daß
nun das Land wohl in der Nähe sein müsse. Das Seewasser war auch nicht
mehr so salzig, wie bei den Kanarien.
Am 18. September eilte die Pinta etwas voraus, weil der Admiral
gesagt hatte, er hoffe noch in dieser Nacht Land zu sehen, und
weil die Königin demjenigen eine Prämie von zehntausend Maravedis
(zweihundertundsiebenundfünfzig Mark) ausgesetzt hatte, der zuerst
Land erblicken würde. Diese Zuversicht wurde noch dadurch verstärkt,
daß sich im Norden eine dichte Wolkenbank lagerte, die man anfangs für
Land hielt. Am 19. September herrschte Windstille. Ein Pelikan, der nie
weitab vom Lande fliegt, kam auf das Hauptschiff; ein Sprühregen fiel
ohne Wind; das alles schienen Anzeichen, daß Land nahe sei. Kolumbus
glaubte an links und rechts liegenden Inseln vorbeigefahren zu sein,
und zwar mit Absicht, weil er seinem Vorsatz getreu bleiben und zuerst
den Weg nach Indien fortsetzen wollte. Auf dem Rückwege hatte er ja
Zeit genug, alles aufzusuchen.
Am nächsten Tage wurden wieder Pelikane gesehen, ein Pajaro, ein
möwenähnlicher Flußvogel, wurde gefangen; morgens kamen auch kleine
Vögel heran und sangen. Die Vögel flößten den Schiffern Mut ein.
Den folgenden Tag herrschte Windstille; ungeheure Grasmassen segelten
vorbei; ein Walfisch wurde gesichtet. Das Meer war glatt, die Luft
wundervoll.
Am 23. September erhob sich ein widriger Wind und Sturmvögel umkreisten
die drei Schiffe. »Dringend bedurfte ich den heutigen Gegenwind,«
schreibt Kolumbus in sein geheimes Tagebuch, »denn mein Schiffsvolk war
höchst beunruhigt und besorgt, daß auf jenen Meeren keine Winde zur
Rückkehr nach Spanien wehten.«
[Illustration: Die Schiffe des Kolumbus, mit denen er im Jahre 1492
seine erste Reise unternahm.]
Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute immer wieder von neuem
von ihrer Angst und Einbildung gepeinigt wurden. Sie waren ja nur
gewohnt, Küstenschiffahrt zu treiben, wobei man nie das Land aus den
Augen verlor. Und nun segelten sie schon ununterbrochen seit mehr als
vierzehn Tagen durch den scheinbar endlosen westlichen Ozean, ohne daß
man einer Felsklippe begegnet wäre. Nichts als Meer und Himmel, Wolken
und Wellen, Luft und Wasser.
Die Schiffe hielten bald nach Nordwest, bald wieder nach West. Das
Meer ging ungeheuer hoch, so daß diejenigen, die erst ob des Mangels
an Wind murrten, nun wieder glaubten, man werde bei dem Sturm elend
umkommen.
An diesem Tage kam auch eine Turteltaube auf das Admiralsschiff, sowie
Pelikane, Rohrsperlinge und andere weiße Vögel, und in dem Meergras
fand man wieder mehrere Krabben.
Von nun an besuchten das Schiff fortwährend Pelikane und man tötete
große Fische mit der Harpune. Anstatt aber von all diesen Anzeichen,
die nahes Land hoffen ließen, freudig bewegt zu sein, wurde die
Mannschaft des Kolumbus um so ungeduldiger und ungehaltener. Noch immer
erklärten die meisten Matrosen die Fahrt für eine große Torheit, die
dem Selbstmord gleichkäme. Die Unzufriedensten traten heimlich zusammen
und murrten untereinander, bis sich endlich eine fast allgemeine
Stimme des Vorwurfs erhob, daß der tollkühne Ehrgeiz eines Einzelnen
das Leben so Vieler nur schon zu lange gefährde und ferner nicht zu
dulden sei. Die Verwegensten deuteten an, daß man sich, falls der
Admiral nicht in sofortige Rückkehr willige, des wahnwitzigen Urhebers
so vieler Drangsal leicht entledigen und ihn über Bord werfen würde.
Kolumbus entging diese meuterische Stimmung nicht; allein, er verzagte
nicht und setzte seine ganze Hoffnung darauf, daß er endlich siegen
werde. Zum Glück rief ihm noch der Führer der Pinta am folgenden Tage
freudig erregt zu, er habe Land gesehen, und diesmal sei eine Täuschung
ausgeschlossen. Kolumbus kniete nieder, um Gott zu danken, während die
ganze Mannschaft aller drei Schiffe ein frommes Kirchenlied anstimmte.
Man erkletterte die Masten und das Takelwerk und alle stimmten darin
überein, Land gesehen zu haben. Alle Mann blieben bis zur Nacht auf
Deck. Das Meer war so still, daß viele Matrosen hineinsprangen, um zu
baden.
Aber als Kolumbus am 26. September gesehen hatte, daß Pinzon abermals
einer Täuschung erlegen war und eine Wolkenbank für das ersehnte Land
gehalten hatte -- eine Täuschung, die um so gefährlicher war, weil sie
alle freudig gestimmt hatte -- bemächtigte sich der Mannschaft eine
tiefe Niedergeschlagenheit.
Kolumbus segelte vertrauensvoll nach Westen weiter. Am 30. September
begegnete man so großen Vogelschwärmen, daß sich alle darüber
verwunderten, weil so große Schwärme sonst nur am Lande angetroffen
wurden.
Von der Insel Ferro gerechnet war man nun bis 1. Oktober etwa
sechshundert Meilen gesegelt.
Auch in den folgenden Tagen war das Meer glatt und ruhig, und obwohl
die Anzeichen von Landesnähe sich immer mehrten, hatte die Mannschaft
allen Glauben an eine glückliche Beendigung der Fahrt verloren. In
wildem Trotz begehrten sie augenblickliche Umkehr. Wieder wollte
Kolumbus die erregten Gemüter beschwichtigen; aber als sie sogar sein
Leben zu bedrohen begannen, erklärte er energisch, daß ihn keine Gewalt
der Erde bewegen könne, sich den Befehlen des Königs zu widersetzen
und daß er, sobald das Land erreicht wäre, das unfern sei, von seinem
Rechte als Vizekönig Gebrauch machen und die Aufwiegler nach Verdienst
bestrafen werde.
Aber dieser stolze Mut hätte Kolumbus trotzdem nicht viel genützt,
wenn tags darauf nicht wirklich Dinge aufgefischt worden wären, die
zweifellos darauf schließen ließen, daß die Versprechungen des Kolumbus
nun in Erfüllung gehen würden. Völlig frische Süßwassergewächse,
bekanntes Sumpfrohr, grüne Zweige mit daranhängenden Beeren, ein
künstlich geschnitzter Stab und andere Dinge schwammen vorüber. »Es war
um zehn Uhr nachts,« heißt es im Tagebuch, »als ich vom Hinterkastell
aus ein Licht erblickte. Es blinkte aber so unsicher, daß ich mir nicht
getraute, auf Land zu schließen. Ich rief jedoch den Bettmeister des
Königs herbei und sagte ihm, ich hätte Licht gesehen, ob er's nicht
auch entdecke? Er schaute hinaus und erkannte es.«
Kolumbus ermahnte nun die Mannschaft, nach dem üblichen Abendgesang,
wachsam nach Land auszuspähen, und er versprach auf eigene Kosten dem
ersten Landausrufer noch ein seidenes Wams zu dem Gnadengeschenk der
zehntausend Maravedis. Auf der Pinta war die überraschte Neugier und
Freude noch größer. Das Schiff segelte rasch voraus und als es zwei
Uhr nachts war -- Freitag der 12. Oktober war angebrochen -- entdeckte
Juan Rodriguez Bermejo das heiß ersehnte Land. Er stürzte auf das erste
beste Geschütz zu, um das verabredete Signal zu geben, und indem er
feuerte, rief er seine Freude in die helle Nacht hinaus. Die Schiffe
zogen ihre Segel ein und trieben langsam dem Lande zu.
* * * * *
Als es Morgen geworden war, betrat Kolumbus die neue Erde, eine
niedrige Insel mit üppiger Vegetation, deren Ufer von nackten
kupferfarbigen Menschen bedeckt waren, die den Spaniern mit Staunen
entgegenblickten.
»Ihr Wuchs ist tadellos und voller Reize,« beschreibt Kolumbus seinen
ersten Eindruck; »Freundlichkeit spricht aus ihrem Antlitz. Sie bemalen
sich bald weiß, bald schwarz, bald bunt, die einen den Körper, die
anderen das Gesicht, etliche nur die Nasen oder Stellen um die Augen.
Sie führen keine Waffen und kennen sie so wenig, daß sie meinen Degen
bei der Klinge faßten und sich schnitten. Ihre Stäbe haben an der
Spitze einen Fischzahn statt eines Eisens.«
Als der erste am Strande sinkt der Admiral auf die Knie; seine
Begleiter folgen ihm. Dann nimmt er unter Entfaltung der Kreuzesfahne
und mit allen feierlichen Gebräuchen im Namen seiner königlichen
Gebieter Besitz von der Insel, der er den Namen ~St. Salvador~
beilegt; die Eingeborenen nennen sie Guanahani. Kolumbus läßt sich
alsdann von seinen Begleitern als bestallter Großadmiral und Vizekönig
den Treueid leisten. Begeistert und von widersprechenden Gefühlen
bezwungen, drängt sich die Schar um ihren Führer, der nun in ihren
Augen als ein höheres Wesen erscheint. Die Eingeborenen fassen bald
Vertrauen genug, sich diesen weißen bärtigen Männern zu nähern, die,
in beflügelten Häusern schwimmend, vom Himmel herabgestiegen zu sein
scheinen, und es beginnt bald ein freundschaftlicher Verkehr, der
durch allerhand kleine Geschenke recht lebhaft wird. Kolumbus wird
jetzt der Mann großer Gesten und kleiner Schliche. Er zankt sich zum
Beispiel mit dem glücklichen Matrosen Rodriguez herum, der zuerst Land
erblickt hat, ~er selber~ hätte zuerst Land gesehen; er gibt dem
Matrosen infolgedessen das Versprochene nicht, läßt es sich vielmehr
selber auszahlen. An Land gestiegen, singt er mit seinen Matrosen vor
Freude und innerer Bewegung ein Tedeum, und, religiöse Worte auf den
Lippen, ist sein Herz schon mit den goldenen Nasenringen beschäftigt,
die er den Ureinwohnern abnimmt, um ihnen Glasperlen dafür zu bieten.
Hier ist Kolumbus mehr Wucherer als Gottesbote. Denn für diesen hält
er sich. »Die heilige Trinität bewog Eure Majestät zu dem Unternehmen
nach Indien,« schreibt er an den spanischen Herrscher, »und durch ihre
unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb
kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Eurer Majestät wie zu den
mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und
so viel für seine Verbreitung taten. Trotz allen Ungemachs, das mir
widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen würde, und
beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das
Wort Gottes. Und in der Tat, Gott spricht so klar von diesen Gegenden
durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der Heiligen Schrift,
wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle
verbreitet werden.«
Nein, unser Gottgesandter, den man mit dem Apostel Thomas verglichen
hat, ist nach seiner Landung nicht großzügig. Diese Insulaner sind dumm
und harmlos, folglich sind sie eine gute Handelsware. »Diese gutartigen
Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben,« schreibt er in sein
Tagebuch. Er wird denn auch wirklich der Protektor des Sklavenhandels.
Kolumbus begreift bald, daß es auf Salvador nicht Gold genug geben
werde, nach welchem sowohl er wie seine Begleiter so gierig sind.
Denn das Gold sollte ja der Lohn sein für die großen Gefahren, in
die sie sich begeben hatten. Die Eingeborenen zeigten nach Süden und
nach zweitägigem Aufenthalt auf dieser zuerst betretenen Insel eilt
Kolumbus weiter, nimmt aber etliche Eingeborene mit an Bord, die
ihm von Insel zu Insel den Weg zeigen sollen. Die zweite Insel, die
Kolumbus betritt, tauft er ~Santa Maria de la Conception~. Aber
da das Volk hier ebenso arm ist wie auf Salvador, eilt er zur dritten
Insel, der er den Namen ~Fernandina~ gibt, und die seine Begierde
nach Gold ebenfalls enttäuscht, und dann zur vierten Insel, die er
~Isabella~ tauft (jetzt Crooked Island genannt), um am 24. Oktober
nach Kuba zu steuern, das Kolumbus für Zipangu (Japan) hielt, das lang
ersehnte Märchenland, wo es so viel Gold geben sollte, wie bei uns
Steine.
Es war die Zeit, in der der Herbstregen seinem Ende naht. Die
tropische Natur prangte in voller Üppigkeit. Kolumbus wird nicht
satt, die Nachtigallenschläge zu belauschen, die laue indische Luft
dem andalusischen Frühling zu vergleichen und die üppige Wildnis am
krautbedeckten, feuchten Ufer, den Reichtum an Pflanzengestalten in den
durch Papageienschwärme belebten tropischen Wäldern zu bewundern. Jede
neue Insel steigt ihm lieblicher aus dem Wasser; sie ist ihm schöner
als die früheren; die schönste, die er bisher gesehen. Die Berge
auf Kuba erinnern ihn an die duftigen Bauwerke arabischer Moscheen.
Empfänglich für jeden Liebreiz der Natur und alle holden Wunder der
Schöpfung, blickt er auf die tropische Herrlichkeit fast wie ein
zärtlicher Vater. Berauscht von seinem Erfolge, glaubt er, die Wälder
stünden voller Mastixbäume; er sieht Perlenbänke in der See und Gold
im Metallglanze der sandigen Flußbetten, und er vermeint schon alle
unfaßlichen Träume von einem glückseligen Indien zu erblicken. Seine
Schilderung von der Entdeckung Kubas ist ein Gemisch von begeisterten
Worten über die Pracht des Landes und über seine Hoffnungen, Gold zu
finden. Natur? Ja, sie ist schön. Sehr schön sogar, aber er will Gold.
Es ist schön von den Palmen, daß sie Kokosnüsse tragen; sie bringen
ihm Geld und der Botanik eine neue Erkenntnis. Die Sitte des Rauchens
herrscht bei diesem fremden Volke; nach Europa verpflanzt, wird diese
unbekannte Sitte Geld einbringen. Auf der Globuskarte Behaims liest
Kolumbus: »Hie findt man vil merwunder von serenen.« Praktisch, wie
er ist, sucht er nicht lange nach den Sirenen, sondern begnügt sich
mit gewöhnlichen Fischen. Welch erstaunliche Kraft und imposante Größe
gibt ihm seine Geldsucht! Er erträgt übermenschliche Anstrengungen; er
schläft zweiunddreißig Nächte hintereinander nicht; Gewitter und Stürme
finden ihn immer auf seinem Posten; die Malaria schüttelt ihn vergebens
wochenlang. »Geld machen,« ist das Losungswort, das ihn aufrechthält.
Ist dieser Italiener nicht in der Tat der erste moderne Amerikaner?
Kolumbus begann jetzt, am 12. November, gegen Südosten zu segeln, in
der Hoffnung, Gold und Gewürze zu finden. Aber während widrige Winde
ihn nötigten, auf See zu gehen, trennte sich Alonzo Pinzon mit der
Pinta heimlicherweise von dem Admiralsschiff, um durch Gold und Ehrgeiz
angestachelt, auf eigene Faust die schätzebeladenen Küsten aufzusuchen.
Bald fiel Kolumbus die Insel Haiti in die Augen, von deren Naturpracht
er so entzückt war, daß er sie Klein-Spanien (Hispaniola) taufte.